»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst --
welche Klasse haben Sie verdient?«
Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei
ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet
das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte.
Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam
die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein,
der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg
schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen
dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem
oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner
hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur,
der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm
zu:
»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?«
Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte
seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag
aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht
mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese
Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die
schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt
mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater
und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin
schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und
dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das
Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser
Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing
an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so:
»Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es,
tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen
Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen
Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine
Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und
blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde
an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden
meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.«
Ein Opfertod!
An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte
die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein
Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie
ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel
mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur
die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung
zu bringen.
* * * * *
Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf
den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf
brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein
kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen,
nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die
Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er
begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck
bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem
Unüberwindlichen kämpfen zu müssen.
»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an.
Der Hausierer stand vor ihm.
»Du?« sagte er, »du Salomon?«
Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war
elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der
Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen
bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus,
und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des
schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der
verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen
droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen
möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten
Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er
sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den
Warenkasten.
»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja,
wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie
unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später
zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen
Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm
wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann,
daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen
Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr!
junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr:
»Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten
stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen
mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder
abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst
ihn?«
Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine
Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an
einen Brückenpfeiler geschleudert.
Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer
hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe
achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod
gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut
gegen ihn gewesen war.
* * * * *
Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum
Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu
empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für
unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu
erniedrigen.
Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand,
sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn
der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein
Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte.
»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte,
hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß
beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über
ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen
Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht
unbegabt« ...
»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein.
»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch
nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm
verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt.
Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.«
Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also
zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur
mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so
oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer
geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung
in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.
Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn
sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem
Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen,
stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur
gleich mit ihr kommen.
»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?«
Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung.
* * * * *
Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis
bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran.
Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi
hatte heute allen Hochmut abgetan.
Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am
Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun,
während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank.
»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem
Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.«
Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und
seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des
andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der
Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.
»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue.
Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes
mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um
die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die
Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze,
die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte
Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise
zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die
Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende
Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!
Agnes kam leise heran.
Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine
herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere
und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte
ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit
zärtlicher Liebe Abschied genommen.
»Pfanner,« sprach sie.
Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft
von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen
Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen.
Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und
sagte:
»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.«
Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte
sein Gesicht hinein und schluchzte.
Er laßt die Hand küssen.
»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen
zuhören; glauben aber nicht ein Wort.«
Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und
warum nicht?« fragte er.
Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht
überzeugend genug.«
»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine
Muße.«
»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge,
die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches
Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre
Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten
Verehrer abgefeuert.
Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah
die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen
etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher,
mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«
Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine
Räubergeschichte sein.«
»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick
jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein
Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen
Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf
mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort:
»Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte
aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg
trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein
Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was
hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel
Erdbeeren!«
»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt --
in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den
Wald fortgetragen haben wird.«
»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.«
»Und Sie sehen zu?«
»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im
Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die
Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an.
Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer
Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach:
»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer
Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor
meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«
»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.«
»Weil ich recht habe.«
»Weil Sie vollkommen recht haben.«
»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage
zurückzuziehen.«
»Das tun sie nicht.«
»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem
glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all
Ihrer Popularitätshascherei!«
Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem.
»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und
mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei
stände.«
»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt
-- der Glaube an ihn.«
»Torheit!« zürnte die Gräfin.
»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht
bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener
eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs
Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm
eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat
befolgen.«
»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!«
Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann:
»Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben.
Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam
ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher
andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf
ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.«
Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den
Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem
Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!«
»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit
dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn
aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne
mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse
aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im
Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum
Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.«
»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine
Rolle in Ihrer Geschichte?«
Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort:
»Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er
überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah
vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein
Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache
herunterleierte.
»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein
Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so
still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er
noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für
dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten
einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je
nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen.
»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein
Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte
meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft,
ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe
morgen den neuen Dienst anzutreten.
»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder
vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?'
Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...«
»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,«
erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein
vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten
schwämmen in Tränen der Dankbarkeit.
