Alle krankhaften Erbanlagen müssen natürlich zu irgend einer
Zeit einmal erstmalig entstanden sein. Man kann zwar gewisse
Krankheitsanlagen durch zahlreiche Generationen zurückverfolgen,
so z. B. die Nachtblindheit in einem Stammbaum durch mehr als drei
Jahrhunderte; rezessive Anlagen können auch schon viele Generationen
lang überdeckt in einer Bevölkerung vorhanden gewesen sein, ehe
sie sich zum ersten Male äußern; aber irgend wann einmal müssen
auch sie natürlich neu entstanden sein. In der Erbmasse der ersten
Menschen sind selbstverständlich noch nicht alle jene erblichen
Krankheitsanlagen vorhanden gewesen, mit denen die gegenwärtigen
Bevölkerungen durchsetzt sind. Da biologisch kein Wesensunterschied
zwischen krankhaften und normalen Anlagen besteht, so verhalten
sich die krankhaften Erbanlagen natürlich auch hinsichtlich ihrer
Entstehung nicht anders wie die sogenannten normalen. Da die Erbmasse
als chemisch-physikalisch bestimmt vorgestellt werden muß, so muß sie
auch durch chemisch-physikalische Einflüsse änderbar sein; und da die
einzelnen Erbeinheiten wegen ihrer Molekularstruktur nicht fließende
Übergänge haben können, so muß auch ihre Änderung in mehr oder weniger
großen Sprüngen oder „stoßweise“, durch Verlust, Anlagerung oder
Umlagerung von Molekeln oder Molekelgruppen erfolgen. Wir bezeichnen
nun jene chemischen oder physikalischen Einflüsse, welche Änderungen
der Erbmasse zur Folge haben, als ~idiokinetische~ Einflüsse, die
Verursachung solcher Erbänderungen oder Idiovariationen selber als
~Idiokinese~.[E]
Das Wort Idiokinese ist nicht gleichbedeutend mit dem von
~Forel~ gebrauchten Ausdruck „Blastophthorie“ (Keimverderb),
da dieser auch nichterbliche Änderungen bezeichnete und
andererseits auf schädliche Änderungen eingeschränkt war. Den
Vorgang der Verursachung nichterblicher Änderungen, sei es nun
der fertigen Lebewesen oder der Keimzellen, bezeichnen wir mit
~Siemens~ als ~Parakinese~; und wir sprechen demgemäß
auch von ~parakinetischen~ Einflüssen im Gegensatz zu den
idiokinetischen.
Im einzelnen sind die Bedingungen der Idiokinese noch sehr unvollkommen
bekannt; immerhin aber hat man auch schon im Tierversuch künstlich
Erbänderungen erzeugen können. Der amerikanische Zoologe ~Tower~
ließ z. B. auf Käfer der Gattung _Leptinortarsa_ (Kolorado- oder
Kartoffelkäfer) während der Reifung der Geschlechtszellen abnorm hohe
Temperaturen (zirka 35°) einwirken. Die Nachkommen zeigten dann zum
großen Teil in Farbe, Zeichnung und Größe abweichende Merkmale, die
sich weiterhin als erblich erwiesen. Bemerkenswert ist, daß in einem
und demselben Versuch unter der gleichen Temperatureinwirkung mehrere
neue Formen nebeneinander entstanden, daneben auch nicht abgeänderte
Nachkommen. Wenn dieselben Elterntiere während späterer Perioden der
Geschlechtszellenreifung unter normalen Lebensbedingungen gehalten
wurden, so fielen auch ihre Nachkommen wieder normal aus.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch beim Menschen durch klimatische
Einflüsse Erbänderungen hervorgerufen werden können. Dafür spricht z.
B. der Umstand, daß Familien nordischer Rasse in den Tropen in wenigen
Generationen durch Entartung der Nachkommenschaft auszusterben pflegen.
