Familie mit ~Basedowdiathese~.]

Eine kropfige Vergrößerung der Schilddrüse kommt in einzelnen Familien

auch erblich vor, ohne daß sich sonstige Basedowzeichen finden.

Dieser ~sporadische Kropf~ scheint sich dominant zu verhalten,

möglicherweise geschlechtsgebunden-dominant.

Unter den Konstitutionsanomalien möge hier auch der ~Zwergwuchs~

besprochen werden. Unter dem Namen ~Zwergwuchs~ oder ~Nanosomie~ werden

mehrere Zustände zusammengefaßt, die z. T. direkt erblich bedingt,

z. T. von Störungen innerer Drüsen und damit großenteils indirekt

erblich bedingt sind. Die Chondrodystrophie, welche auch zum Zwergwuchs

gerechnet zu werden pflegt, wurde schon unter den Mißbildungen

abgehandelt (vgl. S. 186).

Sicher idiotypischer Natur ist die ~Nanosomia primordialis~, welche

sich schon bei der Geburt in abnormer Kleinheit des ganzen Körpers

zeigt. Im erwachsenen Zustande weisen diese Zwerge dieselben

Körperproportionen auf wie normale Menschen, nur mit dem Unterschied,

daß sie eben viel kleiner sind.

Eine zweite Form idiotypisch bedingten Zwergwuchses ist die

~Nanosomia infantilis~, bei der der Schädel wie überhaupt das

Skelett bis ins Alter kindliche Formen bewahrt. Die Knorpelfugen der

Knochen verknöchern nicht, und auch die Geschlechtsorgane bleiben auf

kindlicher Stufe stehen. Nur für diese Art des Zwergwuchses trifft

daher der Name ~Ateleiosis~ zu, welcher besagt, daß das normale

Ziel der Entwicklung nicht erreicht wird. Die Nanosomia infantilis kann

als ein extremer Grad von Infantilismus angesehen werden.

In der Erblichkeitsforschung sind diese beiden Arten von Zwergwuchs

bisher nicht genügend auseinandergehalten worden. Der Erbgang ist

daher auch noch nicht klargestellt. Aus dem Umstande, daß die Eltern

von Zwergen oft normalen Wuchs zeigen, während unter den Geschwistern

oft weitere Zwerge sind, darf man wohl schließen, daß es rezessive

Anlagen zu Zwergwuchs gibt. Andererseits ist ein Fall berichtet

worden, wo von zwei zwerghaft kleinen Eltern 14 normalwüchsige Kinder

abstammten. Man muß in diesem Falle wohl annehmen, daß der Zwergwuchs

bei beiden Eltern nicht auf derselben, sondern auf zwei verschiedenen

rezessiven Erbanlagen beruhte und daß bei den Kindern jede dieser

Anlagen durch die entsprechende normale vom andern Elter her überdeckt

wurde.

Der Zwergwuchs in der Form der Nanosomia primordialis ist von dem

rassenhaften Zwergwuchs der Pygmäen Afrikas und Inselindiens nicht

wesensverschieden. Nur ist dort der Zwergwuchs nicht als krankhaft

anzusehen, da er wohl eine selektive Anpassung an kümmerliche

Lebensbedingungen darstellt.

Auch der ~Riesenwuchs~ ist natürlich im wesentlichen

idiotypisch bedingt. Es wurde schon in dem Kapitel über die

normalen Rassenanlagen dargelegt, daß die Körpergröße des Menschen

von mehreren Erbeinheiten abhängig ist. Unter den inneren Drüsen

übt besonders die Hypophyse einen bedeutenden Einfluß auf die

Körpergröße aus. Bei übermäßiger Tätigkeit dieses Organs entsteht

eine eigentümliche Art von Riesenwuchs, die in der Hauptsache

die gipfelnden Teile wie Hände, Füße, Nase, Kinn betrifft, die

sogenannte Akromegalie. Ich konnte durch Versuche mit sogenannten

„russischen“ Kaninchen, die eine erblich bedingte Schwarzfärbung

der gipfelnden Teile, also gewissermaßen eine „Akromelanie“

aufweisen, zeigen, daß die „gipfelnden“ Teile infolge ihrer

kühleren Temperatur eine Sonderstellung einnehmen und daß die

Funktion der Hypophyse wahrscheinlich in einer Regelung der

Blutversorgung und des Wachstums der kühlen Körperteile besteht,

die sonst gegenüber dem übrigen Körper benachteiligt sein würden.

