Nervil Munta

(1912)

I

Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte

Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die

Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte,

empor zu drücken.

»Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse

wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die

Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an.

Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei

oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht

dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den

Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.«

Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße.

Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer

stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten.

Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch

die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche

dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb

Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den

tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder

hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch

ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen

überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.

Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der

Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die

Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das

Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte

Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever.

Trank noch einen und kam bis zum fünften.

Da rief der Wärter den Zug aus.

Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die

Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.

In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi

warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich

in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen.

Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, --

vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende

war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, -- sprach ihn an.

Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.

Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber

hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der

Speichelschaum zischte und spritzte.

Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch.

Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen

Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen,

die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde

ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten,

seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.

Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen

gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das

böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und

verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden

Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch

die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel

jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch

die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah,

wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft.

Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie

fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum

Spiel, das Schlaf herbeilockte.

Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt

schrillte.

Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den

Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.

Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte

Morgen an die Scheiben.

Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen

erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die

hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu

sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der

bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein

freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der

Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.

Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch

das Portal.

Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie

einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den

Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.

Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben,

grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten

Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft

schwer und feucht.

Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und

schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine

über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke

einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.

Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines

Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend

auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.

Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: »Wie bist

du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser

geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben

Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen.

Und du, du mein Sohn . . .?«

Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem

Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in

seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die

Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.

Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst

nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf

der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge

leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau

mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im

Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle

vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen,

erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er

kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.

Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn

schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete

Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in

seinem Besitz bleiben.

Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu

sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte

gewichtig: »Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause

schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.«

Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta

keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter

gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem

Erhobensein.

Der schwarze Baal: Novellen · 第 23 / 30 题