In unserer Bevölkerung spielt als Ursache krankhafter Erbanlagen sicher
der ~Alkohol~ eine ganz besondere Rolle. Bei den Nachkommen
von Alkoholikern finden sich in viel größerer Zahl als sonst in der
Bevölkerung allerlei Leiden, die wir als idiotypisch bedingt ansehen
müssen. Etwa ein Drittel aller Epileptiker, Schwachsinnigen und Idioten
stammt von Trinkern ab. Freilich mag in vielen Fällen der Zusammenhang
auch so liegen, daß die Trunksucht der Eltern (gewöhnlich des Vaters)
schon eine Äußerung derselben Erbanlage war, die sich bei den Kindern
als Epilepsie oder Schwachsinn darstellt. Ob der Alkoholismus die
Ursache oder die Folge geistiger Minderwertigkeit ist, ist im
Einzelfall meist nicht zu entscheiden. Daß aber der Alkohol überhaupt
idiokinetische Wirkungen haben kann und sie in Wirklichkeit in großem
Maßstabe hat, daran scheint mir ein Zweifel nicht berechtigt zu sein.
Fortgesetzter Alkoholmißbrauch führt schließlich geradezu
regelmäßig zu einer Zerstörung der Stammzellen der Samenzellen
in den Hoden. ~Bertholet~ fand unter 100 Alkoholikerleichen
64mal völligen Schwund des Keimgewebes und nur zweimal anscheinend
normale Hoden, während die übrigen Schäden geringeren Grades
aufwiesen. Damit hängt es zusammen, daß Trinker über kurz oder lang
unfruchtbar zu werden pflegen. Es wäre nun geradezu ein Wunder,
wenn ein Gift, das die Keimgewebe völlig zerstören kann, bei
schwächerer Einwirkung nicht auch gelegentlich Änderungen der darin
enthaltenen Erbmasse zur Folge haben würde.
Es ist auch verschiedentlich versucht worden, den schädlichen Einfluß
des Alkohols auf die Erbmasse im Tierversuch nachzuweisen. Die meisten
der bisherigen Versuche sind indessen von geringem Wert. Beweisend
scheinen mir bisher nur die groß angelegten Versuche des amerikanischen
Professors ~Stockard~ zu sein. Dieser setzte Meerschweinchen,
die vorher normale Junge erzeugt hatten, monatelang täglich (mit
Ausnahme des Sonntags) Alkoholdämpfen aus. Die Tiere wurden dabei
nicht krank, waren aber auch nie ganz nüchtern; ihr Zustand entsprach
also dem sehr vieler „mäßiger“ Trinker. Die Paarungen derart
alkoholisierter Tiere verliefen oft ergebnislos; auch gab es viele
tote Würfe; die wenigen erzielten Jungen starben meist an Krämpfen,
was alles bei nicht alkoholisierten Vergleichstieren nur selten
vorkam. Auch wenn nur die Mutter oder nur der Vater alkoholisiert
war, ergaben sich allerlei Schwächezustände und Mißbildungen bei
den Jungen; und bei Paarung derartig entarteter Tiere zeigten sich
krankhafte Anlagen auch bei den Enkeln und ebenso auch bei den
Urenkeln der Alkoholiker. ~Stockard~ hatte bis zum Jahre 1916
schon die Ergebnisse von 164 Paarungen alkoholisierter Tiere und
einschließlich der Vergleichsversuche und der Weiterzuchten 571
Paarungen verarbeitet. Es kann sich in Anbetracht der großen Zahlen
also nicht um Zufallsergebnisse handeln, und man muß daher schließen,
daß entsprechende Schädigungen der Erbmasse durch Alkohol auch beim
Menschen vorkommen.
In Deutschland kam vor dem Kriege auf den Kopf der Bevölkerung
ein jährlicher Verbrauch von etwa 10 Litern reinen Alkohols,
einer Menge, die in etwa 250 Litern Bier enthalten ist. Da dieser
Verbrauch sich ganz vorwiegend auf die männliche Bevölkerung im
zeugungsfähigen Alter konzentriert, so geht man wohl nicht fehl in
der Annahme, daß auf einen Mann im zeugungsfähigen Alter jährlich
30 Liter reinen Alkohols kamen, was einem täglichen Verbrauch
von etwa zwei Litern Bier entsprach. In den Städten war der
Alkoholmißbrauch natürlich noch größer. So kamen in München i. J.
1907 287 Liter Bier auf den Kopf der Bevölkerung.
