Schweigend dankte sie, wohl freundlich, aber doch nicht anders, als man
auf der Straße den höflichen Gruß eines Fremden erwidert.
»Wollen Sie einem müden Sterblichen erlauben, daß er Ihren blühenden
Zaubergarten betritt, um eine Minute zu rasten? Dort, unter Ihrem
singenden Baum?«
Eine Furche lag zwischen ihren Brauen. Hatte ihr seine Frage wie Spott
geklungen? Oder wie die Redensart eines Zudringlichen? Doch als ihr Auge
dem seinen begegnete, lächelte sie und sagte ruhig: »Treten Sie nur ein!
Das Türchen hat keinen Riegel. Man sieht Ihnen an, daß Sie heute schon
einen Weg hinter sich haben, der Ihnen warm gemacht hat. Dort bei der
Zirbe finden Sie eine Bank. Die hat Schatten.«
Während sie das sagte, ging sie auf die Hütte zu. Nun stellte sie die
Kanne nieder und verschwand in der Tür.
Welch einen linden Klang ihre Stimme hatte!
Ettingen umschritt die Fichtenhecke und betrat den Garten. Gerne hätte
er einen Blick in das Innere der Hütte geworfen, aber die Tür war
zugelehnt. Einem der weißen Kieswege folgend, ging er auf die Zirbe zu,
in deren Schatten er einen schwer gezimmerten Holztisch fand und eine
aus bizarr gewachsenen Latschenzweigen geformte Bank, deren Holz unter
dem Schnee vieler Winter schon völlig schwarz geworden war.
An diesem Tische mußte schon manch ein müder Wanderer gerastet haben;
zahlreiche Buchstaben, ganze und halbe Namen, Jahreszahlen und
absonderliche Zeichen waren in die morsche Tischplatte eingeschnitten.
Auch der Stamm des Harfenbaumes war bedeckt mit solchen Zeichen, alten
und neuen, unter denen eine Reihe von Einschnitten, die in der Mitte des
Baumes regelmäßig übereinander angebracht waren, eine Art von
Hausherrenrecht auf dieser Rinde zu beanspruchen schien. Da stand zu
oberst in der Reihe: »_Lolo, aetatis suae XIV -- Papa, aetatis suae
XLV_« -- dabei eine Jahreszahl, und diese Zeichen waren umzogen von einer
tiefeingeschnittenen Herzlinie mit einer Flamme. Diese Inschrift war
sieben Jahre alt, die Schnitte begannen schon in der Rinde zu vernarben.
Darunter standen noch, ersichtlich von der gleichen Hand geschnitten,
die Zahlen von fünf aufeinanderfolgenden Jahren, und die letzte dieser
Zeilen -- sie schimmerte noch weiß im Holz und hatte erst einen einzigen
Winter überstanden -- war umgeben von einem Kränzlein frischer Alpenrosen.
Das berührte, als hätte die Spenderin dieser Blumen sagen wollen: »Du
letztes Jahr! Wie warst du schön! Ich werde dich nie vergessen! Nie!«
Von seltsamer Stimmung umfangen, betrachtete Ettingen die Zeichen und
Blumen, während der Wind durch die buschigen Zweige der Zirbe strich und
leis die melodischen Glockenstimmchen tönen machte.
»Lolo? Ob das ^ihr^ Name ist?« Dann hatte ihr Vater dieses kleine
Paradies geschaffen, hier in der einsamen, friedlichen Wildnis der
Berge? Und mit ihrem Vater lebte sie hier? Sieben Sommer? Sieben schöne
Sommer, so schön und reich, daß ihre Freude sich in die Rinde dieses
Baumes grub, um ein Zeichen der Dauer zu haben? Und weshalb war dieses
jüngste Jahr noch nicht eingeschnitten? Zählte es nicht mehr? War die
Hand erkaltet, welche die anderen Zeichen eingegraben? Hatte sie den
Vater verloren im vergangenen Jahr? Deshalb diese Blumen um die letzte
Zahl?
Da weckte ihn ein leises Klirren aus seinen Gedanken.
Drüben, beim Blockhaus, ging das Mädchen langsam an der Holzwand
entlang, um den Efeu zu begießen.
Ettingen hatte überhört, daß sie aus der Hütte getreten war. Nun trug
sie die Haare aufgesteckt, nur lose über dem Scheitel zu einem Knoten
geschlungen. Das stand ihr noch besser zu Gesicht als das offene
ungezügelte Gelock. Wie der Knoten die Fülle des Haares nicht bändigen
wollte, wie die kleinen widerspenstigen Ringeln sich lösten und bei
jedem Schritt um Stirn und Schläfen zitterten gleich zartem
Goldgespinst, wie fein das anzusehen war!
