Da lachte sie, hell und herzlich. »Ja, du, das scheint mir auch. Nur
runter gleich mit'm Jöpperl!«
»Tun S' mir's flicken, Fräuln?«
»Freilich! Und bis ich fertig bin, kannst du das Gießkanndl nehmen und
kannst mir Wasser holen, gelt? Jede Guttat muß der Mensch verdienen.«
»Ja, Fräuln!« Hurtig zog der Bub das Jöpplein herunter. »Und tausendmal
Vergeltsgott derweil!« Er schoß auf die Gießkanne zu, packte sie und
rannte davon. Während er durch die Latschen hinuntertrollte, nahm er die
Brause von der Kanne, um das Rohr als Trompete benutzen zu können. So
mißtönig diese Laute klangen, sie schienen dem Buben eine
Feiertagsfreude zu bereiten. Und als er sich müd geblasen hatte, begann
er unter lustigem Jodeln auf der Kanne zu trommeln.
Lolo war in die Hütte getreten, um zu verwahren, was der Bub ihr
gebracht hatte. Dann kam sie mit Nähzeug, setzte sich auf die
Türschwelle und begann die Wunde des Jöppleins in die Kur zu nehmen.
Die Sonnenlichter, die durch das Rankenwerk der Efeulaube drangen,
spielten mit Leuchten und Gezitter um ihre Gestalt.
Ettingen sah ihr lächelnd zu. »Geben Sie acht, Fräulein«, sagte er nach
einer Weile, »wenn der Bub das nächstemal wiederkommt, wird er sein
Kittelchen übel zurichten, um Ihnen Arbeit zu machen und länger bleiben
zu dürfen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Bevor er das nächstemal wiederkommt, wird er
sein Jöpperl genau untersuchen und die Alm nicht verlassen, bevor ihm
nicht die Mutter jeden Schaden ausgebessert hat.«
»Wie gut Sie von dem Jungen denken!«
»Wie er es verdient! Er ist ein braver, lieber Bub und wird einmal ein
tüchtiger, guter Mensch werden.«
»Denken Sie von allen Menschen so freundlich?«
»Von den guten, ja.«
»Aber von jenen, denen Sie neu begegnen? Von denen Sie nicht wissen
können, ob sie gut oder schlecht sind?«
»Auch von denen. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere
und schädigt sich selbst. Ich glaube, daß wir die Pflicht haben, jeden
Menschen für gut zu halten, solang er uns nicht das Gegenteil beweist.«
»Das ist eine warme und schöne Lebensregel.«
»Nur eine selbstverständliche, eine, die keiner entbehren kann, der am
Verkehr mit den Menschen Freude haben will.«
»Ja, Fräulein, Sie haben recht! Im Grunde genommen denke auch ich nicht
anders, nein, trotz allem nicht!« Es ging wie ein trüber Gedanke über
seine Stirn. Gleich wieder lächelte er. »Und ich hörte das gerne von
Ihnen sagen. Nun weiß ich doch, daß Sie auch mich für gut halten. Oder
nicht?«
Sie hob das Gesicht, als hätte ihr diese Frage nicht gefallen. »Ich
wüßte nicht, womit Sie mir das Gegenteil bewiesen hätten.«
»Vielleicht durch die unbescheidene Hartnäckigkeit, mit der ich mich
hier festgesetzt habe?«
»Das beweist nur, daß es Ihnen hier gefällt.«
Der letzte Bergschatten, der noch auf einzelnen Beeten gelegen, war über
die Hecke zurückgewichen, und Hütte und Gärtchen lagen in voller
Morgensonne. Der Wind war still geworden, und in den Wipfeln des
Harfenbaumes schwiegen die Glocken. Man hörte nur noch den Wasserfall,
der fern in der Tiefe rauschte, und das leise Gesumm der wilden Bienen,
die von überall zu den blühenden Beeten geflogen kamen und gleich
schwirrenden Funken die sonnige Luft durchschnitten.
Da brachte der Bub die zum Überlaufen gefüllte Wasserkanne. »So, Fräuln,
da bin ich schon wieder!«
»Ich dank dir, Bürscherl! Und schau, dein Jöpperl hab ich auch schon
fertig!«
Lolo hielt dem Buben das Kittelchen hin, und er fuhr mit beiden Fäusten
in die Ärmel. »Vergeltsgott tausendmal!«
»Jetzt mach, daß du heimkommst! Drunten brauchen sie dich bei der
Arbeit.«
Loisli drehte das mürbe Hütl zwischen den Händen, sah mit glänzenden
Augen zu dem Mädchen auf und bettelte: »Krieg ich noch a Blümerl,
Fräuln?«
»Ja, Bürscherl, was willst du für eins?«
»A Brunellerl tät ich gern haben. Die Enkern schmecken viel feiner als
die anderen von der Alm draußen.«
Lolo pflückte ein paar von den braunen Blütenköpfchen und reichte sie
dem Buben. Sein Gesicht strahlte vor Freude, während er die Blumen
achtsam hinter die Hutschnur schob. Und mit einem Jauchzer rannte er
davon.