Von der idiokinetischen Schädigung der Nachkommen muß die bloß
parakinetische, bei der die Erbmasse unangetastet bleibt,
unterschieden werden. So ist das häufige Vorkommen von Fehlgeburten
in Alkoholikerfamilien zum Teil wohl auf direkte Vergiftung der
Frucht infolge Alkoholmißbrauch der Mutter zurückzuführen; und
die außerordentlich hohe Kindersterblichkeit zum Teil auf die
zerrütteten Verhältnisse, zu denen der Alkoholismus zu führen
pflegt, zum andern Teile aber sicher auch auf die Schädigung der
Erbmasse. Bei Schwächezuständen der Nachkommen, die offensichtlich
durch Alkoholmißbrauch des Vaters entstanden sind, ist eine
bloß parakinetische Schädigung ganz unwahrscheinlich, sondern
in der Regel echt idiokinetische anzunehmen. Da der Samenfaden
eine millionenfach kleinere Masse als das Ei hat, kann er nicht
eine irgendwie in Betracht kommende Menge von Alkohol mit in die
befruchtete Eizelle bringen. Parakinetische Nachwirkungen, die
später wieder ausgeglichen werden könnten, kommen also in der
Hauptsache wohl nur von Seiten der Mutter in Betracht und aus
diesem Grunde haben gerade jene Versuche ~Stockards~, wo auch
bei ausschließlicher Alkoholisierung des Vatertieres Entartung der
Nachkommenschaft eintrat, eine so große Bedeutung als Beweise für
das Vorkommen idiokinetischer Schädigung durch Alkohol.
Umstritten ist die Frage, ob auch vorübergehende Rauschzustände
zur Erzeugung entarteter Nachkommen Anlaß geben können. Man
hat sich wohl vorgestellt, daß die Zeugung im Rausche deshalb
verhängnisvoll sei, weil die vorübergehende Geistesschwäche der
Berauschten sich vererbe. Davon kann nun natürlich keine Rede sein.
Nicht unwahrscheinlich aber ist es, daß auch fertige Samenzellen
durch den im Körper kreisenden Alkohol geschädigt werden können,
und daß aus solchen Samenzellen, nachdem sie gewissermaßen ihren
Rausch ausgeschlafen haben, Kinder mit idiotypischen Schäden
hervorgehen können. ~Bezzola~ hat nach den Geburtsdaten
von 8186 Schwachsinnigen und Idioten angegeben, daß von diesen
verhältnismäßig viele zur Zeit des Faschings und der Weinlese
erzeugt seien. E. H. ~Müller~ hat eine ähnliche Abweichung
von der normalen Geburtenverteilung bei 847 Epileptikern gefunden.
Ein Zusammenhang ist nicht unwahrscheinlich, kann jedoch durch die
bisherigen Belege nicht als sichergestellt gelten. Daß fertige
Samenzellen im Körper durch Alkohol beeinflußt werden können, ist
durch Versuche von ~Cole~ und ~Davis~ sichergestellt.
Wenn ein Kaninchenweibchen gleich nacheinander von zwei Männchen
verschiedener Rasse, von denen das eine Alkohol bekam, belegt
wurde, so stammten die erzeugten Jungen nur von jenem Männchen ab,
das nicht alkoholisiert war. Wurde dagegen nur ein alkoholisiertes
Männchen zur Begattung zugelassen, so konnte es ebenfalls Junge
erzeugen.
Außer dem Alkohol kommen noch eine ganze Anzahl anderer Gifte als
idiokinetische Ursachen in Betracht, besonders solche, welche zu
gewerblichen Zwecken gebraucht werden und daher oft zu Vergiftungen in
gewerblichen Betrieben Anlaß geben. Als solche sind zu nennen ~Blei~,
~Quecksilber~, ~Phosphor~, ~Tabak~, ~Schwefelkohlenstoff~, ~Anilin~ und
verwandte Stoffe. Hinsichtlich des Bleis liegen auch Tierversuche vor.
Professor ~Cole~ von der Universität Wisconsin ließ Kaninchenweibchen
zugleich von einem mit Blei behandelten und einem nicht vorbehandelten
Männchen von anderer Rasse belegen; es zeigte sich, daß die Nachkommen
des mit Blei behandelten Männchens schwächer und kränklicher waren als
ihre Halbgeschwister aus demselben Wurf.
