Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare,
in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten
Augenblick.
Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos
in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen
sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an
seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, alle seine
Gesichtsmuskeln zitterten.
»Elserl,« brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich
heraus, »umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht
da wäre, dürftest Du nicht,« sprach er in warnendem Tone und zwinkerte
mir voll Verständnis zu.
Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie
errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang
es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten,
sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die
Wange.
Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich küßte sie, und ob es
mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem
vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht.
»Jetzt die Überraschung,« sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir
haben nämlich eine Überraschung ... Du wirst Dich wundern.«
Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der
ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich
überlief's.
Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans
ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und
murmelte: »Du, mein Junge, Du!« Er lobte und bewunderte alles an mir,
mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm
bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie
in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches.
Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen,
herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen.
Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers
vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter
dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser
Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ...
Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine
stattliche Frau, in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben
ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach.
»*Spovo on?*« fragte Elsbeth.
»*Sada isputje*,« antwortete die Frau.