Das Mädchen nahm die Gießkanne und begann den Efeu zu besprengen.
»Der Bub hat recht, Fräulein«, sagte Ettingen, »die Blumen gedeihen in
Ihrer Pflege, sie sind schöner als die anderen dort oben und draußen im
Wald.«
»Gewiß nicht. Sie sehen in der Blüte nur reicher aus, weil sie dichter
stehen. Ich tue nicht viel mehr, als daß ich sie wachsen lasse.«
»Da sind Sie aber wirklich zu bescheiden. Wie sehr diese Blumen Ihre
Hand empfinden, kann ich Ihnen gleich beweisen.« Ettingen nahm das
kleine Rosensträußlein von seinem Hut. »Ich habe ein paar Almrosen von
dort oben mit heruntergebracht. Sehen Sie nur, wie klein die Blüten sind
und wie matt in ihrem Rot! Die sind mit den Almrosen, die Sie im Garten
haben, nicht zu vergleichen. Wie groß und üppig die Kelche hier sind,
wie feurig in der Farbe!«
»Das ist richtig, ja. Aber der Unterschied kommt nicht von der Pflege,
er liegt in der Gattung. Was Sie haben, das sind die gewöhnlichen
Steinrosen, aber die meinen hier, das sind Edelrosen.«
»Edelrosen? Gibt es eine Aristokratie auch unter den freien Bergblumen?«
»Sie scheinen kein allzu eifriger Hochtourist zu sein, weil Sie diesen
Unterschied nicht kennen.« Lolo stellte die Kanne nieder, brach von den
mit glühenden Blüten übersäten Rosenstauden einen der schönsten Zweige
und kam zur Bank. »Der Unterschied ist am besten an den Blättern zu
erkennen. Das Blatt der Steinrose hat mattes Grün und ist behaart, die
Blätter der Edelrose sind glatt, von tiefem wachsglänzendem Grün und auf
der Unterseite braun angeflogen.« Sie wollte ihm das Rosenzweiglein
reichen und sah ihn an. Da erschrak sie und lächelte wieder. »Ach, Gott!
Nun seh ich es Ihnen auch am Gesicht an. Sie sind wohl erst kurz aus der
Stadt gekommen? Und noch nicht lang in den Bergen?«
»Seit drei Tagen erst.«
»Und gestern haben Sie wohl einen langen Marsch in der heißen Sonne
gemacht?«
»Ja, das war gesunde Hitze gestern! Ich bin wohl sehr abgebrannt?«
»Mehr, als Ihnen lieb sein wird! Haben Sie denn keine Schmerzen im
Gesicht?«
»Schmerzen? Ich? Aber ja, es ist wahr, mein Gesicht brennt wie Feuer.«
»Sie haben sich einen tüchtigen Sonnenstich geholt. Auf der Nase und auf
den Wangen geht Ihnen die Haut schon los. Wenn Sie noch einen weiten
Heimweg in der Sonne haben, wird die Sache schlimm werden. Dagegen
müssen Sie was tun. Warten Sie --«
Während Ettingen verblüfft zurückblieb, eilte sie in die Hütte und
brachte eine kleine Schatulle und ein Spiegelchen in dünner Goldleiste.
»Hier! Sehen Sie sich einmal an!«
Zögernd nahm Ettingen den Spiegel, und kaum hatte er einen Blick in das
Glas geworfen, als er mit drolligem Entsetzen ausrief: »Ach, du lieber
Himmel, was hab ich für ein Gesicht! Wie Zinnober, so lieblich!« Er
lachte. Aber daß er nun so vor ihr sitzen mußte, das schien ihm nicht
angenehm zu sein. »Ich bitte Sie, Fräulein -- daß ich den Schaden habe,
merk ich --, ersparen Sie mir wenigstens den Spott und lachen Sie mich
nicht aus!«
»Auslachen? Im Gegenteil, ich weiß doch selber, wie das tut.«
»Das Ausgelachtwerden?«
»Nein, der Sonnenstich! Ich bin wohl an Hitze wie an Kälte gewöhnt. Aber
wenn ich oft lange Stunden in der Mittagsglut sitze und arbeite,
erwischt es mich auch noch manchmal. Aber ich weiß, was hilft dafür. Und
dann ist's am anderen Tag wieder gut. Hier, nehmen Sie!« Sie hatte aus
der Schatulle ein kleines Holzbüchschen mit weißer Salbe und frische
Watte ausgekramt. »Das wird Ihnen gleich die Schmerzen lindern. Kommen
Sie, ich will Ihnen den Spiegel halten.«
Er sah verlegen zu ihr auf. »Aber ich bitte, liebes Fräulein, ich kann
doch unmöglich --«
»Was können Sie nicht?«
»Hier vor Ihnen die Toilette meiner Schmerzen machen und mich
einsalben!«
»Warum denn nicht?«
»Nein! Das tu ich nicht!«
Nun schien sie den Grund seiner Weigerung zu verstehen. Leichte Röte
überzog ihre Wangen. »Seien Sie doch nicht töricht! Wenn Sie so
fortgehen, mit trockenem Gesicht und bei dieser Sonne, dann wird die
Sache schlimmer, und Sie haben eine Woche damit zu tun.« Es zuckte leis
um ihre Mundwinkel. »Und dann werden Sie noch übler aussehen als
jetzt.«
»Ja, Fräulein, Sie haben recht, meine Weigerung war kindisch. Also?
