»Vielleicht. Obgleich -- Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind
sie alle. Nein -- das ist es nicht gerade.«
Die Konsulin trat wieder ein.
»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt
Stellen genug hier im Tiefland.«
»Ja, und das ist recht gut für die, die das Hochland nicht ertragen
können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen
müssen, die hinauf müssen -- ganz hinauf -- bis zur höchsten Spitze.«
»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da
hast du ganz recht.«
»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst
~Hochlandspfarrer~ werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst
du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im
Tiefland nicht fesseln lassen!«
Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir
unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein
schöner Titel.«
»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß
geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet
euch herunter zu den niedrigen.«
»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du -- dann hätte er nicht selbst
darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den
Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte
und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf der Höhe
leben soll. Von da geht man ein -- zur Vollendung des Lebens.«
»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht
~buchstäblich~ nehmen -- das hast du selbst gesagt.«
»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.«
»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas,
Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.«
Aber sie sagte nichts -- auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit
wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen
Beschluß zu ändern, unterstützte.
Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um
einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte.
Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in
der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu
erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme,
ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen.
Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte
er.
Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im
Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung.
»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der,
der flüstern muß.«
Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr
Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz
allein. -- Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.«
Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht.
»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort
finden, fern, einsam, verborgen, -- wie der, wo der Steinadler seinen
Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen
hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!«
Sie tat einen tiefen Atemzug -- einen erlösenden.
»Und ich glaubte -- ich dachte --«
»Was dachtest du?«
»Daß du -- daß du von mir fort wolltest.«
Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich.
»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes Kind, das nicht das
Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was
sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu
leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner
Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man
sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. -- Denn
ohne das kann man nicht leben.«
»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!«
»Mein Leben -- mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es
jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß,
abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos,
daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf!
Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten,
wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht -- um mein
Lieb heimzuführen? -- Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du
da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, -- für meine Liebe und für
mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde
Tiefe. Nichts wissen, nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander
angehören, -- einander angehören!«
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
»Halfdan, dann muß ich sterben.«
»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.«
»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in
dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein
zu sein, für dich allein, -- sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß
daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und
hätt ich tausend Leben gleich -- um ~eins~ nicht wollt ich bitten!«
Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du
Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?«
Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun
verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.«
»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig
auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als
das Richtige vorkommt.«
Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in
dieser Weise auf alle seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du
dich sehr unklug.«
»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein,
ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste
Rücksicht zu nehmen braucht.«
»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so
rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat
mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du
wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.«
»Ach Tante!«
»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine --
Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn
langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden,
und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand
zu leisten vermag.«
»Du kennst Halfdan nicht, Tante.«
»Liebes Kind, die Männer -- wenn man nur einen kennt, kennt man sie
alle auswendig.«
Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol,
Tantchen! Dann sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander
haben.«
»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns
darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum
jüngsten Tag stecken zu bleiben.«
-- Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer
ins andere flog sie in atemloser Freude.
All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden
Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die
stärkste Macht in seinem Leben war -- ~sie~.
Er ließ sie nie wieder los, weil er -- nicht konnte! Er war fest,
unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie!
Ach, die jubelnde Sicherheit!
Alette, -- ihre Tante, -- alle übertriebene Vorsicht, -- die ganze Welt
-- was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst --
selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte
Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit ~ihr~?
Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte
ihn selbst! Ihr gehörte er!
Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er
die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten.
Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf.
Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht!
Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen?
Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der
Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von
denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin
werd' ich sein in Ewigkeit! -- Ich -- und niemand außer mir!«
-- Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr
einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde.
Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse:
Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn,
Zwitschert ein Liebeslied leise -- --
Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn,
Hoch über Gletscher und Wogenzorn
Der Adler zieht seine Kreise.
Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt,
Lauschig in Rosengewinden -- --
Weithin der Adler die Luft durchfliegt,
Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt,
Eilt er die Liebste zu finden.
Schmetternd das Vöglein von Freude singt,
Von Rosen, Liebe und Sonne -- --
Hoch, wo kein Echo der Erde dringt,
Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt,
Der Adler die Liebeswonne!
* * * * *
Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf
legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel,
der ihr fast den Atem raubte.
* * * * *
Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni
sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die
Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen.
Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von
Christiania mit raschen Schritten.
Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz
bekümmert um sie war.
»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,« sagte sie. »Ich glaube, es
ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in
Ruhe sammeln zu können.«
»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.«
»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?«
»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt
bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!«
»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin
zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als
jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß
ich darüber zu beklagen gewesen wäre.«
An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung
sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten,
ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu
trinken.
»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette
auf dem Sofa neben sich hatte.
