Uhr meldeten Trompetenstöße die Ankunft des Verbündeten.
Iwan Ogareff, – „mit der Schmarre“, wie man ihn schon nannte – kam, jetzt
in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so daß in
der Mitte nur der für die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
blieb. Quer über das Gesicht des Verräthers zog sich eine blutig
unterlaufene Strieme hin.
Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
empfing sie, wenn auch mit der seiner Würde entsprechenden Kälte, doch in
einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.
Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
unzertrennlichen Neuigkeitsjäger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
sich sobald als möglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
sich einem russischen Truppencorps anzuschließen und mit diesem Irkutsk zu
erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
Feuersbrünsten, Plünderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
nur das Gefühl der Entrüstung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.
Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, daß er Tomsk
nicht wohl eher verlassen könne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, – und wäre es
nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, – und Harry Blount
hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
Plänklern des Emirs zuvorzukommen.
Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen hübschen
Artikel für die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europäischen
Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.
„Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
erschienen, so wie der brave Bürger, der für sein Geld auch etwas
Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es wäre besser
gewesen, erst zum Ballet zu kommen.
— Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.
— Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
sich schon.“
Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, „die ersten Kräfte der
Truppe Feofar-Khans“ möglichst genau kennen zu lernen.
Den lustigen Tänzen sollte aber noch eine höchst peinliche Scene
vorhergehen.
Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
Besiegten kein vollständiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
unter den Knuten der Soldaten vorgeführt. Diese sollten vor Feofar-Khan
und seinen Verbündeten defiliren, bevor man sie in den Gefängnissen der
Stadt einkerkerte.
In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
Befehle Iwan Ogareff’s entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
gegenwärtig.
Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
bleich. Sie machte sich wohl gefaßt auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
ward gewiß nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgeführt, und sie
zitterte leise für ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
für sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache würde wohl ohne Grenzen sein.
Gewiß drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
damals, als seine Knechte sich über ihn stürzen wollten, geschont hatte,
so wußte er gewiß, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
vorzubehalten.
Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
Sohn unmöglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
hier, wo es ihnen ein süßer Trost gewesen wäre, während einiger Tage der
Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern hätte Marfa Strogoff ihren
Sohn um Verzeihung wegen all’ des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
zugefügt hatte, denn sie klagte sich an, ihre mütterlichen Gefühle nicht
gehörig im Zaum gehalten zu haben. Hätte sie sich damals im Posthofe zu
Omsk bezwungen, als sie ihm gegenüber stand, so kam Michael Strogoff
unerkannt hindurch, – und wie viel Unglück wäre dann verhütet worden!
Michael Strogoff seinerseits quälte sich mit dem Gedanken, daß man seine
Mutter mit hierher schleppe, um sie für sein Vergehen büßen zu lassen,
vielleicht daß sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
selbst.
Nadia endlich fragte sich, was sie thun könne, um den Einen oder die
Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
kommen könne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fühlte, daß es hier vor
Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht wäre
sie doch noch im Stande, die Gitter des Käfigs ihres Löwen zu zerbrechen.
Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln böte,
gewiß nicht zögern, und nöthigenfalls ihr Leben für den Sohn der Marfa
Strogoff opfern.
Inzwischen zog der größte Theil der Gefangenen vor dem Emir vorüber, wobei
jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
der Stirn berühren mußte, das erniedrigende Merkmal für den Anfang der
Sklaverei. Krümmten die Unglücklichen den Rücken zu langsam, so warf sie
die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.
Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
nicht ohne die Gefühle der tiefsten Indignation beizuwohnen.
„Dieser erbärmliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.
— Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!
— Alles sehen!... Ah, dort! rief plötzlich Alcide Jolivet und ergriff den
Arm seines Gefährten.
— Was haben Sie? fragte dieser.
— Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!
— Sie? – Welche sie?
— Die Schwester unseres Reisegefährten! Hilflos und gefangen. Wir müssen
sie retten ...
— Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
des jungen Mädchens dürfte ihr eher schädlich als nützlich werden.“
Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia drängen wollte, ließ sich
belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorüber, ohne
dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.
Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
genug in den Staub warf, drückten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.
Marfa Strogoff fiel zu Boden.
