»Nein, nein, -- nein!«
Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße
zitternde Hand.
Dann führte er sie hinaus -- in den Duft und Schatten der blühenden
Gewächse .....
* * * * *
Schlafen -- -- nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede.
Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die
Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen
hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, -- da draußen zwischen all
den Blumen ....
Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran
erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie
hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen -- die Hände darüber
gelegt --
Sie durften nicht, -- durften nicht gesehen haben -- das, woran sie
sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, -- den
Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte,
seit sie geboren war, -- den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines
andern hingab.
Ach, diese Hände, die sie umschlossen -- so siegessicher, so
gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem
sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos
bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl
erfüllten, zu sein, zu sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man
einem andern gehört.
Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben,
es heißt ~gar nicht~ sein.
Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide
Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie
lebendig!
So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück
noch da.
-- Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten,
nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im
Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte
nicht sein!
Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne
Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung.
Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte.
Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie
weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem
Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich sehen, daß es das
Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, -- daß sie von allen die letzte
sei, die er wählen sollte.
Er würde das Todesurteil fällen, -- sie fühlte es -- und es bestätigen,
wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die
nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn
hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen -- es
schauderte sie im Nacken -- und sie würde die Nachricht erhalten ...
Sie stand auf und kleidete sich an -- stehend wollte sie den Schlag
hinnehmen -- und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes
Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das
dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand.
Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank
sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor
wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an
diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch.
Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern
ging man noch immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der
Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog.
Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte -- und unwillkürlich
begann sie, ihre Antwort zu formen.
»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen
Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? -- Aber ich liebe Sie,
wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann -- --«
Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still --
und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst
sagen.
Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da --
starr und weiß wie eine Bildsäule.
Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde
entrückt und die Welt um sie versunken -- die Feuerwoge ergriff sie ...
Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war:
»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.«
»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht
aufhören, sie zu küssen.
»Ja, aber nicht dazu, -- Halfdan -- du mußt mich anhören!«