Ausschnitt aus der „Bluterfamilie Mampel“. Nach ~Lossen~.]

Ein der Haemophilie ähnliches Leiden ist von ~Glanzmann~ unter

dem Namen „~Hereditäre hämorrhagische Thrombasthenie~“ an

der Hand von neun Familiengeschichten beschrieben worden. Es

äußert sich hauptsächlich in Blutaustritten unter der Hand und

den Schleimhäuten und ist weniger gefährlich als die echte

Haemophilie. Immerhin kommt auch fast unstillbares Nasenbluten und

lebensgefährlicher Blutverlust nach Zahnziehen vor. Ein erheblicher

Teil der als „Morbus maculosus Werlhofii“ zusammengefaßten

Krankheitsfälle scheint hierher zu gehören. Im Gegensatz zur

Haemophilie kommen weibliche Kranke nicht nur vor, sondern diese

scheinen die männlichen sogar bedeutend zu überwiegen. Da weiter

die Anlage sich im ganzen dominant verhält, so handelt es sich nach

~Agnes Bluhm~ vielleicht um geschlechtsgebunden-dominanten Erbgang.

Von ~Engelking~ ist eine Familie beschrieben worden, in der

durch drei Generationen eine Anzahl Personen mit ~Polyzythaemie~

behaftet waren, d. h. bei denen die Zahl der Blutkörperchen

übermäßig groß und auch die Blutmenge im ganzen sehr groß war. Das

Leiden äußert sich außer in verschiedenen subjektiven Beschwerden

in bläulicher Färbung der Haut. Da ein ähnliches Bild bei der

sogenannten Blausucht, die auf angeborenem Herzfehler beruht, in

die Erscheinung tritt, erscheint es nicht unmöglich, daß es sich

auch bei der erblichen Polyzythaemie im Grunde um eine erbliche

Kreislaufstörung handelt und daß die Vermehrung der Blutkörperchen

als eine unvollkommene Anpassungsreaktion zu deuten sei.

Bei dem ~chronischen familiären Ikterus~ oder der ~erblichen Gelbsucht~

besteht von Geburt an eine eigentümliche Gelbfärbung der Haut, welche

nicht durch Hautpigment, sondern durch Gallenfarbstoff, der aus dem

Blutfarbstoff entsteht, bedingt ist. Das Blut enthält dabei dauernd

Gallenfarbstoff. Zugleich hat die Milz abnorme Größe. Offenbar werden

durch die Milz dauernd Blutkörperchen in übermäßiger Menge zerstört.

Durch chirurgische Entfernung der Milz kann die Gelbsucht beseitigt

werden.

Auch die häufige vorübergehende Gelbsucht, welche viele Neugeborene

zeigen, scheint familienweise besonders stark vorzukommen, ebenso

die seltene schwere Gelbsucht der Neugeborenen, welche zum Tode

führt.

[Illustration: Fig. 51.

Ausschnitt aus einem Stammbaum mit erblicher Gelbsucht. Nach v.

~Krannhals~.]

Bei der ~erblichen Milzvergrößerung~ oder ~Splenomegalie~

nimmt die Milz während des Heranwachsens unverhältnismäßig an

Größe zu. Zugleich verfärbt die Haut sich unter Mitwirkung des

Sonnenlichtes braungelb. Die Milzvergrößerung beruht auf der

Wucherung eigentümlicher Zellhaufen, die sich auch in der Leber,

den Lymphknoten und dem Knochenmark entwickeln. Im übrigen scheint

das seltene Leiden harmlos zu sein. Der Erbgang ist anscheinend

dominant.