Gelegentlich ist familiär gehäuftes Auftreten von akromegalem

Riesenwuchs berichtet worden. Es dürfte sich dabei um eine erblich

bedingte Überfunktion der Hypophyse handeln. Wahrscheinlich gibt es

auch erblich bedingte Funktionsschwäche der Hypophyse mit Hemmung

des Körperwachstums.

Auch die Schilddrüse beeinflußt das Wachstum stark. Bei dem auf

Schilddrüsenmangel beruhenden Myxoedem bleiben die Kinder zwerghaft

klein. Personen mit Basedowdiathese dagegen sind im Durchschnitt

größer als der sonstige Durchschnitt. In Kropfgegenden ist der

Kretinismus die häufigste Ursache von Zwergwuchs. Charakteristisch

ist dabei die Einziehung der Nasenwurzel, welche ein Ausdruck

der Wachstumshemmung der Schädelbasis ist und welche sich bei

allen allgemeinen Wachstumshemmungen der Knorpelzonen der Knochen

findet, z. B. auch bei Chondrodystrophie. Schließlich hat auch die

Ausbildung der Keimdrüsen wesentlichen Einfluß auf die Körpergröße.

Ein Zurückbleiben des Längenwachstums kann auch die Folge

vorzeitiger Verknöcherung der Knorpelfugen, in denen das

Längenwachstum der Knochen erfolgt, sein. Auch diese scheint

in manchen Familien erblich vorzukommen. Das in der Kindheit

beschleunigte Wachstum steht verhältnismäßig früh still, und

auch hier scheint die Schädelbasis verhältnismäßig kurz und die

Nasenwurzel flach zu bleiben.

Selbstverständlich sind auch rein paratypische Einflüsse wie

die Ernährung während der Entwicklung von Bedeutung für die

Körpergröße. Auch schwere rachitische Störung kann die Ursache

zwerghaft kleinen Wuchses sein, und in diesem Falle würde die

geringe Körperlänge höchstens insofern idiotypisch beeinflußt sein

können, als auch schwere Rachitis oft idiotypisch mitbedingt ist.

In das Gebiet der Konstitutionsanomalien kann auch die

~konstitutionelle Blutdrucksteigerung~ (Hypertonie, Hypertension)

gerechnet werden. Vielleicht handelt es sich auch da um eine Störung

innerer Drüsen, nämlich um eine übermäßige Absonderung der Nebennieren.

Jedenfalls aber kommt auch diese Anomalie familienweise gehäuft vor.

Die Folgen sind äußerst mannigfach und schwerwiegend. Sehr oft kommt es

im Laufe der Jahre zu einer Verhärtung der Nierenarterien, indem das

normale Gewebe der Wandung durch Bindegewebe (Narbengewebe) ersetzt

wird. Diese Nephrosklerose führt ihrerseits wieder zu einer weiteren

Steigerung des Blutdruckes. Das Gewebe der Niere geht herdweise in

verschiedenem Umfange zugrunde, und es entsteht die sklerotische

Schrumpfniere, die stets von ernster Bedeutung ist. Wo in Familien

Nierenschrumpfung gehäuft vorkommt, ohne daß anderweitige Leiden oder

Vergiftungen (Syphilis, Gicht, Blei) anzunehmen sind, muß man an

erbliche Hypertonie denken. Dasselbe gilt von familienweisem Vorkommen

von Schlaganfällen und Herzschlägen in verhältnismäßig frühem Alter (6.

Jahrzehnt), wenn keine äußeren Schädlichkeiten wie Syphilis, Alkohol,

Nikotin die Häufung erklären. Schlaganfälle (Gehirnschläge) entstehen,

wenn sklerotische Arterien des Gehirns brechen; Herzschläge beruhen

meistens auf einer Arteriosklerose der Kranzgefäße, welche das Herz mit

Blut versorgen.

Die ~Arteriosklerose~ besteht in einer fleckweisen Verhärtung der

Schlagadern, die schließlich in Verkalkung übergeht. Es handelt sich

gewissermaßen um eine vorzeitige Abnutzung der Schlagadern. Obwohl

es bei uns wenige Leute in vorgerücktem Alter gibt, die völlig frei

davon sind, tritt das Leiden bei den verschiedenen Menschen doch sehr

verschieden früh und verschieden auch nach dem vorzugsweisen Sitz

auf. Äußere Einwirkungen wie Berufsschädlichkeiten und Giftwirkungen

spielen sicher mit. Zugleich aber ist die idiotypische Veranlagung

offenbar von wesentlichster Bedeutung. Daher ist die Arteriosklerose

ganz besonders in gewissen Familien zu Hause. In einzelnen Familien ist

die Anfälligkeit gegenüber der Arteriosklerose mehr eine allgemeine,

in andern steht die Arteriosklerose des Gehirns mit Schlaganfällen im

Vordergrunde, wieder in anderen die der Kranzgefäße des Herzens und in

noch anderen die der Nierengefäße, je nachdem die familiäre Hypertonie

mit besonderen Organdispositionen zusammentrifft.

Als eine seltene Konstitutionsanomalie sei hier noch die

~Osteofibrosis~ („Ostitis“) ~deformans~ erwähnt, welche

gewöhnlich erst im höheren Lebensalter einsetzt und in einem

vorzeitigen Versagen des Knochensystems besteht. Die Knochen

werden biegsam und schwammig, dabei ungleichmäßig verdickt und

mit Bindegewebe durchsetzt. Der Vorgang entspricht etwa der

Arteriosklerose an den Gefäßen. Die Osteofibrosis, welche in

mehreren Familien gehäuft beobachtet wurde, ist wohl sicher erblich.

Eine ähnliche Aufbrauchskrankheit kommt auch an den Gelenken

vor, die sogenannte ~Arthritis deformans~. Auf Grund

konstitutioneller Anlage, aber unter Mitwirkung äußerer Einflüsse

(schwerer körperlicher Arbeit, Kälte) tritt ein Rauhwerden und

eine Auffaserung der Gelenkknorpel ein; da die Gelenke dick und

schmerzhaft werden, leidet die Leistungsfähigkeit sehr. Die Anlage

soll mit der zu Dupuytrenscher Kontraktur zusammenhängen (vgl. S.

179).

Unter den Konstitutionsanomalien wird wohl am besten auch die erbliche

~Bluterkrankheit~ abgehandelt, die mit einem ungeschickten

Namen ~Haemophilie~ genannt wird. Während bei normalen Menschen

Blutungen aus kleinen Wunden infolge Gerinnung des Blutes bald

zum Stehen kommen, bleibt diese Gerinnung bei Blutern aus. Aus

geringfügigen Wunden kann das Blut tagelang hervorsickern und zu

lebensgefährlichen Blutverlusten führen. Das Ausziehen eines Zahnes

wird zu einer lebensgefährlichen Operation. Bei unbedeutenden Zerrungen

oder Bewegungen können Blutergüsse in Gelenkhöhlen auftreten und

das betreffende Glied lange unbrauchbar machen. Ein großer Teil der

blutenden Männer geht an dem Leiden in den ersten Lebensjahrzehnten

zugrunde. Vom vierten Jahrzehnt ab soll die Gefährlichkeit des Leidens

geringer werden. Worauf die mangelhafte Gerinnungsfähigkeit des Blutes

beruht, ist noch nicht klargestellt.

Die echte erbliche Bluterkrankheit ist bisher wohl nur bei Männern

beobachtet worden. Bei Frauen aus Bluterfamilien kommen starke

Blutverluste nicht häufiger vor als bei anderen Frauen, auch nicht in

der Menstruation oder nach Entbindungen. Bluter erben ihre Krankheit

regelmäßig von der Mutter, die selber davon verschont ist. Auch durch

zwei und mehr Generationen kann die Erbanlage in weiblicher Linie

weitergegeben werden. Übertragung vom Vater auf den Sohn dagegen ist

niemals festgestellt worden. Der Erbgang der Bluterkrankheit ist also

höchst wahrscheinlich derselbe wie der der Rotgrünblindheit, also

geschlechtsgebunden-rezessiv. Eine eindeutige Feststellung ist deshalb

so schwer, weil echte Bluter so selten Nachkommen haben.

[Illustration: Fig. 48.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 52 / 64 题