starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
verdächtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Häuser, die gewiß
erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezündet worden waren.
Am 8. September endlich stand die Kibitka plötzlich still; das Pferd
scheute zurück. Sersko bellte Klagelaute.
„Was giebt es, fragte Michael Strogoff.
— Hier liegt ein Leichnam!“ antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
sprang.
Es war der Körper eines gräßlich verstümmelten Mujiks.
Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff’s Hilfe schleppte er den
Todten nach der Böschung der Straße. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
von den Resten dieses Körpers abzuhalten, doch Michael Strogoff ließ ihm
nicht die Zeit dazu.
„Vorwärts, Freund, rief er, vorwärts, wir dürfen uns auch nicht eine
Stunde aufhalten.“
Die Kibitka setzte ihren Weg fort.
Hätte Nicolaus übrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
die letzte Ehre erweisen wollen, er wäre nimmer fertig geworden. Mehr in
der Nähe von Nishny-Udinsk fand man die Körper der Ermordeten zu Fünfzigen
auf der Erde liegend.
Dennoch mußte man diesem Wege so lange folgen, als es ausführbar war, ohne
den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverändert
beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstörung mit
jedem Dorfe mehrten.
Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gründung durch verbannte
Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwüstung und Plünderung
ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
Wie es überhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniß gekommen war, das konnte
Niemand erklären, da sich keine lebende Seele fand, die es hätte sagen
können.
An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
die hohen Thürme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wälzten sich
dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrührten.
Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluß mußte gefaßt werden.
War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
sie um jeden Preis zu umgehen.
„Laßt uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
jedenfalls vorsichtig.“
Noch eine Werst wurde zurückgelegt.
„Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
man zündet dort die Stadt an!“
Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
Dunstmassen züngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
und wälzte sich gen Himmel. Einen Flüchtling sah man aber nicht.
Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
Zerstörung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
Verwüstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf höheren Befehl? Lag
es in der Absicht der Regierung des Czaaren, daß keine Stadt, kein Flecken
vom Jeniseï und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
zurückbleiben oder seinen Weg fortsetzen?
Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gründlicher Erwägung des
Für und Wider hielt er es aber doch für das Wichtigste, selbst um den
Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
die Hände zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Straße
zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
zurückzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuß krachte. Eine
Kugel pfiff herüber, und zu Tode getroffen stürzte das Pferd der Kibitka
zusammen.
Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Straße und
umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
Nishny-Udinsk abgeführt.
Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
Kaltblütigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
auch unmöglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Hätte er seine Augen
gebrauchen können, er würde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
einem schrecklichen Blutvergießen geführt hätte. Doch wenn er nichts sah,
so konnte er doch hören und verstehen, was Jene sagten.
An ihrer Sprache erkannte er, daß diese Soldaten Tartaren waren, und an
ihren Worten, daß sie der Armee der Feinde vorausschwärmten.
Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt führten, und aus einigen Brocken
ihrer späteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:
Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
immer hinter dem Jeniseï zurückgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan’s nächstens in
der Nähe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.
Auf Iwan Ogareff’s Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
Einfalls in die östlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
Grenze des Gouvernements Semipalatinsk längs der Südküste des
Balkhachsee’s und dem Fuße des Altaïgebirges hingeschlichen. Geführt von
einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
oberen Lauf des Jeniseï. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
den Czaaren getroffenen Maßregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
entweder als solche oder als Brückenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jeniseï
herabgezogen und hatte die Straße nach Irkutsk erst in der Nähe von
Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklärte sich die Anhäufung von Ruinen
jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegführung dieser
Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
in einer Gesammtstärke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemächtigen. In kurzer Zeit
sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.
So lagen die Dinge zu jener Zeit, – gewiß eine gefährliche Lage für den
vollständig isolirten Theil des östlichen Sibiriens und für die
verhältnißmäßig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.
Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
und Iwan Ogareff’s mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
Frage der Zeit.
Welche Gedanken bestürmten hierbei Michael Strogoff! Wer würde erstaunen,
wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
die Worte:
„Ich werde dennoch ankommen!“
Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
die letzten Marodeure verließen, sollten sie nicht bleiben.
Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschüttert in ihrem
Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar äußerlich gleichgiltig, aber
immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit böte.
Den Tartaren entging es keineswegs, daß einer ihrer Gefangenen blind war,
und ihre natürliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
Unglücklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
Michael Strogoff’s Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte öfters
Seitensprünge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mädchens brachen und
Nicolaus empörten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
Tartaren war ihnen nicht geläufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
zurückgewiesen.
Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
Gedanken, Michael Strogoff’s Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
Reiter, den Michael Strogoff sagen hörte:
„Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!“
Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Dörfern
Tatan und Chibarlinskoë. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
gesetzt, dessen Zügel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
Peitschenschläge, Steinwürfe und lautes Schreien in Galop.
Das blinde Pferd stieß, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
Stößen wieder zurück.
Michael Strogoff widersprach nicht. Er ließ keine Klage hören. Stürzte
sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Füße brachte. Das
geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.
Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
mehr zurückhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
ihn zurück und mißhandelte ihn.
Gewiß hätte dieses Spiel noch lange Zeit zum größten Ergötzen der Tartaren
fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.
Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuß tiefe Schlucht neben der
Straße zu.
Nicolaus wollte ihm nach, – man hielt ihn zurück. Das führerlose blinde
Pferd stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe.
Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mußten glauben, daß
ihr unglücklicher Gefährte bei diesem Fall zerschmettert sei.
Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff außer dem Sattel
und unverwundet, während das Pferd zwei Füße gebrochen hatte und völlig
dienstuntauglich geworden war.
Man ließ es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoß zu geben, und
band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so daß er dem
Detachement zu Fuße folgen mußte.
Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
Schrittes, so daß sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
anspannte. Er blieb immer „der Mann von Eisen“, von dem General Kissoff
dem Czaaren gesprochen hatte.
Am nächsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
Chibarlinskoë.
Hier trug sich ein Ereigniß zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.
Die Nacht war gekommen. Während einer Stunde der Rast hatten die
tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
wieder aufbrechen.
Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.
Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
Nicolaus hatte diesen für ihn gesehen.
Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu überlegen und ohne sich von seiner That
Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoß sie dem
Tartaren mitten auf die Brust ab.
Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
herzugelaufen.
Die Reiter wollten den unglücklichen Nicolaus erwürgen, doch auf ein
Zeichen des Officiers begnügte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.
Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
durchnagt sein mochte, riß bei der unerwartet heftigen Bewegung des
Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
ohne es nur gewahr zu werden.
Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstraße.
Neuntes Capitel.
In der Steppe.
Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während
ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß,
eine häufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel
zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei
trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.
Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter
den traurigsten Umständen wieder verloren.
Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben
und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.
Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte
sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
Nadia standen ganz, ganz allein.
„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“
Michael Strogoff erwiderte nichts.
„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen
suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für
Dich wagte?“
Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine
Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?
Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:
„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:
— Nach Irkutsk.
— Auf der großen Landstraße?
— Ja, Nadia.“
Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben,
sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der
Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
verlassen.
Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.
Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem
Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die
ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’
Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich
durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß
sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
bei Irkutsk auf.
Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war
Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch
Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit
bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
war also für mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
fehlen.
Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht
auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu
bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’
beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.
Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.
„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.
— O nein, antwortete sie.
— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.
— Ja wohl, Michael.“
Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka,
überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne
Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.
Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die
Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur
vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
ziemlich schnell vorüber.
So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte.
Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während
der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges
Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur
zwei und eine halbe Kopeke kostet.
Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich
kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die
grenzenlose Steppe fortsetzen.
Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer
bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia
kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.
Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her.
Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter
gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den
Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei.
Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das
Auftauchen der tartarischen Plänkler.
Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle
und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.
Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie
sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mädchen erinnerte
an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.
Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer
einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.
Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:
„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“
Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie
seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der
Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
auf dem Plateau bei Tomsk lag?
„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
dadurch ein Vergnügen.“
Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles,
was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in
Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie
sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.
„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen
Stirn sich düstere Wolken lagerten.
Nach einer Pause fügte er dann hinzu:
„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
nicht zu sehen.
— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.
— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!
— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa
Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen
Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.
— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.
— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich
nichts.
— Sprich, Nadia!
— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
immer so dringend nach Irkutsk?“
Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab
keine weitere Antwort.
„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?
— Nein, er war mir unbekannt.
— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater
zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?
— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine
Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht,
wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an
dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt
zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!
— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in
Irkutsk einzutreffen?
— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.
— Auch jetzt noch?
— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“
Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den
Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
nicht Alles sagen durfte.
Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.
Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht.
Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:
„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“
Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniß, keine
Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
Erschöpfung fühlten sie.
So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die
Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.
Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische
Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein
Fortschritt zu seiner Abwehr.
Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des
Großfürsten nur allein in seinen Händen.
Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken
unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte
Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende
Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf
durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
Reisen in günstigeren Jahreszeiten, daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu
durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230
Werst nach Irkutsk führte.
Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu
gut.
Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:
„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte
Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’
ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den
Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für
Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!...“
Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des
jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
schneller.
Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder
dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
erhellten.
Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete Ortschaft. Die
Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis
sechs Tagen hier durchpassirt sein.
Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.
„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.
— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
einige Stunden ruhen?
— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du
kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?
— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres
Gefährten ergriff und ihn weiter führte.
In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße
nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein
Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren
ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
hätte.
Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in
eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.
Aus der Steppe her ertönte Gebell.
„Hörst Du das?“ fragte Nadia.
Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.
„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung
erfüllt.
Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.
„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.
Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.
„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen
fühlte.
— Ja, es muß sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
Hilferuf.“
Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
Flusse entfernt.
Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft
näher erscholl.
Nadia blieb stehen.
„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.
— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.
Keine Antwort ließ sich vernehmen.
Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
Himmels.
Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
Ebene zu überschauen, sah aber nichts.
Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.
„Michael!“ verstanden sie deutlich.
Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.
Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.
Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.
Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren
Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.
Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf,
kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.
Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
zusammen.
Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.
„Da ... da!“ rief sie.
Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.
Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.
Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel
umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden
gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht
von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie
die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
langsam naht!
Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!
... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
leider zu spät werden sollte.
Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
gefräßigen Vögel.
Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
dem Grabe zu befreien.
Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.
Er erkannte Michael und Nadia.
„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
einmal gesehen zu haben ... Betet für mich!...“
Das waren seine letzten Worte.
Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes
Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
schlüge. – Es schlug nicht mehr.
Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus
Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der
treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.
Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter
Tumult.
Michael Strogoff horchte.
Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der
Dinka zu bewege.
„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.
Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
Liefländerin.
„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.
— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.
Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.
„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael
Strogoff.
Schweigend setzte er seine Arbeit fort.
Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten
Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael
Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf,
das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.
„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte,
nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“
Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden
Reiterschwarm.
„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.
Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße
nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen,
um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der
Dinka keine besondere Eile.
Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er
nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.
Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam
es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich
unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten
Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf
diese Fragen die Antwort gewußt.
Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure
Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.
Er stand am Baïkalsee.
Zehntes Capitel.
Baikal und Angara.
Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über dem Meere. Seine Länge beträgt gegen 900
Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von
Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau
Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“
titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in
demselben ertrunken.
Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird
von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen
anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich
etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche den See
einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des
orographischen Systems des Altaïgebirges.
In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der
Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen
klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann
vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man
schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um
fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl
bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis
Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des
Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß
tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach
belebt.
Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn
„Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde,
jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich
denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den
Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig
gefürchtet.
An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen
Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was
konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten,
als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch
übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren
zurücklegen mußte, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs
der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem
Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine
Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch
zu Fuße zurücklegen sollte.
Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?
Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das
Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende
des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte
und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.
Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der die südwestliche Spitze
des Sees bildet.
Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die
letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.
Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur
eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den
Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes
Entfliehen unmöglich sein mußte.
Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.
„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber
fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael
Strogoff’s nieder.
Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie
zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des
Ufers, an der ein Floß befestigt lag.
Das Floß schien zur Abfahrt bereit.
Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die
nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den
tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen,
und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf
beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel
dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die
Stadt durchströmt.
Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht
vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte
aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für
angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.
Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des
Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese
wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu
gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit
einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen
anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.
Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese
zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den
sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in
der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme
bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden
hätten.
Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge
Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter
etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf
dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.
Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm
bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von
Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen
des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu,
daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der
Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.
Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte
empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der
Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das
Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das
doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die
Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.
Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst
abreisten.
Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte
das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte
Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.
Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein
Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer
Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze trug er auf dem Kopfe und
zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen
Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen.
Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch
Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens
reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der
Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung
nach der offenen See zu hindern.
Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse
Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl
Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen
Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die
Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit
klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom
Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein
schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit
Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was
er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht
ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst
bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.
Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie
die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie
einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln
nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von
Troïtsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew,
der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das
von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich
nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach
Irkutsk.
Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren,
welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als
die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich
nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und
sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und
Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten
der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen
Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten
Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die
Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.
Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des
Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre
Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres
Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott,
flüstern.
Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in
tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur
sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.
Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes,
der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse
der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr
Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten,
als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre
Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.
Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von
Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden
schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach
Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren
Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden
vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der
Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte
dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche
Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.
Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees
zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten
sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von
ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.
Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem
Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das
Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees
gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich
zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen
Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von
der Kälte verdichtet wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes
Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum
Vergnügen bereiste.
Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der
Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten
erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die
wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.
Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen
zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch
erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen,
sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.
Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann
wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen
vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten
nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der
Angara sicherer zu widerstehen.
Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein-
und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier
entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der
russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl
durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.
Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den
Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten.
Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen
überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig,
reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt
Ostsibiriens zurückgezogen.
Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge
aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei
Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.
Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.
Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s,
der verwundert den Kopf emporrichtete.
„Was hast Du, Nadia? fragte er.
— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.
— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural
begegneten?
— Dieselben.“
Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus
dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.
Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den
Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael
Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf
dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine
Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über
das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt
wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.
Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.
„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft
haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“
Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der
Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach
dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.
Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor
der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten.
Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben
gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs
damals nur geblendet wurde.
Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten,
Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem
Lager der Russen zu entsenden.
Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk.
Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft
durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres,
welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog,
aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der
Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee
herabziehen.
Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen.
Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk
hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert
wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.
Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel
vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen
glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen.
Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.
Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um
für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot
ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.
„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt
nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein
und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.
Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während
der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.
Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den
gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.
Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet,
als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.
Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren
Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.
Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge
Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.
„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.
Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm
nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.
War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf
dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch
Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben
glaubten.
Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.
Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.
„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die
Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“
Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines
Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael
Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen
habe.
„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht
wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben
hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir
das?
— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.
— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.
— Ich danke, meine Herren.
— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry
Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge
unterstützen?
— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.
— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.
— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“
Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen
verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach
die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die
Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.
Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael
Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie
plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der
Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige
Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.
Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei
Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen
der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.
Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren
zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem
Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal
bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso
wenig als früher Nadia.
Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide
Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:
„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf
dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.
— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!
— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes
Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange
die Spuren davon tragen wird.
— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.
Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein
Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff
nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie
seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen
die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben
Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist
ein Mann!“
Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell
mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich
zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung
schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker
Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar
gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein
schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal
vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein
dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen
auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie
doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen
von Irkutsk zusammendrängten.
Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und
der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden
Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der
Strömung der Angara.
Elftes Capitel.
Zwischen zwei Ufern.
Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus
sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt
Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der
Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen
Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief
herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu
Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der
Angara zu ersterben.
Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der
Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der
Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen
vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befürchten, daß die Belagerer
stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht
gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu
erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein
diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest
aneinander löthete.
Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter
in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr
vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem
Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der
Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum
die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am
Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die
Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.
Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger
Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum
unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den
Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn
jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das
Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst
vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.
Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren
Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie
drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren
Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging,
besser zu ertragen. Der schwache Wind, der über die schneebedeckten Berge
im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.
Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses
gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten
Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters
nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern
sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation
beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein
Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche
Allen verderblich werden mußte.
Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes
Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch
in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er
sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde,
an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch
eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von
Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte
nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch
durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.
Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder
gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals
den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff
nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß
sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk
näherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das
geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er
liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer
seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr
jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen,
ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts
sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s
niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie
ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt
wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der
nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen
würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!...
Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem
einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene
gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer
dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner
Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit
doch nicht ganz erwehren.
„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um
Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem
berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich
nicht ...“
Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur
Seite des Flusses zu durchdringen.
Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniß und
zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein
ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die
traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese
gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara
war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten
ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben
wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung
wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß
unbemerkt dahin.
Hier drohte also keine besondere Gefahr.
Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen
und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz
zufällig und zwar durch folgenden Umstand:
Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand
in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine
klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.
Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht
täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche
der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.
Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so
ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein
natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie
als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in
Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter
gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.
Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt
er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu
machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig
durch diese neue Gefahr zu ängstigen.
Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von
flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen
Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China,
in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die
Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile
Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.
Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku,
welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres,
die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat
sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie
dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das
unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde
auf und niederbewegt.
Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den
Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht
oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in
einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.
Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher
sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der
Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen,
vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.
Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen
Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht
rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen
und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.
„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß
ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“
Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.
Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die
sich immer enger und enger zusammendrängten.
Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische
Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren
Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends
glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die
sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der
andern sprangen, schnell näher herankamen.
„Tartaren!“ dachte er.
Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und
lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.
Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.
„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch
werden wir uns zu vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu
machen.“
Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen
die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden
verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie
dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen
Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte
des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern
oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu
schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe
erschütterte die Luft.
Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an
der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff
sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in
erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry
Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen
Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich
mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.
Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in
der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die
ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.
„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den
bluttriefenden Dolch schwang.
Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer
in ganzen Banden über das Treibeis.
Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu
ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende
Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen
leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide
Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich
denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich
veränderte.
Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch
die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten
verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten
Flußufers.
Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen,
und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.
Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken
Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher,
die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die
beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die
gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt
noch dreißig Werst von ihnen entfernt.
Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt
zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur
dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der
Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen,
die sie hätte verrathen können.
Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich schnell nieder. Ihre aus
Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen
fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und
Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.
Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen
einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine
Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand
erleuchteten Flußufer trennte.
Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller
Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht
allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder
wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s
vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf
dem das Floß noch immer schwamm.
Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen
brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese
Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer
selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst
in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die
Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und
Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der
Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.
Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies
fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.
Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr
entgehen.
Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und
nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und
bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara,
welche hier einen scharfen Bogen bildet.
So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das
Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie
zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten
Vorposten hell durch die Nacht.
Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten
Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.
Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle
waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und
das Bett des Flusses immer enger wurde.
Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.
Alcide Jolivet folgte ihm.
Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten
gewechselten Worte.
„Achtung, dort rechts!
— Links drängen ein paar Schollen heran!
— Stoß’ ab, fest mit der Stange!
— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ...
— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist
nichts zu thun.
— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.
— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“
Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich
aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk,
sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen,
das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde.
Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die
von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den
Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die
schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die
Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu
hoffen war.
Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt,
zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft
wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit
„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.
Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin.
Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden,
der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte.
Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte
man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem
vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren.
Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.
Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die
Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch
alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.
Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen
compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen
drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich
fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.
An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite
ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte
sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander
verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie
standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert
Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben
einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in
der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich
die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von
der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber
nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede
Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.
Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um
sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade
noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des
Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um
die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg
anzugreifen.
Was nun?
In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara.
Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also
noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt
auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt
dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs.
Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden
Dunkelheit nur durch Zufall trafen.
„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.
Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael
Strogoff’s Hand.
„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf
gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“
Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von
der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach,
auf die Eisfläche.
Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln
rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke
mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände
auf, aber sie kamen doch vorwärts.
Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier
ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier
und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.
Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.
Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest
hing. „Komm“, sagte Nadia.
Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von
der Bank ablöste.
Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich,
der Weg stand offen.
Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die
Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren ... Dann verstummten
langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen
Freude.
„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.
Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael
Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu
befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten
Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch
handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an
einem der Quais in Irkutsk landen sollte.
Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres.
Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen
werde!...
Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen
Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.
Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den
Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.
Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.
„Endlich!“ murmelte er für sich.
Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.
Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden
Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von
bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck
an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte
erschlossen:
„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“
Zwölftes Capitel.
Irkutsk.
Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen
Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an
der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale
überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten
Häuser.
Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den
in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße
führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den
Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische
Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese
Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt
selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem
Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten
Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die
reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und
Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die
zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur
Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat,
endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der
Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser
Moden nichts Fremdes sind.
Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer
ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch
reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen
Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht
werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale,
den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und
konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.
Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm
fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die
Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer
Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich
ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des
unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende
Persönlichkeit.
Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der
Stärke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit
Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.
Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge
eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt
eingeschlossen.
Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.
Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen
Provinzen Ostasiens geführt.
Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr
als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen
Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den
transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische
Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.
An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der
Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder
einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso
gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die
Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die
Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von
Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort
zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen
zerstört worden.
Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.
Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu
organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er
bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.
Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine
nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens
mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht
rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk
zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den
tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe
offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den
Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.
Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in
die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der
Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person
die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer
dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier
war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.
Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen,
veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der
Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees,
begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht
gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die
Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft
in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.
Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und
der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende
Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des
Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am
linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine
Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen.
Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der
Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.
Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt
überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines
Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.
Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten
verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus
eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch
ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern –
Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der
Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem
war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara
speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht
weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.
Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des
Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es
besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens meist
niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des
Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.
Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen
von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.
Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das
Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der
in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle
Feofar-Khan’s vereinigt.
Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für
unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst
stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff
hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel
an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so
blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.
Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten
sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des
Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen
nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte
Belagerung.
Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu
leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu
erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines
Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.
Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert.
Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem
Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die
jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen
scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer
regelrechten Belagerung genöthigt.
Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf
die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine
Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe
wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten
sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit
ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die
Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem
zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den
Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und
oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu
einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren
einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre
früheren Stellungen zurückziehen mußten.
Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt
nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die
Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu
erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu
überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des
Czaar stillen.
Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara,
trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.
In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus
dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der
Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten
sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch
Verrath zu überwältigen.