2. Die Variationserscheinungen.

Die Vererbung ist fast nie eine vollkommene, d. h. die Nachkommen sind

fast nie dem Elter bzw. den Eltern völlig gleich, und ebenso sind

fast immer die Geschwister untereinander verschieden. Man sagt, die

Nachkommen „~variieren~“. ~Es ist die wichtigste Aufgabe der

Vererbungswissenschaft, die Gesetzmäßigkeiten klarzulegen, nach denen

dies Verschiedensein, diese Variation vor sich geht.~

Ursache des Verschiedenseins der Kinder von den Eltern und der Kinder

voneinander, d. h. Ursachen des Variierens kennen wir im wesentlichen

dreierlei, und so lassen sich auch ~drei Gruppen von Variationen~

unterscheiden:

1. Die eine von diesen drei Hauptursachen beruht darauf, daß auch

der erblichen Anlage nach, d. h. idioplasmatisch völlig gleiche

Individuen ~je nach den äußeren Verhältnissen, unter denen sie

aufgewachsen sind~, je nach ihrer „Peristase“, sehr verschieden

sein können. Wir bezeichnen diese Art der Variation als Variieren

durch Modifikation oder in einer in diesem Buche verabredungsgemäß

durchgeführten neuen Bezeichnung als #Paravariation#.

2. Eine zweite Ursache des Variierens beruht darauf, daß bei

der geschlechtlichen Fortpflanzung ein neues Individuum fast

immer dadurch entsteht, daß zwei Zellen sich vereinigen, ~die

ihrer erblichen Anlage nach, d. h. im Idioplasma verschieden

sind~, und daß so eine ~Vermischung~ eine Kombination

~zweier Vererbungsrichtungen~ erfolgt. Man spricht dann von

#Mixovariationen#.

3. Eine dritte Ursache des Variierens beruht darauf, daß aus

irgendwelchen Gründen und zu irgendwelchem Zeitpunkt eine

~Änderung im Gefüge des, im allgemeinen freilich sehr stabilen,

Idioplasmas~ erfolgt und daß so Zellen und daraus Individuen

mit verändertem Idioplasma hervorgehen, die entsprechend auch in

ihren sekundären äußeren Eigenschaften verändert sind. Variationen,

die auf einer solchen Änderung des Idioplasmas beruhen,

bezeichnet man vielfach als ~Mutationen~, wir wollen sie als

#Idiovariationen# bezeichnen.

a) Die Paravariation.

Um die Gesetze der Paravariationen zu untersuchen, muß man ausgehen von

Fällen, wo nicht gleichzeitig die verschiedenen Ursachen des Variierens

mitspielen, wo vor allem die Wirkungen der geschlechtlichen Vermischung

zweier Vererbungstendenzen ausgeschaltet sind. Wir wählen deshalb zur

Ableitung der wichtigsten Gesetzmäßigkeiten am besten einen Organismus,

der dauernd oder doch zeitweilig Fortpflanzung ohne geschlechtliche

Vereinigung verschiedener Idioplasmen aufweist. Wir müssen also

entweder mit sich ungeschlechtlich vermehrenden Organismen arbeiten

oder mit Organismen, die sich „autogam“[3] fortpflanzen. Das letztere

ist zum Beispiel bei den ~Bohnen~ der Fall, die Zwitterblüten

haben, und bei denen fast immer der Blütenstaub nur auf die Narbe der

~gleichen~ Blüte gelangt und sie befruchtet. Die idioplasmatisch

gleichen Individuen, die durch ~ungeschlechtliche Vermehrung eines

Ausgangsindividuums~ entstanden sind, bezeichnet man in der

Vererbungsliteratur als einen „#Klon#“. Die in gleicher Weise

erblich einheitlichen Individuen, die man erhält als Nachkommenschaft

~eines Ausgangsindividuums bei einem autogamen Organismus~

bezeichnet man als „#Reine Linie#“.

