Das heißt: »Schläft er?« und: »Eben erwacht.«

Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell --

zu hell -- -- sie schmerzte.

Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es

verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er

hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen,

strampelte und war -- mein Nebenbuhler.

Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck

stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein

Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der

Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen.

Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete

abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher

Zärtlichkeit.

»Nun, mein Junge,« rief er mich an, »was sagst Du? sag etwas zu Deinem

*quasi* Bruder.«

Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken.

»Wir Frauen,« sagt Irina, »haben nur die Liebe,« nun -- Elsbeth ist

reich.

Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am

dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld.

Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich

ging, will ich einstweilen unerörtert lassen.

Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause,

wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein

Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig

interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit

mindestens dreitausend Jahren.

»Galgenhumor,« denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose,

der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt

sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben.

Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt.

Dein Edmund.

Der Vorzugsschüler.

Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und

Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit

gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die

Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die

ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung.

Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der

dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und

Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und

Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden

seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß

»sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das

wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und

Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und

war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die

beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten,

ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen

einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch

wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter

Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und

wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß

ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung

von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf

herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über

seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne

wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede

heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige

Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in

Gegenwart und Zukunft.

Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der

Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr

blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer

nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit

auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach

Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim

nächsten Avancement berücksichtigt zu werden.

Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet

und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge,

plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen,

und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In

Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das

Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte

nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal

ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das

richtige sein.

Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stören, warf

nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekümmerten Blick auf ihn und

vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften

Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte.

Nun wurde nebenan ein Geräusch vernehmbar. Im Schloß der Küchentür

drehte sich der Schlüssel.

»Der Vater kommt,« sprach Frau Agnes. »Bist fertig, Schorschi?«

»Mit der Rechnung noch lang nicht.« Sein Mund verzog sich, und unter

seinen blonden Wimpern quollen plötzlich Tränen hervor.

»Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weißt ja -- der Vater ...«

Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er

erwiderte ihr schüchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen:

»Na, grüß euch Gott.«

* * * * *

Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein

dürr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen

Haare standen auf dem Scheitel bürstenartig in die Höhe, seine noch

schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche

über den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein

mächtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfältig

pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Königlich Österreichischen

Staatsbahn etwas Militärisches gab.

Pfanner hatte einen großen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht

unwirsch. Er ließ sich von seiner Frau den Überrock ausziehen und sagte

sanft und ruhig: »Bring das Essen und lösch die Lampe in der Küche aus.

Die brennt, ich weiß nicht zu was. -- Lern weiter!« befahl er dem Sohn,

der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ängstlich ansah.

»Es ist so schwer,« murmelte Georg.

Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: »Schwer, fauler Bub? Deine

Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das

Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.«

»Ich hab alles fertig,« sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und

drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten,

»nur die Rechnung nicht ...« da kippte seine Stimme um, der Satz endete

mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen

sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die

unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der

kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die

Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte.

Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte

sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete

eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine

Seite des Heftes bedeckten.

»Da sitzt der Fehler. Siehst du?«

War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen

Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das

auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte

das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und

Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der

Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung

wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche.

»Gib acht, du gibst nicht acht!« rief Pfanner und begab sich auf seinen

Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter

hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes

Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die

stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb

nicht aus.

»Fleisch am Abend -- was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir

aus.«

Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch

vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges

abgetreten: »Es ist auch noch für morgen da,« setzte sie hinzu, um einer

wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie

hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen

Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis

nachgeben durfte.

Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen,

Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem

Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung

nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war

völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück

erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder

zerstreuend und ablenkend ein.

Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn

angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner

eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste

Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die

gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.

»Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen.

Verlassen Sie sich darauf.« Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte

ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden

Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf

Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm

vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine

unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm

er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten

Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen

einzubüßen.

Der Sparkassenbeamte lachte schon: »Was bringen's denn heut, Herr

Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?«

Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er

sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei

hinlegen könnte und nachlässig sagen:

»Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.«

Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens -- er liebte

ihn mehr, wenn er daran dachte.

Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht

über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der

kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues

Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er

wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die

Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen;

einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das

wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden

Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus

den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden,

langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe

zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes:

»Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.«

In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal

schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: »Die andern sind jetzt

auf Ferien und lernen nicht.«

Da war der Vater bös geworden. »Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein

paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie

du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber

Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch

braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?« Es war der Stolz Pfanners,

daß er noch nie Urlaub genommen.

Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für

jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen

Georg eine Frühlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an

dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug

das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche.

* * * * *

Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des

gegenüber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall

besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den

Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke

Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang

wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen

nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll

des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom

Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen

Brust entquollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut.

Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus

und sandte der Nachtigall seine Liebesgrüße. Der Schuster, das konnte

man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin.

Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und gepflegt!

Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in

die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er

lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf,

Landschaften im purpurnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht,

lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte das zu erblicken

er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte.

Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen,

und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten

Frühjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet.

Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht

war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang

geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen

und ihnen nachzuhängen.

Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen,

tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich

vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus,

sah um sich, sah zu den Häusern empor, und da war nirgends ein

Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem

der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker,

einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich,

und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll

sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in

die Luft hinaus, ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn

zu.

Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene

Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre

eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glänzende, rabenschwarze

Schläfenlocken.

»Herrje, Salomon!« hatte Georg ausgerufen, »was ist mit dir? bist eine

Nachtigall worden?«

Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal

so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf

dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich

unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief-

und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge

Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke

Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug

besessen.

»Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn!« sagte Pfanner. »Ein

Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein

Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm

beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in

Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere,

ein lebendiges Kind.«

Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons

Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so

oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die

er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen.

»Ach Salomon,« sagte er ihm einmal, »wie glücklich bist du! Kannst immer

auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele

schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du

sein!«

Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn

Salomon alle die »schönen Sachen« anbrächte, und noch viele andre und

Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh.

Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg

wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der

Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann

gab es böse Minuten für seine arme Mutter.

So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie

bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden;

einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern

hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute

Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem

Hausierer zugerufen hatte:

»Bist eine Nachtigall worden?«

Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen

zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall

schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und

geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu

wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen:

»Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!« Aber das Bild

seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: »Du bist ein

Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein

Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem

Menschen.«

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte · 第 18 / 23 题