Sie hatte die letzten Wassertropfen über den Efeu gesprengt und stellte
die Kanne nieder, um einige der langen Grasschmelen zu brechen, die bei
der Hecke wuchsen. Achtsam zog sie die zarten Halme durch die Finger, um
sie geschmeidig zu machen, und begann mit ihnen die herabhängenden
Efeuranken an der Hüttenwand anzubinden.
»Wie gut Sie das verstehen!« sagte Ettingen. »Als ob Sie eine gelernte
Gärtnerin wären!«
»Ach nein! Meine Gärtnerkünste sind recht bescheiden. Daheim, in unserem
Gemüsegärtchen, ist mir die Mutter über. Aber hier, was der kleine
Garten da verlangt, das hab ich gelernt in sieben Jahren. Das versteh
ich.« So plauderte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Sehr viel
Mühe verlangen diese Beete nicht. Das sind keine verzärtelten
Gartenpflänzchen. Das sind kräftige, dauerhafte Bergblumen. Nur der
Efeu -- den haben wir aus dem tieferen Walde heraufgebracht, und drum hält
er im Hochsommer die Hitze nicht gut aus und will immer Wasser haben.
Anfangs glaubten wir nicht, daß er durchzubringen wäre. Erst seit drei
Jahren ist er so kräftig in die Höhe gegangen und hat die großen vollen
Blätter bekommen, deren saftiges Grün mit dem rötlichen Holzton der
Balken so warm zusammenstimmt.«
Sie trat ein paar Schritte zurück, wie um die Harmonie dieser
leuchtenden Farben besser genießen zu können.
»Sie sind Künstlerin, Fräulein?«
»Ich? Künstlerin?« sagte sie fast erschrocken. Sie schüttelte den Kopf.
Und schweigend nahm sie die Arbeit wieder auf.
Ettingen saß zu entfernt, um sehen zu können, daß ihre Hände zitterten.
»Verzeihen Sie meine Frage! Sie kam mir so, weil Ihre letzten Worte mich
an die Sprache erinnerten, die ich manchmal von Malern habe reden hören.
Und weil mir der erste Eindruck, den dieser entzückende Fleck Erde mit
seiner blühenden Schönheit auf mich machte, den Gedanken eingab: das
kann nur ein Künstler geschaffen haben!«
Der Ernst ihrer Züge wandelte sich in ein stilles Lächeln. Und so leise,
daß Ettingen es kaum noch hören konnte, fragte sie: »Weshalb glauben Sie
das?«
»Der wunderbare Baum! Steht er nicht schon ein paar hundert Jahre hier?
Und der schöne Bergsee da drunten hat wohl im Laufe der Zeiten schon
viele Besucher aus dem Tale heraufgelockt. Mancher von ihnen mag diesen
Baum gefunden haben. Und blieb eine Minute stehen, betrachtete den Baum
und schüttelte den Kopf und dachte: Merkwürdig, was für sonderbare Bäume
wachsen! Aber dann kam einmal ein anderer, keiner mit Alltagsgedanken
unter der Stirn, einer mit träumerischer Künstlerseele, die sich von der
Natur um so inniger angezogen fühlt, je unbehaglicher ihr der Lärm des
Marktes ist. Der sah den Baum. Und da muß er in seiner bilderschauenden
Art doch gleich gedacht haben: Wie eine Harfe! Und diesen Gedanken spann
er fort: Eine Harfe soll tönen, ich will ihr Stimme geben! Vielleicht
war es zuerst nur eine heitere, naive Künstlerlaune, welche die sieben
Glocken dort hinaufhängte in die Wipfel. Dann aber, als er hier im
Schatten saß, an einem Tag wie heute, als über ihm die Zweige der grünen
Harfe rauschten und die Glocken klangen -- wieviel schöne, reine
Künstlerträume mögen da in seinem Herzen erwacht sein, schnell reifend
in der Stille, die ihn umgab, ins Große wachsend beim Anblick der
Steinriesen dort oben, beim Anblick dieser herrlichen Natur. Wie
selbstverständlich, daß er denken mußte: Hier möchte ich bleiben, hier
träumen und schaffen, hier wohnen, nur mir gehören und die Welt
vergessen! So baute er sich diese Hütte. Und da gefiel ihm der kahle
Grund nicht mehr, auf dem sie stand. Er hatte Augen, die nach Farbe
dürsteten, und muß wohl ein Freund der wilden Bergblumen gewesen sein.
So begann er den Schmuck dieser Beete zu sammeln ...«
»Nein, das ^kann^ man nicht so erraten!« unterbrach sie ihn
plötzlich. Mit der einen Hand sich an die Hüttenwand stützend, stand
sie in der leuchtenden Sonne und sah zu ihm hinüber mit einem Blick,
dessen Glanz ihm verriet, daß seine Worte ihr Freude bereitet hatten.
