Der Anarchist

(1912)

I

Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die

drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael dröhnten und

ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben.

Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor.

Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri

Semella.

Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der keiner

Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden Sonntag zweimal in

die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem hatte er rote Haare,

Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und ein unregelmäßiges Gebiß.

Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. Obwohl

etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn man z. B. seine

unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten Schädel betrachtete)

war sein Gesicht schmal und offen, und der Blick stand fast immer frei.

Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das mehr wie ein

gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul paßte. Daß er in der

Kneipe häufig zu finden war, mag auch erwähnt werden.

Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem Vorhandensein

der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte, nunmehr die Bekanntschaft

der Maschinen in der weißen Riesenhalle, die aus zwölf ungeheuren

Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing.

Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen Dimensionen.

Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes hielten sich in älteren

Konstruktionsmaßen und verursachten nur mäßige Geräusche. Aber es schien,

als äußerten diese Geräusche feinste Wissenschaft, welche die Menschen

kannte, in denen Tore sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein

gewordenes Spiegelbild des Daseins und Nächte zerstach.

Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren, die Bürsten

schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie eine Gewitterboe

erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen dünne Schichten einer

Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart und schmerzgefranzt, sich

ineinanderschoben und ein Gesicht formten, das nicht von dieser Welt war.

Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das jeweilige

Blut-Tempo des Halluzinierten.

Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren Maschinen

verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die Flügel erhob. Hart wie ein

Gebirge stand sein Schnauben im Raum und ballte die Luft zu Lawinen, die

vom Schwungrad durcheinandergewürfelt eisige Nacht säeten, wer wohl fände

Worte, die die Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie

gegeneinander sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen

sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die

antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar schwarz in

schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge, von denen unsere

Sprache gesprochen hat.

Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem schwärzlich

düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit seiner gigantischen

Schwere das Pendel Mensch in die nächste herzukommende Zeit hinein, die

eine völlige Wahrheit strahlen wird.

War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker Vildrac auf der

Plattform stand und den Gang dieser Maschinen lenkte? Mit den Füßen eines

gebrechlichen Glaubens sein Dasein in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte,

ohne zerzwirbelt zu werden wie ein lästiges Insekt?

Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, natürlich noch

nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber Jean Paquet wie auf eine

heimliche Verabredung hin die Opfer nannte (zwölf vom Hundert), da war kein

Zweifel mehr in ihm. Er segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem

hageren Antlitz schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um

Nase und Mundwinkel stand starrend steif.

Der schwarze Baal: Novellen · 第 25 / 30 题