»'Und der Mischka?'
»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein
mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.'
»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen
zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die
Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der
im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben.
-- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht
und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der
Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom
Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr
noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck
aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter
Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige,
der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im
Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine
Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?'
fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka
in dem Krug?'
»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz
wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern,
und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden --
Wasser!'
»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein
zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu.
»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken
wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt
freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's
aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren
versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten
und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester
Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen
Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange
Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so
furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor
entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer
wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ...
aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da
fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und
schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe,
vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte,
weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht
vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte
schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für
die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der
Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen
Schluck!'
»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.
»Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine
Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,
ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene
belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen,
ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den
Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper
hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das
denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden
Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft
ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen
Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu
fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges
Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre
Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen
Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat
aufgelesener Ähren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich
sich an Mischka heran und ließ ihm die Ähre zwischen der Haut und dem
Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den
Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich
wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen
Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch neckend und
immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse
angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe
gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel,
daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern
Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen
hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er,
zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze
samt den Ähren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.
»Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus
einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden,
teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß:
'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein
nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine
ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.'
Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ...
obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht
hat.'
»'Ihres Wissens,' versetzte meine Großmutter, 'das ist auch etwas, Ihr
Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute
alle drei auf dem Felde gesehen.'
»'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt
die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, 'es
wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die
Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'«
Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an
sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei
waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie
denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde
zu berichten?«
»Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß -- ein bißchen
Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar
genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt
haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine
Großmutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine
Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und
fürsorglich für ihre Untertanen sie war, darüber können Sie nach dem
bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch
verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als
gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der
Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei
halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden
können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den
Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein.
Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub
habe an andre Dinge zu denken.
»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in
seine Haut hinein ...«
»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken
wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf.
»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck ich
darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung,
die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und
Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch
nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll
klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr
Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er
ein Ende machen!'«
»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück
und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission,
mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und
freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er laßt die
Hand küssen, er wird ein Ende machen.'«
»Lächerlich!« sagte die Gräfin.
»Höchst lächerlich!« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige
Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter
darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen
zu den großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem
Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab
von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und
Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden,
Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten
einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsre Alten
verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß,
wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen
erscheinen müßte.«
»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind
auf das Land zurückgezogene Armenväter.«
»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde.
Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs
zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner
Geschichte fort:
»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der
Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus
dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade
dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht,
genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten
meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter
zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen
Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom
Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten -- manchmal trafen
sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...«
»Äußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte,
was sie einander gesagt haben.«
»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen
nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens
lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte
die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und
gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen
Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche,
kein andrer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte
es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los
-- von den Herren und, ich fürchte, auch von einigen der Damen
ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht
hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der allgemeinen
Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der
Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer
voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem
Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch
überzeugte er sich des Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine
werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Gräfin
geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch
dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch
einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!'
sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht,
was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen -- warf plötzlich
den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß
verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in
dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt
hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am
Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen
die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hört jetzt
auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch
denn die Tränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?'
»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit
der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen
Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei,
und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem,
und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung
auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war
Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf
den Arm und schritt so neben ihr her.
»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er
denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er
nur so mitgehen kann?'
»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O,
ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht
-- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ...
Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte
und fluchte er abwechselnd.
»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend
geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die
Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte.
Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so
rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr
zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden
geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit
den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn
an dem wehrlosen Geschöpfe aus.
»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des
Schwächeren, des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer
Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler
faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau
aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach
fort!'
»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,
gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie
so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig
verlassen.
»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner,
den der Häusler sogleich als 'gnädiger Herr' ansprach und flehentlich
ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer
Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er
nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner
fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,'
lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.'
»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine
Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war
überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern
versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten
Beschäftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er
kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen
Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein verausgabt, teils für
Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ
-- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien
dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte.
Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine
Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender
Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte
sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens
einmal im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu
sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine
Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.«
»Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig.
