Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in
die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation
war gekommen und sprach für den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn
er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das
faul war, mit einem Fußtritt in den »Orkus« stieß. Man heulte auf, als er
mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige
Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete,
die schon nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang
wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von
dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des
Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das
Vollbringen mich umhüllen.
Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik
zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte Forderung war.
Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurück von dem
letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte Essenz verflüchten,
die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. Blut kochte. Exzesse wurden.
Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der
Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribüne zu
bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen und mit zurückgebeugten
Armen. Hatte Hämmern im Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und
zerrten: Fäuste zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh!
Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenförmiger
Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe hatten, den Druck von außen
auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie möglich.
Krümmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel
standzuhalten, der sich um das lebende Faß wand und preßte.
Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als
er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, daß er der
Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn
verdutzt an. Ließ die Unterkiefer hängen und erreizte sich Gedanken, wer er
sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten.
Da schrie einer: 'Raus mit dem Spion!
Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die
Glocke auf der Tribüne.
Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer sind denn
eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen
Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade diese des Elementaren
verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. Gewaltsam ans Licht zu
drängen!
Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und
suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum Kanal hinunter, wo ein
Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkörper durch den
treibenden, puffenden Widerstand.
Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen
klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel,
und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein
Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite
Pendelbewegungen. Schornsteine von drüben schnellten wie Gerten und
zerrissen die Wasserhaut in lange weißschäumende Wunden.
Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter Elemente,
in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, knirschte und schrie,
winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig sinnlos zu nennen. Aber
gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie
Himmel und Flut?
Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn
mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter
war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch
von Furcht noch gehalten.
Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt werden, um sie
als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. Und ohne ihre Macht zu
dämpfen, muß man sie hindern können, ihre eigene Maschine zu zerschmettern.
Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und
wie vermöchten sie es, wie vermögen sie's? Hören sie denn nicht den Schrei:
Es wartet einer draußen schon?
Sind sie denn krank?
Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des Todes
herausgenommen ist aus ihrer Welt oder -- ganz in sie hineingekommen? Aber
wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fühlen, da jener Schrei
doch an alle und als das Erste herangeht. Müßten die Menschen innerlich so
verschieden sein, wie sie heute ihr Äußeres einander verweist?
Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man mit ihnen
spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und
diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne das Schmerzen der
einsamen Wachheit.
Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. Der Sturm
blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast vor sich her und
spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er sah nach dem
Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen
hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfältige Willen der
Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln,
gegen dessen Bestialität man anzurennen versuchte?
Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe
Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch
die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser nahm sich aus wie ein
schwaches tickendes Knipsen.
In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem
älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten Entschuldigung
mit den Augen verfolgte.
Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel zurück und
wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon
gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hängebrauen.