Was die Ursachen des Infantilismus anbetrifft, so wird öfter
Tuberkulose im Kindesalter als Ursache angesehen; wahrscheinlicher
aber ist, daß jene eigentümliche Form der kindlichen Tuberkulose, die
oft als Skrophulose bezeichnet wurde, selber eine Folge der erblichen
Anomalie ist. Sehr oft geht nämlich der Infantilismus mit einer
Anomalie des Lymphdrüsensystems einher, welche eine Disposition zur
Entwicklung von Drüsentuberkulose darstellt.
Diese abnorme Entwicklung des Lymphapparates kommt auch häufig ohne
die übrigen Züge des Infantilismus vor. Man spricht dann von ~Status
lymphaticus~ (lymphatischer Diathese, Lymphatismus). Da das
Lymphsystem auch bei normalen Kindern stärker ausgebildet ist als bei
Erwachsenen, hat man die lymphatische Diathese als eine übermäßige
Ausbildung einer Eigentümlichkeit des Kindesalters aufgefaßt.
Man hat auch gemeint, daß damit ein abnormes Bestehenbleiben der
Thymusdrüse über das Kindesalter hinaus zusammenhänge und hat
Todesfälle bei geringfügigen Anlässen wie kleinen Operationen
oder ganz ohne erkennbare Ursache, weiter seelische Anomalien und
Neigung zu Selbstmord darauf zurückführen wollen. Nach neueren
Erfahrungen scheint diese Auffassung aber nicht haltbar zu sein.
Wenn bei plötzlich verstorbenen jungen Leuten die Thymusdrüse
in voller Erhaltung gefunden wird, bei solchen, die an längerer
Krankheit starben, aber nicht, so scheint das einfach darauf zu
beruhen, daß bei längerer Krankheit die Thymusdrüse besonders stark
abmagert.
Wenn im Vordergrunde des Krankheitsbildes eine Vergrößerung
der Lymphapparate des Rachens und besonders der Mandeln steht,
so spricht man wohl von ~adenoider Konstitution~. Auf die
dadurch bedingte Erschwerung der Nasenatmung hat man ebenfalls
allerlei Störungen, Schwerhörigkeit und Zurückbleiben der geistigen
Entwicklung zurückführen wollen. Da die betreffenden Kinder
vorzugsweise durch den Mund atmen, soll der Oberkiefer eng, der
Gaumen schmal und spitz gewölbt werden. Viel wahrscheinlicher
ist es, daß der enge Gaumen ein unmittelbarer Ausdruck derselben
erblich bedingten Schmalheit des Oberkiefers ist, die sich auch in
der Enge des Nasenrachenraumes äußert.
Der Status lymphaticus pflegt sich erst in der zweiten Hälfte
des ersten Lebensjahrzehnts herauszubilden. Im Säuglings- und
Kleinkindesalter gehen ihm oft die Erscheinungen der sogenannten
~exsudativen Diathese~ voraus. Diese Säuglinge werden leicht
wund; auf dem Kopf bilden sich Schuppen und Borken, die Zunge zeigt
weißliche Flecke und Linien, und auf den Wangen tritt der sogenannte
„Milchschorf“ auf. Zugleich stellen sich häufig katarrhalische und
asthmatische Beschwerden ein. Die exsudative Diathese geht oft mit
Anomalien der Ernährung und des Nervensystems einher. Ein regelmäßiger
Zusammenhang besteht aber nach Untersuchungen v. ~Pfaundlers~
ebensowenig wie mit der lymphatischen Diathese. Die Entzündlichkeit der
Haut kann also offenbar von recht verschiedenen Erbanlagen abhängen,
die nur zum Teil zugleich Anfälligkeiten anderer Organsysteme bedingen.
Die exsudative Diathese wird bei männlichen Kindern zwei- bis dreimal
so häufig als bei weiblichen beobachtet. Nach v. ~Pfaundler~
erfolgt die Vererbung häufiger durch die Mutter als durch den Vater.
Daher ist anzunehmen, daß ein Teil der hierher gehörigen Erbanlagen
geschlechtsgebunden-rezessiv ist.
Die exsudative Diathese wird von manchen Forschern mit der sogenannten
~Vagotonie~ zusammengestellt, einer häufigen und praktisch
wichtigen Anomalie des vegetativen (unwillkürlichen) Nervensystems.
