5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235

Der Kreisphysikus.

*I.*

Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend

durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des

Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen

weiter hungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein

Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der

Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter,

die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm

noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu

erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der

Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse,

Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin

an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der

Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst

hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige

Regung kennen, keine hemmende Rücksicht.

Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die

Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe.

Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so

vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten,

wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit

lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als

Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage

mit den Worten:

»Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas

geschehen.«

Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er

wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte.

Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten

kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit,

die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein

Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so

bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute --

meinten:

»Das ist ein gescheiter Herr Doktor!«

Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in

Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und

unterwarf, -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht

verhindern.

Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines

guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon,

von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt

wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach

Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf

dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht,

aber er fürchtete, übermütig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie

plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen.

Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Hause erspart den Zimmermann«,

schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ sich's nicht verdrießen, den

Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch

wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das

nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder

nicht ausgebildet.

Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu

verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem

Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr

Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie

die eines Treibhauses.

Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige

Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise.

»Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein

Begräbnis ist gar zu kostspielig!«

Nathanael tröstete sie liebreich:

»Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen

betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.«

Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg

und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner

Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der

Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war

ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief

man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen

Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte,

wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war,

das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer

Kinder.

»-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« --

»Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht --

aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.«

Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus,

dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe.

Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand

gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten

Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund

gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger,

einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen

Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes

Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern

schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der

Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft.

Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr

erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt -- hat

man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der

Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen

dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter

silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne

durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es

einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der

keinem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar

geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie

oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über

den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen

und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen

und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem

großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem

Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor

fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt

und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut,

lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes

Vätererbe -- morgenländische Phantasie?

Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen

Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum.

Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte

seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten

umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender

Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein

kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist

bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein.

»Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter

deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie

erwiderte:

»Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich

fünfundneunzig.«

»Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir

schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir

erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert

Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie

schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur

frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben.

Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.«

Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war

nicht mehr die Rede.

»Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte

und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so

friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden.

Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe

meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen,

du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald

darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über

sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei

barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben.

So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten.

Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn

nicht länger warten lassen.«

Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die

zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein

bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer

Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald

die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den

Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben

konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr

verabschiedete, sprach sie:

»Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir

Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches

Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.«

Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus,

sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an

dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes

Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs

unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die

Vermahnung dazu, ihnen all die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem

Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und

fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich,

wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe.

Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam dem selbst entweder

erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von

Verachtung.

Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war

unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines

Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse.

Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer

eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war

er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf

selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in

der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer

von neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des

Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab,

wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe

sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des

unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie

ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge,

kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen

konnte:

»Wir haben gewonnen, sie wird leben!«

Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf

gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine

Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung,

statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß,

unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des

sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die

in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren,

neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche

Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu

fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger

allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was

läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das

weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt.

Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das

Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief:

»Herr Doktor! Herr Doktor!« ...

»Was gibt es, mein Sohn?«

»Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.«

»Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.«

Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte

Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem

Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom

Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich!

sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an

die Grenze der menschlichen Kraft.

Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein

seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn

packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den

Schnee zurück. Jener sprach:

»Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!«

Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte sich

bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da

war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte,

der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der

Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute

umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen

Grund.

»Sehen mir nach dem andern,« sagte der Doktor zwischen den Zähnen.

Der andre schlief auch, aber weniger tief.

Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe

verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn.

Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche

anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein

kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und

wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll

Siegesgewißheit:

»Jetzt hab ich ihn!«

Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn

heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends

mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß

gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und

Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der

gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei!

Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich

seines mächtigen Vermögens.

Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:

»Steh auf und geh.«

»Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?«

antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit

ihm beginnen?

Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus

als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als

Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse

hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn,

infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er

nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern

-- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar

wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von

Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er

genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten

vorgefunden hatten.

Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam

zu.

»Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen

von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der

ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.«

»Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig und

befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.«

Dieser fuhr fort:

»Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat

erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie

uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph,

wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der

lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen,

beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter

gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.«

»Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht,

was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee

legt?«

Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen

flossen, und schwieg.

»Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig

die Großmutter.

Die Greisin entgegnete:

»Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist

eine Waise wie du.«

Am nächsten Tage lautete ihr Rat:

»Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine

Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird

es verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen

Famulus?«

So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl

Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen

seines Herrn blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte,

nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne

Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu

zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil

er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltäter nicht

immer Muße hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten

hingegen waren groß und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er

pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der

Doktor.

In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine

Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des

Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem

Hause. Immer nur mit Verdruß hörte Nathanael ihn loben, »den Tagedieb,

der nichts kann und nie etwas andres können wird als spielen.«

Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete

Joseph:

»Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene

Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb

bin.«

Der Doktor fuhr fort:

»Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude

bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht,

daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« --

Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll

und offen ins Gesicht und erwiderte:

»Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft,

aber sie sind doch dein.«

»Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte

Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein

spanisches Rohr zu schwenken begann.

