Als Mißbildung kann auch jene Art von Zwergwuchs angesehen werden, die
man als ~Chondrodystrophie~ oder Achondroplasie bezeichnet. Hier
sind jene Knorpelzonen in den Knochen, in denen das Längenwachstum der
Knochen erfolgt, mangelhaft angelegt. Die betreffenden Individuen
haben daher zwerghaft kurze Gliedmaßen (Mikromelie), während der
Kopf von annähernd normaler Größe ist. Es gibt verschieden schwere
Formen der Chondrodystrophie. Die leichteren Formen werden als
Chondrohypoplasie bezeichnet. Als eine ganz leichte Form kann
man die Brachydaktylie ansehen, bei der ja auch die Gliedmaßen
verhältnismäßig kurz sind. Es scheint auch ausgesprochenere Formen der
Chondrodystrophie zu geben, die wie die Brachydaktylie einfach dominant
sind. Chondrodystrophische Frauen haben indessen so enge Becken,
daß eine Geburt auf natürlichem Wege meist nicht möglich ist. Die
schwersten Formen der Chondrodystrophie, welche bei Kindern, die schon
im Mutterleibe sterben, beobachtet werden, sind sicher nicht dominant.
Man muß an rezessiven Erbgang dieser Anlagen denken.
Im Anschluß an die Mißbildungen möge hier auch die Frage erörtert
werden, inwieweit erbliche Veranlagung für die Entstehung von
Zwillingen von Bedeutung ist. ~Eineiige Zwillinge~ entstehen
infolge vollständiger Trennung eines befruchteten Eies in zwei
Hälften, deren jede sich dann zu einem Kinde entwickelt. Wenn
diese Trennung nicht ganz vollständig erfolgt, sondern beide
Kinder zusammengewachsen sind, was allerdings nur sehr selten
geschieht, so tritt der Mißbildungscharakter deutlich in die
Erscheinung. Das Entstehen zweieiiger Zwillinge, die aus zwei
verschiedenen gleichzeitig befruchteten Eiern hervorgehen, kann
man nicht als Mißbildung ansehen. Da eineiige Zwillinge stets
vom gleichen Geschlecht sind, während zweieiige Zwillinge die
gewöhnliche Geschlechtsverteilung zeigen, so kann man aus der
statistisch gefundenen Verteilung des Geschlechts der Zwillinge
schließen, wie häufig eineiige Zwillinge vorkommen. Danach
ergibt sich, daß etwa ein Viertel aller Zwillinge eineiig sind.
Während sonst auf etwa 80 Geburten eine Zwillingsgeburt kommt,
trifft also eine Geburt eineiiger Zwillinge auf 300 bis 350
Geburten. Bei dem Zustandekommen von Zwillingen wie von Mehrlingen
überhaupt spielen erbliche Anlagen sicher eine Rolle. Mütter und
Töchter von Mehrlingsmüttern weisen eine höhere Verhältniszahl
von Mehrlingsgeburten auf, als dem Durchschnitt entspricht.
Allerdings wiederholen sich nur bei 5-6 % der Mütter von Mehrlingen
Mehrlingsgeburten; die entsprechenden Erbanlagen kommen also nur
verhältnismäßig selten zur Auswirkung. Natürlich ist die Anlage zu
eineiigen Zwillingen von ganz anderer Art als die zu zweieiigen.
Näheres darüber weiß man aber nicht.
Der ~Situs viscerum inversus~, ein Zustand, bei welchem die
Lage aller Organe zwischen rechts und links vertauscht ist, findet
sich gelegentlich bei Geschwistern. In der Literatur sind vier
Fälle von familiärem Auftreten beschrieben worden.
e) ~Erbliche Konstitutionsanomalien~.
Der Begriff der ~Konstitutionsanomalie~ ist ebensowenig scharf
abgrenzbar wie der der Mißbildung; dennoch ist er wie dieser im
praktischen Gebrauche sehr zweckmäßig. Man spricht von einer
„starken“, einer „schwachen“ Konstitution und bezeichnet damit den
Grad der allgemeinen Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlichkeiten,
Anstrengungen, Krankheiten. Die ~Konstitution~ prägt sich in
vielen Fällen schon in der äußeren Erscheinung, im ~Habitus~ aus.
Konstitutionsanomalien, die sich weniger im Habitus als vielmehr in
gewissen funktionellen Eigentümlichkeiten äußern, die also vorwiegend
in der chemisch-physiologischen Beschaffenheit der Gewebe begründet
sind, pflegt man als ~Diathesen~ zu bezeichnen.
Die Konstitutionsanomalien haben fließende Übergänge zu
den Mißbildungen, den Stoffwechselleiden, den Störungen
der inneren Drüsen und zu den Anfälligkeiten gegenüber den
einzelnen Krankheiten. Der Konstitutionsbegriff ist wie der
der Krankheit an der Erhaltungswahrscheinlichkeit orientiert.
