Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf tief in das
Gestein.
»Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!«
Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an Körper. Und Jeans
Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.
Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und
mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht
aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintönte. Jean schmiß das
Eisen trostlos hin. Seufzte: »Alles ist wieder still. Horch . . . ganz
still . . .«
Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum.
Dachte einen Augenblick: »Hab' ich wirklich Schüsse gehört? Wie? Hab' ich
Schüsse gehört?«
Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst klapperte über
seinen Rücken.
»Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .« spie er fröstelnd, und sprang wieder an
die Wand.
Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden
Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul.
Splitternd gab die Gesteinswand nach.
Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft
hereinziehen.
Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den Durchzug zu
schnappen.
»O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald durchschlüpfen.«
Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen?
In diesem Unglück noch lachen?
Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte und
schlug in besessener Wut in den Bruch.
Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, daß man den
Kopf durchstecken konnte.
Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung
polterte durch sein Gehirn.
Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst seinen Kopf
und dann den Oberkörper durch das Loch.
Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks auf
eine Steinkante. Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und
dann auf einmal die Hand.
Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie
ein fleischgewordener Fluch standen.
Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor
Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst.
Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und begann die Öffnung
weiter auszubrechen.
Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch
dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hörte er den
andern hämmern.
»Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mörder wird mich
hier verrecken lassen! Ei verflucht!«
Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus den Augen.
Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im
Loch.
Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor und faßte
Séverins Beine.
»'Rauß da, du Mörder!«
Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein
wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck
wieder auf die Beine und rutschte nach der Öffnung.
Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte.
»Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?« krächzte Séverin.
Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest
herum.
Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder Finger schoß
hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es
heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren.
»Maruscha . . . !«
Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen
quetschten.
Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit über den
rauchenden Schädel.
Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen.
Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Händen
durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel.
Bis er an ein Gerüst schlug und stehenblieb.
Verdammt und verflucht stehenblieb.
Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu
konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten.
Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und
Zischen von Drähten.
Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. Das
Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren
Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff heiß
und giftig.
Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz
und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!
Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, daß ihm
die Bordkante tief in die Brust schnitt.
Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend vor Schreck.
Und suchte das Seil.
Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Riß
das Tau herunter und riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen, die in
weißlichen glatten Windungen von seinem Körper herabfielen.
Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder
in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend herabgezogen.
Immer tiefer.
Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend.
Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.
Abwärts.
Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im
Knochenrock über die Halde tanzte.