Die Äußerungen der Vagotonie sind mannigfacher und wechselnder
Art: Übermäßige Säureabsonderung im Magen, spastische Verstopfung,
Globusgefühl im Halse, Asthma, Neigung zu Schweißen, Pulsverlangsamung
u. a. Für die Auslösung der einzelnen Erscheinungen sind äußere
Ursachen von Bedeutung; die Anomalie selber aber dürfte idiotypisch
bedingt sein. Das ~Asthma bronchiale~ äußert sich in mehr oder
weniger häufigen Anfällen hochgradiger Atemnot, die besonders nachts
aufzutreten pflegen. Die Schleimhaut der Luftwege ist dabei geschwollen
und sondert zähen Schleim ab. Asthmatiker zeigen in der Regel auch
neurotische (genauer psychopathische) Erscheinungen; doch ist es
nicht angängig, das Asthma einfach als eine Äußerung der Hysterie
zu betrachten. Die Anfälle können durch Anstrengungen, Erkältungen,
Aufregungen u. ä. ausgelöst werden. Die Anlage zu Asthma stellt
idiotypisch wahrscheinlich keine strenge Einheit dar. Da echtes
Asthma ganz überwiegend bei Männern vorkommt und da Übertragung
durch gesunde Töchter auf männliche Enkel berichtet wird, muß man an
geschlechtsgebunden-rezessiven Erbgang denken. Genaues ist bisher nicht
bekannt.
In Asthmatikerfamilien kommt öfter die sogenannte ~Colica
mucosa~ vor, bei der anfallsweise unter kolikartigen Schmerzen
Fetzen oder selbst ganze Röhren aus zähem Schleim entleert werden.
Bei Asthmatikern findet sich in der Regel auch eine bestimmte
Art weißer Blutkörperchen, die sogenannten eosinophilen, abnorm
zahlreich; doch scheint es nicht angängig zu sein, eine besondere
„eosinophile Diathese“ aufzustellen. Die zweckmäßigste Bezeichnung
für die zugrundeliegende Anomalie dürfte vielmehr Vagotonie sein.
Auch die Anfälligkeit der Kleinkinder gegenüber der Rachitis, welche
mit einem verfehlten Namen auch als „englische Krankheit“ bezeichnet
wird, beruht zum großen Teil auf erblicher Anlage, so daß man wohl von
~rachitischer Diathese~ sprechen kann. Die Rachitis geht mit einer
mangelhaften Knochenbildung einher; auch kann schon normal gebildeter
Knochen wieder entkalkt und dadurch weich und biegsam werden. Die Folge
sind oft starke Verbiegungen der Knochen der Beine, des Beckens u.
a. Auch die Zahnbildung wird gestört. Die wesentlichste Ursache der
Rachitis liegt zwar in äußeren Einflüssen, in unzweckmäßiger Ernährung,
Mangel an Sonnenlicht usw.; es gibt aber Familien, wo auch unter
günstigen Verhältnissen mehrere oder alle Kinder schwer rachitisch
werden. Daß es krankhafte Erbanlagen gibt, welche eine besondere
Disposition zu Rachitis bedingen, ist unzweifelhaft.
Zusammen mit der Rachitis aber oft auch ohne diese kommt die sogenannte
~Spasmophilie~ vor. Dahin gehört der größte Teil der sogenannten
„Krämpfe“, welche von Laien mit Vorliebe dem „Zahnen“ zur Last gelegt
werden. Die wichtigste Ursache der Spasmophilie liegt aber in der
erblichen Veranlagung; man kann daher auch von einer ~spasmophilen
Diathese~ sprechen. In manchen Familien geht die Mehrzahl der Kinder
unter spasmophilen Krämpfen zugrunde.
Ob die ~Tetanie~, eine mit Krämpfen einhergehende
Nervenkrankheit, welche als Spasmophilie der Erwachsenen angesehen
werden kann und welche auf einem Versagen der Epithelkörperchen
neben der Schilddrüse beruht, ebenfalls teilweise idiotypisch
bedingt sei, ist bisher nicht entschieden. Jedenfalls wurde das
Leiden in manchen Familien mehrfach beobachtet.
Eine Konstitutionsanomalie, deren Ursachen dunkel sind, ist auch
der sogenannte ~Mongolismus~ oder die mongoloide Idiotie.
Es handelt sich um hochgradig geistesschwache Kinder, welche
in ihrer körperlichen Erscheinung gewissermaßen eine Karikatur
des Mongolentypus darstellen. Man gewinnt den Eindruck, daß der
krankhafte Mongolismus meist nicht klar von dem echten mongoliden
Typus, der ja in Europa weit verbreitet vorkommt, unterschieden
worden ist. Wenn dieser mit einer aus irgendwelchen Gründen
entstandenen Idiotie zusammentraf, so war man oft wohl mit dem
Namen „Mongolismus“ bei der Hand. Der erste Beschreiber des
Zustandes, ~Langdon Down~, nahm einen Zusammenhang beider
Erscheinungen an. Als Ursache des Mongolismus werden meist
Erschöpfungszustände der Mutter angegeben. Nun wirken solche aber
im allgemeinen durchaus nicht in dieser Weise auf die Früchte.
