Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen
ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.
Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging
immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die
Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, aber ihre Augen waren
weit und weiß wie zwei gleißende Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch
ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem
großen Umkreis abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und
fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten.
Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, der
Unsicherheit des Gesteins wegen.
Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die Wege hier dünkten
ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte.
Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß die Erde
sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen!
Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten
Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge
wieder lachen könnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von
den frommen Einsiedlern und dem großen Propheten in der Löwengrube.
Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein griff, um die
Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch.
Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.
»Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau solch einen
schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter den Särgen gehn!«
Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von
den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende
Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: »Das ist dein Vater, Jungchen,
dein Vater, ehe er ein Stern ward.«
Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem
gelben Zwielicht, das so peinvoll war.
Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke
schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die
sie nicht verstand.
Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises Meckern
und Sägen und Kratzen.
Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter
Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen war
in ihres Leibes Rosenbeet.
Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt
und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft und ganz sinnlich.
Immerzu und stetiger, heftiger.
Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas
Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach
dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen,
nichts wissen.
Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in der
Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die Mutter das
schöne Ding wieder abnehmen könnte.
Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich auf einen
Stock stützen.
Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: »Och, och,
ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem Revier Pferdejunge
werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.«
Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden.
»Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt nicht arbeiten
gehn!«
Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging.
Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den Jungen fremd wie
einen Toten an und bekreuzten sich.
Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das Dorf geschlossen.
Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue Kolonie errichtet. Da war die
Erde noch nicht angebohrt. Und die Bäume standen grün und saftig in den
Blättern.
Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe hatte man
zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse, um die elenden
Hütten dem Boden gleichzumachen. Und auf den abgesperrten Gassen standen
Posten mit geladenem Gewehr, damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre.
Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen. Fredrik half
wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte Antje zwei
Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im Schornstein hatte hängen
lassen.
Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er gab sich das
aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck.
»Mutter,« sagte Fredrik ganz heftig, »heut abend, wenn die Soldaten in der
Schenke sind, holen wir den Speck!«
Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust des Speckes
schmerzte.
»Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das Unglück. Nein,
nein! Laß man den Speck.« Das sagte sie Fredrik.
Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die Mutter immerzu.
Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie dachte das
wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging. Josef, Maria!
Das Unglück! Nein, nein!
Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes in ihrem
Gesicht verschmolzen.
Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie gingen miteinander
hinaus.
Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach dem Fluß hin.
Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine Vergewaltigte. Und der
Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer rieselten dahin.
Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein armseliges
Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen. Der Schein der
Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar von Millionen Frauen.
Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte setzen lassen,
auf und überschwemmte alle Gräber.
Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene Brust, daraus
sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen zurück. Etwas schnürte ihr
die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus wollte.
Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung und konnte doch
nicht die magern, abwehrenden Hände halten.
Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und hopste wie
ein Heupferdchen davon.
Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun vor sich.
Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter und
stand steif in dem Abgezäunten.
Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten Nebel wie
einen Totenschädel.
Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten.