Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil
Munta auf die Gewerkschaft hinaus.
Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee
hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie
Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie
dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont,
der wie eine riesige Blase schwamm.
Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da
er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war.
Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte.
Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und
dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker
. . .
Und nun ging er wieder Arbeit suchen.
Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte,
ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken
der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein
Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und
Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als
edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese
wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen.
Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs
erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum
Direktor forderte.
Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ
sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch.
Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst
langte er die Marke heraus.
Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den
alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.
Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die
Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen
hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des
Blutes vergessen.
Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn
gekräuselt.
»Sie suchen Arbeit?«
»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!«
»Arbeitsbuch! Papiere!«
Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem
Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll.
Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte
das Buch wieder zu, überlegen und kalt.
Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte
anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die
Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten
Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr
bedauerlich, aber nicht zu ändern.«
Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück
und drehte ihm den Rücken zu.
Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als
er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den
Werken herübergewitterte.
Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte
sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein
böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich
etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins
Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht.
Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne
schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er
bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf
Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen
Ginster hindurch führte.
Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.
Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die
Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.
Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im
Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt,
Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken
dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.
Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt
hatte, nun selber ein solcher Lump?
Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel
des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den
Tag und das Werk.
Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die
Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf
diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn
nicht anspein, auflauern, verprügeln.
Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus
der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust
hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf.
Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht
meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in
Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und
gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.
Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes
Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde,
führen.
Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein
arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er
sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und
Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit
ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend
gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der
seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch
von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich
sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.
Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan
glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?«
Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel
und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und
sah zu.
»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die
Maschine leerlaufen, springen?«
Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und
befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch
sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.
»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging.
Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine
gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt
zurücktaumelte.
Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge
leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe
wach zu kriegen.
Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging
wieder auf die Mühle.
Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn
zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum
und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht
geworden.
Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.
War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.
Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der
Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.
Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen
hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?
Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und
zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden
dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!
Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen
kam ihm diese Furcht.
Würde sie nie aufhören zu sein?
In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein
Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.
»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der
Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!«
Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem
ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.
Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch
ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein
blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.
Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich
aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der
glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der
Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein
Schwager Jarse gerächt.