Nun blickte sie doch verwundert auf. »Ein Fürst? Wer?«

Mazeggers Antwort war ein Lachen, das sein ganzes Gesicht verzerrte.

»Gut verstellen können Sie sich auch, das muß ich sagen! Aber Sie wissen

schon, wenn ich mein'! Er hat sich ja so gnädig bei Ihnen verhalten, daß

er schier aufs Fortgehn vergessen hat!«

Da huschte eine leichte Röte über ihre Wangen. »Das war der Fürst? Der

die Jagd im Geißtal gepachtet hat?«

»Geh, Fräulein, tun S' nur nicht, als ob Sie das nicht gewußt hätten!«

»Nein, das hab ich nicht gewußt.« Sie wandte sich wieder zu ihrer

Arbeit.

»Aber gefallen hat er Ihnen, gelt? Natürlich, wenn so einer kommt, mit

seinem hochfeinen Spinnwebengsicht und seinen glanzigen

Frauenzimmeraugen, aaah, da springen gleich alle verriegelten Türen

auf!«

Ohne die Arbeit zu unterbrechen, sagte sie mit kaum merklicher Erregung

in der Stimme: »Wenn es der Fürst ist, von dem Sie sprechen, dann ist es

auch Ihr Herr, dem Sie Achtung schulden. Ich will mir denken, daß Sie

nicht wissen, was Sie da geredet haben. Und jetzt gehen Sie, Mazegger!

Sie sehen, ich arbeite.«

Sein rauhes Lachen unterbrach sie. Er würgte an Worten, die ihm nicht

über die Zunge wollten, und plötzlich faßte er mit rohem Griff ihren

Arm. Aus ihren Augen traf ihn ein so ruhig stolzer Blick, daß ihm die

Hand hinunterfiel wie gelähmt. Schweigend legte sie den Farbenkasten

zusammen und stellte ihn mit der Staffelei in den Schatten eines nahen

Baumes. Prüfend betrachtete sie noch einmal ihre Arbeit, nahm den

Basthut ab und strich die Haare von den Wangen zurück. Dann stieg sie

gegen die Hütte hinauf.

Mazegger stand wie versteinert, solang er sie noch sehen konnte. Als sie

verschwunden war, reckte er seine Gestalt, wie von einem Bann erlöst,

und brach in ersticktes Lachen aus. Das Gesicht von Blässe überzogen,

ging er zu dem Baum zurück, an den er seine Büchse gelehnt hatte.

Zitternd klammerten sich seine Hände um die Waffe, während sein Blick

die Höhe suchte, über deren Büsche das von Efeu umsponnene Dächlein

herunterblickte. Eine wilde Drohung flammte aus den brennenden Augen des

Jägers.

Er warf die Büchse auf den Rücken und schritt in den Wald hinein. Jeden

Pfad vermeidend, kletterte er zwischen dem Gewirr der bemoosten Blöcke

an der Lehne des Berges hin. Und plötzlich warf er sich ins Moos und

grub das Gesicht in die Arme. Fast eine Stunde lag er so. Müd, als wären

ihm alle Glieder wie gebrochen, richtete er sich endlich auf. Sein

Gesicht brannte, und die Falten des Ärmels hatten ihm Striemen auf die

Wangen gedrückt.

Er zog die Uhr. Es war Mittag geworden. Da konnte er ins Tal

hinuntersteigen, ohne fürchten zu müssen, daß ihm der Förster oder einer

der Jäger auf dem Weg begegnen könnte, der ihm verboten war.

^Siebentes Kapitel^

Es ging auf ein Uhr mittags, als Praxmaler im Tempo eines Wettläufers

bei den Jagdhäusern eintraf. Auf halbem Wege war er vorausgegangen unter

dem Vorwand, die Heimkehr des Fürsten anzumelden, damit der »Herr

Kammerdiener« alle Bequemlichkeit für seinen Herrn in Bereitschaft

halten könnte. Ettingen hatte dem etwas auffälligen Diensteifer des

Jägers gerne zugestimmt, da es ihm lieb war, mit seinen Gedanken allein

zu sein. Da hatte nun Pepperl, sobald er seinem Herrn aus dem Gesicht

gekommen war, einen Dauerlauf angeschlagen, bei dem er schließlich das

letzte »Bröserl« seines Atems auspumpte.

