Ich verdanke vorstehenden Stammbaum der Liebenswürdigkeit von
Herrn Dr. ~Fetscher~ in Tübingen, der mir gestattete, diesen
Stammbaum aus einer noch nicht veröffentlichten Arbeit von ihm
anzuführen. Das klumpfüßige Kind in der dritten Generation ist aus
Inzest zwischen Bruder und Schwester hervorgegangen, ein Beispiel
wie durch Inzucht rezessive Anlagen homozygot werden können.
Auch jene umgekehrte Abbiegung des Fußes nach außen, die mit Abflachung
des Fußgewölbes einhergeht und die man ~Plattfuß~ nennt, scheint
in den meisten Fällen auf einer erblichen Anfälligkeit zu beruhen und
durch Außeneinflüsse (langes Stehen) dann zur Entwicklung gebracht zu
werden. Auf einem Zusammenwirken erblicher Anlage und äußerer Einflüsse
scheint auch jene ~Abknickung der großen Zehe~ nach außen zu
beruhen, die man Hallux valgus nennt und die man früher einseitig auf
den Druck zu spitzer Schuhe zurückgeführt hat. Auch die sogenannten
~X- und die O-Beine~ dürften durch ein Zusammenwirken erblicher
und äußerer Bedingungen zustandekommen.
Von entscheidender Bedeutung ist die erbliche Anlage für die
~angeborene Hüftverrenkung~ (Luxatio coxae connata), einen gar
nicht seltenen Zustand, bei dem der Kopf des Oberschenkels nicht in
der Pfanne des Hüftgelenks sitzt. Das Leiden findet sich etwa 7mal
so häufig im weiblichen als im männlichen Geschlecht, was damit
zusammenhängt, daß schon normalerweise im weiblichen Geschlecht
der Oberschenkel schräger zum Becken steht, so daß bei krankhafter
Anlage der Kopf leichter abgleiten kann. Man kann den Erbgang nicht
ununterbrochen durch die Generationen verfolgen, sondern man findet in
der Regel nur einige Geschwister mit dem Leiden behaftet. Öfter kommt
die Anlage auch nur an einer Seite zur Entwicklung.
[Illustration: Fig. 41.
Ausschnitt aus einem Stammbaum mit ~angeborener Hüftverrenkung~. Nach
~Narath~. [**Symbol] = einseitige Hüftverrenkung.]
Als seltene erbliche Mißbildung kommt ~Mangel der Kniescheiben~
vor, der einfach dominant zu sein scheint.
Zu den erblichen Mißbildungen der Gliedmaßen kann man auch
die multiplen ~Enchondrome~ und ~Exostosen~ (Knorpel- und
Knochengeschwülste) rechnen, obwohl sie bei der Geburt noch nicht
vorhanden sind, sondern erst im Laufe der Entwicklungsjahre zu mehr
oder weniger großen Knoten auswachsen, die besonders die Hände
sehr entstellen und sie gebrauchsunfähig machen können. Mit dem
Wachstum des Skeletts hört auch das Wachstum dieser Geschwülste
auf; darin zeigt sich der Mißbildungscharakter des Leidens. Es
konnte durch mehrere Generationen verfolgt werden; die Anlage
scheint daher einfach dominant zu sein.
An dieser Stelle möge auch eine seltene Mißbildung erwähnt werden,
die als ~Dysostosis cleidocranialis~ bezeichnet worden ist. Dabei
ist der Schädel hochgradig verbreitert, während die Knochen des
Gesichts im Wachstum gehemmt sind. Ganz verkümmert sind die Knochen
des Schultergürtels; die Schlüsselbeine können völlig fehlen
und die Schultern daher vorn zur Berührung gebracht werden. Bei
Familienangehörigen finden sich gelegentlich leichtere Formen der
Entwicklungsstörung. Das Leiden ist sicher idiotypisch bedingt,
doch konnte der Erbgang bisher nicht klargestellt werden.