Auch von einer Anzahl von Arzneimitteln, zumal den protozoentötenden,
wie ~Chinin~, ~Quecksilber~, ~Jod~, ~Arsen~ sind idiokinetische
Wirkungen nicht von der Hand zu weisen. Im Tierversuch wird schon
durch verhältnismäßig geringe Gaben von freiem Jod, die sonst keinen
merklichen Einfluß auf das Befinden haben, vorübergehende und durch
größere Mengen dauernde Unfruchtbarkeit bewirkt. Die genannten
Gifte werden ja alle dazu angewandt, tierische Krankheitserreger
im menschlichen Körper abzutöten, z. B. die Erreger der Malaria
und der Syphilis; und daß dadurch auch menschliche Zellen getötet
werden können, folgt aus der Tatsache, daß durch diese Gifte auch die
Frucht im Mutterleibe abgetötet werden kann. Es ist aber ungereimt,
anzunehmen, daß Keimzellen dadurch immer nur entweder völlig abgetötet
werden oder unversehrt bleiben. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten
liegt vielmehr die einer mehr oder weniger weitgehenden Schädigung der
Zellen und ihrer Erbmasse.
Natürlich kommt den genannten Arzneimitteln praktisch nicht
entfernt eine so große Bedeutung für die Idiokinese zu wie etwa
dem Alkohol. Es liegt mir selbstverständlich auch völlig fern, die
Anwendung von Giften in der Heilkunde überhaupt zu bekämpfen, wie
die sogenannten „Naturheilkundigen“ es tun. Die genannten Stoffe
gehören zu unsern wirksamsten und unentbehrlichsten Heilmitteln.
Immerhin aber sollte der Arzt an die Möglichkeit idiokinetischer
Schäden wenigstens denken und die genannten Mittel in größerer
Menge oder auf lange Dauer nur verordnen, wenn es wirklich nötig
ist.
Wenn man die Gifte, von denen wir in erster Linie schädliche
idiokinetische Wirkungen vermuten müssen, zusammenfassend
betrachtet, so zeigt sich, daß sie auch sonst in ihren
Wirkungen eine Reihe von Ähnlichkeiten aufweisen. Alle haben
nach langdauernder Wirkung einen völligen Verfall des Körpers
(Kachexie, Marasmus) zur Folge; so ist eine Alkohol-, eine Blei-,
eine Quecksilber-, eine Jod-, eine Arsenkachexie bekannt. Dabei
handelt es sich offenbar um eine Schädigung des Idioplasmas der
Körperzellen; denn solange eine solche nicht eingetreten ist,
können alle Störungen der Zellen wieder ausgeglichen werden.
Alle genannten Gifte haben bei langdauernder Einwirkung auch
schwere Nervenstörungen zur Folge, meist in der Form vielfacher
Nervenentzündungen mit Zittern und Sehstörungen; besonders
der Sehnerv leidet durch diese Stoffe leicht; durch Alkohol,
Nikotin, Arsen, Blei, Quecksilber, Schwefelkohlenstoff, Chinin
werden nicht selten schwere Sehstörungen und selbst völlige
Erblindung verursacht. Das Zentralnervensystem scheint in seiner
Giftempfindlichkeit sich überhaupt ähnlich wie die Keimzellen zu
verhalten. Von allen Narkotika ist daher bei chronischer Einwirkung
idiokinetische Wirkung anzunehmen. Allen den genannten Giften
gemeinsam ist auch, daß sie zum Absterben der Frucht im Mutterleibe
und damit zur Fehlgeburt führen können.
Mit Sicherheit ist eine idiokinetische Wirkung von den
~Röntgenstrahlen~ und ebenso von den Strahlen der radioaktiven Stoffe,
welche mit jenen ja wesensverwandt sind, anzunehmen. ~Oskar Hertwig~
hat Samen und Eizellen von Amphibien mit radioaktiven Stoffen bestrahlt
und gefunden, daß auch in jenen Versuchen, wo nur die Samenfäden
allein bestrahlt wurden, die aus der Befruchtung normaler Eier mit
solchen Samenfäden hervorgehenden Individuen allerlei Mißbildungen und
Schwächezustände zeigten. Ganz ähnliche Ergebnisse erzielte er durch
Einwirkung von Chemikalien (Methylenblau, Chloralhydrat, Chinin) auf
reife Samenfäden, und er sagt dazu: „Durch die mitgeteilten Versuche
mit radioaktiven und mit chemisch wirkenden Substanzen wurde der
nicht anzufechtende experimentelle Nachweis erbracht, daß durch sie
das Idioplasma der Keimzellen dauernd verändert werden kann.“ Weiter
schließt O. ~Hertwig~ meines Erachtens mit Recht, „daß man mit Radium-
oder Röntgenstrahlen Ei- und Samenzellen auch innerhalb der Keimdrüsen
ebenso verändern kann wie nach ihrer Isolierung im Experiment“.
~Morgan~ und seine Schüler erhielten aus Kulturen der Obstfliege
(Drosophila), die mit Radium bestrahlt wurden, einige neue
Idiovariationen; regelmäßig konnte dieses Ergebnis jedoch nicht
erzielt werden. Das ist indessen auch nicht anders zu erwarten.
Die Strahlen schlagen offenbar nur gelegentlich und unberechenbar
einzelne Bausteine aus dem Gefüge der Erbmasse heraus, wofern
eben nicht die ganze Zelle abstirbt. Das Zustandekommen der
idiokinetischen Wirkung der Röntgenstrahlen kann man sich auf
zweierlei Art denken, erstens durch den Elektronenhagel, welcher
beim Auftreffen der Röntgen- und Radiumstrahlen entsteht, und
zweitens durch das Freiwerden von Sauerstoffionen, welche äußerst
zerstörend auf alle tierischen Zellen wirken und auf deren
Freimachung z. B. auch die keimtötende Wirkung des Jods zu beruhen
scheint.
Die Möglichkeit idiokinetischer Schädigungen durch Röntgenstrahlen
ist neuerdings von ~Nürnberger~ bestritten worden, aber nur
auf Grund völlig unzulänglicher Versuche und Argumente. Von
Wichtigkeit dagegen ist folgende Angabe ~Nürnbergers~: „Trotz aller
Vorsichtsmaßregeln und Schutzmaßnahmen ist es in einem großen
Röntgenbetrieb unmöglich, sich hermetisch gegen die Strahlen
abzuschließen. Dies dokumentiert sich schon darin, daß auch heute
noch viele Röntgenphysiker und Röntgentherapeuten steril sind.“ Von
30 verheirateten Röntgenologen blieben 13, also fast die Hälfte,
ohne Kinder; die übrigen 17 hatten im Durchschnitt 1,2 Kinder,
zusammen 21, von denen 19 angeblich normal waren. Und dabei steht
noch nicht einmal fest, wie viele von den gesunden Kindern aus der
Zeit vor der Röntgentätigkeit des Vaters stammten.
Die idiokinetische Wirkung radioaktiver Stoffe spielt praktisch
keine Rolle, da diese Stoffe nur in sehr geringer Menge vorhanden
sind. Die Röntgenstrahlen aber, welche in beliebiger Menge erzeugt
werden können und für Zwecke der Untersuchung und besonders der
Behandlung eine immer ausgedehntere Verwendung finden, können
um so unheilvoller wirken, als die damit beschäftigten Ärzte,
Techniker, Gehilfen und Krankenschwestern eine Auslese von
überdurchschnittlicher Tüchtigkeit darstellen.
Auch an gewöhnlichen Körperzellen, besonders solchen der Haut, kann
man idiokinetische Änderungen durch Röntgenstrahlen hervorrufen,
nämlich krebsige Entartung der Zellen. Das Wesen des Krebses
besteht darin, daß das Idioplasma einer Zelle, durch welches ihre
Eigenart bewahrt und unter anderm auch ihr Wachstum geregelt wird,
eine solche Änderung erleidet, daß die Zelle in schrankenloses,
die Nachbarzellen zerstörendes Wachstum gerät.[F] Auf Grund von
Röntgenschädigungen entsteht nun verhältnismäßig oft Krebs und
nicht wenige Röntgenologen sind bereits an Krebs zugrundegegangen.