Hier mögen auch noch die sogenannten ~Krampfadern~ oder ~Varizen~

erwähnt werden, bei deren Entstehung stehende Lebensweise oder

sonstige Beeinträchtigung des Blutrückflusses zwar wesentlich

mitwirken, die aber bei den meisten Menschen trotz solcher

Schädlichkeiten nicht entstehen. Eine besondere Art von Varizen

stellen die ~Hämorrhoiden~ dar, die in der Erweiterung der

Hämorrhoidalvenen am After bestehen und die z. B. durch sitzende

Lebensweise ausgelöst werden können. Hämorrhoiden kommen ebenso wie

Krampfadern an den Beinen familienweise gehäuft vor.

f) ~Erbliche Stoffwechselkrankheiten~.

Die Gruppe der Stoffwechselkrankheiten ist von der der

Konstitutionskrankheiten nicht scharf zu trennen; jede

Stoffwechselkrankheit ist in gewisser Weise eine Konstitutionskrankheit

und umgekehrt. Insbesondere alle erblichen Diathesen äußern sich auch

in Anomalien des Stoffwechsels. Bei einer Reihe von Krankheiten stehen

aber die Stoffwechselstörungen so im Vordergrunde des Krankheitsbildes,

daß es zweckmäßig ist, sie zu einer besonderen Gruppe zusammenzufassen.

Eine typische Stoffwechselkrankheit ist die ~Zuckerkrankheit~

oder der ~Diabetes melitus~. Das hauptsächlichste Zeichen ist die

Ausscheidung von Traubenzucker im Harn. Der zuckerkranke Organismus

hat die Fähigkeit, Zucker und andere Kohlenhydrate zu seiner Erhaltung

zu verwenden, teilweise eingebüßt, insbesondere auch die Fähigkeit

Kohlenhydrate im Körper aufzuspeichern. Neben der Entkräftung infolge

mangelhafter Ausnutzung der Nahrung bedrohen auch verschiedene andere

Folgezustände der Stoffwechselstörung das Leben des Zuckerkranken, z.

B. innere Säurevergiftung (Azidose).

Die Zuckerkrankheit tritt gewöhnlich im mittleren, öfter auch erst im

höheren Lebensalter in die Erscheinung. Die meisten Fälle scheinen auf

einem Versagen gewisser Zellgruppen der Bauchspeicheldrüse (der sogen.

Langerhansschen Inseln), also auf einer Störung innerer Sekretion zu

beruhen. Da aber viele Organe am Zuckerstoffwechsel beteiligt sind,

gibt es wahrscheinlich auch noch andere Ursachen und damit andere

Arten des Diabetes. Das Versagen der Langerhansschen Zellinseln hat

sicher in vielen Fällen seine Ursache in einer Schwäche der erblichen

Anlage dieser Zellgruppen. In anderen Fällen dagegen spielen wohl

äußere Schädlichkeiten die entscheidende Rolle, insbesondere Syphilis

und chronische Vergiftungen. Die mehr als doppelt so große Häufigkeit

der Zuckerkrankheit im männlichen Geschlecht erklärt sich wohl nicht

aus geschlechtsgebundenem Erbgange, sondern vielmehr daraus, daß das

männliche Geschlecht äußeren Schädlichkeiten stärker ausgesetzt ist.

Daher kommt es auch wohl, daß bis zum Ende des dritten Jahrzehnts das

weibliche Geschlecht an der Zuckerkrankheit ebenso stark beteiligt

ist als das männliche. Im jugendlichen Alter kommt eben Diabetes aus

äußeren Ursachen kaum vor, und in den eigentlichen Diabetikerfamilien

finden wir daher auch vorzugsweise gerade den jugendlichen Diabetes.

Vom vierten Jahrzehnt an kommt dann den äußeren Einflüssen größere

Bedeutung zu, und dadurch dürfte sich das Überwiegen der Männer

unter den Zuckerkranken der späteren Jahrzehnte erklären. Da bei

Frauen der Diabetes verhältnismäßig häufiger idiotypisch bedingt

ist als bei Männern, so erklärt sich auch der Umstand, daß Frauen

die Anlage häufiger vererben als Männer. Mit geschlechtsgebundenem

Erbgange hat das wahrscheinlich nichts zu tun. Vermutlich können

äußere Schädlichkeiten, z. B. Überlastung des Stoffwechsels durch

Unmäßigkeit, die Auslösung einer erblichen Anlage zu Zuckerkrankheit

mindestens beschleunigen. Man kann den Diabetes überhaupt als ein

vorzeitiges Altern gewisser Organteile bzw. Organfunktionen betrachten,

vergleichbar dem vorzeitigen Ergrauen des Haares in manchen Familien.