Gelassen antwortete Joseph:

»Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die

Felder.«

Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der

schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei

säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken,

die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten

Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an

Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten

Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem

Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als

Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine

Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und

kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem

Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen

betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte:

»Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein

Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber

und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer

Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst

aufmerksam verfolgte:

»Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht --

in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu

Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der

Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie

dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.«

Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie

einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in

Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften.

»Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling.

»Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne

schon fertig.«

»Bist ein Narr,« sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen

doch die Pläne zu sehen.

Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es

gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen

Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen

richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen,

die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche

Käuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird

aber nichts aus ihnen.

Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie

lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen,

fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner

Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen

der Greisin und dem Findling schon erörtert worden war.

»Du wirst reich werden wie Laban,« prophezeite die alte Frau. »Über dir

ist des Herrn sichtbarer Segen.«

In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende

unseligen Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in

einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll

grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die

Fluten hereingebrochen, hatten die ernährende Scholle hinweggespült und

mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten.

Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die

Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser

hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die

Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand

reckte auf Gottes Gebot.

Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen

mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als

Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus.

Die Großmutter aber fragte täglich:

»Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen

Wert. Wann kommen die Schnitter?«

Nathanael erwiderte lächelnd:

»Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!«

Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel

selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor

ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können:

»Die Schnitter kommen!«

Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen.

Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam

ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt,

und weinend und staunend fragte Joseph:

»So groß war sie?«

Er fragte aber auch:

»So schön war sie?«

Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters,

wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem

untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die

überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach

aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung,

welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in

der Sterbestunde erhellt hatte.

Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff

ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes.

Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben.

Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten

Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht.

Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser

alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann --

allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und

dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der

Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem

Anblick deiner Kinder.

Der rastlos Strebende, der nie zurück, der _nur_ vorwärts geschaut

hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still

in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen

Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das

geringste ohne einen Gedanken an dich -- Großmutter. So freudig ihr

Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der

Riß, den ihr Scheiden verursachte.

Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das

Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren

geht, getäuscht hatte.

»Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,« hatte die Greisin oft

gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du

kannst warten, mein Kind, du bist jung.«

Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr,

die ihn nicht mehr hören konnte:

»Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu

geworden bin.«

Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab

nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie,

und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre

Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen

auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen gehört.

*II.*

Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines

Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn

nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig

beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und

dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die

seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen

doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und

rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem

blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der

Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus.

Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich

auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan

Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding,

die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen,

funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar

oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden

sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie

sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen.

Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch

diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit

verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich

damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem

eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stände, wenn

der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer

Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es

zu erringen, _versäumte_, das Glück der Liebe, danach haschte in

gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer

Habenichts!

Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles

und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in

den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände

gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen

Schreibtisch und einem gleichfalls weiß angestrichenen, langen und

niederen Büchergestell, das, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in

zwei Teile schied. In dem kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich

der Doktor auf, in dem größeren, nächst der Tür, hatten die Patienten,

die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen

Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war.

Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren

gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben.

Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser,

gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in der der galizische

Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk

verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen.

Über all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden

Joseph zu:

»Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?«

Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der

Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem

Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und

entgegnete halblaut, aber bestimmt:

»Ich hab sie lieb.«

»Und -- sie?«

»-- Sie hat mich auch lieb.«

Der Doktor lachte bitter und höhnisch:

»Das bildest du dir ein?«

»Das weiß ich, gnädiger Herr --«

»Wohin soll dieses Liebhaben führen?«

Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein

wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter:

»Zu einer Heirat, Herr.«

»Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?«

»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.«

»Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?«

»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch

überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem

Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltäters zu stürzen ...

Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den

Jüngling mit einem strengen:

»Bleib, wo du bist!« an seinen Platz.

In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine

Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch

vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und

er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter

Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und

legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pächter am folgenden Tage

ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph

ein Ende zu machen.

Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem

unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog.

Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer

benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den

Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder

nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche

Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen

Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine

große Anzahl Schloßgäste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor

wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern

bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis,

Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die

Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses,

noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes

unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war

die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt

eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing

und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für

Revolutionszwecke.

Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild

der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin

ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswürdigen

Frau.

Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetische Platz, aß und trank und

sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war,

als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur

Abwechselung einmal Verschwörer spielten.

Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels.

»Warum so verstimmt, angesichts des schönsten Wunders, mein lieber

Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter.

Rosenzweig erhob und verneigte sich:

»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?«

»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende

Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre

zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf.

Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen

in schmerzlicher Enttäuschung:

»Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!«

»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?«

»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,«

sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon.

»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie

dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind!

Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten

Balle des Erzherzogs gegeben werden!«

Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die

Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit der Aniela

über das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfügte.

Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als

daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer

Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen

Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten

Missionsreise nach Rußland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter

welchen Gefahren!

Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht

erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt,

den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung

hervorgebracht hatte.