Als er die Tillfußer Lichtung erreichte, schnappte er nach Luft, wie ein

aufs trockene geratener Fisch nach Wasser. Die Faust auf die arbeitende

Brust drückend, spähte er nach allen Seiten, ohne was Verdächtiges zu

gewahren. Friedlich lagen die Jagdhäuser mitsamt der Sennhütte in der

weißen Mittagssonne, kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Kühe grasten

mit bimmelnden Glocken über das Almfeld hin. Das Bild dieses sonnigen

Friedens wirkte wie Öl auf die erregten Wogen in Pepperls Seele. Er

atmete auf und stieg zum Jagdhaus hinauf. »He! Herr Kammerdiener!« Keine

Antwort. Er wird wohl in der Kuchl sein! dachte Pepperl und ging auf die

Tür zu, aus der ihm so wundersame Düfte entgegenquollen, daß er

schnuppernd die Nase hob. »Sakra! Sakra! Da gibt's was Nobels!« Er

stellte Büchse und Bergstock nieder, nahm das Hütl ab und trat in die

Küche. Sein erster Blick suchte den Kammerdiener, und da er ihn nicht

fand, vergaß er, die Jungfer Köchin zu grüßen, und fragte nur: »Wo is er

denn?«

»Wer?«

»Der Herr Martin.«

»Wahrscheinlich sitzt er wieder drunten in der Almhütt und schneidet der

Sennerin die Cour. Ein rundes, gesundes Mädl! Das ist der Werktagsgusto

von unserem Kammermops!«

»So, schön!« stotterte Pepperl, dem der Schreck in alle Glieder fuhr. Er

stolperte zur Tür hinaus und rannte über das Almfeld hinunter. Als er

den Stall erreichte, blieb er stehen und faßte sich bei der Joppe. »Nimm

dich zamm, Pepperl! Sei ^du^ der Gscheiter!«

Lautlos bog er um die Ecke der Sennhütte, hörte aus der Almstube die

beiden Stimmen und guckte aufgeregt durch eines der kleinen Rauchlöcher,

welche die Wand durchbrachen.

Da drinnen saß der Kammermops in seiner schwarzen Gala und mit glänzend

frisiertem Scheitel am Tisch, hielt in vornehmer Nonchalance die Beine

mit den Schnallenschuhen übereinandergeschlagen und schmauchte eine

Zigarette. Seinen hochgezogenen Brauen war es anzumerken, daß er mit dem

Ergebnis der zärtlichen Stunde nicht ganz zufrieden war. Vor ihm stand

die Sennerin am Herd und rührte mit langem Holzlöffel in dem großen

Kupferkessel herum, der über dem flackernden Feuer hing. Das hübsche

Gesicht des Mädels brannte. Das schien nicht nur von der Hitze des

Feuers zu kommen, denn eine Furche des Unwillens lag zwischen ihren

Brauen.

»Nun?« fragte Martin. »Warum so schweigsam, schönes Kind? Soll ich keine

Antwort bekommen?«

Es schien kein freundliches Wort zu sein, das dem Mädel auf der Zunge

lag. Schon wollte sie sprechen. Da hörte sie mit ihrem feinen Ohr ein

leises Rascheln an der Mauer. Und es fiel ihr auf, daß an einem der

Rauchlöcher die Sonnenhelle, die durch die Öffnung geleuchtet hatte,

plötzlich verschwunden war. Ein feindseliges Lächeln zuckte um den

kirschroten Schnabel der Sennerin. Dieses böse Lächeln verwandelte sich

in schadenfrohes Schmunzeln. Und während sie mit blitzenden Augen über

die Schulter zu Martin hinüberguckte, sagte sie zögernd, als müßte sie

sich jedes Wort überlegen: »Ja, wissen S', mit Ihnen hat a Madl a harts

Reden! Sie sind so a stadtischer Pfiffikus! Da muß man Obacht

geben -- wenn S' mir auch sonst net gar so übel gfallen täten, ja!« Diese

letzten Worte sprach sie mit auffallend lauter Stimme.