Wollen Sie mir assistieren?«
»Natürlich.« Sie setzte sich an seiner Seite auf die Bank und hielt ihm
das Spiegelchen.
Er sah ihr lachend in die Augen, dann tauchte er die Watte in die Salbe
und begann zu reiben. Da er die Sache ein bißchen eilig nahm, mahnte
sie: »Nein, nein, machen Sie es nur genauer! Namentlich auf der Nase!«
»Ja, die sieht auch am schlimmsten aus!«
Als die Kur erledigt war, sprang er auf, warf die benützte Watte über
den Zaun und säuberte mit dem Taschentuch die Finger.
Nun lachte sie.
»Na also, sehen Sie, da hab ich nun doch den Spott davon!« sagte er
heiter. »Mein Gesicht muß aber auch aussehen wie --« Er fand keinen
Vergleich, der ihm drastisch genug erschien.
»Wie ein gebratener Apfel, so schön glänzend! Aber nicht wahr«, fragte
sie wieder völlig ernst, »Sie fühlen, daß es besser ist?«
»Wirklich, ja, das Brennen beginnt schon nachzulassen. Ich danke Ihnen
herzlich für den Dienst, den Sie mir geleistet haben. Und da ich bereits
den Namen meines freundlichen Arztes kenne --«
»Sie kennen meinen Namen?«
»Zur Hälfte hab ich ihn hier auf dem Baum gelesen. Dann kam der Bub und
grüßte Sie: Fräulein Petri! Nun darf sich wohl auch der dankbare Patient
Ihnen vorstellen? Ich heiße Ettingen.«
Sie nickte flüchtig, als wäre sein Name für sie etwas Nebensächliches.
»Wenn Ihnen nur geholfen ist! Aber Dank? Nein! Wer in den Bergen lebt,
ist das gewöhnt, daß man hurtig läuft, wenn der Nachbar ruft: Ich
brauche dich! Nun gar in solcher Einsamkeit wie hier. Da sind die
Menschen, die sich begegnen, aufeinander angewiesen.« Sie begann in der
Schatulle Ordnung zu machen. »Mein kleines Kästchen hat sich schon oft
auftun müssen. Nicht nur für einen leidenden Touristen wie heute. Viel
häufiger noch für die Sennleute.«
Ettingen hatte sich wieder auf die Bank gesetzt. »Und da leben Sie hier
so allein den ganzen Sommer?«
»Den ganzen Sommer nicht, aber doch jede Woche ein paar Tage.«
»Aber in diesen paar Tagen sind Sie doch immer allein?«
»Heuer, ja, heuer bin ich allein.« Sie beugte sich tiefer über die
Schatulle.
»Daß Ihnen die Tage nicht zu lang werden, das begreif ich. Es ist so
schön hier. Jede Stunde muß Ihnen eine Fülle tiefer Eindrücke bringen.
Aber so einsam hier auszuhalten, dazu gehört für ein junges Mädchen ein
seltener Mut.«
Das schien sie nicht zu verstehen. »Mut? Ist man nicht am sichersten,
wenn man allein ist? Und was sollte ich hier zu fürchten haben? Der
Sommer in den Bergen hat keine Gefahr, wenigstens hier in dieser Höhe
nicht. Und der Platz, auf dem mein Häuschen steht, ist sicher gegen
Wildwasser. Lawinen und Schneestürme gibt es im Sommer nicht. Und eine
Gewitternacht? Da sitz ich am liebsten dort auf der Türschwelle und
schaue hinaus in das Toben und Leuchten.«
»Aber die Menschen, die der Zufall vor Ihre Tür führt! Und ^alle^
Menschen, mein liebes Fräulein, alle sind nicht gut!«
»Die Bauern in der Gegend kennen mich, und ich weiß mit ihnen umzugehen.