»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das
kleine, schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der
Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das
untertänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so
hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal
zuruft: 'Wie geht's?' und in demütigster Freundlichkeit antwortet:
'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug für unsereins, ist
seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was dürfte man
anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du
nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...«
»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?«
»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
Hütte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir
nicht,' schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann
Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich
jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in
den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt
hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen
müssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig
multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte
er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick
plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm
er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal
blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen
Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem
Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu:
'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und stürmte davon. Vierzehn Tage
lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb
verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner
Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen
und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des
sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am
schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte
sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie
befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer
Bestrafung.
»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße
hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die
Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne
durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem
beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden
von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde,
tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich
immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz
deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es
und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod und wankte beim
Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals
geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz
öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige
Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins
Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben
die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem
Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer
neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine
Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka laßt die Hand
küssen. Er ist wieder da.'
»'Wo war er?' fragte meine Großmutter.
»'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals
schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die
Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft
es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner
Geliebten. Ja,' bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen
frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich
gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge
ausgeschlagen.'
»Meine Großmutter fuhr auf: 'Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu
lassen.'
»Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach
einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgräfliche Gnaden werden es aber
nicht tun.'
»'Woher weiß er das?' fragte meine Großmutter mit der strengen
Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde
und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe.
'Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt
nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.'
»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der
Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer
wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte
er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas.
»Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im Anfang
sprach.
»'Fünfzig Stockprügel,' lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch;
'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.'
»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der
Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich
besinnen können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das
Amtshaus gestellt ...«
»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit
unnötigen Details.«
»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste
abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit
den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den
Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum
Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem
allerungünstigsten Momente ließ der Doktor sich anmelden. Er war unter
allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei
ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren,
schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.
»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht
daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau
Gräfin untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über
den Mischka zu sprechen.
»'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe,
ich habe andre Sorgen.'
»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.
»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren
nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören --
Sorgen, für die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und
infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.«
»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
Erzähler entgegnete:
»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches
Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel »*Les
adieux de Chloë*«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst
einstudiert hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im
Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres
Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der
entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim
Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten
Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche
den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund
verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde
sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit
Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant
überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen
Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer
Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimnis
dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr
schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle
trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte
Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der
Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht
zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung
brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers
zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor
meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten,
bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den
ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten
noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde
bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten
Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder
sprengten.
»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so
friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch
des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich
ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in
respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den
günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor
im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es
von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der
Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum
allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige
Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im
nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nießte, und,
den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die
Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran.
'Es ist, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er,
'es ist die Mutter des Mischka.'
»'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?...
Und was will die Alte!'«
»'Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn
wollen, nichts andres.'
»'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.'
»'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie
will doch bitten, hm, hm.'
»'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
embrassieren?'
»Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: 'Auch hat er
seinen Vater halbtot geschlagen.'
»'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_,
nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.'
»'So?'
»'Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein
Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner
Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.'
»'Wem?'
»'Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein
erwerbsunfähiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel
abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt
hat.'
»'Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute
verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.'
»Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog
das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten
sagen, daß es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse
sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn
es nur wegen des Vaters wäre ...'
»'Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
ausgeschlagen.'
»Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in
die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und
sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko
noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den
erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich
auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen
Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren
hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.'
»'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.'
»'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn
vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer
getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom
Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung
angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person,
hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele
zusammengebrochen ist.'
»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn
sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine
oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwürdige Verkettung von
Fatalitäten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.'
»'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen
gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt
hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits
dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das
Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!' schaltete er,
seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser
Bettlerin', er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst
ihre flehentliche Bitte erfüllen.'
»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit
keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander,
und sie sank immer tiefer in sich zusammen.
»'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Großmutter.
»'Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne
diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche
Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der
Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.'
»'Warum?'
»'Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der
ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.'
