Sie wehrte: »Sei gescheit.«

»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und

küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt

einen Kuß.«

Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber

setz dich, es wird ja alles kalt.«

Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten

und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute

sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den

Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann.

Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte

noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die

letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst

auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten

auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte

die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr

brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können.

Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie

ausgezeichnet repariert.

»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt,

Nähmaschinen reparieren?«

»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt

hat, er hat zu allem Talent.«

Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das

man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in

Grübeleien.

»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.«

Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen

Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu

wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten

blonden Schopf.

»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte

mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die

Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte,

wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte

sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb

darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete

er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er

sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm

verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu

merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel

länger.

»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das

kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas

Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.

»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt

hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der

Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der

Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt

... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen

Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als

nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz

ruhig.«

Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise

schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber,

und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet

wurde, und nun auch die Zimmertür.

»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo

ist der Bub?«

* * * * *

Er war in schlechter Laune.

In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten

eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte

sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen

Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener

Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich

herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In

Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis

zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen

Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner

zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!

»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.«

Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein

zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und

was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren

Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus

werden würde.

Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen

gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg

war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter

Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach

gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein

»Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie.

Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen

brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr

zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst

angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch

nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter.

Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach

ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach

ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von

Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war

Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer

sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven

versteckt, nachahmte.

»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl

hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand?

Aufmachen die Hand!«

Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam

ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung

kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt

da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist.

Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die

Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die

Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit

dem Quark!«

Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des

Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall

flog hinaus.

Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen:

»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es

mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um

seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und

sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und

schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch

flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er

nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das

weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing.

»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte

nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden

erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken.

Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen.

Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer

unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache,

törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu

einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster

Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf

ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden.

Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut

über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich

im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt

freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie

ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild.

Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus

und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine

nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand

eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der

Frage:

»Sind die Aufgaben gemacht?«

»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen

ist Sonntag ...«

»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus

Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen:

Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte:

Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von

alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?«

Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam

durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es

am nächsten Morgen wörtlich.«

»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden.

»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte

das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!«

Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich

denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm

ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das

wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine

Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen.

So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben

Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...«

* * * * *

An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen

Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die

Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind

trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren

gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen.

Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im

Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's

Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle,

Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne

noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine

Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im

Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?«

antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen

und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und

rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus,

was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in

Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem

Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht

ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes

gelegt werden könnten.

Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen.

»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr

neuerdings Verschwendung vorwarf.

Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der

ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden

mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte

gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau

fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten

Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den

Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte,

was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger

Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne

jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei,

sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie

die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den

ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein

scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der

erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen --

gestand.

Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her,

damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte,

ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten

Wachsens.

Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben

Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie

ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich

sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und

nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut

angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub

anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den

man aufpäppeln muß?

Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand

gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war

gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können.

Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr

vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine

Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des

Kindes willen.

So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse,

hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater

und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob

die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die

Brust gefallen wäre.

* * * * *

Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte

zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und

mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein

Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide

Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische

sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte,

eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war.

Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel

verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt

freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was

ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer

vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache?

Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen

entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er

der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie

aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer

diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen.

»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein

Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst,

ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit

starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen,

bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in

die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich

macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter,

der Erlöser, der Abgott seines Volkes.«

Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie

mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich

selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein

ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich

damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein

außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein

großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf

den unerschütterlichen Entschluß ...«

Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die

sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der

Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten

Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung

gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte

aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er

begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den

Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung

wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer

häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen

durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten,

sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie

wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie

führte, war der Weg zu ihrem Heile.

Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon

stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des

Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch

bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und

fragte gar zu trübselig:

»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?«

»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich

sein.«

Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch

nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte

der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben

um den halben Preis.

»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die

Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er

siegte in seinem kurzen Seelenkampf.

»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er.

»Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht

mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu

bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.«

Diesen Vorsatz führte er aus.

* * * * *

Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen

und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht

einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging.

»Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und

kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles

aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen

findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender

Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ...

Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit

ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam

ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem

er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse.

Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag

mir's, wie du's machst?«

Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie

von sich schleudern wollte:

»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur

geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht

hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und

legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt

die Freud und werd Primus.«

»Ja, ja, wenn's geht!«

»Wenn's geht?«

»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.«

»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht

und wird, wie ich's haben will -- grad so!«

»Wie du's haben willst?«

»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer

Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du

möchtest nur; ich kann, was ich mag.«

Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch

brach ihm die Stimme ...

Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem

gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben,

mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand

Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand

berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem,

steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen

Zweig, den nährenden Halm entringen ließ.

Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so

bettelhaft wenig?

Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund.

»Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu

der Gruppe der Rinder.«

Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und

packte ihn an der Gurgel.

Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen,

und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an

dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den

vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu

sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich

zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich

unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und

hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete

Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er

hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich

seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem

die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um

früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die

Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles

still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei

Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines

jüngsten Erlebnisses heraus:

»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!«

* * * * *

Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung

herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er

hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich

genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen

Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am

Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die

Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden

sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem

Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen

aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich

dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen,

ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter

Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur

Schau getragenes Mißtrauen.

»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder!

man muß sich vor ihm in acht nehmen.«

Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des

Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der

unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm

vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben

bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit,

was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken

seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes

kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein

heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg

erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand

Einlaß bei ihnen begehrte.

»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in

eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er

der Frau.

Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein

zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als

Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann

da und fragte:

»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?«

Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor

oder gar der Herr Oberinspektor?

»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.«

Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und

ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen

Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber

nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie

die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte

nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen:

»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?«

Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch

zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören.

»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in

erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.«

Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen.

War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen

pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der

Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte

Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders

borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht.

Ich kann was vertragen,« sagte er.

Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger

nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und

krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und

prüfend:

»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und

flehentlich.

O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen

Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit

ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den

Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren.

Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte

es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine

Gnaden annehmen sollst?«

Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde

ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf

dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag

Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich

mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher

erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,«

wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn

angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und

mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte

Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen

noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.«

»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von

seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte.

»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir

gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel

gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.«

Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war

betroffen.

»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte:

»Es ist wahr.«

»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm

nach der Küchentür.

Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern

und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg

hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs,

und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln

herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir

geschehen?«

* * * * *

In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte

seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für

einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert

worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der

ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte.

»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte

die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als

er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert

worden war.

Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die

Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große,

breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner

ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines

Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die

Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht

eingestehen wollte, schwieg er.

»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne

Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in

unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich

Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden

hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.«

Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter

gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine

Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich

tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran,

öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte:

»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit

so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme

Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte.

Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen

großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster

Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich

an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn

ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in

unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war

mit seinen Aufgaben:

»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er.

»Noch nicht.«

»Merkwürdig. So spät?«

»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.«

»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?«

»Ich weiß nicht, vielleicht.«

»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine

Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?«

»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos.

»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!«

»Ich bin nicht faul, Vater.«

Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war

heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu

widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht?

Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer

gewünscht?

Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem

Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!«

»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul,

behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in

ihn.

»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als

ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden

bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte

hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder

'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert'

haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht

weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und

wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum

erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber.

»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in

pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme,

bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein

'Genügend' ...«

Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles

in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte

wieder:

Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen

Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule

kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben!

»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die

Lehr.«

»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg

außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich

werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot

verdienen ...«

»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren

Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen:

»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern

orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern

werfen.«

Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden.

Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des

Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal

mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!«

»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser,

wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich

nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um

seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre

er schon draußen -- wäre er tot!

Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden

Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm

das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das

Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften

unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß

seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür

zuschlagen, daß sie dröhnte.

Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig,

nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und

bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen

und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr

Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber

glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein,

sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der

blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten

gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte.

Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer

nicht fort.

»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und

sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen.

»Du bist selbst traurig,« antwortete er.

»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.«

»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die

Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann

sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück,

und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf

derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte.

»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf

zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was

vergessen?«

»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den

Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit.

* * * * *

In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer

Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte.

»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden

und warst nicht da.«

»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe,

aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte

und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte

-- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte,

die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen

... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern

ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von

merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein

schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine

Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr

Professor, der einen Vortrag hält.

Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute

nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte

sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war,

heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach,

war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der

Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen

Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn

er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der

Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte:

»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte

Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige

Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.«

Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu

beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn

sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes

Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein.

Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht

nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von

Konradin.«

O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß

sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio

... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ...

Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn

aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand,

daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei

Trost?«

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte · 第 20 / 23 题