»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und

Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten

hat?«

Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter

Schlachziz mit langem, herabhängendem Schnurrbart erhob sein

Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach:

»Vivat, Doktor Rosenzweig!«

Die Frau vom Hause wiederholte:

»Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit

und die ihrer Kinder verdanken!«

Sie stürzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee

hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt:

»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu

trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!«

Die schöne Festgeberin lächelte überlegen:

»Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen

gestellt werden!«

»Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!«

»Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, -- »dem Ball, auf dem

wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!«

»Bei der Mazurka oder bei der Française?«

»Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die

Offiziere legen zum Tanz ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft.

Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen

Feinde und machen sie nieder!«

»Vivat!« rief der Schlachziz, »alle nieder, ohne Pardon!«

Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu

geben, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück,

als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus

erregte.

»Meine Herrschaften,« sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam

ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.«

»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?«

»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen

und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie

verraten nicht, und sie morden nicht.«

»Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus

einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. »Ihr Argument würde im

Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.«

»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich

eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug

die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung:

»Vivat, Polonia! Vivat, König Adam!«

Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme.

Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von

Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme

gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei der die

hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot

genoß.

»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges

Heil!«

Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus

ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse

Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit

ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor

in dem lauten, feierlichen Ausrufe:

»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!«

Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin

in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von

ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen.

Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst

dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und

intonierte ein melancholisches Nationallied.

Alle schwiegen, alle horchten gerührt; in manches Auge traten Tränen.

Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der

bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht

teilgenommen hatte.

Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt

gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der

verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf

neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine

Konsultation abzuhalten, für die sie später das Honorar schuldig

bleiben.

Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch,

in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine

Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.

Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit

blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein

regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die

Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen

Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen.

Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet

vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft.

In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher

Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren

durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der

Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die

Geringschätzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen

schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes

ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit

seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem

verlorenen Vaterland.

An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie das,

aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten

Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe.

Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines

Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater!

Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden

... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände,

zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird

diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er

wird auf der Schwelle verschmachten.

Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst

nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den

Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann.

Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gast; jede

ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung.

Sie faltete die Hände und flehte:

»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!«

Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung.

»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde

uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« --

»Aus Bescheidenheit.«

Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit --

keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela

war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie

sprach:

»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir

schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren

und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen.«

Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines

Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige

Seele.

»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau.

Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit

zur Antwort:

»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.«

Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur

das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung

pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu

wachsen.

Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit

einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend,

sagte er:

»Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen

sagen, was er von der Revolution erwartet.«

»Das wissen wir im voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die

Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!«

»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage

deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter

Katholik ist.«

Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort:

»Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch

das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von

euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld

abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüberstehen und seinem

Volke?«

»*Ce cher Édouard!*« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften

wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für

den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.«

Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres

Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und

Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber

nicht.«

»Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen

betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt.

Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber

noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.«

»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden

ist mir nicht mehr bang.«

»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --,« nahm

Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im

Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.«

»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käm ich um mein Amt,« fiel der

Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung

ein Ende machen will.

Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete:

»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als die,

die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger

Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.«

»Samariter!... Ich?«

»Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der

Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden,

den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem

verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.«

Der Doktor deprezierte:

»-- Wie man's nimmt,« und dachte im stillen ganz grimmig: »Du bist gut

unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen

Chamer!«

Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft

erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben

könne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem

Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen.

»So hat ein Jude getan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft,

»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir

Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan?

Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage

herbeiwünschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?«

Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren

die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und

hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige

Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen

aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit

der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andre als

glorreiche Dinge gelesen.

Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete:

»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.«

Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus:

»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!«

Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort!

fort! verbergen Sie sich!«

»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe; ich freue

mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.«

»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns

kompromittiert,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon

zurückgekehrt war.

Ein Wortwechsel entspann sich ...

»Doktor, ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen,

suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte

die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür.

»Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!«

antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt

über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte.

Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein

behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel

seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst

dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der

Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der

niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte.

»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der

Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend.

»Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte

mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?«

»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden

sich Euer Gnaden?«

»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.«

»Und der Pünktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind

ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu

sein.«

»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da

habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der

Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht

erließ. »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich

taufen lassen?«

Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort:

»Ich weiß es noch nicht genau.«

»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.«

»Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.«

»Oho! das ist etwas andres!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen

noch davon; jetzt sagen Sie mir --« seine Miene blieb unverändert, aber

seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er

oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?«

»Welchen Sendboten?«

»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.«

Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,

daß der Beamte ausrief:

»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische

Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders

die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen,

als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren

Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese

harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von

ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.«

Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf

der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor

Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen

Schritten eiligst entgegen.

*III.*

Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm

auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug

bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in

der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort

wollte er seinen Wagen erwarten.

Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu

atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen

Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und

Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein,

nicht so recht zu empfinden vermochte.

Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging

ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als

daß es sehr quälend sei.

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte · 第 9 / 23 题