Nun begann der andre die Hände zu ringen!
»Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein
Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der
Beichte ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir
geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank
legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen
unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen
einverstanden?«
»Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was
wird ums neue Jahr geschehen?«
»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen
Besitzungen unter die Bauern verteilen.«
-- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der
Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?«
»Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen
Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer
wissen, wie geteilt werden soll.«
Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus:
»O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk,
aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter!
die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will,
wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.«
Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:
»Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen
ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann
wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht
sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am
Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt
man's doch verhüten.«
»Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete
Rosenzweig und lachte wieder.
Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht:
»Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär
hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.«
»Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie
jetzt zu Dutzenden herumziehen.«
»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt
sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für
Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden
ist und hat alles verschenkt.«
Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm
zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der
Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst
Aug in Auge gestanden hatte.
Derselbe! er war es -- er gewiß, der Rätselhafte, dessen
Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten,
die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war
-- _Eduard Dembowski_.
Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe,
dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen
Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er
sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre.
Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja!
sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich
suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf
und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.
Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße.
Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder
Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen
Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach
verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um
die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.
Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein
der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff,
in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des
Kreuzes zurück:
»Du! wie heißt du?«
»Semen Plachta, Herr.«
»Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor
Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause
lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde,
werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen
Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel
erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine
Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er
sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem
Greise hin.
»Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich
verwendet worden ist.«
Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu
sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke
blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel
fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte
fünf Gulden an einen Straßenbettler?!
»Herr,« sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf
Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?«
»Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und
die Falben griffen aus.
Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt
nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und
Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine
wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und
Wirtschaftsgebäuden.
Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der
Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut
ausgefallen, das mußte man gelten lassen.
Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines
Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines
Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen
Freude. »Den andern das ihre, das meine mir!« -- Aufrichtig gesagt,
getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte
ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie
er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das
langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und
Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es
wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen
imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm
seinen Besitz anzutasten.
Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für
Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.
Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen
Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch,
das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so
genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß.
Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und
den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der
Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des
Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer
Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen
aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte,
ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben.
Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig
entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der
Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog
umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen
seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der
Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen
waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in
Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten
tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in
Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel
zu: -- Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von
dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt
euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie
oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt
euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen,
darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft
gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat.
Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen
Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten
Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach
Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer
Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt.
Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner
allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten
Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre«
steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele
fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und
Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die
Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen
Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie
wiederherstellen wollten.
Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach
der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet
hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien
zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten
die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine
Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung
bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben
sie sich anmaßten? --
Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet,
der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von
neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner
seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer
angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf
man zusammen und drückte einander die Hand.
»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in
mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher
Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen
Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.«
»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer
schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:
»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich
und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen
Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein
schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- »Ich begreife
nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert
gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift
auszustreuen.«
Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach,
entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit:
»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens -- unter uns! -- wir haben
Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.«
»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer
Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts,
als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr 'Sendbote' krank
ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer
des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!«
Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete
plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem
er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »*Surtout pas trop de
zèle!*« zitierte.
Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für
die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er
hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen
mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an
den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie
verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit.
Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze
zusammenfassen lassen:
»Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch
herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.«
Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung
erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu
gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte
täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem
Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender,
man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu
ergreifen.
Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er
gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit
dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen
der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen
Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn
genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche
ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt
hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig,
das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge
löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm
sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein
fehlte.
Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den
Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er, »der Bauer ist dumm, aber
wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von
Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm
nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine
Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt
den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese
Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das
Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den
der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.«
Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre
lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch.
»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote',« sagte
sie, »man glaubt ihn zu hören.«
Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.
Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen,
nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner
kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit
gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem
Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein
Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter,
und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso
kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das,
welches er staunend betrachtete.
Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen
Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und
plötzlich sprach er:
»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art
Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man
behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?«
Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.
»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes
Gesicht näherte sich dem des Jünglings.
»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den
Sendboten nennen.«
»Den eben meine ich!«
»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.«
»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der
Doktor.
Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch
mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:
»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.«
Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph
fuhr fort:
»Ich habe lange mit ihm gesprochen.«
»Wo? und wann? und was?«
»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.«
»-- Von mir?«
Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der
Doktor. -- Nun, sie sind danach!
»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort.
»Möchtest aber wohl?«
»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es.
Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend
sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von
hier, auf der Straße nach Dolego.«
Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er
Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum
Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in
Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein
Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen
nehmen zu lassen.
»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der
Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet
und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich?
Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht
denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.«
Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend
heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.
»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu.
Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie
in den vorhergehenden Nächten.
Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich
jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die
Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die
Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens
-- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar
ein Pferd aus dem Stall ...
Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm
er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der
von Joseph bewohnten Stube.
In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im
Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum,
einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der
Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da
zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der
Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.
Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege
nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als
bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.
Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete,
zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig
zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden
Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie
würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit
seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen,
schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.
Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der
Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast
beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig
schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler
Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur
verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das
ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und
Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte
er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem
Doktor auf und -- fast rührte es ihn.
Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes
ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser
gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich
will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und
nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus
starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker
Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug
Rosenzweigs.
Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal
wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen
Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des
heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter
stand in ungefügiger Schrift:
»Von meiner Lubienka.«
-- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt?
Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem
schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch
nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit
und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir
leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst --
unfreiwillig eingegangenen Schuld.
Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie
es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um
abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind
quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben.
-- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand
schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte
dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es
aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten
und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang
deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden
hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht?
Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es
geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und
so wie du Hunderttausende ...
Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die
Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es
auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und
Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und
harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch
werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden
sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?
Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.
»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.
Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein
kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen
trat.
»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will
den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach
der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!«
*IV.*
Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig,
emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte
von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens
fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte
Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der
Kaiserstraße dahinrollte.
Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld
verzehrte ihn.
»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.«
»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon
weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des
bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre
Fahnen aus.«
Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges,
weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten
Joseph, sich mit dem seinen zu nähern.
Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das
Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für
einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.
Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen
auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein
wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen
deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der
Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.
»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor
Rosenzweig.«
»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber
sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu
seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg
auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:
»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen
der Herr Doktor?«
Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang
Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:
»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht
anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.«
Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über
die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den
Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den
Flur.
»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte
Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel
geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm
aufgetaucht war.
Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug
und feurig.
»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen
zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine.
»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?«
»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein
Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die
rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken
gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.«
Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:
»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans
Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu
dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.«
Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich
vielmehr hineingezwängt.
Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von
mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen
Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der
Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume
zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden
Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis
zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten
Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen
Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen,
schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr
gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern
und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den
Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.
In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein
grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer
Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden
Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten
Fürsten des Landes.
-- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber
eine noch größere Überraschung erwartete ihn.
Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit
wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des
Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem
Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen
Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte
in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein
harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie
hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner
Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher
einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da
wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein
sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.
Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend,
sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser
keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er
wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn
mit unendlichem Jubel empfing.
Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen
Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe
Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben
Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem
Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war
kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön
gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen.
Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit
herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins
Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend
schon im voraus auf das Sehen verzichten.
»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich
wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal
vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.«
»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem
Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!«
»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei
der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.
»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf
wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß
auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem
Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag,
der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird
fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen
und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem
sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.«
Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine
geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:
»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen
hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür
sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_
glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde
geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung
und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.«
Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches
Antlitz drückte Enttäuschung aus.
»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich
den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in
der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu
lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden.
Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel
schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer
mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und
der Zweifel die Erkenntnis.«
Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten
Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.
»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel
beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz
das Gold.
Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der,
aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters
gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich
auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.
An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit
meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse
brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch
im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende
Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung
an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich
meinen Gefährten zu:
'Wie heute, so morgen, und immer!'
Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden
Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder,
und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken
Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der
Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines
Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus,
und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.
Ich aber verhielt mein Roß.
Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen
gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?'
rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn
der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein
Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab
er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein
Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit
allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der
Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte.
Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin
bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein
Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf
der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise,
ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten
stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine
Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir
vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch
getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit,
weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche
Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.
Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen
eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende
des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges,
Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.'
Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar
geleitete, stieß ihn vorwärts.
In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.
'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen
fort?'
'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu
vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.'
Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf
dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und
erbärmlich schlug.
'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten
kann?' sagte ich, und er erwiderte:
'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem
einen besser gehen als dem andern?'
Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte
ich:
'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal
klagst?'
'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?'
Und auch darauf mußte ich schweigen ...
Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt,
und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu
huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick
und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden
Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen
erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu
furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und
Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie
hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn
bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde..
Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch
schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien
der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen
nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne,
männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des
Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener
übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was
würden Klagen uns nützen?'
Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück
gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein
Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde,
es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich
parasitisch von kostbaren Lebenssäften.«
Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem
Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.
»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen
jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in
meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen
hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm
schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.
Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten
blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien,
und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die
kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen,
soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang,
mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich
die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt
hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag
ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft
zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens,
zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um
Erleuchtung auf meinem Wege an.
Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des
Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch
unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der
Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein
Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang,
desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für
uns Menschen -- die Nächstenliebe!«
Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen
worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das
sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der
Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:
»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung
des Vaterlands!«
»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die
Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an
dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen
müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine
ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!«
Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger
werdender Stimme fuhr der Redner fort:
»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur
ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über
seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die
des Geknechteten verdirbt.«
Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:
»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter,
gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von
fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem
bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat.
Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure,
und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es
ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden
ausgeliefert!«
»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm
zurück.
Ein rasender Tumult erhob sich.
»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten,
der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen
mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.
Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge
war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um
den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab
es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.
Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren
pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke
setzten sich in Bewegung.
Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen
seiner Jünger.
»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir
keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker
sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und
im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern
würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der
sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich
nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das
unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein
seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie
aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das
elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie
nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner
Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.«
Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren
Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür
begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten
verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf
Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor
jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend,
brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck,
auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.
Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels
ansichtig wurde.
»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns
zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser
vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt
es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr
aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe
steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch
lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer
Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem
Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger
Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die
Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch
her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis
ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu
bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet
immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen
läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter
euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts
aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des
Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die
andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten
schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland
öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf
sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im
Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den
Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens
zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet
eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die
Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus
jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem
Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...«
Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle
Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den
gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.«
Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine
Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort.
Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.
Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die
Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in
Tätlichkeiten auszuarten.
Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.
»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob
das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer
abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel
geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt
verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder,
mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde
umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt
meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche
Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also
mitteilen werden.
Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander
könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre
Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede
zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es
bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes.
Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird
die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft,
werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie
gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast;
täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und
_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und
ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen
andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die
Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust?
Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben
mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen
wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den
Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_
gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben
Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.
O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden!
Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.«
Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen,
erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück
durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus
den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem
Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos,
die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums
verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter
Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber
mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung,
dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte
die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids
und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die
Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. --
Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner
Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre
Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.
Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas
Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine
kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:
»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines
jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da
riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der
Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:
»Wir schwören!«
Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine
Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus
der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:
»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu
lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.«
Die Beteuerungen wiederholten sich.
»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet
keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die
Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat
während der Verteilung der Schriften ein.
Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß
alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein,
schreckensbleich, mit aufgelösten Locken:
»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow,
hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein
Sohnleben is geritten ihnen voraus.«
Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten
ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug,
scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an.
Er aber wies seine Getreuen hinweg.
»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein
Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!«
Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote,
knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die
Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd
des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die
Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und
zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe.
Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem
Pferde kommen Sie nicht weit.«
Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine
tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte
jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er
hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:
»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!«
Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der
Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.
Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße.
Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann
der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung
verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter
Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die
Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern
beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.
»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär.
»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,«
antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit
wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg,
ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.«
Er schickte sich zur Flucht an.
Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem
Wagen hin.
»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst.
Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!«
Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's
versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel
über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort
im Eilschritt den Heimweg an.
»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde
unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du
sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige
Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer
wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann
kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine
Angeberei dir eingetragen hätte.«
Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen.
»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu
spät! zu spät!«
Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam
angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:
»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?«
»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein
heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne,
eine Halsentzündung.«
»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das
Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte
der Jüngling in überstürzter Hast.
»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.«
»Unschädlich? Dann war er's nicht.«
»Er war's!«
»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können
noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht
kann reiten davon.«
»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde
davon zu _fahren_!«
Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen
und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.
»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung
ist er davongefahren, Doktor?«
»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.«
»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann,
wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute
nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen
Sie!«
Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie
ihm selbst begegnet auf der Straße.«
»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens«
-- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja
verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die
Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll
ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis
von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier
erwischt.«
Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der
Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.
»Was gibt's?« rief der Husar.
»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen
sind,« entgegnete Rosenzweig.
Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich
reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen
wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett
rasselte davon.
Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern,
zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.
»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr
Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang
kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend
Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!«
Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche,
halte ich -- auch einem Halunken.«
Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem
Fahrgast:
»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie
in Sicherheit.«
Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine
Hand:
»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde
überall.«
Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und
war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht
entschwunden.
*V.*
Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es
den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so
lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über
ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.
Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich
getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den
er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen
Feind gehalten?
Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in
Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen,
die Reue, war nicht unter ihnen.
Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte
es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld.
Finster gab der Doktor es hin.
Dann begab er sich auf das Kreisamt.
Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu
berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher
Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen
ging es nicht besser.
Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine
außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den
Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen,
mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an
dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im
Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise
knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur
Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf
ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche
wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.
Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch
einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei
Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte
geschrieben standen:
Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.
Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich
hin auf den Tisch.
»Joseph,« rief er.
»Was befiehlst du?«
»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?«
»Viel Geld, mein ich.«
»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.«
»Was denn, Herr?«
»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren
redlich verdienten Ertrag.«
Joseph sah den Gebieter fragend an.
»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie
stellen noch ein drittes vor.«
»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph.
»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts
andres sein kann als -- dein Heiratsgut.«
Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:
»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm
niederwerfen.
»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und
blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu
einem Gott.
»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.«
»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen
mich?«
»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer
wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph
unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre
der himmlische Sendbote -- kein Tor.«
Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären
sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn
vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und
erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer,
wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler
und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen
ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die
Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat
nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die
Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem,
hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution
ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer
da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den
schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der
Revolution ist nichts zu fürchten.
Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.
Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse
in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei
verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die
tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er
meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages
erwiderte:
»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses
Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll
Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns.
Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir
verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen,
Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir
wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen
bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern
etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und
ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das
Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach
dieser Heldentat.«
»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll
Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre
gesunden Sinne verwirrt?«
»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir
berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der
gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen
hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit
habe Sie zum Schwärmer gemacht?«
Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.
»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung
der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn
nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem
Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen
seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß?
vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns
Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten
Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber
gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr
geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch
einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist
der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu
machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt
ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der
seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß
überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre
Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und
ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles
Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu
meinem Gott:«
»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn
ungeheilt sterben, o Herr!«
* * * * *
Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.
Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das
Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert
Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich
ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow
geschlagen worden.
Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau
entstellte Kunde.
Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen,
sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis
Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.
Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit
eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes
forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.
Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.
Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern
im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet.
Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug.
Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt
Podgorze auf der Straße nach Wieliczka.
Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von
herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine
Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie
durchfiel den Zug wie ein Blitz:
Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.
Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in
der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke
noch gewinnen zu können.
Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon
den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen
überblicken.
Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen,
aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.
Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.
»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch
die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts
zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind
Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf
geweihte Priester!«
Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer
Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der
Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in
der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes
Kreuz.
Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis
zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den
Weg zur Brücke versperrte.
Der Emissär machte halt.
»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die
Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder --
gebt Raum!«
Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu
beschwören -- da ertönte das Kommando:
»Fällt das Bajonett!«
Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.
Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch
und die Schützen drängten sich um ihn.
»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder
Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.
Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.
Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch
über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf
getroffen.
Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der
seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.«
Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der
Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein
Andenken erlosch auch bald im Volke.
Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht
aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei
nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer
Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.
Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne
ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch
auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf
seine Wiederkehr.
* * * * *
Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in
einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine
gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren.
Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den
Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der
Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte
sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife
und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd
mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf
abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte
Neugier noch zu spannen.
»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie.
»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er.
»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?«
»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!«
Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:
»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!«
»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie
sehen.«
»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?«
»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da --
und da, und dort.«
»Geh weg, du spaßest.«
»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.«
»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!«
»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon
weg, daß er ein Hexenmeister ist?«
Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:
»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.«
»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die
Toten lebendig.«
»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte.
»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.«
»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.«
»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod
wartet.«
»So? Hat dein Herr auch eine Frau?«
»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.«
»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf.
Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er
trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten
Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte
der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne
geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem
Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines
Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval
bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene
Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das
andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte.
Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für
die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die
Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große
und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre
Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer
standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer
Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem
schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine
Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.
Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere
Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs
Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten,
blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten,
quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue
Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen,
ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner
Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an.
In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges,
hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben
zu:
»Jasiu, der Vater kommt.«
Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen
Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen,
beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte.
Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt
mit ihm weiter.
Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das
Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das
verkleinerte Ebenbild des ersten.
Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern
die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war
eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.
Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und
heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein
märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er
ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und
rief:
»Ist es möglich?«
Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick
auf ihn zuzustürzen.
»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme,
deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte.
Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht
umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer
Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er
mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener
Hawryl zu besuchen.«
»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?«
Ȇberzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus
einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.«
Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und
ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau
stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen,
das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte,
festzuhalten.
»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt:
»Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel
nicht schicken.«
Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte,
rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und
lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an.
Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann
er sich von seinem Staunen zu erholen:
»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber
wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --«
»Gleichgültig?« rief Hawryl.
»So reichen Sie mir doch die Hand!«
Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine
derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_.
Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand,
und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die
verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und
doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.
Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der
Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da
sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins
Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder
erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn
behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm
einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm
erkannt worden war.
An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein
Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die
Rekonvaleszentenstube.
Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem
Leben.
»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich
zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner
galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in
deinem Passe. Ist das richtig?«
Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen
Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung
versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften
stehen.
»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein
Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach
meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter
erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein
gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war
das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des
Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen
Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch
vollenden.
Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein
Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen,
eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr
dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch
geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare
Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen
wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch
nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die
des bescheidenen Taglöhners.
Das erkannte ich.
Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es
verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu
beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im
bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe
schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die
ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte,
edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen
aufzurufen zu Kampf und Streit?«
Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten
Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:
»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen
Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe --
und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es
mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin,
in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten
Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu
fahren.«
»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches
unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?«
»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger
bin ich ein Bauer wie ein andrer.«
-- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr
Ende?«
-- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun
und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs
immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen,
vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden.
Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der
Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir
einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige
Male beklagenswert.«
In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten
Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:
»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen
höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren
hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt,
streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit
ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles
wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe
zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein
Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der
_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.«
»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer
eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer
Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und
den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da
steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.«
Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und
hielten sich fest umschlungen.