Auch durch chemische Stoffe kann Krebs hervorgerufen werden;
so ist ein Krebs der Schornsteinfeger infolge Einwirkung von
Teersubstanzen bekannt, weiter ein Krebs der Paraffinarbeiter, ein
Blasenkrebs der Anilinarbeiter, ein Lippenkrebs der Pfeifenraucher.
Die krebsige Entartung bei Xeroderma pigmentosum (s. S. 169)
beruht auf einer abnorm geringen Widerstandskraft gegen die
idiokinetischen Wirkungen der Sonnenstrahlen. Auch bei normalen
Personen entwickeln sich Hautkrebse fast nur an unbedeckter,
dem Sonnenlicht und chemischen Schädigungen ausgesetzten
Stellen. Man kann den Krebs den sogenannten Knospenmutationen
bei Pflanzen vergleichen, welche darin bestehen, daß einzelne
Zellen Idiovariationen erleiden, von denen aus dann abgeänderte
Sprosse hervorgehen. Weiter oben, wo an einzelnen Stellen erbliche
Neigungen zu Krebsgeschwülsten erwähnt wurden, konnte deren
Natur noch nicht klargemacht werden, weil dazu die Kenntnis
der Idiokinese gehört. Durch Röntgen- oder Radiumstrahlen kann
übrigens Krebs nicht nur entstehen, sondern, wenn die Bedingungen
günstig sind, andererseits auch zur Heilung gebracht werden, und
das kommt folgendermaßen zustande: Der Strahlenwirkung sind ganz
besonders Zellkerne, welche in Teilung begriffen sind, ausgesetzt,
während bei ruhendem Kern die Strahlen viel weniger Angriffspunkte
finden. Da nun in den rasch wachsenden Krebsgeschwülsten fast alle
Zellkerne dauernd in Teilung sind, während die Kerne der sonstigen
Körperzellen gewöhnlich in Ruhe sind, so kann es gelingen, alle
wachsenden Krebszellen durch die Strahlen zu zerstören, während
die normalen Zellen mit ihrem ruhenden Kern nur wenig geschädigt
werden. Prinzipiell aber sind die Auslösung der krebsigen Entartung
und die Zerstörung der Krebszellen durch Strahlenwirkung nur zwei
verschiedene Grade eines gleichartigen Vorganges. Auch das weist
aber darauf hin, daß es bei der Schädigung der Keimzellen zwischen
der völligen Abtötung und der Unversehrtheit Zwischenstufen gibt,
bei welchen eben Änderungen des Idioplasmas eintreten, die mit dem
Leben noch halbwegs vereinbar sind. Auch ~Nürnberger~ sagt, daß er
in seinen Versuchen wahrscheinlich nur deswegen keine krankhaften
Nachkommen der bestrahlten Tiere erhalten habe, weil auch schon
geringe Strahlenmengen die Keimzellen zum Absterben bringen.
Grundsätzlich kann eben auch er die idiokinetische Wirkung der
Strahlen nicht leugnen, und aus seinen Versuchen folgt nur, daß
es ihm in seiner beschränkten Zahl von Fällen nicht gelang, eine
solche nachzuweisen.
Idiokinetische Änderungen können offenbar am leichtesten während
der Reifung der Keimzellen entstehen, weil dann deren Kerne nicht
in dem relativ geschützten Ruhezustand, sondern in komplizierten
Teilungsvorgängen begriffen sind. Das zeigen direkt die genannten
Versuche ~Towers~. Dafür spricht aber auch die Tatsache, daß unter
der Einwirkung von Jod und ähnlich wirkenden Giften einerseits, von
Röntgenstrahlen andererseits am leichtesten die Keimzellen während
der Reifung und junge Früchte, in denen fast alle Zellen dauernd in
Teilung sind, abgetötet werden. Auch durch chemische Abtreibungsmittel,
als welche von Kurpfuschern öfter einige der oben genannten Gifte,
aber auch andere, wie z. B. Aloë und Juniperus sabina verwandt werden,
dürften gelegentlich idiokinetische Schäden entstehen, sei es am
Idioplasma des Kindes (bei mißlungenem Abtreibungsversuch), sei es an
dem der Mutter.
Oft wird auch die Syphilis als eine wichtige Ursache erblicher
Entartung genannt. Es ist auch gewiß nicht unmöglich, daß
Stoffwechselprodukte, die im Verlaufe der Krankheit entstehen,
gelegentlich idiokinetisch wirken. In der Hauptsache dürfte aber
die Ähnlichkeit in der Wirkung der Syphilis und der idiokinetischen
Gifte äußerlich sein. Wenn bei Syphilis der Eltern kranke
Kinder geboren werden, so liegt das daran, daß die Kinder im
Mutterleibe selber mit dem Syphiliserreger angesteckt sind. Nun
wird freilich angegeben, daß die Kinder syphilitischer Eltern auch
dann oft schwächlich und kränklich sind, wenn sie selber frei
von eigentlicher Syphilis sind. Zur Erklärung dieser nicht zu
bezweifelnden Tatsache liegt es aber meines Erachtens viel näher,
an idiokinetische Wirkungen der gegen die Syphilis als Heilmittel
angewandten Gifte (Quecksilber, Jod und Arsenverbindungen),
die wir bei der Behandlung nicht entbehren können, zu denken.
Bei der Behandlung der Syphilis werden ja oft schwerlösliche
Quecksilbersalze in ziemlich großen Mengen in die Muskeln
eingespritzt, wo sie lange Zeit liegen bleiben und dauernd etwas
Quecksilber in den Kreislauf senden, wodurch das Wachstum der
Syphiliserreger gehemmt wird. Davon kann natürlich ebenso eine
Schädigung der Nachkommenschaft ausgehen wie von der Einatmung
von Quecksilberdampf und Staub in gewerblichen Betrieben. Von
den Arsenverbindungen (Salvarsan u. a.) ist eine Schädigung der
Erbmasse nicht in gleichem Maße wahrscheinlich, weil das Arsen viel
schneller ausgeschieden wird.
Die Natur der Idiovariationen scheint im allgemeinen weniger von
der Art der idiokinetischen Einflüsse als von der bisherigen
Beschaffenheit der Erbmasse abhängig zu sein. So entstanden in
den erwähnten Versuchen ~Towers~ unter anscheinend gleichen
äußeren Einflüssen recht verschiedene Idiovariationen. Auch in den
umfangreichen Fliegenzuchten ~Morgans~ und seiner Schüler wurden
einige Idiovariationen mehrfach beobachtet. Manche Erbmassen sind
offenbar besonders empfindlich gegen idiokinetische Einflüsse. Man
kann sich vorstellen, daß gewisse Bausteine in der Erbmasse, besonders
lose, sitzen und leichter als andere herausgeschlagen werden können.
Natürlich ist der Ausfall von Bausteinen auch leichter zu erzielen als
die Einfügung neuer. Dem entspricht die Erfahrung, daß die Mehrzahl
aller Idiovariationen, deren Neuauftreten man bisher im Experiment
verfolgen konnte, sich rezessiv gegenüber der Stammform verhält. In
~Morgans~ Zuchten, in denen schon über 100 neue Idiovariationen
beobachtet wurden, verhielten sich etwa vier Fünftel rezessiv, beruhten
also wahrscheinlich auf Defekten der Erbmasse. Dabei muß man noch
bedenken, daß die dominanten viel leichter und sicherer aufgefunden
werden als die rezessiven; in Wirklichkeit dürfte daher die Zahl
der rezessiven noch mehr überwiegen. Sehr bemerkenswert ist auch,
daß die allermeisten neuen Idiovariationen ~Morgans~ geringere
Anpassungsmöglichkeiten als die Stammform hatten; sie sind also
als krankhaft anzusehen. Nur bei verhältnismäßig wenigen war eine
Herabsetzung der Erhaltungswahrscheinlichkeit nicht ohne weiteres
deutlich. Entsprechendes gilt auch von den Idiovariationen, die
~Baur~ und andere Forscher beobachtet haben. Die Krankhaftigkeit
braucht übrigens durchaus nicht immer in der äußeren Erscheinung zum
Ausdruck zu kommen. Mehrere Idiovariationen in ~Morgans~ Zuchten
äußerten sich lediglich darin, daß ihre Träger mehr oder weniger
plötzlich starben („letale Faktoren“).