Martin schien die jähe Schwenkung im Verhalten des Mädels mit Vergnügen

zu bemerken und gab seiner Antwort einen Herzton schöner Ehrlichkeit:

»Aber ich bitt Sie, mein liebes Kind, einen aufrichtigeren Menschen als

ich bin, gibt es gar nicht mehr. Wenn ich was sage, können Sie sich

drauf verlassen, daß es so ist!«

»Ja, freilich!« Burgi lachte. »Die Mannsbilder alle mitanander sind

Lugenschüppel, schon gar, wenn s' zu eim Madl von der Lieb reden. Da

sind unsere Burschen auch net anders als die nobligen Herrn aus der

Stadt. Und erst die Jager! Eh so einer 's Maul aufmacht, hat er schon

dreimal glogen. Schauen S' den Pepperl an, der sich neulich auf d' Nacht

so fein gegen Ihnen benommen hat! Dös is schon gar der Ärgste! Zwiderer,

wie mir ^der^ is, kann mir net leicht einer sein!«

»Na, hören Sie, mein liebes Kind, Sie werden mich doch hoffentlich nicht

mit solch einem ungebildeten Lümmel vergleichen wollen?«

»Ah, Gott bewahr! So viel Augen hab ich schon, daß ich an Unterschied

merk.«

»Das ist nett von Ihnen, daß Sie mir das so ehrlich sagen. Und eine

Ehrlichkeit für die andere: so gut wie Sie, liebe Burgi, hat mir im

Leben noch kein Mädel gefallen. Sie haben so was Heiteres, Gesundes,

Frisches und Herziges --«

»Hören S' auf, Sie süßer Schmalger, Sie!« erwiderte die Sennerin

lachend, wurde aber dabei doch rot bis über die Ohren, als hätte dieses

schmeichelnde Bekenntnis völlig wirkungslos an das verriegelte Türchen

ihrer Mädchenseele gepocht.

»Das dürfen Sie mir glauben, daß ich noch nie einem Mädel so was gesagt

habe!« sprach Martin mit Eifer weiter. »Wahrhaftiger Gott, ich habe mich

nie besonders viel um die Frauenzimmer gekümmert. Mein Dienst und mein

Herr, das war für mich immer das Höchste. In einer so wichtigen Stellung

hat man keine Zeit für Dummheiten übrig.«

»Dummheiten?« Burgi guckte nachdenklich in den brodelnden Kessel. »No,

^gar^ so was Dumms kann d' Lieb ja doch net sein!«

»Jaaa! Wenn es die richtige Liebe ist! Treu, aufrichtig und ehrenhaft!

Aber wie sich das in der Stadt gewöhnlich macht? Nein, dafür dank ich!

Wenn ich da ^wollte^, an jedem Finger könnt ich eine haben.«

Burgi musterte den feinen Herrn. »Ah ja! A nobligs Mannsbild! So nobel

wie Sie geht net amal der Herr Fürst umanand. Dös tut doch net leicht a

Mensch, daß er seim Dienstboten 's bessere Gwand zum Tragen gibt, und er

selber tragt a gringers. Der Herr Fürst muß Ihnen gern haben!«

»Er weiß, was er an mir hat!« sagte Martin, über das naive

Mißverständnis des Mädels mit heiterem Lächeln hinübergleitend. »Und

wenn es an der Zeit ist, wird er mir auch für meine treuen Dienste

entsprechend danken!« Er blies eine Rauchwolke vor sich hin und lehnte

sich behaglich zurück. »Ich bin ja mit meiner Stellung ganz zufrieden.