Man muß diesen Angaben mit starkem Zweifel begegnen. Wie weit
Erbanlagen mitspielen, ist nicht klargestellt.
Äußerlich ähnlich dem Mongolismus ist das ~Myxoedem~
der Kinder oder der sogenannte sporadische Kretinismus; es
unterscheidet sich von jenem durch eigentümlich teigige, dabei
aber trockene Haut sowie durch den Umstand, daß es sich durch
Verabreichung tierischen Schilddrüsensaftes günstig beeinflussen
läßt. Es entsteht nämlich infolge Ausfalls der Funktion der
Schilddrüse. Die Schilddrüse kann entweder von Geburt an fehlen
oder während der ersten Kinderjahre versagen, in beiden Fällen
offenbar infolge idiotypischer Ursachen. Je nach dem Alter, in
dem der Schilddrüsenausfall einsetzt, sind die Folgen verschieden
schwer. Myxoedemkranke Kinder bleiben zwerghaft klein und
blödsinnig, sogenannte „Kretins“.
Von diesem sogenannten sporadischen Kretinismus, welcher nicht an
bestimmte Gegenden gebunden ist, muß der endemische Kretinismus
unterschieden werden, der in Kropfgegenden, besonders bei Kindern
kropfkranker Mütter vorkommt und der nicht idiotypischer Natur zu
sein, sondern wie die Kropfkrankheit überhaupt durch irgendwelche
äußeren Schädlichkeiten infektiöser oder toxischer Natur
verursacht zu werden scheint. Er ist in den Alpenländern, wo in
manchen Gegenden fast alle Frauen Kröpfe haben, eine alltägliche
Erscheinung und kommt auch in den Mittelgebirgen vor.
Im Gegensatz zum Myxoedem geht die ~Basedowsche Krankheit~ mit
einer vermehrten Tätigkeit der Schilddrüse einher. Während beim
Myxoedem der Stoffwechsel herabgesetzt ist, ist hier das Gegenteil
der Fall. Die Schilddrüse ist meist auch äußerlich vergrößert; auf
der Höhe der Krankheit können die Augäpfel stark vorgetrieben sein
(„Glotzaugenkrankheit“). Die eigentliche Basedowsche Krankheit ist
ein akutes Leiden, das ziemlich plötzlich einsetzen und wieder fast
völlig verschwinden, in anderen Fällen freilich auch in kurzer Zeit
zum Tode führen kann. Die Anlage liegt offenbar in einer erblichen
Diathese. Bei vielen Menschen führt die Basedow-Diathese freilich
nicht zu dem ausgeprägten Bilde der Basedowschen Krankheit, sondern
der Verlauf ist ein mehr chronischer über Jahre und Jahrzehnte
sich hinziehender. Das regelmäßigste Zeichen ist eine dauernde
Beschleunigung des Herzschlages, sodann ein feinschlägiges Zittern
der Finger. Ein Basedowkranker gleicht einem Menschen, der vor Laufen
außer Atem ist (Herzjagen, Beschleunigung des Stoffwechsels, warme
feuchte Haut, Zittern, seelische Erregung). Die Leistungsfähigkeit ist
entsprechend gering. Infolge dauernder Überanstrengung des Herzens
tritt Herzvergrößerung und schließlich öfter ein Versagen des Herzens
ein.
Die Basedowdiathese ist im wesentlichen sicher idiotypisch bedingt.
Der Erbgang im einzelnen ist indessen noch nicht klargestellt. Manches
spricht dafür, daß die Erbanlage im allgemeinen sich dominant verhalte.
Die ausgesprochene Basedowsche Krankheit findet sich mehrfach so
häufig bei Frauen als bei Männern. Darum brauchte indessen nicht
auch die Erbanlage ungleich auf die Geschlechter verteilt zu sein.
Es genügt vielmehr, anzunehmen, daß die Anlage bei Frauen häufiger
und schwerer zur Entfaltung gelangt, ähnlich wie auch der nicht
idiotypisch bedingte Kropf viel häufiger und ausgesprochener bei
Frauen als bei Männern gefunden wird. Die weniger ausgebildeten
Formen der Basedowdiathese sind auch bei Männern keineswegs selten.
Falls sich etwa herausstellen sollte, daß die Basedowanlage
bei Frauen etwa doppelt so häufig vorkomme, so müßte man an
geschlechtsgebunden-dominanten Erbgang denken.
[Illustration: Fig. 47.