Der schwarze Baal

(1911)

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf,

immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen

hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf

die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen,

oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von

sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen.

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf

gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes,

zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den

Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleißende zum

Glück wurde für den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen.

Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne in den Schacht

hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente Gnade, wenn der

Grubendirektor Brot gab für die hungrigen Mäuler. Denn der Schatten des

Hungers lag wuchtender auf den paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der

hagelwolkige Vorübergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster

zum Klirren brachte und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr.

Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn,

Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war

diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern zwischen den Kissen des

Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie

die Aufgeklärten meinten.

Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die

verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da

einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger maßloser als die

fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem

zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, an gleicher Stelle

zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglück! Ein Unglück! Nichts

weiter.

Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht das Maul auf

zum Schrei: »Oh ihr Brüder: das Unglück! Das Unglück!«

Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das

Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan?

Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des Tages, blasen es

weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglück! Das

Unglück!

Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter und Witwen und

Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krümmen die Rücken

ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück,

das sie nicht wissen wollen.

Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer

bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks an der Stirn trug wie eine

aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn

hielt, war nicht untertänig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das

brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen

dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten

eines Raubtiers.

Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam,

da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und

rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des großen Haufens.

Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal seinen Namen.

Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln

sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglücksfall an.

Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht

gestattet.

Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte hinfort den Mann,

der solches heraufbeschworen hatte. Sie haßte diesen Mann über das Grab

hinaus und sie haßte seine Hantierung.

Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann

stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug auf den Bastard alle

Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war.

Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit

allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen ins Dasein aufzusperren.

Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, die mit

auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den

Körper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater

nachmußte, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie

fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm,

der sah aus wie zwei gekreuzte Schlägel.

Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entriß das

Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu

verkriechen.

Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom der Sättigung, hob

sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: »Seht, was für

ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen.

O, was für ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch

nicht!«

Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden.

»Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt ihn doch einen

Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.«

Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die

Nasen.

In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fühlte Antje. Die

Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie

kämpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem

kleberigen Trotz.

Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein

Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tür und

beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den

Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem

großen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge

Katzentiere.

Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schön warm

dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen züngelten,

fingen sie mit den Händen auf, oder hielten den offenen Mund darüber, bis

die Wangen ganz blaß wurden und eine Übelkeit die Köpfe in heftige

Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere

und lagen lange in dem dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen

Atemzügen.

Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen böse

Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen.

Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, der immer so

schön rauchte und ganz warm war.

Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schärfte

ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen

Willen bläute sie dem Jungen ein.

Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der

Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich

flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefährten, die mit ihm zum

Schlackenberg gingen.

Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab es ein

ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte

hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten in den Spalt.

Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein

paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pfütze.

Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich

wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer von den verrußten

Männern sagte: »Antje, daß du's weißt, der Israel hat das Söhnchen holen

wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon

sicherer fassen bei der Gurgel.«

Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die Lästerer

mit Ruten aus dem Hause.

Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und

die Spitalweiber murmelten: »Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch

getrunken, als sie den Bengel säugte. Das feit gegen das Unglück. Aber wenn

ihm die Milchzähne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!«

Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur

Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den

vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mußte er das Pensum erledigen und

sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und

getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu

Bett und atmete auf.

»Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen Jungens, und wenn er

zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf

der Mühle helfen und ein Müller werden!«

Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren Kartoffelfelder

und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashüpfer mit dem gelben

Schopf.

Einmal sagte Fredrik: »Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen

Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf

dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?«

Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der

Junge nicht das leise Stöhnen hörte.

So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre

Schicksale stöhnten in der herben Luft.

Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen.

Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete

ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.

Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund:

»Mutter, sag . . .«

Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze

Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere

Zahnreihe gewaltsam aufstieß.

»Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause

sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller

Stern.«

Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch

einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen irgendein Wort,

aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren wieder weg.

»Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.«

Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: »Wenn du mir den Stern

zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.«

Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem

Buben einen runden Stern, der flimmernd über dem Kirchturm stand.

»Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!«

Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken wie eine Blume.

Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, blanken Stern.

Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans

Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß ihn mit

der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. Dort schien er die

ganze Nacht so hell, so hell.

Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging

anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn

zwei größere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen.

Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein

abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!

Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde plötzlich nach

und klaffte breit auf.

Unten war die Hauptsohle des Schachtes.

Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem

Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock

liegen.

Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Körper

herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff

herunter wie an Zwirnfäden.

»Diesmal wird es sein Tod sein,« sagte der alte Doktor.

Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: »Ja, sein Tod

wird es sein.«

Der schwarze Baal: Novellen · 第 9 / 30 题