»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die
Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie
dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl
sie, 'Mischka ist begnadigt.'
»'Ah!' stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während
der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich
hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben
begonnen haben.'
»Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie
sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen
suche.
»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses
Bild verkörperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen
und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen
starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend
des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen.
Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins,
denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...
»'Nun?' fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos
herbeistürzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?'
»'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem
süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: 'Er laßt die Hand küssen,
er ist schon tot.'« --
»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche
Geschichte?«
»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,«
erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den
sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er
meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.«
Fräulein Susannens Weihnachtsabend.
Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am
Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele
Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der
angenehm Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu
kleinen, aber flinken und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt
zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der
Strickerei rasch und lieblich klappern ließen.
Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten
Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein
berauschendes Glück. -- Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man
ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit
und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbständig,
frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz
an Heiterkeit im Herzen, das ist zum Übermütigwerden, und Susanne wurde
übermütig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit
und von ihrem Reichtum.
Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel
besessenen Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer
gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß
sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen.
Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges
Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens.
Die Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche
bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der
Göttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und
stieg, wenn sie müde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie
eine Prinzessin.
Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der
Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die
gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne
auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfältig vermeidend, den
Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um
ihn nicht abzunützen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine
Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag
seine stillen Entzückungen zu schildern. Das Fräulein wußte nur eins:
sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz
versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische
Seligkeit ist.
Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der
Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen.
Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein
geringes Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den
Christbaum gekauft und geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert
wird. Ohne sie hätten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend
gehabt. Sie war kürzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn
Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten Sprößling, dem
siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde
gesagt: »Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?« worauf der Junge
seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben
und etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit
einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung
geantwortet hatte: »Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das
Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ...« Er stockte,
fuhr langsam mit seiner breiten Hand über den Kopf und das Gesicht und
setzte verlegen hinzu: »Es muß sparen ... auf eine neue Wiege -- mit
Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...«
»Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte
aus der Taufe gehoben!« sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn
Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege,
was sie später sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei
Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit
unanständiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft
angezeigt wird.
Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst,
welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist,
dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer
fünf aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden
keine Taufpatin für ihre Jüngste.
Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten
Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich
beschämt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an
das großmütige Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander
bestürzt angesehen und gemurmelt: »Nein, Mutter ... das wäre zu viel.«
-- »Nein, Vater, das gibt's nicht ...«
Und einmal wieder hatte Susanne was »zu viel« ist und »was es nicht
gibt« getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen
geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern
hineingestürzt mit Mutius Scävolaischer Begeisterung.
Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven
Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt
hatte, daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein
neues Kunzelchen.
Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte
sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in
einem scheinbar leidlich gesunden Organismus.
Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes
Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie
jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft
und innig regte sich in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen
hinüberzugehen zu den guten Leutchen, um persönlich an ihrer Freude
teilzunehmen.
Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage,
wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf,
hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in
Gedanken abzustatten.
Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem
Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse
zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen,
die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen
befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung,
sie tut es ein wenig zögernd.
Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich
eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur
im Geiste zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung
residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein
Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen
Untergebenen, hochgeschätzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit
großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe
selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann! Was für ein
Vater, und -- Susanne darf sagen -- was für ein Vetter!
Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die
Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen
Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter
heiratet ein schönes, sehr reiches Fräulein.
Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr
Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? --
Niemals! Mit Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie
begeisterte sich sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu
bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb
immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne.
In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie
ihn auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen
Fähnchens und ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am
liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre -- hatte er
sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit
zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu
diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren,
ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: »Gu'n Morgen,
Sette,« dazu gesagt ...
»Gu'n Morgen, Sette!« ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr
nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur
_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange.
Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie
jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine
Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es
großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert --
aber ihre Seele bekam Flügel.
Und nicht genug ...
Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es
brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen,
Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter
weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen
Frau, seines lieben fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter.