Ȇber die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht um das
Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!«
»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest
du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?«
»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.«
»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie
doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.«
»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr
Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe
Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust
und hoffärtiges Leben.«
»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.«
»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine
Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. -- -- Das
ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht
immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche
am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die
Macht rauben.«
Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie
ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen
wußte, ergriff Alette das Wort.
»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen
Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines
Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch
erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So
klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.«
»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben
ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust
uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich
abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet
uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß
man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem
Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über
die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das
Erstgeburtsrecht war verspielt.«
»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne
Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.«
»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie.
Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie
fragte, ob sie sich nicht wohl fühle.
»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur.
Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren
Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß
sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht
besonders mit seiner Braut beschäftigte.
Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden.
Er fand sie im Kabinett.
Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute
abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?«
Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz.
»Was ist das für eine Frage? -- Wenn du dich sonst nicht so ganz auf
meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem
Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus,
was das Wahrste in mir ist.«
»Ja, ja natürlich. -- Es war töricht von mir, so zu fragen.«
Er neigte sich vor, um sie zu küssen.
»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!«
Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das
Rote -- das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich
es hervorrufe.«
Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück.
»Nein -- nein.«
»Ach so -- -- gute Nacht dann.«
Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche --
versuche, ob du es hervorrufen kannst!«
* * * * *
Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich
die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah.
Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht,
sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann
durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat
zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden
kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete
sie sich nach ihm.
Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie
entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden
schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie
vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so
unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie
nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem
Gebirge, das so gar nicht für sie paßte.
Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit
Halfdan zusammen gewesen war.
Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat,
zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu dürfen. Da
ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer.
»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie.
»Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir
die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir
haben sie doch so sehr lieb.«
Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen,
und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen
ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können.
Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da
wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die
Decken -- und taten es erst später alle miteinander, als das dänische
Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte.
Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im
Bettchen auf.
Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die
dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine
jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme nachsagte: »Lieber Vater im
Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir
können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne
sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders -- besonders
wenn sie einmal sterben muß. Amen.«
Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des
Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von
heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde.
Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und
führte sie ins andere Zimmer.
»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen
jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das
Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was
wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst
leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.«
Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere
unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das
merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog
Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers
Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen.
»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen.
Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte.
Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan
gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich
ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß
er Sie -- für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein.
Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß
ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas
als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es
sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können
nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute
Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal
ins Leben übertragen, -- besser als eines von uns.«
Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie.
»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit --
weit besser als in der Wirklichkeit. Aber -- das, was Halfdan predigt,
das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber
brechen sollte.«
Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die
Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken,
und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was
er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann.
Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das
dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie
wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah
ihr ernst und eindringlich in die Augen.
»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie
übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin
eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.«
»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut.
Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen.
Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo
vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte
-- weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann
betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er
nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und
für ihn allein.
Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die
Tischplatte und küßte das Bild ...
Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile
die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. -- Sie nahm den
weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und
schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« -- mit ihrer schönen,
großen Handschrift, die er so sehr liebte -- gerade unter die fremde
Hausnummer ...
Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände
des Zimmers umschloß -- dann ging sie wieder hinaus.
Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte diese zögernd: »Da ist
noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz
allein mit ihm sein, -- und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf
ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber -- wollen Sie daran
denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn
nicht das eine -- das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei
allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden -- -- vor
allem Zusammensein mit Ihnen ...«
Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte:
»Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.«
Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach
dem Bahnhof begleiten, er ganz allein.
Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden
Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte
er. »Weißt du es noch?«
Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt.
Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit
seiner Frau ganz in Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte
dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze
Abschiedsrede halten.
»Der Herr sei mit euch -- droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht!
Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun
sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe
man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich
wünsche euch Glück, Kinder!«
Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut,
weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. --
Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand,
weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder
für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ...
Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu
vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe,
immer eine Heimat hier hätten.
Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut
im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene
Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor.
Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie
nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche.
»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und
lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los -- nie lasse ich dich
wieder wegreisen.«
Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in
Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut:
»Halfdan!«
Angstvoll klang es -- wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe
nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. -- --
* * * * *
Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in
Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte.
Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die
Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht.
Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten
hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald
trostlos gut auswendig konnte.
»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als
möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster
Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen
nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten.
»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe
erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich
~Hochlandspfarrer~ zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen
sind.
»Ich weiß, -- ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube
auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen
kann -- -- und ich kann nicht bei Ihnen sein.« -- -- --
An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach
Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein
paar Tage frei machen.
Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung, wo ihn der Bruder
empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war.
Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der
Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe
ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort
nicht verraten werde.
Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem
Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies
versprach der Bruder.
Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn
zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen
Brief als ungeschrieben, -- denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich
tue es niemals.
»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen!
Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem
Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt
Du ebenso gut wie ich. --
»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. -- Und Du wirst es
nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen.
»Ich nehme Dich an der Hand, -- sie ist mein. Ich fasse Dich um das
Herz -- es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir
habe, sage ich: Komm! Folge mir!« --
Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch
einmal entfaltete und ihren Namen -- nur ihren Namen, ganz zuletzt
hinschrieb.
Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte:
»Ich kann nicht!« -- -- --
Da reiste er zurück nach Christiania.
Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen?
Wie war es nur so gekommen?
Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder -- war er
derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war
ein unbegreifliches Chaos.
Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung
auch, recht übereinstimmend.
Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden
hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie
hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt, so verwöhnt und
verfeinert, wie sie gewesen sei.
Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in
ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert,
bis sie ein Ende gemacht habe.
Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte,
ging es außerordentlich nahe.
»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,«
sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was
habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht
bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist
ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er
bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. -- Über mein
süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher
besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch
nicht immer richtig.«
»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu
Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.«
»Kalt? -- Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner
Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte
nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese
Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals
gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht
frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.«
»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?«
»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm
auf den Mond ginge, -- ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält
nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden,
ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben
auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als -- Bären,
wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern.
Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.«
Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch
weniger zu hören, als einst über die Verlobung.
Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas
milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht
eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke,
sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie
sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den
Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist
nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz
durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu
haben.«
Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen
zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was
geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode,
die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt.
Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, --
mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde,
ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich
einschloß.
Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem Zimmer auf und ab
gehen, oder sich schwer niederwerfen -- auf einen Stuhl, oder auf den
Boden. Sie wußte es nicht.
+Gegen Morgen trat er bei ihr ein, -- und er sah in dem bleichen
Tagesgrauen aus wie eine Leiche.
Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es
auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.«
»Gott sei Dank!« sagte sie leise.
Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett,
auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren
Schluchzen.
Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die
Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann
leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn
fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer
betete sie.
Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf.
»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen
werden muß, kann auch getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns
die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet
immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!«
Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und
bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor.
Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese
Einsamkeit hinaufziehen mußte.
Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken
konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte
sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre
Gesundheit drangegeben.
Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht
gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer
einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe.
Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte
sich regelmäßig jedes Jahr.
Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre
um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen.
Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie
nicht wieder darauf zurückgekommen.
Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf
kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn
nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. --
Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem
Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen,
solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand.
»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder
die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte
die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit
einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein
Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer
netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde,
-- auf eine Art, die Bestand hat.«
Aber dies bekam man eben nicht zu hören.
Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest fesseln zu können
geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich.
Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das
dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur
Bühne gegangen sei.
An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse
eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben
damit ausfüllen könne.
Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der
Bühne.
Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben
zurückgezogen habe.
-- Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden
Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu
fließen.
[Illustration]
Hinauf.
[Illustration]
Die helle Nacht ruht über dem Gebirge ...
Die große, spiegelklare Wasserfläche wirft den Glanz der Sonne zurück,
und eine silberhelle, zitternde Beleuchtung hat sich über das steile
Ufer und bis zu dem weißen Pfarrhaus hingebreitet.
Es ist etwas Wunderbares um diese hellen Nächte. Man empfindet sie
immer, als stünden sie außerhalb der Gegenwart.
Der helle Tag, die dunkle Nacht -- in ihnen findet man sich so
natürlich zurecht. Aber die helle Nacht -- sie scheint nicht dieser
Welt anzugehören. Es ist, als lasse sie etwas ahnen, etwas weit
Größeres als den Morgen, der über der Welt anzubrechen pflegt.
Es ist, als öffne sich eine Türe zu lautlosen lichten Gefilden, zu
einer Stätte der Erwartung, wo man dem Sonnenaufgang der Vollendung
entgegenschaut.
In der hellen Nacht gibt es einen Zugang von einer Welt in die andere.
Man fühlt sich dem stillen lebendigen Dasein des Jenseits gleichsam
näher als in der lärmenden Unwirklichkeit des Tagewerks. --
Über die glänzende Wasserfläche gleitet ein Boot nach dem Ufer des
Pfarrhofs. Eine einzelne Gestalt steigt aus und bleibt am Ufer stehen.
Der Fährmann, der an einer kleinen Poststation seinen Wohnsitz hat,
rudert nach ein paar Augenblicken wieder weg. Er weiß, daß der Pfarrer
auf einer Amtsreise in Sörli ist und erst in drei Tagen um Mitternacht
zurück sein kann. Aber die Tür des Pfarrhauses steht offen, -- das weiß
er auch -- wenn die Pächtersleute je schlafen gegangen sein sollten.
