Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?«

»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn -- du mich so

ansiehst.«

Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und

sagte: »Halfdan -- geliebter Halfdan --«

»Nun muß ich dich sehen, -- ich muß wirklich.«

»Nein -- nein, du mußt mich hören. Halfdan -- von dem Scheitel bis zu

den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele

habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.«

Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich

entscheiden lassen.«

Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es

nicht so gut wissen, wie ich. -- Und du konntest mich auch zuerst nicht

leiden.«

»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein -- leiden vielleicht

nicht.«

»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden

halten, weil du gestern abend ein wenig -- verwirrt wurdest.«

Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte

er.

»-- oder überrumpelt von -- all dem, das doch keine Spur von Wert hat.«

»Was wurde ich?«

Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich

befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft

glücklichen Ton nicht ertragen.

Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte

sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr

weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das

seinige.

»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte -- Geliebte?« fragte er.

»Daß -- wenn du es bereuen solltest, Halfdan -- wenn du vor dir selbst

einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, --

daß dann niemand« -- sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige --

»hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich -- niemand, der

dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun -- es ungeschehen machen

würdest.«

»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß

du existierst.«

Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe.

»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um

ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du

bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir

gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu

meiner eigenen Persönlichkeit.«

Er neigte seine Lippen zu den ihrigen.

»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was

anders aussehen könnte, -- ich liebe dich.«

* * * * *

Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und

machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen.

»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben

noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.«

»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt

haben.«

»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit

nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf

zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der

Ehe.«

Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!«

sang sie. »Glaubst du das nicht?«

»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube

ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun

einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen,

deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du

solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der

ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde.

Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die

er haben sollte.«

»Er hat mich aber doch gewählt.«

»Ja -- er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht.

Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich

so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen mußte. Im ganzen

genommen sind die Männer ja -- zuzeiten -- viel heißblütiger, von ihren

Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie

keinen Vernunftgründen zugänglich. -- Aber zu anderen Zeiten sind sie

wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem

solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du

seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja

nicht einmal christlich genug.«

»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet -- nach reiflicher

Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die

leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges

in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns

sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich

ergänzt.«

Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen

an die Aussprüche der Tante aufgenommen.

»+Vox populi+,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht

täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit +vox dei+

zusammenfällt.«

Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine

Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen.

Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu

allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß

Halfdan sich verheirate.«

Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch

sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in

diesem wie in allem andern.«

»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie

wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert.

Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung

nicht wieder rückgängig werde.«

* * * * *

Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu

Alette ging.

Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle

Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich

abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut

hingeben würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen

teilnehmen zu dürfen.

Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu

benützen pflegte, -- durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß -- sie

war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte.

Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen

entgegen.

»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah.

Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,«

sagte sie.

»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie

einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte.

Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad

überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den

Knien, den Kopf in deren Schoß.

»Ich bin bei weitem -- bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es,

ich fühle es.«

Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle

wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel

fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?«

»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen

wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als

vorher.

Sie war in seinem Zimmer, -- er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles

zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm,

von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber

nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder

von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren.

»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut

ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen

hinreißend waren in ihrem Suchen nach -- nach dem Einzigen. »Es wurde

für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß

nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war -- im

Kampf.«

»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem

Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand.

»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll.

Sie muß erkauft werden, wissen Sie.«

Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht

verstehen.

Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte.

»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,«

sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu

kommen und Sie fragen?«

»Jawohl, -- so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem

Ton, und es konnte ja auch keine da sein.

Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur

wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten.

Nein, er war wütend.

»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der

geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist

hunderttausendmal zu gut für so einen.«

Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg.

Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber es wäre

vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde.

Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls

gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne

dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann -- einen guten Mann.

Werde ihm nun auch eine gute Frau.«

Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. -- Eigentlich

sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben -- und doch

so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor.

Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch

selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern

recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der

Einsicht, daß +vox populi+ doch hier +vox dei+ sei?

Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte,

besonders am Sonntag!

»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,«

sagten die Leute zu ihr.

Herrlich -- ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte

folgen? Und doch saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit

Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn

sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die

Augen aufgehoben waren -- da war die Angst am größten.

Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen

war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die

die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese

Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem

Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel.

Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen

...

Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete --

bei jedem Kirchgang.

Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit

andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie

früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm

nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das

war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch kaum an. Besonders

nicht, wenn Alette anwesend war.

Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens

verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es

sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder

getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen

und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie

ihn darum gebeten hatte.

Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm.

Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich.

Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am

meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch

von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren.

Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine

Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald

als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins

werde in seiner Lebensanschauung? -- Und wenn er das unterließ, war es

nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter Zweifel an der

Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand?

Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden,

wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, -- die Stunden, wo die

Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in

die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, -- eine weitere,

größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da

lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, -- hinaus, wo

die kalte Angst saß und auf sie lauerte.