Sein mächtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen
Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: »Wirklich, Sette, zu viel,
wir bitten ...«
Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spöttisch lachend,
wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: »Nein, wie
die gute Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen!
Wie sie das nur anfängt, die gute Susette!«
Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die
Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden,
verraten haben? -- Aber nein, das wäre zu schlecht, solche
Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nähe _dieser_ Menschen. Damit
wird sie sich trösten; es werden noch einige Reden gewechselt werden,
und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: »Wir sind auch gekommen, um
dir glückliche Feiertage und ein glückliches neues Jahr zu wünschen,
Sette. Kinder, gratuliert der Tante!«
Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag
legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben
wird. Und die schöne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend
spöttischen Lächeln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen
Zentimeter nähern und dabei die Luft küssen ... Und dann werden sie
gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustür begleiten, ins Zimmer
zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen:
»Sie waren da! Sie waren da!« und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird
ihre Zustimmung kundgeben. »No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do
hoben's Fräul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit
immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!«
Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der
Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen
im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ...
Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem
kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet
allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen.
Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre
Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die
schmunzelnd ein und sagt:
»Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?«
Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster,
geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht
er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe
darauf. Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt
das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren,
in die es eingehüllt ist, knüllt jedes extra zusammen und steckt es in
die rückwärtige Tasche seines grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie
ein Pfauenschwanz.
Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein
roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen
etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert
die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst
und die Nuß zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an
dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt:
»So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch
was hat;« und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar
ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die
Äußerung des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß.
»O du Toni!« will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre
Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich.
Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen
Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt
ihre kleine Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch
eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: »'s is alles
gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber
schad wär's halt.«
Damit empfiehlt er sich.
Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte
Einsamkeit!... »O du Toni!« und! »Nein, das Kind!« sagt sie unzählige
Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem
ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz
töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein
himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau
mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt
ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die
Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach
einem außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als
Werkeltagsgedanken, und -- was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf!
Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich
aber doch vorspiegeln läßt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei
Laune ist.
-- Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken,
spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch
Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt!
Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte,
der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine übrigen
Bekannten sind arme Leute. --
Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel,
die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in
der Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine
schöne, frische Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu
erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der
Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für den du den Mietzins erlegtest, und
der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend
davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du
kindische alte Person gar zu gern selbst behalten hättest, das rehbraune
mit dem vierblättrigen Klee -- du überwandest diese Regung des Geizes,
denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im Interesse ihres
Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem
Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben
sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte,
durch die Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt
der Briefträger ins Haus ...
Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? --
Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut
auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: »Jo wos denn? Na, so wos
...« Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein
Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist,
und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt
behangenes Christbäumchen.
Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen.
Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: »Von der Freiung
Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i
sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol
was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's
Christbäumerl.«
Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie
Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem
Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein
stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit
einem A sei ihm gesagt worden.
»Reiner mit E,« berichtigt Susanne, und er wiederholt:
»Mit E?« und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach
dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat.
Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern
und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene
sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. »Gib ihm einen
Gulden!« ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem
Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist
die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein
und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie
kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag.
Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse
einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette
soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken,
daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ.
Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie
halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen
in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem
mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein
Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des
Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet:
Es zeigt Dir dieser Stein hier,
Was immer ist ohne Dir:
Dein Seppel.
Ohne »Dir« und -- »Seppel!« O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz,
aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie,
und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet
und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des
Regenbogens? -- ein wundervoll gefaßter Solitär ...
Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige
Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend
Unbegreiflichen über.
Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe
sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden
Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu
verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich
abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob
er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen
darf? und den Solitär an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu
suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin.
Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird
sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie
gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist
sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als
derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig
bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit
einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr
unwirsch und brummt: »Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a
Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und
studiert sei schmierige Adreß. 'Nummer fünf heißt's,' sogt er, Nummer
drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?«
»Nummer fünf?« fragt das Fräulein beunruhigt, »liebe Rosi, wenn es
wirklich fünf hieße und nicht drei?«
Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei
zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen
erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle
Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise
auftauchende Sorge hinaus.
Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen
Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: »Mein
erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --«
Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder
geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf
ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: »Heut geht's ober zu. No jo,
vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.«
Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und
eine Überraschung ist's, aber was für eine!
Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich
vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der
Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten
Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus
und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher
Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das
Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den
Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat
sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist,
sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen.
Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das
Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür
zu, daß alles dröhnt.
Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus
Rücksicht für den Überzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi
stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in
den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick
und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt:
»Na, dos is aber doch!«
Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib
mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden
Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu
wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen
Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es
der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne,
mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus!
»Die Rainer,« nimmt Rosi wieder das Wort, »dos is die Lokalsängerin, wo
neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß
freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer
Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und
lauft der schiechen Astel nach.«
Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch
gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich
natürlichem Tone zu sagen: »Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben
eine große Künstlerin.«
»So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar
hinterm Rucken der gnädigen Frau?«
»Liebe Rosi,« erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre
Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, »dieses
Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den
Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten
Blumen schicken oder -- Christbäume.«
»Meinen's Fräulein? -- No jo,« spricht Rosi mit ihrem gewohnten
überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus
Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich
und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht
ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der
Intelligenz, genossen werden.
Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren
traurigen Betrachtungen überlassen.
-- Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und
Familienvater? -- »Ohne _Dir_ ...« Sie sind also auf dem Du-Fuße, --
»Ohne _Dir_,« schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: »Ohne _Dich_!«
-- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer
das Gleichgewicht verloren hat.
Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter
dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen
wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen
Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für
Fräulein Rainer.
Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin
einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen
werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern hätte sie sich den
morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich
entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am
heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch!
sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres
schönsten Wahngebildes.
Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen,
seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter.
Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem
Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des
weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die
bereits eingetroffen sind.
In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet
des Kicherns kein Ende.
Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: »Freut
euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens
an die Menschen,« sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch
hinunter.
Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: »Hat's
geschmeckt?« erwidern zu können: »Es war so gut, daß ich nicht alles auf
einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.« --
Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so
geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine
eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die
Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich
reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus
drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch
die Erinnerung an die Befreierin.
Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht
sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die
Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi
gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe
ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein
einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als
Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem
Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange,
gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit
Abgeirrten.
Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille
gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch
energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken!
Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken,
doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden
Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie,
die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht.
Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade
vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer
heller und geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand
des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er
verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich
nimmt er eine noch schönere Färbung an, und darüber braucht man sich
nicht zu wundern, denn die Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich
strahlende Morgenröte, die das Nahen der Sonne verkündet, und da flammt
sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold,
mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er
gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger Satz, und da steht er
salutierend auf dem Federbette des Fräuleins.
Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht,
schlüpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer.
Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare
Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende
erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins
mit ihr geteilt hat.
Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten
Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern.
Kürzlich erst hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner
innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Kröte! und
melancholisiert und überläßt sich feigem Selbstbedauern!
Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele
ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich
zurück ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie
die Geschenke Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die
er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede
angewiesen hatte.
Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen.
Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er
hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar
deutlich in seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem
und den *pro forma*-Handküssen des höflichen Neffen und der
zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im
Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an
ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die
Obhut über seine jüngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen
Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav
und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den man ihm gibt.
Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu
haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein
Muster für seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte
er werden, wenn er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die
echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen
erhöht und den Stolz auf seinen Wert verringert.
-- Wenn er die bekommen _könnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal
laut aus: »Er _soll_ sie bekommen!«
Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen;
sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine
lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und
selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet
leicht und wird gut schlafen.
Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am
morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus.
Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der
Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die
Bedienerin läßt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser
Stunde an einem Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt.
Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf.
Sie aber spricht: »Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört
für eine Bittende.
»Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu
adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten
Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.«
[Illustration]
Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.
Ein Buch für die Jugend.
Aus meinen Schriften.