Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!«

Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel.

»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.«

Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner

und kühler Luft herein. -- -- Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit

kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht

benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das

kleine, fahle Gesicht her, -- das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger

und tiefer.

Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine

konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger

in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu

netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe

leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen.

»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die

Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte.

Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau

aufzuklären.

»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr

die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat.

Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle.

»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich

bin nicht verheiratet.«

Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr

das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen

zu beschäftigen.

Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des

Kindes strich.

»Tuberkulose,« sagte er leise.

»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie

wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen

würde.

Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft unruhigen Händchen und

Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen.

»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den

Knien lag. »Mutter ist hier. -- Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter

würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!«

Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und

richtete dessen Köpfchen ein wenig auf.

Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind

bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut

noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe

Gedanke auch in ihm auf?

»Lasset uns beten!« sagte er -- mit einem Ton, als ob er sich selbst

unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla,

sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.«

Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei

hatte, auf deren gefaltete Hände.

Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie

wußte nicht recht, was tun. Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß

er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb

sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu

trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach.

Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade

nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde

von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit

jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und

hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf

einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt.

»Wir heben Herz und Hände

Zum Sternenhimmel auf -- --«

Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte

nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit.

»Es reicht die Himmelsleiter

Zum Himmel von der Erd' -- --«

Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch

erhoben und die Mutter an der Hand.

Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht

war.

Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht

in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern,

ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz

gesprochen, -- in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren

in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes,

mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla.

Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte

und wiederkam, in abgerissenen Stößen.

Das dänische Fräulein hatte erst ~einen~ Menschen sterben sehen,

ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte

sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der

Mutter zu verbergen.

Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, -- eine Hand,

die sie dafür hätte küssen können -- über das verzerrte Gesichtchen

hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer,

tiefer Ruhe.

»Und Gottes Engel halten

Treu Wache um das Kind -- --«

Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf.

»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche.

* * * * *

Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter

hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte

versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu

bleiben.

Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin.

»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob

sie nun atmen kann?«

»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet,

oder sie nur wiederholt hatte.

Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz

zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben

Gedanken -- durch die weite und tiefe sternhelle Nacht.

Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat ihn nicht, mit

heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es

nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die

Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen.

»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte.

»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie,

»obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen

hätten.«

»Warum?«

Sie schwieg.

»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das

getan hätte, was Sie taten.«

»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an.

»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst.

»Ach das --« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde

ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe

hinaufstieg.

Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer

war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar

über den weißen Frisiermantel hinabfloß.

Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all

der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte.

Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein.

»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir

reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.«

Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle.

»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan

bekehren zu lassen?«

»Wie kommst du darauf, Tante?«

»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins

Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über -- Gott im Himmel mag wissen,

was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun

heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, -- eine

ganze Stunde nach Margit, -- und sagst, daß du mit ihm gegangen seist.

Und -- --«

»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch

einmal ergreifen würde?«

»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt, zu denken, daß ein

Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die

krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es

Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, -- ja,

ältere übrigens auch, -- dann werden sie in der Regel zu ihm selbst

bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur

warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein

könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor -- in einem gewissen

Sinne -- --«

»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer

nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man

gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten

Eindruck auf einen machen.«

»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr

leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und

schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.«

»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen

Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen

würde.«

»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig

halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer

vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe,

ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber

doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes,

gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel.

Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade

Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.«

Die Nichte lachte, -- laut und zornig abweisend, -- und schüttelte ihre

langen Locken.

»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. -- Aber verstehe mich nun recht,

mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht

und dich -- fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes

für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige,

nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, -- und schließlich damit

endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin

wirst, -- wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.«

»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es liegt durchaus nicht in

meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder

Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter,

»obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so

viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, -- und Mütter, die das

mit ansehen müssen.« --

Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange

im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare

schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt

hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen

aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt,

in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele

kleine Mädchen gab, die sterben mußten, -- und Mütter, die das mit

ansehen mußten.

* * * * *

Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie

auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu

großen wie zu kleineren Gesellschaften.

Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können. Ganz, ganz anders

-- im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel

richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz

entgegengesetztem Grund und Boden stand.

Stand -- ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form

einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung

hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle,

alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über

Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie

lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der

Religion.

Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen

könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen.

Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand.

Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu

werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu

bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn --

trotz allem -- doch eigentlich abstieß.

Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den

Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar

keinen Versuch machen.

Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall

anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang

ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn

besuchte.

Er blieb lange -- unbegreiflich lange -- drinnen beim Onkel. Dann trat

er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben

goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus

wasserblauem Atlas für die Tante.

»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz

dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.«

Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war

es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite

gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei,

da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten.

Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre Sache; das besorgte die

Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war.

»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der

Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu

verheiraten. Ist es nicht so?«

»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist,

wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes

zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung

erfülle.«

Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und

erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf

mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen.

Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer

und Frauen sein kann?«

Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete

ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.«

»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und

deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war,

dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.«

»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich

weiß absolut keinen, der mich haben möchte.«

»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel

+Dr.+ Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt,

Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?«

»Nein, -- -- doch -- es ist möglich.«

»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat,

nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem

Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und

dann -- --«

»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht

hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.«

Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken

und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen +Dr.+

Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte

entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier,

zeitlebens unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie

neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die

Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit

ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später

erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war,

als ihr Lachen in dem seinigen unterging.

»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber

du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.«

»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen

worden ist.«

»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne

das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.«

»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹

bekommen -- der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau

mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt,

daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese -- Möglichkeit

in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche

verschärft sind, äußerlich wenigstens.«

»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt

habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr

ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein,

natürlich auf die rechte Art und Weise.«

»Auf die bequemste jedenfalls.«

»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein

wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer

trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß --

daß der dann dem Ideal am nächsten ist.«

»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal

verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht.

Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu

vier Frauen brachte.«

»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es

sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.«

Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein

Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen

könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er

es denn so gut?

Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit

solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben.

Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei

ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei.

Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die

größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und

der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn

nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten

Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie!

Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von

~ihr~ etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot.

Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz

entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania.

Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben

sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch

über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und

Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt.

Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor

Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen

Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte

über ihr ganzes Gesicht.

Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei,

die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges

Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei,

sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen

konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte.

»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als

ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er

in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus

keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in

den Tagen, wo ich wegen meines Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb

mußte er allein gehen.«

»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig

für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine

Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.«

Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber

sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da.

Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz

außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame.

Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester

eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war

und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als

der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er

geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.«

»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt,

die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann man

begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?«

»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.«

»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt

-- auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann -- die niemand

haben, den sie ~anbeten~.«

Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus

Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin.

Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen

zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte.

»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die

Lampe für ihn in die Höhe hielt.

»Nun -- dann gratuliere ich.«

»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen -- ich

habe es einmal gesehen -- in dem Blick eines Menschen. Es heißt so

viel, als seine ganze Seele hingeben.«

»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden. Aber es klingt nicht

treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze

Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man

ist, in ein einziges Gefühl -- ein einziges abgrundtiefes Gefühl der

Ohnmacht, des Nichts -- -- und es dann zu den Füßen eines Einzigen

ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei

wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde

ausgießen, vor die Füße eines Einzigen -- -- und dadurch gewonnen --

aufgenommen -- vertieft -- verwirklicht werden.«

»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.«

»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben:

Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis

zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie

tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz

unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken,

alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken -- ohnmächtig. Wo der

unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins

Heiligtum.«

Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre Chrysanthemen an.

Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit

helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge,

das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen

hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz.

Sie selbst war ja so weit weg -- so fern von ihm in diesem Augenblick

-- und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem

ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott.

Und doch -- was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges

Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde,

vor den Füßen eines Einzigen, -- wer, ach wer in der weiten Welt konnte

es besser verstehen als sie?

* * * * *

Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt -- die gnädige

Frau wollte es.

»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,«

sagte sie.

Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber

die Aussicht auf eine ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit

einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung.

Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten

vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man

mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf

den Trümmern von Karthago« -- oder wie es sonst der Konsul zu nennen

pflegte.

Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen

adressierte und ihr Kleid anprobierte -- ob, ob -- --?

Nein, das war wohl unmöglich!

»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn

man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter

ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage

vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben

-- für unser liebes »dänisches Fräulein« -- und ob sie nicht Lust

hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.«

Und der Tag rückte herbei.

Und es geschah -- ja, das Unmögliche selbst flutete herein ins Leben

mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten

zuschanden.

Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr

Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir

das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr

als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit.

Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte

leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der

ihr ganzes Dasein trug.

Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen

gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne

stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze

große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum

nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte.

»Und es geschah« --

Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs

neue in Gedanken ... und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem

Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß

sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ...

Es war an dem Ball ihres Onkels.

Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe

unmöglichen Möglichkeit vor Augen.

Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich

glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre

feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem

dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen

über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte

Heliotropblüten festhielten.

Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die

festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im

Saal war man eben bei den letzten angelangt.

Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem

Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche

Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im

Zimmer stand, wo er mit ihr zusammen die Gäste begrüßen sollte, die

sie schon draußen hörte.

Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs

Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene

Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem

Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und

bewundern zu lassen.

Und doch war sie die Königin des Abends -- das fühlte sie selbst --

von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen

Atlasschuh.

Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in

wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, -- gleichsam in müder

Majestät darauf zuschritt.

Da -- -- nein, nein -- -- nein -- -- blitzschnell schloß sie die

Augen ...

Nein -- -- es war ein Trugbild --, eine glühende Sehnsucht, die in ihr

aufstieg und sie verwirrte, -- -- es war eine Einbildung, daß sie da

vor sich im Spiegel -- aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar

auf sich gerichtet gesehen hatte.

Zwei Augen, -- deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre

ganze leuchtende Gestalt umhüllte ...

Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen,

sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war -- und wagte doch nicht

sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da ~waren~.

Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der

vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, -- was dann?

Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis -- blieb dicht vor dem Spiegel

stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung --

und sah ...

Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer.

Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel.

Der Blick war da ... Näher -- näher ... loderte er flammend auf, ihr

entgegen ...

Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun

sich vor ihr auf die Knie niederließ ...

Ein halb unterdrückter Schrei -- -- und sie fiel zu Boden in all ihrer

leuchtenden Herrlichkeit ...

Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie -- war ein

glühender Atem über ihrem Gesicht -- war eine kecke Hand da, die die

Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg.

* * * * *

Da kamen die Gäste.

»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau

Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.«

»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist

sie auch gesund?«

Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen,

der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel

machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr

gegenüber.

»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während

sie im Saal umhergingen.

»Bist du verrückt?«

»Nein -- aber ich glaube, Onkel Hallager hat mich mit der Influenza

angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.«

»Ja, du siehst auch todesblaß aus. -- Nein -- um meinetwillen keine

Aufregung. -- Obgleich -- ich bin als Tänzer berühmt.«

Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem

sogleich mehrere folgten.

»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank

würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so

verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren

zu machen! -- Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute

anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun

bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.«

»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.«

»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!«

»Ach -- wenn es sich nun ums Leben handelte -- ich kann gut verstehen,

daß man da eingreifen möchte -- selbst in einem Ballsaal.«

Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu.

»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?«

»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.«

»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch +Dr.+ Carlsen

um Rat.«

»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.«

»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken

bekommst!«

Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu.

»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise

kann ich ja auch mittun.«

Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die

Augen zu ihm aufzuschlagen.

Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein

Zeichen daneben und entfernte sich.

Sie sah auf die Karte -- und barg sie in ihrem Gürtel.

»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter.

»Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.«

In der Pause war sie vielen teilnehmenden Fragen und Ratschlägen

ausgesetzt, die sie nur quälten.

»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie.

»Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.«

»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der

Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten

die norwegischen Cousinen.

Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul

ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis

Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so

eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit

bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch

versammelte.

Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen

Professor zu Tisch geführt.

Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die

Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich

und hielt eine Rede auf »die Frau«.

Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch nicht durchaus neue

Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er,

einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau,

wenn sie so ist, wie sie sein soll -- --«

»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein.

Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung.

Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder

zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der

ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten

Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein

Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie

trotzdem reizend ist.«

Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal.

Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt,

drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht

annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde.

Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und

fieberheißen Wangen zu dem Professor.

»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau,

die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der

hervorhebt, daß sie doch angeht.«

Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein

besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein

soll«.

Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig

bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer

einsilbigere Antworten gab.

Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu

gehen.

»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.«

Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle.

Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es

könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht

wurde ...

Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die

älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. -- Ihr

Herz stand still --

Er kam und bot ihr den Arm.

Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf.

Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie

hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda,

die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt

worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln

ein weiches Opallicht warfen.

Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die

auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte.

Der Hochlandspfarrer · 第 8 / 16 题