Während aber der Krankheitsbegriff schon eine relativ
geringe Erhaltungswahrscheinlichkeit voraussetzt, ist der
Konstitutionsbegriff in dieser Beziehung indifferent. Man
spricht auch von einer gesunden Konstitution. Nicht zweckmäßig
ist es, den Konstitutionsbegriff auf die erblichen Anlagen
zu beschränken, wie ~Tandler~ und mit ihm einige andere
es wollen. Das entspricht nicht dem Sprachgebrauch, von dem
abzugehen hier kein Anlaß vorliegt. Der Kretinismus z. B.
wird allgemein zu den Konstitutionsanomalien gerechnet; daß
er idiotypisch bedingt sei, ist aber nicht bewiesen, nicht
einmal wahrscheinlich. Wir bezeichnen also mit dem Worte
~Konstitution~ ganz allgemein die ~Körperverfassung~ in
bezug auf ihre Erhaltungswahrscheinlichkeit oder, was auf dasselbe
hinauskommt, ihre Widerstandskraft. Wenn sich eine Anfälligkeit
nur auf einzelne Krankheiten bezieht, so spricht man nicht von
Konstitutionsschwäche, sondern von ~Disposition~.
In den vorigen Kapiteln wurden bereits mehrere erbliche Anomalien
besprochen, die man wegen der fließenden Grenzen des Begriffes auch
zu den Konstitutionsanomalien rechnen könnte. So ist blaugraue
Farbe der Lederhaut des Auges (des „Weißen“ im Auge) der Ausdruck
einer allgemeinen Konstitutionskrankheit, der idiotypischen
~Knochenbrüchigkeit~ oder ~Osteopsathyrosis~, bei der
die Knochenbildung von vornherein in unzureichender Weise erfolgt,
so daß statt festen Knochens schwammiges Gewebe entsteht. Die
betreffenden Kinder kommen oft schon mit Knochenbrüchen zur Welt;
und im späteren Leben entstehen ebenfalls bei geringfügigen
Anlässen immer wieder Knochenbrüche. Das seltene Leiden ist
anscheinend dominant.
Das Musterbeispiel einer Konstitutionsanomalie ist die sogenannte
~Asthenie~ oder die ~asthenische Konstitution~. Die damit
behafteten Personen sind schmächtig gebaut, der Brustkorb ist eng und
meist flach bei verhältnismäßig langem Rumpf. Das Herz ist meist klein
und schwach und hängt in dem schmächtigen Brustkorb gleichsam herab.
Mit dem schmalen Bau hängt es zusammen, daß auch der Magen und andere
Baucheingeweide herabhängen. Auch die Muskulatur ist meist schwach und
schlaff. Die Wirbelsäule wird nicht straff getragen, es entsteht eine
„schlechte Haltung“, die also weniger eine Folge von Nachlässigkeit
ist als vielmehr von Schlaffheit der Zwischenwirbelgelenke und der
Rückenmuskeln. Der Astheniker ist leicht ermüdbar, sowohl durch
körperliche wie durch geistige Anstrengungen. Die Schlaffheit der
Verdauungsorgane beeinträchtigt die Ernährung. Damit hängt auch die
meist zugleich bestehende Blutarmut zusammen, weniger allerdings in der
Form zu großer Verdünnung des Blutes als einer zu geringen Gesamtmenge.
Infolge seiner schwachen Körperverfassung kann der Astheniker allerhand
Krankheiten nicht einen gleich großen Widerstand entgegensetzen wie der
normal gebaute Mensch; und da unter den Krankheiten unserer Bevölkerung
die Tuberkulose eine ganz besondere Rolle spielt, so verfallen die
Astheniker in verhältnismäßig großer Zahl der Schwindsucht.
Wegen ihrer großen Häufigkeit und ihrer außerordentlichen Bedeutung für
die Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist die asthenische Konstitution
eine der wichtigsten Anomalien überhaupt. Die sogenannte allgemeine
Körperschwäche, welche den häufigsten Grund der Militäruntauglichkeit
bildet und welche in erster Linie nach dem Verhältnis des Brustumfanges
zur Körperlänge beurteilt wird, ist meist ein Ausdruck der Asthenie.
Man hat diese geradezu als ~hypoplastische~ (unterentwickelte)
~Konstitution~ bezeichnet und sicher wenigstens zum Teil mit
Recht. Zumal auch die Keimdrüsen der Astheniker sind oft mangelhaft
entwickelt.