Die verschiedenen Organe altern bei verschiedenen Menschen ja

verschieden schnell; und übermäßige Inanspruchnahme beschleunigt

den Altersaufbrauch jedes Organs. In manchen Familien zeigt die

Zuckerkrankheit anscheinend dominanten Erbgang; doch ist es nicht

unwahrscheinlich, daß es auch krankhafte Erbanlagen von anderem Erbgang

gibt, welche Diabetes machen können.

[Illustration: Fig. 52.

Ausschnitt aus einem Stammbaum mit ~Zuckerkrankheit~. Nach v.

~Noorden~.]

Selbstverständlich ist es für die Vererbung der Anlage völlig

gleichgültig, ob das Leiden zur Zeit der Zeugung schon ausgebrochen

ist oder nicht. Die Erblichkeit besteht ja nicht in einer

Übertragung körperlicher Merkmale oder Zustände, sondern in der

Weitergabe von den Vorfahren überkommener idiotypischer Anlagen.

Daher ist auch die gelegentlich für den Diabetes behauptete

sogenannte „Antizipation“ oder „Anteposition“ abzulehnen, welche

in immer früherem Ausbruch des Leidens im Laufe der Generationen

bestehen soll. Da die Anlage sich auch in derselben Familie in

verschiedenem Lebensalter äußern kann, so werden vorzugsweise

nur solche Diabetiker der früheren Generationen Kinder bekommen

haben, bei denen das Leiden später auftrat. Diabetische Frauen

sind nämlich in der Regel unfruchtbar, und auch diabetische Männer

pflegen wegen der oft mit dem Leiden verbundenen geschlechtlichen

Schwäche nur selten noch Kinder zu bekommen. Die Eltern sind

also einer Auslese nach spätem Ausbruch des Leidens unterworfen.

In der jüngsten Generation wird man umgekehrt hauptsächlich nur

solche Personen schon erkrankt finden, bei denen das Leiden sich

früh äußerte, während solche Geschwister, bei denen die Anlage

sich erst später äußert, zur Zeit der Untersuchung eben nicht als

krank gezählt werden. Dazu kommt noch, daß Zuckerkrankheit bei den

Nachkommen von Diabetikern oft früher festgestellt wird als bei den

Eltern, weil man eben früher daran denkt. Auch das trägt dazu bei,

den Anschein einer „Antizipation“ zu erwecken.

Die erblich bedingte Zuckerkrankheit ist unter den Juden

entschieden häufiger als unter der sonstigen mitteleuropäischen

Bevölkerung. Nach ~Theilhaber~ waren von 1000 Juden, die

i. J. 1910 in Berlin im erwachsenen Alter starben, 80 d. h. 8%

zuckerkrank.

Nicht zu verwechseln mit der echten Zuckerkrankheit ist die

sogenannte ~renale Glykosurie~, bei der zwar auch Zucker mit

dem Harn ausgeschieden wird, die aber verhältnismäßig harmlos ist

und auf einer nicht fortschreitenden Anomalie der Nieren zu beruhen

scheint. Renale Glykosurie kommt ebenfalls erblich vor und zwar

anscheinend dominant.

Eine harmlose erbliche Anomalie des Kohlenhydratstoffwechsels ist

auch die ~Pentosurie~, bei welcher anscheinend unabhängig von

der Nahrung Pentosen mit dem Harn ausgeschieden werden.

[Illustration: Fig. 53.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 54 / 64 题