(1910)
Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, Gasometer und
Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Köpfe langsam Ertrinkender
sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft »Frisch auf«.
Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der pastellhaften
Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel.
Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den
Umzäunungen.
Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden
erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Häuptern;
martialische Landsknechte.
Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: Phantastische
Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; darüber Seile gleiten,
welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringförmige Straße ist wie
ein Graben vertieft. Schienenstränge gleißen darin wie dünne halbversiegte
Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte
vorsintflutliche Kasten.
Jenseits der Straße ragen die Halden.
Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Höhlen,
verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine dreißig Meter
hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige
Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und
wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen
Schnäbeln, auf ihren Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn
kleine Kohlenstückchen in Säcke sammeln.
Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen blitzen,
hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.
Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte das schwarze
Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, zischender
Begierde.
Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in
Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte.
Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekämmte Haar
trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe
der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende
Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen
Höfe, wo frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das
Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als
ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß suchte. Schutz vor
den gelben Ausdünstungen der Kokereien und dem Gestöber der Rauchwolken,
die unaufhörlich den Feuerschlünden entquollen.
Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als
der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen niemand mehr anhören
wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo
ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die
Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten.
Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorüber; ewig
blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen
Bächen.
Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten die Töne,
überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen Wiegenmusik.
Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich
zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber.
Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.
Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich
nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle
Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber
rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen
kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die
arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit
furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine
Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke
mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit
orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende
Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke
stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten
Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse
flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche
schwollen zu Tal.
Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer
unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine
Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.
Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der
Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und
Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben
brüchig ab.
Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war,
erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen
Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.
Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet
hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau
mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.
Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die
schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen.
Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige,
ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger
trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt
stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt
sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide
nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war
wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen
den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne
Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.
Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in
den Tag hineinlebte.
Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter
war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die
entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine
Brause.
Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.
Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden,
vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. Denn die jungen
Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, fingen mit
Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken
hatte.
In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Häusern.
Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge zum Konzert.
Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur
die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen.
Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr
das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen lassen, daß die
heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und die grauen Sacktücher
wusch.
Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das
herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch
einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern.
Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende
Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mörderischen
Geschütze auf.
Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. Gleichgültig
ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten,
die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfräulichen
Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren.
Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch
nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte
stärker auf.
Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen Stille vor
dem letzten Herzschlag.
Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewänder
der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbäche brausten
in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor.
Die ersten Geschosse knatterten.
Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.
Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen Tod.
Langsam begruben sie die spärlichen Überreste.
Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf.
Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat
sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen
Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll
auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares
Trauergefolge.