»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so

schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann

doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?«

Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz.

»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden.

Sag mir, wie du mich haben möchtest!«

Er faßte sie unter das Kinn.

»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach -- und es geschah.‹«

»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln? Ich sehe dann

gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich

anders kleiden?«

Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,«

sagte er.

Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in

demselben Augenblick auf!«

»Möchtest du das vielleicht erreichen?«

»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du

finden kannst.«

Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht?

-- Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste

Sache, die es gibt! Von außen her -- und auf Kommando?«

»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis

an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.«

»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. -- All

die äußeren Dinge, die du nennst, -- ob sie von dem neuen Leben wie

verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter

hängen bleiben hinter all den frischen Trieben, wie an den jungen

Buchen in deinen Wäldern, -- das ist so unbeschreiblich gleichgültig.«

»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind,

und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie

abzustreifen.«

»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein

Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die

eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, -- wären es auch ›Äcker oder

Gewerbe‹, wäre es -- --«

Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen.

Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die

Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.«

Ach, die Locken! -- Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr

lag! -- ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht

hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber -- das dritte, das er

nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben

ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es nicht eines Tages -- in

ihrer Gestalt -- ihn so bedenklich machen, daß --

Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ...

* * * * *

Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war

vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich.

Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und

auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie

zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater,

überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie

nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte.

Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der

Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte,

strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war

ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen

Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ...

Sie war auch alle Tage draußen in der Küche bei Trine -- mit glühenden

Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein

gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war;

so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken

könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen

als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut

wie möglich ernährt würde.

»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du

übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein

Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem

Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.«

»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.«

»Ja, die großen Worte -- an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich

den goldenen Mittelweg vor -- auch hier.«

»Den goldenen Mittelweg? -- Der ist in der Regel das vergoldete Elend.«

»Wer sagt das?«

»Halfdan.«

»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach allem richten, was er

sagt, dann -- dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn

mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer,

in den Ehestand zu treten, gesprochen.«

»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt

klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten

Überzeugung heraus, und nur aus dieser.«

»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich

glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir

haben einen guten Liedervers, in dem heißt es:

Auch die großen Heil'gen haben

Adams Fleisch und Kleider an!«

Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf:

Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren

Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich

an sie gebunden hatte?

Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann

gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig

asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein wenig mehr

nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und

deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein -- sie war empört!

Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis

beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein,

der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie

möglich!

»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte,

mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen

Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine

dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir

selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!«

»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt,

gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.«

»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz

klar wärest --«

»Wie viel Gutes sich hinter dem -- häßlichen Äußern verbirgt?«

»Nein, gerade das Gegenteil.«

»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie wäre es, wenn wir zur

Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig,

jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig --«

Sie lachte und drückte seinen Arm fester.

»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen!

Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie

aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und

ich, -- könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja

gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen

Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?«

Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag -- mit der

Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte.

»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!«

Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja --

ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du

bist -- ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du

dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele,

bis in die Fingerspitzen, -- einem hingegeben, der für dich in allen

Dingen ~will~, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines

~willst~, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.«

Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen.

»Ja,« sagte er, »so ist es -- woher weißt du das?«

»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis

zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß ~ich~

gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, -- das habe ich von Kind auf

getan! -- ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr

entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine,

ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand

einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen

Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden

hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig

selbstgeschaffen. -- Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du

selbst. Ich -- ich ~bete~ nicht ~an~, ich stehe nur in einem

einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und

ich will nur eins, dich, dich und nur dich!«

Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du

bist verzweifelt ehrlich.«

»Was meinst du damit?«

»Nichts.«

Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich

doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste

notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also

nicht der schlimmste.«

»Aber auch lange nicht der beste.«

»Nein -- selbstverständlich nicht --«

Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer

traten.

»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist

leichtsinnig.«

»Kann ich's ertragen, es zu hören?«

»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.«

Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr:

»Halfdan Svarte ist so schön --«

»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.«

»-- so schön wie ein römischer Kaiser.«

»Das hat man ihm noch nie gesagt.«

»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört,

nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »+Aeternitas

tua+.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt?

Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen:

+Aeternitas tua!+ Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige

für mich -- Und ich bin sein -- in Zeit und Ewigkeit.«

-- Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem

Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines

Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines

Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem

weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat.

»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan,

warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!«

»Sagst du nicht einmal guten Tag?«

Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! -- Nun,

warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?«

»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in ~einem~ haben.«

»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!«

»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht

zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll

keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von

denen, die keine Dichter sind!«

»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist

dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.«

»Ja, -- das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben

so viel wert, wie -- der Einsatz.«

»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht

dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.«

»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr

wert ist.«

»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch

Zinsen tragen, das weiß ich.«

»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert

eines Menschen erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am

tiefsten. Die beste Frucht ist immer ~Persönlichkeit~.«

»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen

Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht

auszuhalten.«

»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist

ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der

Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten

mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht

später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen

beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.«

Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch.

Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche

Stimmung.

Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte

die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher

beim Rauchzimmer war.

Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl.

Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so

unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der

Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische

Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte!

So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf

auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ...

Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken

drückte.

»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als

seiest du hier.«

Er saß neben ihr und legte den Arm um sie.

»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden -- Sekunden

geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe

...«

»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.«

»Nein, -- könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die

Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!«

Näher, inniger zog er sie an sich.

»Ist die Welt jetzt?«

»Ja -- o ja! Das Leben ist. Und ich bin!«

»Ja du bist -- du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens --

ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!«

»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.«

»Das ist es nicht. Eher -- eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem

Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du

das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.«

»Das bin ich in allen meinen Kleidern.«

»Ja. Aber -- --«

»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß -- daß ich nicht noch mehr dein

eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.«

»Kannst du es wirklich nicht?«

»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon

verstehst, wie ich dich liebe? -- Nein, die Männer begreifen ja nie

etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein

großes Geheimnis: Ich bin -- ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du

nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist

mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber,

wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst -- und ich also noch

mehr als -- als meine Liebe geben kann, -- und ~dir~ geben kann,

dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So,

dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang,

hörst du?«

»Ach, du dänisches Fräulein!«

»Und, Halfdan -- ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!«

»Nein, nein -- nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen.

Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht

nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹

Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen

reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, -- bist

nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!«

Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte.

Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu

sein!« sagte sie.

Er lachte und küßte ihr die Hände.

Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin

eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war.

»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.«

»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.«

»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.«

»Ach so -- ja dann ...«

»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also

dort nicht weiterleben.«

»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich.

»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.«

»Dann muß sie eben dort sterben.«

Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu.

»Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das

merkt man.«

»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht

gebrauchen.«

Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht.

»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante

mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen.

Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr

zurückkehrt.«

»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission

treiben.«

»Was würde dann aus dem Familienleben?«

»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit

gerät.«

»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich

stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem

Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich

glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.«

»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn

willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes

und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß

›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.«

»Allerdings, das steht da -- mehrere Male. Und das muß auch getan

werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle,

Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen,

daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich

zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in

diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn

nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll.

Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf.

Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern

verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, -- ja nicht

irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen,

nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das

Leben, -- ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen,

sondern es nur besitzen -- in Entsagung.«

Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg.

Das war so recht klar ausgelegt.«

Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war

das dänische Fräulein zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch

nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte.

Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand.

»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu

sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der

Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor

hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt

werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz

streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin

sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.«

»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie

werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und

nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.«

Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden

Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus

nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen.

Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst.

Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett

liegen lassen und ging hinein, um es zu holen.

Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen

Händedruck haben.

Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu.

»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie

besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb

stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!«

Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten

ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern,

damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? -- Dann ist das geistliche

Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich

meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.«

»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist

und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es

lehren.«

Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf.

»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals

vorschreiben.«

Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie

sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht.

»Halfdan -- nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie

du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!«

Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf

an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen.

»So,« sagte er.

»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich

am liebsten nie wieder ein Wort sagen!«

Er sah sie an und küßte sie noch einmal.

* * * * *

Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen

festere Formen anzunehmen.

Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre

Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers

stattfinden würde.

Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante

sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die

Nichte hatte von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar

mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres

Einkommen hatte.

»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im

Frühjahr eines Morgens die Nichte.

»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir

ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich

irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?«

»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war

und sagte, -- aber es muß ja ein Irrtum sein --«

»Was denn?«

»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten

Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte

er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol

anbieten.«

Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz,

sagte aber nur:

»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für

mich könnte es keinen Unterschied machen.«

»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. -- Aber es

muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. -- Das wäre die

mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.«

-- Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein

Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und

das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit

ihren leiblichen Augen -- das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg,

hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und

unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß,

ohne mitkommen zu können ....

Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach.

Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, -- er brach

auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime

Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an.

Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er

den Ruf vernommen -- der nach »oben« zog -- »unerbittlich«. -- Und er

verließ alles, stand auf und folgte ihm.

Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken,

klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal

nach dem umzuwenden, was dahinten blieb.

Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen

gefühlt hatte.

Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare,

schmerzliche Freude.

Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war

doch das, was sie am meisten an ihm liebte!

-- Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins

Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die

abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du

wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.«

»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so

wahnsinnig.«

»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du,

mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!«

»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?«

»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du

bekommst die Stelle nicht.«

»Dazu ist wohl keine Gefahr.«

»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe

gesagt.«

Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen.

Als die beiden allein waren, trat er zu ihr:

»Fragst du gar nicht?«

»Ich bin entschlossen, dir zu folgen -- und nicht, dich zu fragen,«

sagte sie mit einiger Anstrengung.

»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände

sind! Ist das Herz so warm?«

Der Hochlandspfarrer · 第 11 / 16 题