Der am besten erforschte Verwandtschaftskreis mit Bluterkrankheit
ist die sogenannte „Familie Mampel“, welche durch ihr erbliches
Leiden geradezu zu einer gewissen Berühmtheit gelangt ist. In
diesem Verwandtschaftskreise sind im Laufe der Zeit 37 Bluter
beobachtet worden, die 29 gesunde Brüder und 52 gesunde Schwestern
haben. Da man annehmen muß, daß in einigen Familienzweigen die
Anlage nur zufällig auf keinen der Söhne übergegangen ist, obwohl
die Mutter die Anlage enthielt, ist die Zahl der gesunden Söhne
noch etwas höher anzunehmen. Von den Blutern hatten fünf keine
gesunden Brüder. Wenn man nun annimmt, daß ebensoviele gesunde
Söhne von Müttern, die die Anlage enthielten, zufällig keine
kranken Brüder hatten, so erhält man das Verhältnis 37 Kranke
zu 34 Gesunden, was mit der Mendelschen Erwartung innerhalb des
wahrscheinlichen Fehlers der kleinen Zahl übereinstimmt.
Außer der „Familie Mampel“ sind noch eine große Zahl anderer
Bluterfamilien beschrieben worden, die sich besonders in einigen
Gegenden wie in Württemberg und der Schweiz ausgebreitet haben.
Einige amerikanische Bluterfamilien scheinen auf europäische
zurückzugehen. Ein Teil der Stammbäume aus älterer Zeit paßt nicht
zu der Annahme geschlechtsgebunden-rezessiven Erbganges, wohl aber
alle in den letzten Jahrzehnten bekannt gewordenen. Man muß wohl
annehmen, daß in früherer Zeit oft Zustände als Bluterkrankheit
angesehen wurden, die in Wahrheit nur äußerliche Ähnlichkeit damit
hatten. Die Angabe, daß Bluterfamilien besonders kinderreich seien
und daß unter den Kindern unverhältnismäßig viel Knaben seien, ist
ebenso wie jene, daß viel mehr kranke als gesunde Brüder geboren
würden, auf Anwendung verfehlter Berechnungsweisen zurückzuführen
(vgl. S. 241-245).
In vielen medizinischen Lehr- und Handbüchern hat sich eine
schematische Darstellung der „Familie Mampel“ ausgebreitet,
die weder den tatsächlichen Verhältnissen in diesem
Verwandtschaftskreise noch den theoretischen Vorstellungen, die wir
uns von dem Erbgange der Bluterkrankheit machen können, entspricht.
Nur um davor zu warnen, setze ich das genannte Schema hierher.
[Illustration: Fig. 49.
Angeblicher Stammbaum der „Bluterfamilie Mampel“, der sich in
vielen medizinischen Lehr- und Handbüchern findet, aber weder den
tatsächlichen Verhältnissen noch der Theorie entspricht.]
Der wirkliche Stammbaum der „Familie Mampel“ ist zu umfangreich,
als daß ich ihn hier abbilden könnte. Jedenfalls findet sich darin
nirgends auch nur annähernd eine solche Häufung der Krankheit wie
in der dritten Generation des falschen Schemas. Immerhin möchte
ich zum Vergleich hier auch wenigstens einen Teil des echten
Stammbaumes wiedergeben.
[Illustration: Fig. 50.