Von ihnen hab ich nur Gefälligkeiten zu erwarten, keine Roheit zu
fürchten. Und die fremden Touristen, die manchmal vor meine Tür kommen?
Das sind nette, manierliche Leute, mit denen ich gerne plaudere. Wenn
ich auch keine Sehnsucht habe nach der Stadt, so hör ich doch gerne von
ihr erzählen. Wer Freude an der Natur hat, der hat auch immer ein gutes
Herz. Und wenn manchmal einer kam, der ein bißchen übermütig und
zudringlich wurde, weil er sah, daß ich allein war und jung bin und
nicht häßlich --«
»Sehen Sie«, rief Ettingen, wie von einer bangen Sorge um das schöne,
einsame Geschöpf befallen, »sehen Sie, das ist also doch schon
geschehen!«
»Nicht oft.« Sie blickte freundlich zu ihm auf, als hätte sie gefühlt,
was aus dem Klang seiner Stimme redete. »Ich habe dann immer das rechte
Wort gefunden, auf das sie hörten.« Sie lächelte. »Nein! Ich habe nichts
zu fürchten hier. Die einzige Sorge, die ich habe, geht nur meinen
Garten an. Den haben sie mir manchmal bös geplündert, wenn ich ein paar
Tage fort war. Wenn ihnen die Blumen nur Freude machten, in Gottesnamen!
Ich hab mir wieder neue geholt von da draußen. Nur das Edelweiß -- sehen
Sie, dort auf dem Steinhügel hab ich ein paar Stöckchen eingepflanzt
-- das Edelweiß ist im Wettersteingebirge selten, und ich bekomme nur
manchmal von den Jägern einen Setzling -- aber da kann ich mit aller
Pflege kein Blümchen aufbringen. Kaum guckt ein Sternchen heraus, da ist
es schon wieder weg, mitgenommen von einem, der's gefunden hat. Da muß
ich mir eben denken: wer drunten im Tal das weiße Sternchen auf seinem
Hut herumträgt, hat an ihm noch größere Freude, als ich sie gehabt
hätte. Nein! Sonst hab ich nichts zu fürchten. Und es ist so schön hier!
Ich bin auch nicht allein. Hier wohnt mein Erinnern mit mir, als wär es
noch immer ein Wirkliches, und jeder neue Tag ist für mich eine neue
Freude, die mein Leben reich macht.«
Ettingen betrachtete sie schweigend, gefesselt von dem Reiz dieses
ruhigen Lächelns, von dem reinen Glanz der stillen, tiefen Mädchenaugen.
Dann sagte er: »Wie glücklich sind Sie in Ihrem guten Glauben, in Ihrer
furchtlosen Freude, in Ihrer reichen Einsamkeit!«
»Glücklich? Ja! Ich war es. Und ich bin es.«
Ein leichter Windhauch, wie sanftes Sonnenatmen, strich über den
blühenden Garten hin, und durch die Zweige des Harfenbaumes ging ein
leises Flüstern. Doch die Glocken schwiegen.
Ettingen sah zu den Wipfeln hinauf, als hätte er sich gefragt: »Warum
klingen sie nicht?« Und da gewahrte er, was er noch nicht gesehen hatte:
daß an einem der Stämme ein kleines Bild mit hölzernem Dächlein
angebracht war, nach Art jener Martertäfelchen, die das Landvolk zu
frommem Gedächtnis an Stellen errichtet, an denen ein Unglück geschah
oder eine fromme Rettung sich vollzog.
Um das hochhängende Bildchen besser betrachten zu können, erhob sich
Ettingen.
Das kleine Gemälde war von Schnee und Regen schon übel zugerichtet, doch
in Zeichnung und Farbe noch deutlich zu erkennen. Man merkte gleich, daß
die Hand eines geschulten Malers dieses Bildchen geschaffen hatte,
obwohl es ganz den steifen, naiven Stil und die grellen Farben der
ländlichen Marterbildchen zeigte -- es sprach beabsichtigter Humor aus
dieser Anlehnung an den bäuerlichen Kunstgeschmack. Die Landschaft war
trotz aller Karikatur unverkennbar: dieser blaue Kreis, das war der
Sebensee, diese giftgrünen Zungen, das waren die Almgehänge und
Latschenfelder, diese gelben Zuckerhüte stellten die beleuchtete
Sonnenspitze und ihre Nachbarberge vor, und die sieben grüngefransten
Spieße, die an die Bäumchen eines Nürnberger Spielzeugkastens
erinnerten, das waren die sieben Wipfel des Harfenbaumes. In seinem
Schatten kniete ein bärtiger Mann mit steifgefalteten Händen und einem
schwebenden Kreuzlein über dem Scheitel. Vor ihm stand, mit segnend
ausgestreckten Händen und von einem Heiligenschein umgeben, die Gestalt
eines Weibes, das an Genoveva denken ließ, denn die gelösten Haare
umhüllten gleich einem Mantel den streng gezeichneten Leib, dessen
einziger Schmuck ein grünes Kränzlein war. Die Erscheinung dieser
heiligen Frau, die auf den betenden Mann erlösend und friedlich wirkte,
schien zwei abenteuerliche Spukgestalten in entsetzte Flucht zu jagen:
eine üppige Teufelin in bedenklich dekolletierter Balltoilette und einen
schmerbäuchigen Faun, der ein Schwein am Stricklein führte und einen
Kranz von Würsten um den Leib geschlungen trug. Die beiden Unholde
schnitten in ihrem Schreck so drollige Gesichter und waren mit so
heiterer Laune karikiert, daß Ettingen lachen mußte.