Im Bereiche der Geschlechtsorgane ist eine ausgesprochen erbliche
Mißbildung die sogenannte ~Hypospadie~. Bei den daran leidenden Männern
liegt die Harnröhrenöffnung nicht am Ende des Geschlechtsgliedes,
sondern an der Unterseite mehr oder weniger weit nach hinten. Etwa
jede 300. männliche Person soll in geringerem oder höherem Grade damit
behaftet sein. Das Leiden konnte in manchen Familien durch mehrere
Generationen in männlicher Linie verfolgt werden. Bei weiblichen
Personen kann es sich natürlich nicht äußern, kann aber durch selbst
gesunde Frauen auf männliche Kinder übertragen werden. Erbanlagen, die
sich nur in einem Geschlecht äußern, kommen auch sonst gelegentlich
vor. Dieser Erbgang darf nicht mit dem geschlechtsgebunden-rezessiven
(vgl. S. 152) verwechselt werden, wie das vielfach geschehen ist. Schon
äußerlich unterscheidet sich der Erbgang einer dominanten Anlage,
die sich aber im weiblichen Geschlecht nicht äußern kann, von dem
geschlechtsgebunden-rezessiven dadurch, daß bei diesem die Anlage nicht
vom Vater auf den Sohn übergehen kann, wohl aber bei jenem.
Bei hochgradiger Hypospadie kann das Geschlechtsglied sehr klein
und der Hodensack in zwei Hälften gespalten sein, so daß der
Anschein des Zwittertums entsteht. Da die Geschlechtsbildung beim
Menschen ebenfalls idiotypisch bedingt ist, so ist anzunehmen,
daß auch die -- allerdings sehr seltenen -- Fälle eigentlichen
Zwittertums beim Menschen auf idiotypischer Grundlage beruhen.
Man spricht von echtem Hermaphroditismus, wenn männliche und
weibliche Keimdrüsen nebeneinander vorhanden sind. Sind entweder
nur männliche oder nur weibliche Keimdrüsen vorhanden, aber
in Verbindung mit äußeren Merkmalen des anderen Geschlechts,
so spricht man von Pseudohermaphroditismus masculinus bzw.
femininus. Jene Arten des Scheinzwittertums, bei denen männliche
und weibliche Geschlechtscharaktere in verschiedener Mischung
vorhanden sind, sind sicher idiotypisch bedingt. Bei Tieren kann
man derartige Zwitter künstlich durch gewisse Rassenkreuzungen
herstellen, z. B. durch die Kreuzung des japanischen
Schwammspinners mit dem europäischen. In menschlichen Familien
wurde ~Scheinzwittertum~ gelegentlich bei Geschwistern
beobachtet. Das männliche Scheinzwittertum soll viel häufiger sein
als das weibliche; in der Regel dürfte es sich dabei aber um die
erwähnte hochgradige Hypospadie handeln, die man eigentlich kaum
zum Zwittertum rechnen kann.
Eine verhältnismäßig harmlose erbliche Mißbildung ist die abnorme
Enge der Vorhaut im männlichen Geschlecht, die sogenannte
~Phimose~, welche oft auch mit abnormer Länge einhergeht.
Von den Mißbildungen der weiblichen Geschlechtsorgane dürften
die nicht gerade seltenen Formabweichungen der Gebärmutter
(Verdoppelungen u. a.) zum größten Teil idiotypisch bedingt sein,
ebenso die mangelhafte Entwicklung der Geschlechtsorgane überhaupt
(vgl. Infantilismus S. 191). Auch das Vorkommen überzähliger
Brustdrüsen (Hypermastie) oder nur überzähliger Brustwarzen
(Hyperthelie) kann zu den idiotypischen Mißbildungen gezählt
werden. ~Hyperthelie~ konnte durch mehrere Generationen einer
Familie verfolgt werden. Das Vorkommen ausgebildeter Brustdrüsen im
männlichen Geschlecht kann zum Scheinzwittertum gerechnet werden.
Wenn die männlichen Keimdrüsen nicht in normaler Weise vor der Geburt
in den Hodensack herabsteigen, sondern in der Bauchhöhle oder im
Leistenkanal liegen bleiben, so spricht man von ~Kryptorchismus~.
Dieser kommt zusammen mit Hypospadie, häufiger aber für sich vor.