Ihr Sohn schäumte auf vor Wuth, so daß ihn die bewachenden Soldaten kaum
zu bändigen vermochten.
Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgeführt werden, als
Iwan Ogareff das verhinderte.
„Dieses Weib bleibt hier!“ rief er.
Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurückgeführt. Iwan Ogareff’s
Blick hatte sie nicht erkannt.
Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.
„Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.
— Nein“, antwortete Michael Strogoff.
Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kräftige Hand
des jungen Mannes drückte sie an seiner Statt zu Boden.
Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.
„Du verwirkst Dein Leben! rief er.
— Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
Verrätherstirn, Iwan, wird für immer die schmachvolle Schramme von der
Knute tragen!“
Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.
„Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
drohender war.
— Ein russischer Spion“, antwortete Iwan Ogareff.
Als er Michael Strogoff für einen Spion ausgab, wußte er recht wohl,
welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.
Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genähert.
Die Soldaten hielten ihn zurück.
Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze große Menge
niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
öffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.
Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
Schicksal Michael Strogoff’s entscheiden.
Die Völker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren „Fal“. Nach der
Auslegung des von dem Finger des Richters zufällig getroffenen Verses
fällen sie das Urtheil.
Der Emir ließ den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.
Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
der mit den Worten schloß:
„Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen.“
„Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Fünftes Capitel.
Nun sieh’ Dich um.
Michael Strogoff mußte mit gefesselten Händen vor dem Thron des Emirs am
Fuße der Terrasse stehen bleiben.
Ueberwältigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hören.
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ hatte Feofar-Khan mit einer
drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.
Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniß der tartarischen
Sitte den Sinn dieser Worte genügend, denn um seine Lippen spielte einen
Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Lächeln. Dann hatte er neben
Feofar-Khan Platz genommen.
Jetzt erklangen lustige Trompetenstöße, das Signal zum Beginn der
Festspiele.
„Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
Barbaren führen es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
nachher.“
Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
Tänzerinnen flog auf den Platz.
Eine fremdartige Musik ertönte von den verschiedensten tartarischen
Instrumenten, der „Dutare“, einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
aus fest gedrehter Seide; der „Kobiz“, eine Art offenes Violoncell, dessen
Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
„Tschibyzga“, eine lange Flöte aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltönen zahlreicher
Sänger. Hierzu kam noch das dann und wann hörbare, leise Erklingen eines
besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
herrührte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.
Sofort begann nun der Tanz.
Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.
Früher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
aus dem Reiche verbannt, so daß sie ihr Glück in andern Ländern suchen
mußten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art überladenes Nationalcostüm.
Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehängen schaukelten an ihren Ohren,
Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, während an den
Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Türkisen und
Karneolen erglänzte. Den Taillengürtel schloß eine Art Diamant-Agraffe, in
der Form des Großkreuzes eines europäischen Ordens.
Diese Tänzerinnen führten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhüllt, von Zeit zu
Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so daß es
schien, als lege sich eine Wolke von Gaze über alle diese lächelnden
Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesäeten Himmel bedeckt. Einzelne
dieser Perserinnen trugen ferner als Schärpe eine Art Wehrgehänge aus
perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit öffneten. Aus
diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Bänder
von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprüche aus dem Koran
gestickt waren.
Sie spannten diese Bänder zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
unter welchem andere Tänzerinnen hindurchschlüpften, und je nach dem Verse
über ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Sprüngen
dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed’s
verschwinden.
Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzüglich fühlte sich
Alcide Jolivet dadurch betroffen, daß sich diese Perserinnen weit eher
ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Tänze, wie durch deren
Ausführung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
an die leidenschaftlichen Almes (Tänzerinnen) Egyptens.
Nach Schluß dieses ersten Schauspieles ließ sich neben Michael Strogoff
eine ernste Stimme vernehmen:
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan’s. Er hatte hinter dem
Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekrümmten Säbel in
der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die berühmten
Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.
An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen glühte. Der
leichte, empor steigende Dampf rührte nur von der Verbrennung einer
harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.
Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgängerinnen
sehr verschiedene Gruppe Tänzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
bald erkannte.
Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
sich hätten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:
„Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!
