Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar
Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald
auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab.
Georg überlegte: »Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir
eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in
fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall
bezahlen.«
Salomon war sehr ungläubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein
Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu können, es aber
nie weiter gebracht als bis zu acht, höchstens zu zehn Heller. Dann war
er plötzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein
ganzes Geld auf einmal ausgegeben, für eine besonders lockende Brezel.
Beim Bäcker an der Ecke bekam man so köstliche! Er hatte auch schon
seinen kleinen Besitz an Kupfermünzen Ärmeren, als er selbst war,
geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fähigkeit des
»jungen Herrn«, etwas zurückzulegen. Dennoch erfüllte er ihm seinen
Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu
behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Töne
entlocken.
Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon
hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstücke in die Hand gezählt und die
Nachtigall in Empfang genommen.
Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war »dreingegangen«. Das kleine
Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit
bewunderungswürdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrämer seine
Kunst ab.
»Was ein Talent zur Musik! Ich hab müssen lernen drei Tag, bis ich hab
spielen gekonnt. Sie können gleich spielen, besser als ich.«
Georg erwiderte glückselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so
leicht wäre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem
Griechischen auch so ginge!
In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: »Mir möchte leicht
sein das Studieren,« sprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig
aus.
* * * * *
Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners
zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln
Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte,
rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft
beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den
der Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch
immer auf des Vaters grimmig wiederholtes »Bist fertig?« nicht mit ja
antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die
Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie
manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit
großer, sanfter Liebe.
Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz
gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen
lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und
hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm
ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst
abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt
haben: »Du mußt dem Vater das Ding zeigen, du weißt ja, er mag
Spielereien nicht.« Und wenn Georg auch geantwortet hätte: »Es ist keine
Spielerei, es ist ein Instrument,« würde sie doch dabei geblieben sein:
»Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben.« So
hatte sie es immer gehalten ... bis heute.
Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn
der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch
gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal
hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum
feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie
ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven Instrumentchen. Frau
Walcher und ihre Söhne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm
manchmal ein zustimmendes: »Nicht übel« gespendet. Aber bald war ihm
seine Freude verdorben worden.
»Laß die Dummheiten -- lern!« hatte es bald geheißen. An dem geringsten
Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld
getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer
zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und
deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche.
Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter
seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine
Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte
ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen
ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes
schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin.
Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten,
berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen
Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu
erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare
Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott
im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf
... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt,
steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim
Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der
Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und
Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er
darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich
eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht
genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das
mußte wohl etwas zu bedeuten haben.
Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten
nicht sähen.
* * * * *
Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren,
allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit
lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher
besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als
früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er
sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte
sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht
und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben.
Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches
Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus
dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert
hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es
schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die
Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast
reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den
Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem
Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um
jeden Preis besser genährt werden als bisher.
Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz
angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint
immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So
ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen
muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich
sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend
Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch
aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den
Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.«
»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung
ausgerufen.
Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber«
und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend
sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet
vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst
den Kindern auf die Nerven.«
Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den
Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem
Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur
geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als
einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung
zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an
hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm
vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu
sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden
höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn
ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er
sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete
Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht
errungen, sollte sein Sohn erringen.
Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur
mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt,
es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er
und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus
absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den
ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen
umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das
sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren
Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen
Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über
alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder
zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen
sah, wetterte er ihn an: »Lern!«
Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie
darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen
Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die
ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die
Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den
Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als
möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen.
Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten
stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der
Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem
Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren
hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der
Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der
Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei
Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem
er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen
Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz
Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis
zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des
Inspektors.
Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum
gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat
seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte
ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind
mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte,
»aber nicht um einen Heller Fleiß.«
* * * * *
Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein
Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom
Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg
schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der
Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen,
und wen noch, und wie ist's gegangen?«
»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder
sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.«
Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts
an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva,
dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von
einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und
anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu
Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad.
»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich:
»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das
danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's
meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu
machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf
alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen,
kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber
erschieß ich mich!«
Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines
Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und
dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch
sprach von Selbstmord?
»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord
ist eine Todsünde und eine Feigheit.«
»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und
alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie
einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit
Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und
bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen.
Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder
Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon
erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen
beantworten würde.
O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den
schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo
keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren,
heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man
das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die
schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können,
bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der
Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit
unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn.
Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau
wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten
unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn
der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der
Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe
Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit
zu lauterem Frohmut.
Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem
Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger
Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen
verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in
die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der
Nachtigall.
* * * * *
Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich
umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben.
Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben
für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte,
tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und
freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten
als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß;
Frau Walcher hatte ihn gebracht.
Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute
Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch
vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?«
Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche
gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete
nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst
lernen.«
»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten
Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf
machte.
»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.«
»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme.