1. Einige Grundbegriffe.

Mit ~Vererbung~ im ~biologischen~ Sinne des Wortes bezeichnen

wir gemeinhin die Tatsache, daß die Nachkommen eines Elters oder bei

geschlechtlicher Fortpflanzung eines Elternpaares dem bzw. den Eltern

gleichen.

Nachkommenschaft kann bei vielzelligen Lebewesen entstehen:

1. durch Lostrennung und selbständige Weiterentwicklung einer

einzelnen Zelle oder bei Lebewesen mit vielkernigen Zellen sogar

eines Teiles einer Zelle;

2. durch Lostrennung und selbständige Weiterentwicklung von ganzen

Zellgruppen und Organen;

3. durch Lostrennung zweier Zellen von einem Individuum oder von

zwei Individuen und weiterhin Vereinigung je zweier solcher Zellen

(„Eizelle“ und „Spermatozoid“) zu einer Zelle, aus der dann ein

neues Individuum hervorgeht.

Die ersten beiden Fälle bezeichnet man als ~ungeschlechtliche~

(vegetative), den dritten Fall als ~geschlechtliche~ (sexuelle)

~Fortpflanzung~.

Bei sehr vielen, besonders bei vielen pflanzlichen Lebewesen kann man

jede beliebige Zelle oder doch Zellgruppe aus ihrem bisherigen Verband

lostrennen. Sie fängt dann selbständig zu wachsen an und läßt so ein

neues Individuum[1] aus sich hervorgehen. Bei vielen anderen Organismen

sind nur wenige Zellen in dieser Weise „allseitig regenerationsfähig“.

Bei noch anderen Organismen, so besonders bei den höheren Tieren sind

im allgemeinen nur ganz bestimmte Zellen -- die Geschlechtszellen --

zur Erzeugung neuer Individuen befähigt.[2]

Bei den Organismen der ersten beiden Gruppen muß also in jeder von

diesen allseitig regenerationsfähigen Körperzellen, bei den Organismen

der letzten Gruppe muß ~mindestens in jeder Geschlechtszelle~

alles darin stecken, was für die betreffende Art wesentlich ist. Im

feineren Bau der Eizellen eines Orang-Utans und eines Menschen muß in

irgendeiner Weise der ganze Unterschied zwischen einem Orang-Utan und

einem Menschen begründet sein. Man darf sich das freilich nicht in der

kindlichen Weise der Präformations-Theorie so vorstellen, daß in der

Eizelle alle im späteren Organismus auftretenden Unterschiede schon

vorhanden wären. Jeder fertige Organismus ist erst das Endergebnis

einer langen individuellen Entwicklung, winzige Unterschiede im

Anfangsstadium können tiefgehende Unterschiede bei den späteren

Stadien bedingen -- kleine Ursachen, große Wirkungen. -- Es ist ganz

leicht vorstellbar, daß kleine Unterschiede im Gefüge zweier äußerlich

überhaupt nicht unterscheidbarer Eizellen, z. B. kleine chemische

Verschiedenheiten bedingen, daß aus der einen ein Europäer, aus der

anderen ein Hottentotte wird. Es ist auch gar nicht gesagt, daß

zwischen der Größe der Unterschiede zweier Keimzellen und der Größe der

Unterschiede der fertigen Organismen eine bestimmte Beziehung besteht.

Wir wollen nun weiterhin, ohne damit zunächst irgendwelche zytologische

Vorstellungen zu verbinden, den Teil einer Zelle, in dem in uns

vorläufig noch unbekannter Weise ihre Arteigenheit begründet ist, mit

einem von ~Naegeli~ eingeführten Ausdruck als #Idioplasma# bezeichnen.

~Es beruhen nach dieser Begriffsbestimmung alle erblichen Unterschiede

zwischen zwei fertigen Individuen entwicklungsmechanisch in letzter

Linie auf Unterschieden im Bau oder Chemismus des Idioplasmas.~ Diese

Idioplasma-Unterschiede sind das ~Primäre~, die ~äußerlich~ an den

~ausgewachsenen~ Organismen erkennbaren Unterschiede sind etwas ~ganz

Sekundäres~. Irgendein kleiner Unterschied zwischen den Idioplasmen

zweier Eizellen ist vielleicht die entwicklungsmechanische Ursache

einer ganzen Reihe von Unterschieden in den verschiedensten Teilen des

fertigen Organismus.

~Vererbung von einem Elter bzw. einem Elternpaar auf die Nachkommen

beruht darauf, daß die Nachkommen ganz oder teilweise das gleiche

Idioplasma haben wie der Elter oder bei geschlechtlicher Fortpflanzung

wie die Eltern.~

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 25 / 64 题