Das Boot gleitet dahin wie ein Schatten auf dem glatten Silber der
breiten Fläche.
Die Gestalt geht nicht nach dem Pfarrhaus, sondern setzt sich auf einen
großen Stein am Ufer und hüllt sich dichter in ihren langen, dunklen
Mantel. Sie sitzt unbeweglich, als sei sie eins mit dem Stein. Und sie
wartet ....
Die helle Nacht steigt lautlos aus dem weißlichen Wasser auf und
umzieht alle Berge mit ihrem zarten Glanz.
Die blanke Fläche ist unbeweglich wie Glas. Nur drinnen zwischen den
Ufersteinen schlägt sie ein paar leuchtende Falten, die sich mit einem
leisen beruhigenden Rauschen auf dem weichen Sand glätten, und diese
schwache Bewegung, in tausendfacher Wiederholung, ist das einzige,
woran man merken kann, daß die Zeit vergeht.
Sonst scheint alles ganz still zu stehen, wie in träumerische Ahnung
verloren. Dann ertönt ein Laut, fern und unbestimmt, ein Laut, der die
Stille nicht zu unterbrechen scheint, -- selbst als er deutlicher wird,
-- sondern eher wie mit ihr verschmilzt. Es ist der taktfeste Ton von
Ruderschlägen, die sich nähern.
Ein ruhiger Ton. Und doch ist es, als ginge ihm ein gespanntes, von
Herzklopfen begleitetes Lauschen mit angehaltenem Atem entgegen.
Um die dunkle, mit Tannen bestandene Landzunge zur Linken gleitet ein
Boot und fährt auf das Ufer zu.
Knirschend fährt es auf den Sand und hält.
Der Pfarrer steht auf und steigt aus, -- ein einsamer Mann, der in
der Nacht in sein einsames Haus zurückkehrt, wie schon hundert- ja
tausendmal zuvor. Plötzlich bleibt er stehen. Er steht wie angewurzelt.
Die Gestalt da vor ihm auf dem Stein, unbeweglich wie dieser ....
Der Pfarrer schlägt beide Hände vors Gesicht. Dann fühlt er auf einmal
alles Blut zum Herzen strömen, als wolle es dieses zersprengen. Und es
wird ihm schwarz vor den Augen ....
Nicht, weil überhaupt eine Gestalt dort sitzt, obgleich auch das an und
für sich unerwartet ist. Eher weil die schlanken Umrisse der Gestalt --
die ganze Haltung -- die Art, wie der Mantel gefaltet ist ....
Die Gestalt erhebt sich, tritt einen Schritt näher ..... und gleitet
lautlos in den Sand zu seinen Füßen ....
Mit einer heftigen Kraftanstrengung geht er bis zu dem Stein hin, setzt
sich darauf und bedeckt dann das Gesicht wieder mit einer Hand.
Denn es saust ihm in den Ohren, es schwindelt ihm vor den Augen.
Die Gestalt neigt ihr Gesicht auf seine andere Hand, die schwer und
kalt auf seinen Knien liegt.
Und so bleiben sie unbeweglich lange, lange.
Es ist möglich, daß hinter ihm ein gähnender Schlund von leeren Tagen
und qualvollen Nächten ist, der sich nun langsam und besänftigend
ausfüllt, so daß die friedliche Verbindung mit der Vergangenheit wieder
hergestellt werden kann. Und es ist möglich, daß er einen Weg vor sich
liegen sieht, gebahnt hin zur Vollendung des Lebens ...
Denn dies ist die helle Nacht, in der die getrennten Welten
zusammentreffen -- -- -- --
* * * * *
»Halfdan, ich bin es.«
Die Stimme wieder! Der Klang, der unerreichbare, den wieder zu
vernehmen seine Ohren auf einer einzigen Sehnsuchtswache gestanden
hatten. Jetzt so heimisch und gewohnt, als habe er immer zwischen
diesen Höhen geklungen.
»Ich bin es.«
Die Ahnung eines Lächelns zieht über seine Lippen. Als ob es nötig
wäre, ihm dies zu sagen!
Noch bleibt er eine Weile sitzen, ohne zu sprechen. Er hat vergessen,
was er sagen wollte, wenn er sie einmal wiedersähe. Er hat sich so
lange darauf vorbereitet, daß nun alles entschwunden ist -- alles.
»Halfdan, darf ich kommen?«
Er will sprechen, kann aber nicht; er legt nur seine Hand auf ihr Haar.