Die erbliche Anlage spielt für sein Zustandekommen sicher eine
wesentliche Rolle. Am häufigsten bleibt nur einer von beiden Hoden in
der Bauchhöhle oder im Leistenkanal zurück. Die Anlage kann nicht als
ganz harmlos angesehen werden, weil ein Leistenhoden sich nicht normal
entwickeln kann, sondern Druckschädigungen und Entzündungen ausgesetzt
ist. Auch abnorme Kleinheit oder völliges Fehlen der Hoden dürfte
idiotypisch bedingt sein, obwohl Zuverlässiges darüber nicht bekannt
ist.
Im Zusammenhang mit den Störungen des Hodenabstieges möge hier auch
der ~Anlage zu Leistenbrüchen~ gedacht werden, welche zum größten
Teil auf ungenügenden Verschluß des Leistenkanals, durch den der Hoden
herabgestiegen ist, beruhen. Ein eigentlicher Bruch kommt gewöhnlich
erst allmählich unter äußeren Einwirkungen, besonders Anstrengungen
beim Heben u. ä. zustande, indem Teile des Bauchfells und meist auch
des Darmes sich durch den Leistenkanal vorstülpen. Auf ungefähr
20 bis 30 Männer kommt ein Bruchleidender, während im weiblichen
Geschlecht die Häufigkeit etwa 1:150 beträgt. Die Brüche stellen eine
bedeutende Behinderung der Arbeitsfähigkeit dar und können anderseits
durch Einklemmung und Entzündung auch das Leben schwer gefährden. Die
Frage nach der Erblichkeit der Bruchanlagen ist daher von größter
praktischer Bedeutung. In manchen Familien ist gehäuftes Auftreten
von Leistenbrüchen unverkennbar, und man gewinnt den Eindruck, daß
es dominante Anlagen dazu gebe, die sich aber (ähnlich wie die zur
Hypospadie) im weiblichen Geschlecht nicht zu äußern pflegen. Der
ganzen Sachlage nach ist anzunehmen, daß der Erblichkeit für die
Entstehung der Leistenbrüche eine nicht minder große Bedeutung
beizumessen ist als der Auslösung durch äußere Ursachen.
Erbliche Veranlagung dürfte auch bei der Entstehung der sogenannten
Epispadie, einer seltenen Spaltbildung an der Oberseite des
Geschlechtsgliedes, die bis zur Spaltung der vorderen Bauchwand
und der Blase gehen kann, mitspielen. Da die so geborenen Kinder
zugrundegehen, kommt dominanter Erbgang freilich nicht in Frage.
Im Bereich des Gesichtes bzw. der Kiefer kommen nicht selten ~Lippen-
und Gaumenspalten~ auf dem Boden erblicher Veranlagung vor. Die
sogenannte „~Hasenscharte~“ besteht in einer Einkerbung bzw.
Spalte der Oberlippe seitlich von der Mittellinie. In schwereren
Fällen kann sich die Spaltbildung auch auf den knöchernen Kiefer
erstrecken; und in den schwersten Fällen kann auch der Gaumen gespalten
sein; man spricht dann -- allerdings wenig bezeichnend -- von
„Wolfsrachen“. Diese Spaltbildungen beruhen ebenso wie viele andere
Mißbildungen auf Entwicklungshemmungen; sie entstehen, wenn die auf
früher Entwicklungsstufe vorhandenen Buchten zwischen Oberkiefer und
Zwischenkiefer sich unvollständig schließen. Es scheint, daß eine
und dieselbe Anlage je nach den sonstigen Bedingungen während der
Entwicklung verschieden schwere Grade dieser Hemmungsmißbildungen
zur Folge haben kann. Das gelegentliche Freibleiben einer Generation
spricht dafür, daß die Anlage sich öfter überhaupt nicht zu äußern
braucht.
An erblichen Anomalien im Bereiche der Kiefer ist noch zu erwähnen,
daß öfter die seitlichen Schneidezähne bei mehreren Mitgliedern
einer Familie fehlen können. In anderen Familien erscheinen die
sogenannten Weisheitszähne (die dritten Backenzähne) niemals.