Aber man will doch auch einmal selbständig werden und eine Familie

gründen.«

»Familli gründen?« Dieses Bild schien für Burgi eine Nuß zu sein, die

man erst knacken mußte, um auf den Kern zu kommen. »Ah so! Heiraten,

meinen S'?« Sie hatte augenscheinlich einen großen Respekt vor dem

Worte: »Heiraten!« Das verriet die ehrfürchtige Breite, mit der sie es

aussprach.

»Heiraten! Ja!« Martin schmunzelte. »Es ist nicht gut, wenn der Mensch

allein bleibt. Das steht in der Heiligen Schrift.«

»A fromms und gottgfälligs Wörtl, ja!«

»Und wenn ich einmal das Frauerl gefunden habe, das mir gefällt, dann

brauch ich nur mit meinem Herrn zu sprechen. Da kann ich mir auf seinem

Gut einen Posten als Inspektor aussuchen. Aaah, meine Frau, die wird's

einmal gut haben! Denken Sie nur, liebe Burgi, Licht, Holz und Wohnung,

alles frei! Dazu ein Gehalt von drei-bis viertausend Gulden im Jahr.«

»Was! Vier -- tausend -- Gulden! Mar und Joseph! Is dös a Geld!« Burgi

machte Augen, als wäre Martin plötzlich für sie ein anderer Mensch

geworden, einer, den man mit Achtung behandeln mußte. Dabei erlosch in

ihr der Gedanke an jenes kleine Rauchloch, aus dem die Sonne

verschwunden war. »Vier -- tausend -- Gulden! Mehr hat ja bei uns in Tirol

kein Bischof! Sie, Herr Martin, da können S' Ihnen a nobels Stadtfräuln

aussuchen!«

»Na, wissen Sie, mit denen aus der Stadt --« Martin schüttelte den Kopf

und schnellte die Asche von der Zigarette. »Ich hab mir immer was

anderes gedacht. So was Urwüchsiges und Unverdorbenes! Das war ^mein^

Geschmack. Und dann -- in einem unbewohnten Schloß die Zimmer lüften, das

paßt mir auch nicht recht.«

»Um Gotts willen, Herr Martin, lassen S' dö viertausend Gulden net aus!«

»Wenn ich mir was Besseres wüßte?«

»^Noch^ was Bessers? Dös gibt's ja gar net!«

»Wer weiß!« Martin lächelte geheimnisvoll. »Wenn Sie mir versprechen,

daß Sie nichts weiterschwatzen, sag ich Ihnen was.«

»Ich? Und an Tratsch machen? Da tät ich mir lieber 's Züngl abbeißen.

Zu mir können S' unscheniert reden.«

»Hand darauf?«

Burgi wischte die Hand an der Schürze ab, bevor sie einschlug. »Hand

drauf, ja!«

Vertraulich zog Martin das schmucke Mädel an seine Seite und streichelte

zärtlich die sonnverbrannte Hand. »Das wissen Sie doch, daß unsere

Durchlaucht die große Jagd da auf zehn Jahre gepachtet hat?«

»Freilich, ja! Und der Pacht, und 's Winterfutter, und die Jager alle!

Mein Gott, mein Gott, dös muß a schauderhafts Stückl Geld kosten!«

»Das glaub ich! Und da können Sie sich denken, daß da ein verläßlicher

Mensch hergehört, der alles leitet und überwacht, die Verrechnung

führt --«

»Dös macht ja der Förstner! Sie, dös is an ehrenhafter Mensch. Auf den

kann sich der Herr Fürst verlassen.«

»Ja, ja! Ich will ihm auch von seinen guten Eigenschaften nichts

abstreiten. Aber auf einen solchen Posten gehört ein Mensch von Bildung,

der alles so zu richten versteht, wie es unserer Durchlaucht angenehm

ist.«

»Um Gotts willen! Der gute Herr Förstner wird doch net sein Posten

verlieren?«

»Gott bewahre! Der kann bleiben, was er ist. Aber ^über^ ihn wird

noch ein Jagdverwalter gesetzt, verstehen Sie?«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 44 / 71 题