Da die Träger von krankhaften Idiovariationen, welche ein schwereres
Leiden bedingen, oft nicht zur Fortpflanzung kommen, kann eine
Weitervererbung der Anlage in diesen Fällen natürlich nicht beobachtet
werden. Auf diese Weise dürfte sich ein Teil jener Beobachtungen
erklären, wo in einer sonst gesunden Familie nur ein einziger Fall
eines sonst als erblich bekannten Leidens auftritt. Daß derartige
vereinzelte Fälle bei rezessiven Leiden auch einfach als Äußerung
des rezessiven Erbganges zu erwarten sind, wurde bereits gezeigt. Im
übrigen aber muß man bedenken, daß auch neue Idiovariationen, die
an und für sich dominant wären, in allen Fällen, wo sie nicht zur
Fortpflanzung kommen, eben vereinzelt bleiben.
Es sind daher durchaus nicht die schwersten idiokinetischen Störungen
der Erbmasse, welche die größte Bedeutung für das Leben der Rasse
haben. Bei sehr starker Einwirkung sterben schon die Keimzellen
ab; die Störung der Erbmasse kann sich also nicht fortsetzen. Bei
geringerer Schädigung stirbt oft die Frucht im Mutterleibe ab, so daß
auch in diesem Falle eine Ausbreitung der krankhaften Idiovariationen
nicht in Frage kommt. Bei noch geringerer Schädigung sterben oft die
neugeborenen Kinder an angeborener Lebensschwäche, und bei weiter
abnehmenden Grade die Kinder vor Erreichung des Fortpflanzungsalters.
Gerade verhältnismäßig geringe Schäden der Erbmasse, welche mit dem
Leben so weit vereinbar sind, daß ihre Träger sich einigermaßen im
Leben behaupten und fortpflanzen können, bilden daher die Hauptgefahr
für die Tüchtigkeit der Rasse.
Als Ursachen neuer krankhafter Erbanlagen kommen natürlich durchaus
nicht nur die oben genannten Gifte und sonstigen groben Schäden in
Betracht. Wenn freilebende Tiere unter die Verhältnisse künstlicher
Zucht gebracht werden, so scheint das schon zu genügen, um krankhafte
Erbanlagen in großer Zahl entstehen zu lassen (vgl. S. 116). Wenn
man z. B. eine Schmetterlingsart in der Gefangenschaft fortzüchtet,
so tritt regelmäßig schon nach wenigen Generationen eine so starke
Entartung ein, daß die weitere Fortzüchtung große Schwierigkeiten
macht oder gar nicht mehr möglich ist, wovon ich mich an zahlreichen
Zuchten überzeugt habe. Dasselbe beobachtete ~Weismann~ an der
Zucht von Feldmäusen. Aber auch in der freien Natur treten immer wieder
Idiovariationen in nicht geringer Zahl auf. Idiokinetische Einflüsse
sind also auch dort wirksam.
Durch die Wirkungen des Sonnenlichts, speziell der ultravioletten
Strahlung, entsteht sicher auch vielfach Elektronenstrahlung in der
freien Natur, wenn auch natürlich nicht entfernt so konzentriert
wie im Röntgenlaboratorium. Aber gelegentlich können auch in der
freien Natur wohl fliegende Elektronen den Anstoß zu Änderungen
der Erbmasse abgeben. Auch der Atomzerfall, welcher den Anlaß zu
der Radiumstrahlung gibt, ist ja nicht nur auf die ausgesprochen
radioaktiven Stoffe beschränkt, sondern er kommt in geringerem
Grade auch bei anderen Stoffen vor.
Da die meisten Idiovariationen, deren Auftreten man beobachtet hat,
sich rezessiv verhalten, so ist in der Regel nicht zu erwarten, daß
eine idiokinetische Schädigung, welche die Erbmasse eines Menschen
trifft, sich schon an seinen Kindern äußert. Vielmehr ist zu erwarten,
daß in der Erbmasse des andern Elters nicht gerade derselbe Defekt
vorhanden ist, und daß daher der Defekt zunächst überdeckt bleibt. Das
möge an einem Schema veranschaulicht werden.
[Illustration: Fig. 66.