»Ein köstlicher Scherz!« sagte er. »Und der Humor dieses Bildchen wirkt
auf mich, obwohl ich das Wunder, das hier verherrlicht ist, nicht recht
verstehe. Darf ich wissen, was es bedeutet? Aber da steht ja auch eine
Inschrift! Und gar eine lateinische!« Er übersetzte: »Ich bete dich an
und singe mein Lob dir, göttliche Mutter Natur, deren schönes Wunder
mich erlöste aus den Klauen der Teufel, die da heißen: Unverstand des
Pöbels und eitle Torheit der Menschen! Mein Leben soll dir, o heilige
Mutter, zum Danke geopfert sein wie ein Lämmlein mit schneeigem Fell,
und meine Kunst, die vor die Säue geworfen war, soll einsam und sorglos
blühen zu deinen Füßen, frei und schön, wie eine Blume deiner Berge!«
Der Klang seiner Stimme war ernst geworden. Die seltsame Inschrift ließ
ihn vermuten, daß hinter dem Scherz dieser Farben sich ein tiefes Weh
verbarg. Und als er aufblickte, sah er, daß die Augen des Mädchens in
Tränen schwammen.
»Fräulein?«
Sie wandte sich schweigend ab. Seine Frage schien in ihrer Seele ein
Heiliges berührt zu haben, das sie dem Fremden nicht preisgeben wollte.
Und als möchte sie auch ihre Bewegung vor ihm verbergen, nahm sie die
Schatulle vom Tisch, um sie in die Hütte zu tragen.
Ettingen vertrat ihr den Weg. »Nein, Fräulein, so dürfen Sie nicht
gehen! Mag ich für Sie auch ein Fremder sein, an den Sie schon morgen
nicht mehr denken -- aber ich habe hier eine so schöne Stunde verlebt,
daß ich es mir nie verzeihen könnte, wenn ich Ihnen Ursache zu einer
Verstimmung gegeben hätte. Ich fühl es, daß ich Sie durch meine Neugier
und durch mein Lachen verletzt habe. Aber ich wußte nicht, daß ich es
tat. Seien Sie mir nicht böse!«
Da reichte sie ihm die Hand. »Ich bin Ihnen nicht böse. Dazu hätt ich
kein Recht. Sie konnten nicht wissen, daß Ihr Lachen mir weh tat. Das
Bildchen muß doch auch so heiter auf jeden wirken, der nicht weiß, was
es bedeutet. Ehe mein Vater das lustige Ding da malen konnte, mußte er
alle Enttäuschung seines Lebens überwinden. Als er das Bildchen an den
Baum hängte, das bedeutete für ihn, daß er jede Hoffnung begrub, für
sein Talent die Anerkennung der Welt zu gewinnen. Deshalb dürfen Sie
nicht glauben, daß ihm der Mut oder die rechte Kraft gefehlt hätte.«
»Nein, liebes Fräulein! Was ich hier sehe und was ich von Ihnen hörte,
läßt mich vom Wesen Ihres Vaters manchen Zug erraten. Er muß als Mensch
und Künstler gesucht haben, was abseits von der Landstraße und ihren
ausgefahrenen Geleisen liegt. Alles Ungewöhnliche begegnet leicht dem
Mißverstand. Und ich kann mir denken, daß eine feinbesaitete stolze
Künstlernatur auf die Dauer des Kampfes müde wird und der Welt
verbittert den Rücken wendet.«
Sie nickte. »Das war es! Sein Stolz war zu tief verwundet. Kunst, das
war für ihn nur das Große, Reine und Schöne. Auch das Wahre. Aber er
hatte Augen, denen die Dinge anders erschienen, als sie sonst den
Menschen erscheinen. Da malte er nun alles, wie er es sah, nicht so,
wie es die Leute sehen wollten. Das verstanden sie nicht --« es zuckte
wie Schmerz um ihren Mund, »und lachten über ihn. Das konnte er nicht
ertragen, dieses Lachen immer! Das hat seinen Mut gebrochen. Nur den Mut
des Künstlers. Als Mensch ist er ein fester und ganzer Mann gewesen. Das
hat er bewiesen, als er starb.«
»Sie haben Ihren Vater verloren?«
»Verloren?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Was man tief in seinem
Herzen besitzt, was mit uns verbunden ist in jedem Gedanken und Gefühl,
das kann man nicht verlieren. Er starb. Das ist nur ein Wort, das den
Überlebenden weh tut. Mehr ist es nicht.«
Vom nahen Latschenfeld ließ sich das Klirren eines Bergstockes und der
Hall schwerer Tritte hören.