»Jemand muß Ihnen das erzählt haben! Draußen in der Leutasch? Oder
einer von den Jägern? Die haben meinen Vater gekannt. Sagen Sie mir,
wer hat Ihnen das erzählt?«
»Niemand, Fräulein! Das hab ich mir so gedacht, vorhin, als ich da
draußen stand und über den Zaun hereinschaute in dieses blühende Idyll.
Und wirklich? Ich habe erraten, wie es war?«
»Ja! So war es!« Langsam kam sie einige Schritte näher. Ihre Augen
glitten über die Wände der Hütte, über die Blumen hin und hinauf zu den
Wipfeln des klingenden Baumes. »So war es! So hat mein Vater den Baum
gefunden. So hat er die Hütte gebaut. Aber das mit den Glocken, nein,
das haben Sie nicht erraten. Das war keine Spielerei, keine
Künstlerlaune. Das war eine Freude, die seine Liebe sich ausdachte -- für
mich. Ich war damals noch ein Kind. Aber der Baum ist mir heute noch
lieber als damals. Wenn er so klingt wie jetzt -- das erzählt mir.«
Sie verstummte. Wie schön sie war! Und wieviel rührend Kindliches redete
aus der still versunkenen Art, mit der sie regungslos zwischen den
blühenden Blumen stand und verträumt hinaufblickte zu den leis
klingenden Wipfeln.
Langsam strich sie mit der Hand über die Stirn. Dann nickte sie. »Aber
alles andere? Ja! Wie gut Sie das erraten haben! Daß dieser Platz ihm
lieb war wie kein anderer auf der Welt -- weil es hier so schön ist, so
weit von den Menschen. Und wie gerne er hier immer saß und träumte! Das
Beste, was er schuf, hat er hier gefunden. Und er war ein Künstler. Wenn
das auch nur wenige gewußt haben. Er ^war^ ein Künstler.«
Wie sie das sagte! Ein Frommer, in dessen Seele der Gottesglaube
eingewachsen ist mit tausend Wurzeln, kann nicht anders sagen: »Ich
glaube an Gott, und daß er gut ist und groß!«
Sie hatte sich gebückt und eine der süßduftenden Brunellen gebrochen,
die sie wie küssend mit den Lippen streifte.
»Wie gut erst müßten Sie von ihm denken, wenn Sie sehen könnten, was
er geschaffen hat. Ich glaube, Sie hätten ihn verstanden. Sein Bestes
war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten
wußte. Das hätten Sie ihm nachempfunden. Sie lieben die Natur und
verstehen sie. Das hab ich Ihnen angesehen, schon neulich, als ich Sie
da draußen traf, im Tillfußer Wald. Da hab ich mir gleich gedacht: Der
weiß, was es da zu sehen und zu hören gibt. Sie werden sich meiner
nicht mehr erinnern, ich bin nur so an Ihnen vorbeigeritten. Aber ich
--« Sie lächelte und schob die Blume in ihr Haar. »Ich habe Sie gleich
wiedererkannt, als ich Sie heute dort unten sitzen sah, am See -- auch
wieder an einem Platz, der nicht jedem gefällt, nur einem, der das
Schauen liebhat und das stille Vorsichhindenken. Nicht wahr, es ist
schön da drunten? Diese Farben im Wasser! Wenn es manchmal so glitzert
auf dem Grund, man weiß nicht, war es ein Widerschein der Sonne oder
ein weißes Steinchen, das sich bewegte, oder ein spielender Fisch -- da
denkt man so mancherlei, oft etwas Törichtes, ganz Unmögliches, aber es
ist ^doch^ schön! Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht
nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig
hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden -- wie arm ist ein
solcher Mensch in seiner Seele!«
Ettingen nickte nur. Er schien sich anderes nicht zu wünschen, als sie
immer anzusehen, wie sie so ruhig in der Sonne stand, und ihr immer zu
lauschen, wie sie so still und lächelnd vor sich hinplauderte, als
spräche sie gar nicht mit ihm, nur mit sich selbst.
»Mir geht es immer so!« plauderte sie weiter. »Wenn ich in einer
nachdenklichen Stunde vergessen kann, daß meine Füße auf Stein und Rasen
stehen, wenn ich meine Träume lebendig werden sehe, als hätten sie
Fleisch und Blut, und wenn ich beinahe körperlich empfinde, daß meine
Gedanken mich emporheben über die Erde, dann bin ich immer am
glücklichsten und fühle am tiefsten, daß ich lebe.«
Da klang vom Gehänge des nahen Latschenfeldes herauf der helle Jauchzer
einer Knabenstimme.
Sie antwortete mit einem Jodelruf und wandte sich lächelnd zu Ettingen:
»Da kommt mein kleiner Küchenbote, der für mich sorgt, wie der biblische
Rabe für den Elias.« Während sie auf das Gartentürchen zuschritt,
blickte sie über die sonnigen Berge hin. »Ein Tag ist das heute! Ein
Tag!«