Wir wollen hier als Schulbeispiel etwa eine Kultur von ~Paramaecium

caudatum~, einem in allen Pfützen und Tümpeln häufigen kleinen

einzelligen Infusor nehmen, das sich in kleinen Glasgefäßen eine lange

Reihe von Generationen hindurch rein vegetativ fortpflanzen läßt. Man

bekommt so, wenn man mit einem Ausgangstier ein Aquarium beschickt,

rasch einen großen Schwarm von Tieren, die alle ihrer ~erblichen

Anlage nach, d. h. idioplasmatisch gleich sind~. Äußerlich sind aber

die einzelnen Tiere eines solchen Klons trotzdem stark verschieden,

weil sie im einzelnen immer unter etwas anderen Bedingungen sich

entwickelt haben. Das eine hat z. B. immer genug Nahrung bekommen, das

andere hat zeitweilig gehungert, das eine hat sich verletzt, das andere

nicht, das eine befand sich an einer besonders stark belichteten oder

an einer besonders warmen Stelle des Kulturgefäßes usw.

Für dieses Verschiedensein erblich gleicher Organismen, das bedingt

ist durch die ungleichen Außeneinflüsse, die auf die Tiere einwirken,

gelten ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten: Untersucht man irgendeine

beliebige Eigenschaft aller Tiere eines solchen Schwarmes statistisch,

so findet man meist, daß weit nach der einen Seite abweichende

Individuen selten sind, ebenso auch weit nach der anderen Seite

abweichende. Je mehr sich aber die Eigenschafts-Ausbildung dem Mittel

nähert, desto häufiger sind die betreffenden Individuen. Das zeigt

sehr schön die Tabelle I, in der von einem Klon von ~Paramaecium~

die Körperlänge statistisch aufgenommen ist. ~Figur 1~ zeigt das

gleiche Zahlenmaterial in Form einer Variationskurve.

Tabelle I:

==============+===+===+===+===+===+===+===+===+===+

Länge in µ |136|140|144|148|152|156|160|164|168|

--------------+---+---+---+---+---+---+---+---+---+

Zahl der Tiere|

mit | 2 5 5 14 26 27 40 52 39

dieser Länge |

---------------------------------------------------

==============+===+===+===+===+===+===+===+===

Länge in µ |172|176|180|184|188|192|196|200

--------------+---+---+---+---+---+---+---+---

Zahl der Tiere|

mit | 32 26 14 12 3 2 1

dieser Länge |

----------------------------------------------

Weshalb die Variationskurven so häufig gerade diese Form haben, d.

h. mehr oder weniger der ~Binominalkurve~ gleichen, ist leicht

einzusehen: Die Größe der Paramaecien wird, um bei diesem Beispiel zu

bleiben, durch alle möglichen verschiedenen Faktoren beeinflußt. Ganz

besonders groß wird z. B. ein Tier nur dann, wenn es dauernd sehr gut

genährt wurde, nie verletzt wurde, immer im genügend sauerstoffreichen

Wasser war, nie durch zu grelles Licht, oder zu hohe Temperatur, oder

zu niedere Temperatur geschädigt wurde usw. Nur ein Tier, das in

~allen diesen Dingen Glück~ hat, wird ~besonders groß~, und

ebenso wird nur ein Tier, das ~in allen diesen Dingen Unglück~

hat, ~besonders klein~. ~Meist wird es sich aber treffen, daß

ein Tier teils Glück, teils Unglück hat, d. h. es wird meist eine

mittlere Größe haben.~

Immerhin ist aber diese ganze Frage doch so wichtig, daß es sich lohnt,

abzuleiten, weshalb gerade die bestimmte Form der Kurve zustande kommt.

[Illustration: Fig. 1.]

Faktoren, die alle die Größe eines Paramaeciums in einem Aquarium

beeinflussen, gibt es zahllose. Wir wollen einmal nur die vorhin

genannten herausgreifen und wollen auch die Annahme machen, es gäbe

für diese 5 Faktoren immer nur je zwei Alternativen, eine die Größe

fördernde und eine die Größe hemmende. Wir wollen ferner die fördernden

Alternativen mit einem großen, die hemmenden mit dem entsprechenden

kleinen Buchstaben bezeichnen. Das gäbe folgendes:

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 26 / 64 题