Dominant erblich scheint eine abnorm breite Lücke zwischen den
mittleren Schneidezähnen („Trema“) zu sein. Zu enge Stellung der
Zähne scheint öfter dadurch bedingt zu sein, daß eine erbliche
Anlage zu großen Zähnen mit einer Anlage zu kleinen Kiefern
zusammentrifft. Erbliche Zahnanomalien, die mit Mißbildungen des
Haarkleides in Beziehung stehen, wurden oben schon erwähnt.
Erblich bedingt ist auch das Vorstehen des Unterkiefers
(Unterkieferprognathie, Progenie). Diese anscheinend dominante
Anomalie äußert sich stärker im männlichen Geschlecht, das
schon normalerweise einen stärker entwickelten Unterkiefer
hat. Die Progenie, welche im Geschlecht der Habsburger durch
viele Generationen verfolgt werden konnte, ist allerdings nicht
eigentlich zu den Mißbildungen zu rechnen. Auch abnorme Kleinheit
des Unterkiefers kommt auf erblicher Grundlage vor.
[Illustration: Fig. 42.
Stammbaum einer Familie mit ~Hasenscharte~. Nach ~Rayley~ (gekürzt).
Bei dem kranken Individuum der zweiten Generation erstreckte sich die
Spaltbildung auch auf den Gaumen.]
Eine harmlose erbliche Anomalie ist das sogenannte angewachsene
Ohrläppchen; in weitergehenden Fällen fehlt das Ohrläppchen
gänzlich. Man hat angewachsene Ohrläppchen wohl als
Entartungszeichen deuten wollen und es besonders häufig bei
Verbrechern und Geisteskranken zu finden geglaubt. Es findet sich
aber wohl ebenso oft bei normalen Menschen und in ganz gesunden
Familien. Es beruht offenbar auf einer einfachen Erbanlage, die
unabhängig von andern mendelt und die daher keine Schlüsse auf die
übrige Körper- oder Seelenverfassung gestattet.
Ganz anders steht es um gewisse schwerere Mißbildungen des Schädels und
Gehirns. So geht ~abnorme Kleinheit des Schädels~ und damit auch
des Gehirns (Mikrokephalie), die öfter familienweise gehäuft vorkommt,
mit angeborenem Blödsinn oder Schwachsinn einher. Einmal ist von 5
Kindern einer Mutter Mikrokephalie mit Schwachsinn berichtet worden.
Als angeborene Mißbildung kommt auch völliges Fehlen des
Kopfes (Akranie) oder des Gehirns (Anenkephalie) vor. Da die
betreffenden Früchte natürlich nicht lebensfähig sind, so hat man
bisher fast nie die erbliche Bedingtheit solcher Mißbildungen
in Erwägung gezogen, aber zu Unrecht, wie ich wohl nicht mehr
auseinanderzusetzen brauche.
Im Gebiete der Wirbelsäule und des Rückenmarkes kommen
Hemmungsmißbildungen in Form von Spaltbildungen vor, die sich oft
in bruchähnlichen Vorwölbungen im unteren Teile der Wirbelsäule
äußern (Spina bifida). Auch dabei spielen vermutlich erbliche
Anlagen neben parakinetischen Ursachen eine Rolle.
Von deutlichem Einfluß ist die Erblichkeit auf die Entstehung
~seitlicher Verbiegungen der Wirbelsäule~, sogenannter ~Skoliosen~.
Da man in manchen Familien Skoliosen sowohl in männlicher wie in
weiblicher Linie durch mehrere Generationen verfolgen kann, scheint es
einfach dominante Anlagen dafür zu geben. Allerdings sind auch äußere
Einflüsse von großer Bedeutung für die Entstehung von Skoliosen, z. B.
die sogenannte englische Krankheit oder Rachitis.
[Illustration: Fig. 43.
Ausschnitt aus einem Stammbaum mit Verbiegungen der Wirbelsäule
(~Skoliosen~) nach ~Classen~.]
Die ~Trichterbrust~ stellt eine Mißbildung dar, bei welcher
das untere Ende des Brustbeins tief eingezogen ist, so daß eine
trichterförmige Mulde in der vorderen Brustwand besteht. Es
scheint eine dominante Anlage dazu zu geben. Gelegentlich kann ein
ähnliches Bild auch durch Druckeinwirkungen entstehen, z. B. bei
Schustern.
[Illustration: Fig. 44.