* * * * *
Die Wanduhr schlägt zehn Uhr. Der Pfarrer steht plötzlich auf und sagt,
es sei hohe Zeit für uns, zu Bett zu gehen, für uns, die wir morgen in
aller Frühe aufbrechen müßten.
Dann setzt er sich ans Harmonium und stimmt ein Abendlied an:
»Die Sonne sinkt am Himmelsrand, --
Ich sehn' mich nach dem Morgenland,
Dem keine Nacht zu eigen,
Wo frei von Erdenleid und -lust
Sein Haupt an Gottes eigne Brust
Darf der Erlöste neigen.
Nun sinkt die Nacht auf Flur und Au'n,
Ich sehne mich nach Edens Gau'n,
Wo keine Stürme brausen,
Wo in dem tausendfält'gen Tag,
Dem eignen Herzschlag Gottes mag
Still der Erlöste lauschen ....«
* * * * *
Wir nehmen Abschied vom Pfarrer an der offenen Feuerstätte, deren
leuchtende Flammen nun zu einer glimmenden Glut zusammengesunken sind,
die uns von der Asche wie mit roten Augen anstarrt.
Der Pfarrer sagt, er wolle für uns wachen, bis der letzte Funken
erloschen sei. Und wir verlassen ihn da, wo er alle die roten Augen
bewacht, die sich schließen -- eins nach dem andern.
Denkt er vielleicht an die Seelen hier oben zwischen den fernen Bergen,
an die zerstreuten Funken, die er gerne zu einem flammenden Feuer
vereinigen würde? Oder geht sein Gedanke vielleicht noch immer zurück
zu dem, was gewesen, -- vor dreizehn Jahren?
[Illustration]
Das dänische Fräulein.
[Illustration]
Im Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die
in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich
zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen
norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung
entweder anzog oder Ärgernis erregte.
~Sie~ war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant,
lebhaft und begabt, -- die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen,
hieß es -- unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines
Kind verloren, ihre Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in
der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als
Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das
Zusammenleben kein dauerndes sein.
Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag
der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante
väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen
und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die
Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es
einmal mit der norwegischen versuchen.
»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante.
»Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.«
~Er~ war erst wenig über dreißig, war ein angehender
Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es
hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner
ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen.
Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war
nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem
zweischneidigen Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur
Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner
Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch
mehr als seine Oberen.
Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr
gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit.
»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du
hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen
aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten
Tante einen Kuß!«
Reizend konnte sie schon genannt werden -- wenigstens in gewissen
Augenblicken -- viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte
wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen,
ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders
von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu
wissen, wie sie aussah.
»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte
sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß.
»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die
Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu
ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung
seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu
mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.«
»Die wir eben gehabt haben.«
»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle
weiblichen Herzen schmelzen -- --«
»Und den wir auch gehabt haben.«
»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.«
»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.«
»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der
Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner
Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.«
»Hast du ihn gern, Tante?«
»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt
oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes sehr gern. Ja
wirklich, das darf ich wohl behaupten.«
Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören
bekam.
»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte
um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht
erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, -- du
erinnerst dich doch auch daran, Hallager?«
Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr
fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn
unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? --
Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?«
»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. -- Ja, ich bin doch kein so ganzer
Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es
auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom
Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden
Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und
außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich
ein paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und
freien sie, gerade wie alle andern auch.«
»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig,
daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht
verheiratet.«
»Das ist merkwürdig -- für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal
verlobt?«
»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz
überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut,
wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel
unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus -- und Petrus -- --
nein, -- mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter.
Nun, dann ist es eben einer der andern.«
»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht
weiter darüber nachgeforscht.
»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte.
»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen
Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich
wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal
eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in
ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so
gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer
sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen -- --
angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem
Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen,
nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.«
»Sie bewacht ihn -- das kann ich mir denken.«
»Ja, das tut sie -- und treu.«
»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die
Nichte. Dann stand man vom Tisch auf.
-- Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die
Frau Konsul eines Tages zu ihr:
»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch
nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen
abend, -- so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend,
wo man ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde,
die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber
vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.«
»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl,
man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe
davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht,
daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso
kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und
das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, -- glänzend
hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.«
»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu
gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner
Kirche.«
Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher
Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft.
Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals
ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt
war. Ihr weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen
Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den
Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige
feuerfarbige, seidene Mohnblüte.
»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte
ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun -- zur Abwechslung --«
Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und
auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer
und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden.
»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher
Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.«
»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er,
Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.«
Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und
schauerliche Geschichte von ihm gehört.
»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat,
als sie kam, um das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater
ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. -- Vater pflegte nicht
davon zu sprechen, sagte sie. -- Ging er in die Kirche? -- Vater war
mehrere Jahre krank. -- Aber ehe er krank wurde? -- Nicht sehr oft,
glaube ich. -- Las er fleißig in der Bibel? -- Nicht, so viel ich weiß.
Aber gut war er, mein Vater! -- Dann ist ihm die Hölle gewiß. -- Aber
da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. -- Wollen Sie meinen
Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber
zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht
schwer werden, einen solchen zu finden!«
Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem
Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie
einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die
Geschichte?«
Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau
Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein
Lieber, sie handelte von dir.«
Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf.
Kohlschwarz -- ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen,
von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen,
etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der
bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen
Napoleon.
»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin,
»es ist recht langweilig.«
»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst
nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.«
Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn
noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er
sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder.
Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu.
»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie.
Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre.
Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte.
Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa, daß sie mir ähnlich sieht?
Haben Sie mich predigen gehört?«
»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden
ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in
die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?«
»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die
Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, --
und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen
von sich selbst frei zu machen. Aber -- einen Toten! Den stillen,
verteidigungslosen, hilflosen! -- Es ist zum Händeringen schwer, daß
man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor
dem schlimmsten Gericht steht -- nein, etwas so Feiges!«
»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.«
»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. -- Aber
ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter
seinem eigenen Gericht. -- Mit nackter Seele -- --
Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans Ende der Welt gewandert,
wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten
können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden,
selbst jetzt noch nicht.«
Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam
das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten.
Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses
Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.«
»Ich weiß es, Sie Ärmste!«
Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich
sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so
selbstbewußt und unerschütterlich! --
Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles
Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf
den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab,
bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete.
Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und
hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen, in
der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die
Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar
dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen
Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und
daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als
die sie selbst wählte, einzulassen.
Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder
unter die andern.
Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der
Versorgung der Gäste behilflich sein mußte.
Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig
konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier,
und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit
die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten.
Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs
Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte
sich vor ihm in all ihrem Glanz.
Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch nicht ganz fertig war,
als sie sich wieder aufrichtete.
»Ich danke, aber ich tanze nicht.«
»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese
Worte zuschleudern zu können.
»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?«
»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und --«
»Wenn er von einem wilden Galopp -- mit flatternden Rockschößen -- zu
einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer
als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.«
»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.«
»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte
geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam
fänden.«
Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte.
»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald
sterben?«
»Sehr bald.«
»So helfen Sie ihm -- vorher.«
»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie
wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand.
Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem
Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der
blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares
konnte sie wohl entbehren!
* * * * *
Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und
wagte nicht, in die Kirche zu gehen.
»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet
ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr
ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage
vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche
willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte.
»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen
Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas mehr
in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan
Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu
spät ist.«
»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.«
Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich
recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner
schönen Stimme bekannt.
Wie sie so dastand, -- von sitzen war keine Rede, wenn man so spät
kam, -- hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser
als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien
Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach.
Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts
hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers.
Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie
Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem
jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, -- mit der ganzen
Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben.
Ob sie ihm nachfolgen, -- -- nicht, wer sie sind, nicht, wie sie
aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert
weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben,
alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf
ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die
Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem
Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch
erhoben.
Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom
des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen
sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte.
Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe
nichts von seiner Predigt gehört hatte.
Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst --
oder besser gesagt, die Predigt -- bei Tische zu besprechen? Natürlich
war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, --
diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt
glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb.
Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde
den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im
Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar
gerichtet.
Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen
Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer -- eine
Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß -- von den
durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick
lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer.
Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie
er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie
ihn wie einen brennenden Schmerz.
War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen,
zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl!
-- Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber
sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das jüngste
der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden
Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... ~du
dänisches Fräulein~!«
Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen,
und nun wurde sie ausschließlich so genannt.
Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden,
goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt.
Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und
mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen
Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie
konnten die norwegischen Männer schweigen! -- Die Schwester schien das
ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den
Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie
wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte,
und das reizte sie.
Bei Tisch unterhielt sie alle die andern -- fröhlich und lebendig, --
aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand.
»Heute habe ich Sie also predigen hören.«
»Ich sah Sie -- ja.«
»Sie waren sehr streng.« -- Sie konnte wohl annehmen, daß er das
gewesen war.
»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann
können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre
Klage höheren Orts vorbringen.«
»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der
Predigt abzulenken.
»Ja.«
Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht
auf.
»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht
verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl,
das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält,
hervorbricht.«
Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus.
»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann
sie wieder.
»Warum?«
»Weil -- hier ist es nicht sehr unterhaltend.«
»Ja, -- das ist ein sehr guter Grund.«
Sie merkte, daß er gehen wollte -- und da schaute sie ihm plötzlich
gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek.....,
ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?«
Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur
von Weichheit in den Augen.
»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das --
ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie
gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine
geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.«
Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht
nach?«
»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen
nichts.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen
auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie
ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch
nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen
die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt -- angstvoll wie ein
Ertrinkender --, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu
reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und
nach der Rettungsplanke -- nur hintänzeln will.«
Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht
in Weinen umschlagen könnte.
Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. -- -- Und da
fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich
übereilt zu haben. Aber so leicht -- -- nein, so leicht sollte es ihm
doch nicht gemacht werden.
Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da
sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die
Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm
nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag.
An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht
wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken?
Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen
möchte.«
Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie mich?« fragte sie und folgte
ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer.
Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt?
Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte
nichts, wenigstens nicht gleich.
»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen
anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine -- wir
beide sind so sehr verschieden -- -- Aber das ist keine Entschuldigung,
das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.«
Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich
lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen
Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich
geurteilt.«
»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse
für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es
kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten
Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?«
»Nein, nein, doch nicht ganz.«
Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so
ängstlich.
»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer
Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. -- Aber nicht mit einem weißen
Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen -- da, wohin ich
jetzt gehe.«
Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge.
»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um
den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu
sprechen, daß ich es verstehen kann.«
»Ich will sehen, was ich tun kann. -- Doch nun adieu!«
Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie
seinen Blick fühlte wie eine Berührung.
»Doch was macht der Patient?«
»Es geht ihm besser, -- in geistlicher Hinsicht.«
Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich
nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung,
es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. -- Und sonst
interessiere ich ihn ja nicht, während doch jede glattgekämmte
Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.«
Aber das nächstemal ließ auf sich warten.
Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und
ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die
Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das
dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen
Rasse hingestellt. Überhaupt -- jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker
Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer
mußte man nur ausweichen.
Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen
genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann,
daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt
hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der
Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen
hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da
ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber
diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen.
Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal
zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen!
Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen
gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu
bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte!
Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange
Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich
günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges
kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte.
Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal.
»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen,
die Zeitung in der Hand.
»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben.
Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen
abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll
Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße
hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.«
»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.«
»Ja, dann begleitet sie dich.«
Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen,
die nicht ganz in derselben Tonart sangen. -- Freiheit -- ja, um alle
hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in
diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte.
Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die
Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick
kalt und müde werde.
»Er hat mich entdeckt,« dachte sie.
Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas
Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit?
Dann kam die Rede. ~Freiheit~, -- das Wort, das einem den Atem
benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das
das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat -- würde er von solcher
Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und
andere fester zu ziehen.
Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde.
Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, -- ja, das sei man
ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit,
Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses
Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel
zu rechnen. -- Ach, sie dächte doch! -- Oder besser gesagt, es komme
alles von ~einem~ her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die
sündige Natur« heiße -- von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger
Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe,
in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit
zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren
werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch
einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich
bis in den grundlosen Pfuhl des Todes ....
Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler
hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen
zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was
er meinte --
Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei.
»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch
unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose
Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können --
Krankheit, Kummer, Armut -- wer von uns kann aufstehen und das eiserne
Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?«
Dann, -- dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der
selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz
aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber
den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß
mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der
seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. -- Einer, der
Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu
stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, -- aber auch Lebenskraft genug,
heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens aufzustehen,
und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein
solltest«.
»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein
Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie
meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu
behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in
den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen,
das nennt sie Knechtschaft.
Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die
Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn
er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch
die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt
tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst,
dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit
heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder
aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft -- Knechtschaft unter deine
eigene sündige Natur -- oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das
eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. -- Auch hier in diesem
Saal gibt es eine Wahl, -- merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet
ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« -- --
Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die
Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den
Betstunden.
»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem
Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben.
Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich
gehe dann mit ihnen.«
Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales
zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie
näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder -- nein, das konnte
nicht sein -- um sie zuletzt und allein zu haben. -- Sie wurde die
Letzte.
»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt.
»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen,
aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil
es so spät wurde.«
»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne
einen Zusammenhang mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden
sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz
selbstverständlich.
Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und
neben ihr her ging.
Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit -- davon, daß man frei
werden müsse, frei von -- von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem
Wort Freiheit -- ich liebe es -- denke ich meistens an die Freiheit, zu
handeln.«
»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.«
»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen
aber doch nicht von ~meiner~ Freiheit -- meiner Freiheit, zu ...
Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt.
Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust,
fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit,
zu -- -- zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich,
will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen
Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch,
der schwimmt.«
»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht
gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere,
hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine
Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch -- das
~Lebenselement für das Leben des einzelnen~ -- mit dem jubelnden
Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, -- in
seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung -- -- wo findet sich das?«
Unwillkürlich entfuhr ihr, -- obgleich sie dies früher niemals mit dem
Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen
Menschen.«
»Ja, -- -- ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist
trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt
mit der Stirne an, auch da. Nur ~ein~ Herz ist unbegrenzt. Nur
an ~einem~ Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das
Weltenmeer untertauchen.« --
»Ja -- aber sind Sie denn nicht gebunden, -- gebunden -- --«
»Von ~meiner~ Freiheit? Doch. Aber ihr Joch drückt nicht nieder.
Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben -- unwiderstehlich!«
Plötzlich blieb er stehen und sah sich um.
»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem
Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot
vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.«
»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie
hastig. »Gehen Sie nur gleich!«
»Nein, nein -- ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der
Wagen könnte ja besetzt sein.«
»Könnte ich dann nicht --?« Sie hielt inne, bange vor einer
abschlägigen Antwort.
»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist
taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.«
Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII.
Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke.
Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er.
»Hier ist es.«
Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein
Streichholz an, und in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen,
dunklen Hof -- er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln --
und eine Treppe, die zu einem Altan führte.
Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete
den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte.
Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten
Augen, machte ihnen auf.
»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla
steht.«
Die Frau schüttelte nur den Kopf.
Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen
Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden
Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei
bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten
Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte.
Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen,
offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren.
Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an das Bettchen. Einen
Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, -- dann wandte sie sich
plötzlich zu der Frau und küßte sie.