Sie blickte auf, wie erwachend. »Ich muß gehen. Dort unten wartet meine
Arbeit.«
Er meinte ihr nachzufühlen, weshalb sie diesen raschen Abschied nahm.
Sie sah den Jäger kommen und wollte jetzt nach allem, was sie gesprochen
hatte, nicht von alltäglichen Dingen reden oder das lustige Geschwatz
des Jägers hören. Deshalb machte er keinen Versuch, sie zurückzuhalten.
Da reichte sie ihm plötzlich die Hand, sah mit feuchten Augen zu ihm auf
und sagte: »Ich danke Ihnen!«
Das kam so überraschend für ihn, daß er im ersten Augenblick nicht
wußte, was er sagen sollte. Und da löste sie schon ihre Hand aus der
seinen und ging, um die Schatulle in die Hütte zu tragen. Als sie ins
Freie trat, hatte sie einen grob geflochtenen Basthut aufgenommen,
dessen breite Krempe ihr Gesicht überschattete. Sie versperrte die
Hüttentür, und ehe sie den Garten verließ, nickte sie noch einen Gruß zu
Ettingen hinüber. Während sie langsam zwischen den Büschen gegen den See
hinunterstieg, kam Praxmaler von der anderen Seite auf den Garten
zugegangen.
Ettingen war an den Zaun getreten und sah dem Mädchen nach. Er fühlte
sich von dieser Begegnung tief ergriffen. Was hatte ihn nur so sehr
bewegt? Der stille, schöne Reiz dieses Ortes? Oder die Erscheinung
dieses Mädchens, ihre freie, ruhige Art, sich zu geben und zu sprechen?
Oder der Einblick, den er in das wunderliche Schicksal ihres Vaters
gewonnen hatte, dieses weltflüchtigen Künstlers, der alle Dinge anders
sah, als die Menschen sie zu sehen pflegen? Und wie mußte diese Tochter
ihn geliebt haben, wie mußte auch jetzt noch der Gedanke an ihn ihr
ganzes Leben füllen, da sie es wie ein kostbares Geschenk betrachtete,
daß sie eine Stunde von ihm hatte sprechen dürfen! »Ich danke Ihnen!«
Wie gut ihm dieses Wort gefiel! Es war ein Wort, das so tief blicken
ließ, wie der klare See dort unten. Was ihr Vater auch als Künstler aus
seiner träumerischen Seele herausgebildet haben mochte -- er hatte sicher
der Welt kein edleres Werk seines Blutes und Geistes hinterlassen als
dieses junge, schöne Menschenkind mit seiner freien und furchtlosen
Lebensruhe, mit seinem tiefen, reinen Gefühl und seinem guten Denken.
Da weckte ihn die Stimme des Jägers. »Grüß Gott, Herr Fürst! A bißl lang
hat's dauert, gelt? Aber der Tag wird heiß, da hab ich den Hirsch net
liegen lassen können. Drum bin ich gleich ummi gsprungen auf d' Sebenalm
und hab a paar Leut auftrieben, die den Hirsch heut noch aussi liefern
ins Jagdhaus.« Pepperl hatte den Garten erreicht und schwang sich über
den Zaun. »Gleich hab ich mir denkt, daß ich Ihnen da im Gartl von der
Fräuln Petri find.« Er guckte zur Hütte hinüber. »Schad! Sie muß net
daheim sein, 's Hüttl is gsperrt. Aber gelten S', schön is daherin! So a
Platzerl findt man net leicht in der Welt. Dös hat er verstanden, ihr
Vater!«
»Sie haben ihn gekannt?«
»Den Maler-Emmerle? Freilich hab ich den kennt!«
»^Wie^ sagten Sie, daß er hieß?«
»Emmerich Petri hat er gheißen. Aber d' Leut haben allweil gsagt: der
Maler-Emmerle. In der ersten Zeit, wie er von der Münchnerstadt kommen
is und hat sich in der Leutasch dös Häusl kauft, da haben d' Leut a bißl
glacht über seine gspaßigen Sachen. Aber spater haben s' ihn gern mögen.
