Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten
genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch
ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes
Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten
Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem
seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hörte, alles sah er
wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn.
Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig --
ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem
Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte
all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm
ausgestreckt, und sagte sich: »Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und
was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe.« Seine Schuldigkeit
hatte er in ihrem ganzen Umfang erfüllt; aber Schuldigkeit -- es liegt
schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie.
Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens
gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der
Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf
zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten.
Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere
Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_
zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen
Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht!
Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und
sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe.
Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu
entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte
eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans
Kinn, eine hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die
Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen
schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die
mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose
umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer
unaufhörlich zitternden Bewegung.
Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam,
mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus
halberloschenen, rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke
eines alten Jagdhundes zu ihm empor.
»Was tust du hier?« fragte Rosenzweig.
»Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der
Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein
vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von
unserm lieben Herrgott.«
»Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?«
»Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.«
»Wie alt bist du?«
»Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten,
wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust
-- »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich
erreiche das Kreuz nicht mehr.«
»Warum bleibst du nicht zu Hause?«
Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde:
»Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder.
Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.«
»Wem gehört die Schaluppe?«
»Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer
geschenkt.«
»Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie
dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?«
»Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin,
weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder,
betet, daß der Großvater bald stirbt.' -- Ja!«
»Du hast da einen saubern Schwiegersohn.«
»Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen
nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf.
Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh
allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!«
»Warum denn? Was meinst du damit?«
»O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und
begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und
erschlagen wird man sie auch.«