Die Ursachen der Asthenie sind sicher im wesentlichen idiotypischer
Natur; sie kommt in vielen Familien gehäuft vor. Der asthenische
Habitus pflegt erst vom Beginne des 2. Jahrzehnts an ausgesprochener
in die Erscheinung zu treten. Außer den erblichen sind freilich sicher
auch Umwelteinflüsse von Bedeutung für die Entwicklung der Asthenie.
So begünstigt die städtische Lebensweise und zumal vieles Sitzen
während der Entwicklungsjahre, wie es z. B. mit unserem Bildungswesen
verbunden ist, die Entstehung des schmächtigen Wuchses. Freilich darf
man auch nicht übersehen, daß idiotypische Schwäche der Wirbelsäule wie
überhaupt die abnorme Ermüdbarkeit oft mit Abneigung gegen körperliche
Bewegung einhergeht. So verstärkt eins das andere.
Man hat für die Entstehung der Asthenie wohl eine Störung der
sogenannten Drüsen mit innerer Sekretion, d. h. jener Organe,
die der inneren Umsetzung der Körpersäfte dienen, verantwortlich
machen wollen. Der Ausfall oder die Funktionsstörung jeder
einzelnen dieser Drüsen setzt aber ganz bestimmte Änderungen,
die der asthenischen Konstitution nicht entsprechen. Da nun bei
manchen Forschern die Neigung herrscht, jede Konstitutionsanomalie
auf Störungen der inneren Sekretion zurückzuführen, so hat man
an Stelle einer „uniglandulären“ eine „polyglanduläre Theorie“
aufgestellt, d. h. alle inneren Drüsen sollen mehr oder weniger
an der Entstehung der Asthenie beteiligt sein. Das mag auch bis
zu einem gewissen Grade zutreffen; aber eben darum kann die
entscheidende Ursache der Asthenie dort nicht liegen; denn dann
erhebt sich erst recht die Frage, wie es kommt, daß so viele Organe
zugleich nicht richtig funktionieren.
~Stiller~, welcher als erster das Bild der Asthenie
zusammenfassend beschrieben hat, hat sie mit Recht als eine
besondere Krankheit aufgestellt. Das ist mit dem Hinweis bemängelt
worden, daß eine Konstitutionsanomalie noch keine Krankheit sei.
Bei genauerer Überlegung aber sieht man, daß die „Stillersche
Krankheit“ durchaus den Begriff der Krankheit erfüllt. Sie ist
ein Zustand an den Grenzen der Anpassungsmöglichkeiten, der ihren
Trägern mannigfache subjektive Leiden macht und sie zu allerlei
abnormen Reaktionen nötigt. Man denkt bei dem Worte Krankheit
vielfach noch zu einseitig an die Infektionskrankheiten und andere
Zustände mit vorwiegend äußerer Veranlassung (vgl. S. 145).
Die Asthenie ist somit ein klinisches Krankheitsbild, nicht aber eine
idiotypische Einheit. Wahrscheinlich gibt es mehrere verschiedene
Erbanlagen, welche Asthenie bedingen können; auch ist es nicht
unwahrscheinlich, daß schwerere Formen durch das Zusammenwirken
mehrerer verschiedener Erbanlagen bedingt sein können, und daß je
nach der Art und der Zahl der mitwirkenden Erbanlagen leichtere und
schwerere Grade der Asthenie entstehen. In manchen Familien scheint es
einfach dominante Anlagen zur Asthenie zu geben.
Nahe verwandt mit der Asthenie ist der ~Infantilismus~, eine
Konstitutionsanomalie, die sich als ein Stehenbleiben auf kindlicher
Entwicklungsstufe darstellt. Eine scharfe Trennung zwischen beiden
Zuständen ist nicht möglich. Manche Ärzte gebrauchen mit Vorliebe
die Bezeichnung „asthenischer Infantilismus“. Bei infantilen
Menschen bleiben die Geschlechtsorgane klein und unentwickelt. Der
Infantilismus ist nächst der Gonorrhoe wohl die häufigste Ursache
weiblicher Unfruchtbarkeit. Wenn eine Schwangerschaft eintritt, so
endet sie verhältnismäßig oft mit Fehlgeburt, weil die Frucht in
der unentwickelten Gebärmutter sich nicht richtig entfalten kann.
Auch in der äußeren Erscheinung prägt sich der Infantilismus aus.
Infantile Mädchen haben oft noch mit 25 oder 30 Jahren fast kindliche
Gesichtszüge, was ihnen eine Art von Scheinjugend verleiht. Auch
seelisch zeigen erwachsene Infantile kindliche Züge; sie sind leicht
bestimmbar durch unmittelbare Sinneseindrücke und Erlebnisse sowie
durch fremden Willen. Sie haben geringe Energie, sind zu ernster Arbeit
wenig befähigt und neigen zu spielerischer Betätigung.
[Illustration: Fig. 46.