Die Egoistin

Über den Heckenzaun, der das graue Erziehungshaus oben auf der Felsküste

umgab, streckte sich ein Kinderarm mit einem Päckchen, um das ein schmales

rosenrotes Seidenband gewickelt war. --

-- Nimm das zuerst, sagte eine Kleinmädchenstimme. Gib acht: es ist

zerbrechlich. Nachher hilfst du mir.

Ein feiner Regen fiel gleichmäßig auf die ausgehöhlten Felsen, die tiefe

Bucht, und durchsiebte die zurückfließenden Wellen am Klippenrand. Der

Fischerjunge, der an der Einzäunung aufpaßte, kam näher und sagte ganz

leise:

-- Komm doch du zuvor, beeil dich.

Das Mädchen rief:

-- Nein, nein, nein! Ich kann nicht. Nimm das Papier. Ich will die Sachen,

die mir gehören, mitnehmen. Egoist! Egoist! Mach! Ganz naß läßt du mich

werden.

Der Junge verzog den Mund und griff nach dem Päckchen. Das feucht gewordene

Papier zerriß, und in den Schmutz rollten gelbe und violette mit Blumen

bedruckte Seidenstückchen, Samtbändchen, eine kleine Puppenhose aus Batist,

ein hohles goldenes Kreuz mit einem Schloß und eine ganz neue Spule roter

Faden. Die Kleine kam über den Zaun; sie zerstach sich ihre Hände an den

harten Astspitzen, und ihre Lippen bebten.

-- Da hast du's, sagte sie. Du bist so eigensinnig. Alle meine Sachen sind

verdorben.

Die Nase ging in die Höh, die Augenbrauen zogen sich zusammen, der Mund

wurde breit -- und das Mädchen fing zu weinen an:

-- Laß mich, laß mich. Ich will dich nicht mehr sehen. Mach, daß du

fortkommst. Du bringst mich zum Weinen. Ich will zurück zum Fräulein.

Dann suchte sie traurig ihre Sachen zusammen.

-- Meine hübsche Spule ist verloren, sagte sie. Und ich wollte Lilis Kleid

sticken!

Aus der weit offnen Tasche ihres kurzen Rockes guckte ein kleiner

regelmäßiger Porzellankopf mit einem außerordentlichen Schopf blonder

Haare.

-- Komm, sagte leise der Junge. Sicher sucht dich das Fräulein schon.

Sie ließ sich fortziehen, während sie sich die Augen mit dem

tintenfleckigen Handrücken wischte.

-- Und warum heut morgen auf einmal? fragte der Junge. Gestern wolltest du

nicht mehr.

-- Sie hat mich mit ihrem Besenstiel geschlagen, erzählte das kleine

Mädchen und drückte die Lippen aufeinander. Geschlagen und mich im

Kohlenschrank eingesperrt, mit allen Spinnen und Tieren. Wenn ich

zurückkomme, dann steck ich den Besen in ihr Bett und zünde das Haus an mit

den Kohlen und töte sie mit der Schere; ja, das tu ich. (Sie machte ein

spitzes Mündchen.) Oh! nimm mich mit fort, daß ich sie nie mehr wiedersehe.

Ich fürcht mich vor ihrer dünnen Nase und vor ihrer Brille. Aber ich habe

mich gut gerächt, bevor ich davonging. Weißt du, sie hat das Porträt ihres

Papa und ihrer Mama in Samt auf dem Kamin stehen. So ganz Alte, weißt du,

nicht wie meine Mama. Aber du kannst das nicht wissen. Ich hab sie ganz mit

Sauerampfersalz verschmiert. Sie sehen gräßlich aus. Es ist gut geworden.

-- Du könntest etwas sagen, übrigens.

Der Junge schaute auf das Meer. Es war düster und neblig. Ein Regenvorhang

bedeckte die ganze Bucht. Man sah weder die Klippen noch die Bojen.

Manchmal bekam das aus fadenförmigen Tröpfchen gewobene Laken ein Loch, und

man sah Bündel schwarzer Algen.

-- Wir können diese Nacht nicht weiter, sagte der Junge. Wir müssen in die

Zollhütte gehen, da gibt es Heu.

