Stammbaum einer Familie mit ~Polydaktylie~. Nach ~Lukas~ (Ausschnitt).]

Eine viel seltenere, aber auch schwerere Mißbildung ist die

erbliche ~Ektrodaktylie~ (Fehlen von Fingern), die bis zur

~Einfingrigkeit~ gehen kann. Das Leiden scheint ebenfalls einfach

dominant zu sein, doch kann der Grad des Fingermangels auch in

derselben Familie sehr verschieden sein.

Ausgesprochen dominant ist die ~Verwachsenfingrigkeit~ oder

~Syndaktylie~, bei der zwei oder mehrere Finger verwachsen

sind, gewöhnlich der 3. und 4. Es gibt eine Form, bei der die Finger

nur durch eine Art von Schwimmhaut verbunden sind, und eine andere,

bei der auch die Knochen verwachsen sind. Auch an den Füßen kommen

entsprechende Anomalien vor.

Auf einem Verwachsensein von Knochengliedern innerhalb desselben

Fingers beruht die ~Symphalangie~ (Orthodaktylie). Am häufigsten

fehlen die mittleren Gelenke der mittleren Finger. Die Hand kann

infolgedessen nicht geschlossen werden. In verschiedenen Familien

wurden verschiedene Formen beobachtet, die alle einfach dominant zu

sein scheinen; doch kann auch innerhalb derselben Familie der Grad

erheblich wechseln, indem bald mehr bald weniger Gelenke fehlen.

Bei der ebenfalls dominanten ~Klinodaktylie~ sind die Gelenke

der Nagelglieder knöchern versteift. Bei der ~Kamptodaktylie~

kann der kleine Finger und meist auch der Ringfinger nicht gestreckt

werden; auch sie ist dominant. Äußerliche Ähnlichkeit damit hat die

sogenannte ~Dupuytrensche Kontraktur~, eine Erkrankung, die sich

erst im Laufe des Lebens entwickelt und die in einer Zusammenziehung

und Erstarrung der Sehnen und Bänder der Innenfläche der Hand besonders

gegen den kleinen Finger hin besteht. Das Leiden, welches überwiegend

bei Männern auftritt, konnte in manchen Familien durch mehrere

Generationen verfolgt werden. Die Anlage scheint also einfach dominant

zu sein; Berufsschädlichkeiten tragen offenbar zur Entwicklung bei.

Ein gewisser Zusammenhang scheint mit chronischen Gelenkveränderungen

(Arthritis deformans) zu bestehen.

[Illustration: Fig. 39.

Stammbaum einer Familie mit ~Brachydaktylie~. Nach ~Farabee~

(Ausschnitt).]

Einfach dominant ist auch die ~Kurzfingrigkeit~ oder die

~Brachydaktylie~, bei der die Finger nicht nur stark verkürzt

sind, sondern auch nur 2 Glieder statt 3 haben, der Daumen nur 1 statt

2. Zugleich ist die Länge der Arme und Beine wie überhaupt die des

gesamten Körpers verkürzt. Brachydaktyle Männer werden im Durchschnitt

um 21 cm, Frauen um 12 cm weniger groß als ihre normalen Geschwister

befunden. Die dominante Anlage hemmt also das Längenwachstum der

Knochen überhaupt.

Es ist von einem gewissen historischen Interesse, daß an der

Brachydaktylie die Geltung des Mendelschen Gesetzes für den

Menschen erstmalig bestätigt wurde. ~Farabee~ fand in einer

Familie 36 kurzfingerige auf 33 normale Geschwister, in einer

anderen 42 kurzfingerige auf 33 normale, in einer dritten 21 auf

26, zusammen also 99 auf 92, was dem Verhältnis 1:1 sehr gut

entspricht.

Recht ähnlich ist die ebenfalls dominante

~Minorbrachydaktylie~, bei der die Fingerglieder zwar in

normaler Zahl vorhanden, aber sehr kurz sind.

Der sogenannte ~Spaltfuß~ stellt eine erbliche Mißbildung dar,

bei der die Füße nach vorn in zwei gesonderte Teile auslaufen, die

je eine Zehe tragen. Auch eine erbliche ~Spalthand~, bei der

die Hand bis gegen die Wurzel geteilt ist, kommt vor.

Als ~Klumpfuß~ (Pes varus) bezeichnet man eine klumpige Verbildung

der Füße, bei der diese stark nach innen abgebogen sind, so daß die

Sohlen einander zugekehrt sind und der Fuß den Boden nur mit dem

äußeren Rande berührt. Zugleich ist die Fußspitze gewöhnlich nach

unten abgebogen. Fast auf 1000 Neugeborene kommt ein mit Klumpfuß

behaftetes; männliche Kinder sind etwa doppelt so häufig als weibliche

betroffen; in etwa der Hälfte der Fälle sind beide Füße betroffen.

Nach ~Fetscher~ scheint die Anlage zu Klumpfuß sich rezessiv zu

verhalten; jedenfalls ist sie nicht dominant. Aber auch bei homozygotem

Vorhandensein scheint die Erbanlage nur in einem Teil der Fälle zu

einer entsprechenden Störung der Entwicklung zu führen. Als auslösende

Ursache kommt ungünstige Lage in der Gebärmutter in Betracht, z. B. bei

großer Enge der Fruchthüllen. Oft finden sich zugleich Mißbildungen des

Rückenmarks, so daß möglicherweise eine Mißbildung der Nerven den Anlaß

zur Entstehung des Klumpfußes gibt.

[Illustration: Fig. 40.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 47 / 64 题