II

Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil

Munta auf die Gewerkschaft hinaus.

Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee

hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie

Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie

dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont,

der wie eine riesige Blase schwamm.

Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da

er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war.

Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte.

Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und

dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker

. . .

Und nun ging er wieder Arbeit suchen.

Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte,

ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken

der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein

Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und

Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als

edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese

wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen.

Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs

erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum

Direktor forderte.

Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ

sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch.

Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst

langte er die Marke heraus.

Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den

alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.

Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die

Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen

hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des

Blutes vergessen.

Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn

gekräuselt.

»Sie suchen Arbeit?«

»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!«

»Arbeitsbuch! Papiere!«

Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem

Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll.

Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte

das Buch wieder zu, überlegen und kalt.

Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte

anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die

Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten

Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr

bedauerlich, aber nicht zu ändern.«

Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück

und drehte ihm den Rücken zu.

Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als

er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den

Werken herübergewitterte.

Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte

sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein

böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich

etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins

Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht.

Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne

schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er

bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf

Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen

Ginster hindurch führte.

Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.

Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die

Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.

Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im

Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt,

Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken

dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.

Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt

hatte, nun selber ein solcher Lump?

Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel

des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den

Tag und das Werk.

Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die

Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf

diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn

nicht anspein, auflauern, verprügeln.

Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus

der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust

hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf.

Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht

meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in

Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und

gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.

Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes

Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde,

führen.

Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein

arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er

sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und

Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit

ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend

gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der

seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch

von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich

sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.

Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan

glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?«

Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel

und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und

sah zu.

»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die

Maschine leerlaufen, springen?«

Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und

befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch

sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.

»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging.

Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine

gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt

zurücktaumelte.

Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge

leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe

wach zu kriegen.

Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging

wieder auf die Mühle.

Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn

zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum

und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht

geworden.

Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.

War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.

Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der

Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.

Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen

hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?

Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und

zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden

dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!

Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen

kam ihm diese Furcht.

Würde sie nie aufhören zu sein?

In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein

Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.

»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der

Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!«

Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem

ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.

Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch

ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein

blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.

Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich

aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der

glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der

Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein

Schwager Jarse gerächt.

Der schwarze Baal: Novellen · 第 24 / 30 题