-- Ich will nicht, das ist schmutzig! rief das Mädchen.

-- Wie du willst. Du möchtest wohl gar dein Fräulein wiedersehn?

-- Egoist! Ich hab nicht gewußt, schluchzte die Kleine, daß du so bist.

Hätte ich's doch gewußt! mein Gott, ich kannte dich nicht!

-- Du hättest ja nicht fortzugehen brauchen. Wer hat mich gerufen, unlängst

morgens, wie ich auf der Landstraße vorbeikam?

-- Ich? O du Lügner! Ich wär nicht fort, wenn du mir's nicht gesagt

hättest. Ich hatte Furcht vor dir. Aber jetzt will ich gehen. Ich mag nicht

im Heu schlafen. Ich will mein Bett.

-- Du bist frei, sagte der Junge.

Sie zog die Schultern hoch und schritt weiter neben ihm. Nach einer Weile:

-- Wenn ich's doch tue, so ist's, weil ich naß bin, nur darum.

* * *

Die Hütte lag am Strand; das trockne Schilf, das vom Dach zum Boden hing,

rauschte leise. Sie schoben das Brett vom Eingang fort. Im Hintergrund war

eine Art Verschlag aus Kistendeckeln und mit Heu gefüllt.

Das Mädchen setzte sich. Der Junge wickelte ihre Füße und Beine in trocknes

Gras ein.

-- Das sticht, sagte sie.

-- Das macht warm, sagte der Junge.

Er setzte sich an die Türe hin und schaute hinaus. Die Feuchtigkeit machte

ihn leicht mit den Zähnen klappern.

-- Du frierst doch nicht gar! sagte das Mädchen. Dann wirst du krank und

was soll ich machen!

Der Junge schüttelte den Kopf. Und sie saßen schweigend. Trotz des

bedeckten Himmels spürte man die Dämmerung.

-- Ich hab Hunger, sagte das Mädchen. Heute abend gibt es Entenbraten mit

Kastanien beim Fräulein. O du hast an nichts gedacht, an gar nichts. Ich

habe Brotrinde aus der Suppe mitgenommen. Da!

Sie streckte ihm die Hand hin. Ihre Finger waren ganz beschmiert mit einer

kalten Brühe.

-- Ich will Krabben suchen, sagte der Junge. Es gibt sie da draußen bei den

schwarzen Felsen. Ich nehme den Zollkahn unten.

-- Ich werde mich allein fürchten.

-- Willst du nicht essen?

Sie gab keine Antwort.

Der Junge streifte die Halme von seinem Wollhemd und schlüpfte hinaus. Der

graue Regen hüllte ihn ein. Sie hörte das schmatzende Geräusch seiner

Schritte im Schlamm.

* * *

Dann kamen starke Böen und die große Stille im rhythmischen Takte schweren

Regens. Und stärker und trauriger kam die Nacht. Das Abendessen bei dem

Fräulein war vorüber. Die Zeit zum Schlafengehen war vorüber. Dort schlief

nun alles unter den Hängelampen in den weißen gesäumten Kissen. Ein paar

Möwen schrien den Sturm. Der Wind heulte, und die Wogen schossen in die

Klipphöhlen. Das Mädchen schlief in Erwartung ihres Abendessens ein, wachte

wieder auf. Der Junge spielt sicher mit den Krabben. Dieser Egoist! Sie

wußte ganz gut, daß die Boote immer auf dem Wasser schwimmen. Die Leute

ertrinken, wenn sie kein Boot haben.

-- Der wird schauen, wenn er mich schlafen sieht, sagte sie zu sich. Ich

werde mich so stellen und kein Wort antworten, wenn er was sagt. Ja, das

mach ich.

Gegen Mitternacht erwachte sie unter dem Schein einer Laterne. Ein Mann in

einer spitzen Kapuze entdeckte sie, zusammengekauert wie eine Maus. Ihr

Körper glitzerte von Wasser und Licht.

-- Wo ist die Barke? fragte er.

Und sie rief voll Ärger und Zorn:

-- Hab ich's doch gewußt! Er hat keine Krabben für mich gefunden und hat

das Boot verloren!

Das Buch von Monelle · 第 12 / 29 题