Er is aber auch a lieber, guter Mann gwesen.«
»Er war ein Künstler?«
»A Künstler? Ah na! Gott bewahr! Der is schon was Bessers gwesen!«
beteuerte Pepperl, der nach ländlicher Anschauung unter »Kienschtler«
nur die »Seiltanzler« und »Komödispieler« verstand. »Wissen S', a
Taferlmaler is er gwesen. A Marterl hat keiner net schöner malen können
als wie der Herr Petri. Und die Heiligen, die er an d' Häuser hingmalen
hat, die schauen nobel aus. Für ihm selber hat er diemal auch so Bildln
gmalen, kleine und endsgroße.«
»Sie haben solche Bilder von ihm gesehen?«
»Aber freilich! Hängen ja draußten in seim Häusl alle Stuben voll. Herr
Fürst, dö Bildln müssen S' Ihnen amal anschauen!« Pepperl kicherte. »Was
da für narrische Sachen dabei sind! Am liebsten hat er allweil die
jungen Buben gmalen, und völlig nacket -- aber bloß in der oberen Hälft.
Statt die menschlichen Füß hat er ihnen Geißbockhaxln hingmalen. Und
Rösser hat er gmalen mit Mannsbilderköpf. Und Tigerkatzen mit
Frauenzimmergsichter. Und Weibsbilder mit Karpfenschwanzln statt die
Füß. Und lauter so verruckte Gschichten!« Pepperl schüttelte sich vor
Lachen. »Gleich hinwerden könnt man vor lauter Gaudi, wann man so was
anschaut!«
Auch Ettingen lächelte. Zentauren, Faune, Tritonen und Sphinxe -- und dazu
der Kunstverstand des guten Praxmaler-Pepperl: in diesem Kontrast lag
eine Komik, der auch die ernste Stimmung Ettingens nicht zu widerstehen
vermochte. Aber es widerstrebte ihm, noch weitere Fragen zu stellen.
Schweigend trat er zum Tisch, warf die schon welk gewordenen Steinrosen
über den Zaun und schmückte seinen Hut mit der Edelrose, die ihm Lolo
Petri gereicht hatte.
Praxmaler riß die blauen Augen auf, als hätte er etwas Unerhörtes
erlebt. »Aber Duhrlaucht! Mar und Joseph! Dö Blümeln, dö S' da
wegwerfen -- dös is ja der Bruch für'n Hirsch!«
»Dieser Zweig gefällt mir besser.«
Pepperl schwieg; doch er schüttelte die Kreuzerschneckerln und sah
seinen Herrn von der Seite an. Daß es einen blühenden Zweig auf Erden
geben konnte, der einem Jäger besser gefiel als der grüne Bruch für
einen Vierzehnender? Das war für den Praxmaler-Pepperl etwas
Unverständliches.
Ettingen setzte den Hut auf und griff nach dem Bergstock.
Da sagte der Jäger, als hätten seine Gedanken eine jähe Wendung gemacht:
»Ja, schauen wir, daß wir heimkommen. Der Herr Kammerdiener wird eh
schon auf der Paß liegen!«
Sie gingen zum Zauntürchen. Lächelnd blickte Ettingen noch einmal über
die blühenden Beete hin und empor zu den stillgewordenen Wipfeln des
Harfenbaumes, die mit umleuchtetem Grün hinaufstiegen in das reine Blau
des Himmels.
»Welch ein schöner Morgen! Wie diese Luft sich atmet! Wie leicht und
froh man sich fühlt! Als ginge man einer großen Freude entgegen!«
Pepperl seufzte. Denn er -- in seinem verantwortungsvollen Herzen war der
Gedanke an das »unbetreute dumme Gansl« wach geworden -- er ging einer
schweren Sorge entgegen.
Während sie auf schmalem Pfad über das Latschenfeld hinunterstiegen,
fuhr Praxmaler plötzlich aus seinen Gedanken auf: »Was is denn dös
gwesen jetzt?« Er spähte über die Latschen hin.
»Was haben Sie?« fragte Ettingen.
»Gwesen is mir, als hätt ich was ghört in die Latschen drin. Ich muß
mich aber täuscht haben. Es rührt sich nix mehr.«
Sie schritten weiter und verschwanden im Schatten des nahen Waldes.