— Wahrhaftig, bestätigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
Beine!“
Wenn Alcide Jolivet vermuthete, daß Jene im Solde des Emirs standen, so
täuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber prächtigen
Anzuge, der ihre Schönheit vortheilhaft hervorhob.
Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Länder, an Böhmen,
Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.
Sie erregten sich gegenseitig durch den Lärmen der Cymbeln an ihren Armen,
und durch das Schnarren der „Daïres“, eine Art baskischer Trommeln, welche
sie mit den Fingern schlugen.
Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daïre in der Hand, durch dessen
Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.
Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fünfzehn Jahren vor. Er trug eine
Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Nägeln eine leise
Melodie entlockte. Er sang. Eine Tänzerin nahm neben ihm Platz und
verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Sängers
erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daïre und suchte
Jenen durch das Getöse ihrer Schellentrommel zu übertönen.
Nach dem letzten Refrain umschwärmten die Zigeunerinnen alle den Sänger
und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.
Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstücken aus den Händen des Emirs,
seiner Verbündeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
Klingen der Münzen, welche die Cymbeln der Tänzerinnen trafen, mischten
sich noch die letzten Töne der Dutares und der Tambourins.
„Verschwenderisch, wie die Räuber gewöhnlich!“ raunte Alcide Jolivet
seinem Gefährten in’s Ohr.
Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
russische Rubelstücke.
Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
Hand auf Michael Strogoff’s Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen ließ:
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, daß der Henker nicht mehr seinen
blanken Säbel in der Hand hatte.
Indeß sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
verhüllte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
Pinienwald erschien schwärzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
Schatten, der auch bald das Plateau erreichen mußte.
Jetzt drangen plötzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
Händen auf den Platz. Von Sangarre geführt, traten die Zigeunerinnen und
Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
Contrast gegen ihre früheren Tänze und Evolutionen noch mehr zu ergötzen.
Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltönen der Sänger.
Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmückt mit
einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.
Dann schloß sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
an Wildheit allmälig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.
Während des Springens und Tanzens erfüllten diese Soldaten mit blanken
Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
Daïres und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schießwaffen waren
dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusätze
farbig abbrennenden Pulver geladen und sprühten lange rothe, grüne und
blaue Feuerstrahlen in die Luft, so daß es schien, als wogten alle diese
lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
gewissermaßen an die Cybistik (Springkünste) der Alten, eine Art
militärischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Säbel-
und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß
die Berichte davon sich bis auf die Völker Centralasiens fortgeerbt haben;
diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit märchenhafter durch die
farbigen Flammen, welche über den Tänzerinnen loderten und die ganze
Gruppe mit glitzernden Funken schmückten. Es war wie ein Kaleidoskop von
Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenüber derartigen
Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Bühnentechnik ja so weit
gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
Madelaine etwa: „Nicht übel, nicht übel!“ bedeutet hätte.
Plötzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
die Tänze hörten auf, die Tänzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
tausend Lichtern erglänzte.
Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
geführt.
„Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
Ende hiervon noch ansehen?
— Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.
— Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
kennen zu lernen.
— Nicht mehr als Ihre Cousine.
— Armer Kerl! fügte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
Strogoff. Dieser wackere Soldat hätte einen besseren Tod auf dem Felde der
Ehre verdient!
— Können wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.
— Nein, leider gar nichts.“
Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennützigen
Entgegenkommens Michael Strogoff’s, sie wußten nun, welche Prüfung er, ein
Sklave seiner Pflicht, hatte über sich ergehen lassen, und nichts konnten
sie für den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts für
ihn thun!
Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
Unglücklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurück.
Eine Stunde später trabten sie schon auf der Straße nach Irkutsk, um unter
dem russischen Heere „den Revanchekrieg“, wie Alcide Jolivet schon zu
sagen beliebte, weiter zu verfolgen.
Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
männlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
erwartete sterben zu müssen, und doch hätte man vergeblich ein Zeichen der
Schwäche an ihm zu entdecken gesucht.
Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
Feofar-Khan’s, für welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
berauschen.
Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedrängt näherte sich Michael
Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
verständlichen tartarischen Mundart:
„Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte für immer
verschlossen sein!“
Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglückliche war verdammt,
geblendet zu werden.