Als ihre Schritte verhallt waren, tauchte aus den Latschen das bleiche
Gesicht Mazeggers auf. Eine Weile stand der Jäger unbeweglich und spähte
mit funkelnden Augen gegen den Wald hinunter. In hartem Lächeln preßte
er die schmalen blutlosen Lippen zusammen. Dann wand er sich durch die
lichten Büsche auf den Pfad heraus. Hier legte er Büchse und Bergstock
ab, kniete auf den Boden nieder und holte mit zitternder Vorsicht aus
seinem Rucksack ein blühendes Edelweißstöcklein hervor, dessen Erdballen
mit einem Taschentuch umbunden war. Er entfernte das Tuch, kniff mit den
Nägeln ein paar welk gewordene Blätter fort, schöpfte mit der Hand von
dem Wasser, das neben dem Pfad in dünnem Faden sickerte, und besprengte
den dürr gewordenen Wurzelballen und die erst halb entwickelten
weißgrünen Blütensterne. In Unruh und dennoch geduldig wartete er fast
eine halbe Stunde, bis sich die schmachtenden Pflänzchen wieder erholt
hatten und frisch erschienen. Dann erhob er sich und stieg zum See
hinunter. Als er den Waldsaum erreichte, schlug ihm brennende Röte über
das bleiche Gesicht. Hastig lehnte er Bergstock und Büchse an einen
Baum.
Am Ufer einer seicht verlaufenden Seebucht saß Lolo Petri auf einem
Stein. Vor ihr stand eine leichte Feldstaffelei mit kleiner Leinwand,
deren frische Farben eine begonnene Studie zeigten: ein Stück des Ufers
mit dem Spiegelbild der überhängenden Blumen und einem halb versunkenen
Wurzelstock. Die Skizze war nur erst in den Grundtönen angelegt, und
dennoch verriet sie schon, mit welcher Treue die klaren ruhigen
Mädchenaugen alle Farben der Natur zu erfassen wußten. Aber sie schien
mit ihren Gedanken nicht bei der Arbeit zu sein. Der Arm mit der Palette
hing lose nieder, und während sie lächelte wie in freundlichem Erinnern,
glitt ihr Blick über den stillen See.
Da weckte sie der Schritt des Jägers. Als sie Mazegger erkannte, glitt
ein Schatten des Unbehagens über ihr Gesicht. Doch als er sie mit seiner
rauhen, erregten Stimme grüßte, dankte sie ruhig. Dann nahm sie die
Arbeit auf, als wäre sie allein.
Er stand hinter ihr und umklammerte mit der Hand so fest den
Wurzelballen der kleinen Pflanze, daß die Erde zu Boden bröselte.
»Schauen Sie doch her, Fräulein, was ich Ihnen gebracht hab!«
Sie hob das Gesicht, und der Anblick der seltenen Pflanze schien ihr
Freude zu machen. »Ein Edelweiß! Wo haben Sie das gefunden?« Schon
wollte sie die Blume nehmen. Da begegnete ihr Blick seinen heißen Augen.
Sie zog die Hand zurück. »Ich danke für Ihren guten Willen, Mazegger,
aber ich kann diese Blume nicht nehmen.«
Aus dem Gesicht des Jägers war alles Blut gewichen. »Nicht nehmen? So?
Und warum nicht?«
»Weil -- weil die Pflanze in der Blütezeit ausgegraben ist und verwelken
muß. Sie gewöhnt sich nicht mehr an neuen Boden.«
»Das ist eine Ausred! Vorige Woche hat Ihnen der Förster ein Edelweiß
gebracht. Das hat doch auch schon geblüht. Warum soll das meinige nicht
fortkommen? Oder wollen Sie es nur nicht nehmen, weil es von mir ist?«
Sie schwieg und mischte auf der Palette eine Farbe.
»Fräulein?« Die Stimme des Jägers zitterte. »Ich bin um das Blüml einen
harten Weg gestiegen. Schauen S' hinauf zur Tejawand! Von da droben hab
ich's heruntergeholt. Weil ich gemeint hab, das Blüml macht Ihnen Freud.
Jetzt frag ich in allem Ernst: wollen Sie das Edelweiß nehmen?«
»Nein!« erwiderte sie ruhig.
Mit ersticktem Fluch zerquetschte er die Pflanze in der Faust und
schleuderte sie weit in den See hinaus.
Da sah sie zu ihm auf. Dann rückte sie die Staffelei beiseite, um das
Motiv, das sie begonnen hatte, breiter überschauen zu können.
Mit geballten Fäusten stand er hinter ihr und wartete, als müßte sie ihm
noch ein Wort zu sagen haben. »Also wirklich?« unterbrach er die Stille
mit heiseren Worten. »Das einzige kurze Wörtl ist alles gewesen? Alles
für mich?«
Sie schwieg und setzte die gemischte Farbe mit sicheren Pinselstrichen
auf die Leinwand.
»Und vor den anderen hat man sich hinstellen können eine geschlagene
Stund, daß ein End schier nicht zu erleben war?«
Sie schien nicht zu hören, was er sagte.
»Aber der! Natürlich! Der ist halt was Feineres als unsereiner! Ein
Fürst! Da rentiert sich's freilich, daß man 's Göscherl aufmacht!
Aaaah! So ein gnädiger Herr Fürst!«