Auch als Michael Strogoff das über ihn gefällte Urtheil aus dem Munde des
Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschüttert, die Augen weit
geöffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
zusammendrängen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
unnütz, sondern auch seiner unwürdig. Er dachte überhaupt gar nicht daran.
Alle seine Geistesthätigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
wiedersehen sollte. Dennoch ließ er äußerlich nichts von der tiefen
Erregung seines Innern blicken.
Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
eine Weise zu rächen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.
„Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verräther, die letzte
Drohung meiner Augen wird für Dich sein!“
Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.
Aber Michael Strogoff täuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
Iwan Ogareff sollten sich seine Augen für immer schließen.
Marfa Strogoff näherte sich ihm.
„Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
gelten, nicht jenem Schurken dort!
— O bleibe vor mir stehen! Laß mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
Mögen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schließen!...“
Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.
„Fort mit diesem Weibe!“ befahl Iwan Ogareff.
Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureißen. Sie wich zurück, blieb
aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.
Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den bloßen Säbel in der Hand,
aber dieser leuchtete in heller Weißgluth, wie er ihn aus dem Becken mit
wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.
Michael Strogoff sollte nach der gewöhnlichen Sitte der Tartaren geblendet
werden, indem man eine weißglühende Klinge dicht vor seinen Augen
vorbeiführte.
Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Für seinen Blick war nichts
vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
All’ sein Leben drängte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!
Mit weit geöffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
Strogoff ihn an ...
Die glühende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff’s.
Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.
Michael Strogoff war blind.
Nach Ausführung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
zurück. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackelträger auf dem
Platze.
Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, öffnete es und
hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.
„Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
ist Iwan Ogareff!“ Mit diesen Worten verbarg der Verräther den Brief
wieder an seiner Brust. Dann verließ er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
und lautlos folgten ihm die Fackelträger.
Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.
In der Ferne hörte man das Schreien und Singen, das Lärmen der Orgie.
Festlich erleuchtet prangte die unglückliche Stadt.
Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen.
Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter
niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich über sie, er legte sein
Antlitz auf das ihre, er hörte die Schläge ihres Herzens. Dann schien es,
als flüsterte er ihr einige Worte zu.
Lebte die alte Marfa noch, und hörte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte?
Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung.
Michael Strogoff küßte ihr die Stirn und das weiße Haar. Dann erhob er
sich, tastete mit den Füßen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg
zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes.
Plötzlich erschien Nadia.
Sie ging gerade auf ihren Gefährten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug,
diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff’s Arme
drückten.
Bei seiner Blindheit wußte dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia
hatte noch kein Wort gesprochen.
Nachher erst flüsterte sie:
„Bruder, mein Bruder!
— Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia!
— Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein,
ich werde Dich nach Irkutsk führen!“
Sechs tes Capitel.
Ein Freund unterwegs.
Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk
verlassen.
Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen
zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden
Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes
Menschenknäuels vernachlässigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie
erst mit den anderen Gefangenen weggeführt hatte, zu entfliehen und nach
dem Plateau zurück zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir
geschleppt wurde.
Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht
ein Schrei entfuhr ihr, als die weißglühende Säbelklinge die Augen ihres
Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos
zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurück
zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff’s nach
dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen
Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin
ohnmächtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all’ die
frühere Entschlossenheit zurück zu geben.
„Ich werde der treue Hund des Blinden sein!“ sagte sie sich.
Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen.
Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen,
wie ein elendes Geschöpf, das man nicht weiter zu fürchten hatte, war
Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner
Mutter hin tastete, sich über sie beugte, ihre Stirn voll heißer Liebe
küßte und dann zu entfliehen suchte ...
Einige Minuten später verließen Beide Hand in Hand den Abhang des Hügels,
folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt
durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.
Nur die eine Straße nach Irkutsk verlief dort in östlicher Richtung. Nadia
führte Michael Strogoff möglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniß,
es möchten die Plänkler des Emirs nach Schluß der thierischen Orgie, die
sie jetzt feierten, wieder ausschwärmen und jeden Weg verlegen. Ihr galt
es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das übrigens 500 Werst
von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwärts von
der Straße zu wagen, das hieß dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich
aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.
Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen
vermochte; woher sie die Kräfte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten;
wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch
blutenden Füße sie bis dahin tragen konnten, – wohl ist das kaum
begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am nächsten Tage, zwölf Stunden
nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoë,
– nach einem Wege von fünfzig Werst Länge.
Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt
seine Hand, sondern er schloß sich die ganze Nacht über an die seiner
Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise
zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.
Semilowskoë erwies sich fast vollständig verlassen. Aus Furcht vor den
Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseïsk entflohen, und nur
zwei oder drei Häuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an
nützlichen und werthvollen Gegenständen hatte man auf Karren fort
geschafft.
Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen.
Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.
Das junge Mädchen führte seinen Begleiter also nach dem Ende des
Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thür. Sie
traten ein. Neben dem in sibirischen Häusern gebräuchlichen ungeheuren
Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hölzerne Bank. Beide setzten
sich dort nieder.
Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefährten in’s Gesicht, wie sie
ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als
Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglück. Hätte nur Michael Strogoff
sie sehen können, er hätte in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der
Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zärtlichkeit lesen müssen.
Die von der hellglühenden Klinge gerötheten Lider bedeckten zur Hälfte die
trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weiße Augenhaut) erschien
leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergrößert; die Iris
(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und
Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, – scheinbar aber hatte
der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs verändert.
Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollständig war, so
rührte das von der totalen Zerstörung der Lichtempfindlichkeit der
Netzhäute und Sehnerven durch die Hitze des glühenden Stahles her.
Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Hände aus.
„Du bist hier, Nadia? fragte er.
— Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Mädchen, ich werde Dich niemals
verlassen, Michael.“
Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen
wahren Namen aussprach. Er begriff, daß seine Gefährtin Alles wußte, wer
er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknüpften.
„Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen müssen.
— Uns trennen? Und warum, Michael?
— Ich will Dir kein Hinderniß Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich
in Irkutsk. Du mußt zu ihm eilen.
— Mein Vater würde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du
für mich gethan, verlassen wollte.
— Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drückte die Hand, welche
das junge Mädchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an
Deinen Vater zu denken.
— Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr,
als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?
— Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine
ganze frühere Energie durchklingen ließ.
— Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ...
— Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll
mich nicht abhalten, Nadia! – Sie haben mich als Spion verurtheilt, – gut,
so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was
ich gesehen, was ich gehört habe, und, beim allmächtigen Gott, ich schwöre
es, daß der Verräther mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muß
ich vor ihm in Irkutsk ankommen.
— Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!
— Die Nichtswürdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.
— Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann für Dich mit
ihnen sehen und Dich dahin führen, wohin Du allein niemals gelangen
würdest.
— Und wie sollen wir weiter reisen?
— Zu Fuß.
— Und wovon leben?
— Wir betteln.
— Nun denn, mit Gott!
— Komm, Michael.“
Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das
gemeinsame Unglück kettete sie noch inniger an einander. Beide verließen
das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher
die Straßen des kleinen Ortes, und es war ihr geglückt, einige Stücken
„Tschornekhleb“, d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in
Rußland mit dem Namen „Meed“ bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete
ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das
Brod und der Meth sättigten nothdürftig Michael Strogoff’s Hunger und
Durst. Nadia hatte ihm den größeren Theil des kärglichen Mahles
aufgenöthigt. Er aß die Brodbissen, die ihm seine Gefährtin einen nach dem
andern reichte; er trank aus der Kürbisflasche, die sie an seine Lippen
setzte.
„Ißt Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.
— Ja wohl, Michael“, beruhigte ihn das junge Mädchen, während es sich doch
mit den Ueberresten begnügte.
Michael Strogoff und Nadia verließen Semilowskoë und begaben sich wieder
auf den mühseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge
Mädchen jeder Ermüdung. Hätte Michael Strogoff sie gesehen, es wäre ihm
wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht,
und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hörte, so ging er mit einer
Hast, die er selbst nicht zu zügeln vermochte. Und warum? Durfte er
hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuß, ohne Geld und –
blind, und wenn Nadia, seine einzige Führerin, ihm entrissen werden
sollte, blieb ihm ja nichts Anderes übrig, als sich an die Seite der
Straße zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte
Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles
verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne
Zweifel die nöthigen Mittel gewähren würde, um Irkutsk zu erreichen.
Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken
weiter. Er hielt Nadia’s Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es
schien, als bedürften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar
nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das
Schweigen.
„Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.
— Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!“ antwortete die junge
Liefländerin und bemühte sich, ihre Erschöpfung nicht durch ihre Stimme zu
verrathen.
Manchmal aber sanken ihre Füße zusammen, als stände ihr Puls schon still,
ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geöffneten Armen blieb sie
ein wenig zurück, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und
richtete die Augen auf das junge Mädchen, so als könne er es in der
Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine
Begleiterin noch besser zu unterstützen und nahm den ermüdenden Weg wieder
auf.
Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine überaus
glückliche Wendung erfahren, welche Beiden für die Zukunft eine große
Erleichterung versprach.
Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoë verlassen, als Michael Strogoff
stehen blieb und fragte:
„Ist die Straße menschenleer?
— Vollständig verlassen, antwortete Nadia.
— Hörst Du nicht hinter uns irgend ein Geräusch?
— Ja, wirklich.
— Das könnten Tartaren sein; wir werden uns verbergen müssen. Passe wohl
auf!
— Warte ein wenig, Michael!“ erwiderte Nadia und ging die Straße einige
Schritte, bis zu einer nahen Biegung rückwärts.
Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.
Nadia kehrte sehr bald zurück und meldete:
„Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann führt.
— Ist er allein?
— So viel ich sehen kann, ja.“
Michael Strogoff zögerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? – oder
sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf
diesem Wagen, wenn auch nicht für sich selbst, so doch vielleicht für sie,
einen Platz zu erhalten? Er würde sich damit begnügen, eine Hand auf den
Wagen zu stützen; ja, er würde diesen selbst mit schieben, denn seine Füße
versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fühlte wohl, daß
Nadia durch die lange, achttägige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende
ihrer Kräfte sein müsse.
Er wartete.
Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Straße.
Es war ein sehr verfallenes, für höchstens drei Personen eingerichtetes
Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.
Gewöhnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese
wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger
Mähne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine
Stärke und Ausdauer verrieth.
Als Führer saß ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund
neugierig hervorguckte.
Nadia erkannte bald, daß der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein
freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile
schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um
sein Pferd nicht überanzustrengen, und wer ihn so sah, hätte gewiß nie
geglaubt, daß er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren
jederzeit abschneiden konnten.
Nadia faßte Michael Strogoff’s Hand sicherer und trat zur Seite.
Die Kibitka hielt; lächelnd sah deren Führer das junge Mädchen an.
„Ei, wo wandert Ihr denn hin?“ fragte er mit freundlich theilnehmendem
Blicke.
Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, daß er dieselbe irgendwo
schon einmal gehört habe. Ohne Zweifel genügte ihm dieser Anhaltepunkt, um
den Führer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn
heiterte sich plötzlich auf.
„Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich
direct an Michael Strogoff wandte.
— Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.
— Aber, Väterchen, Du weißt wohl gar nicht, daß es noch viele, viele Werst
bis Irkutsk ist.
— O ja, das weiß ich.
— Und Du reisest zu Fuß?
— Wie Du siehst.
— Für Dich mag das angehen, aber die junge Dame ...
— Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es für
gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.
— Ja, das ist ganz gut, Väterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu
Fuß niemals nach Irkutsk kommen.
— Guter Freund, begann Michael Strogoff und näherte sich dem Wagen, die
Tartaren haben uns geplündert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir
anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen
willst, so werd’ ich Dir gern zu Fuß folgen, nöthigenfalls laufen, um Dich
keine Stunde aufzuhalten ...
— Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in’s Wort,... ich will das nicht, nein, ich
will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr!
— Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.
— Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu,
während sie die Hände ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.
— Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? – O, Du armes Väterchen! – Nun, ich
will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf
meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei
Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuß zu gehen.
Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.
— Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.
— Ich heiße Nicolaus Pigassof.
— Diesen Namen werd’ ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.
— Nun komm, steig’ auf, blindes Väterchen. Hinten im Wagen mag Deine
Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu
führen. Im Wagen liegt schöne Birkenrinde und Gerstenstroh – es ist wie
ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach’ Platz!“
Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer
Race mit grauem Fell, von mittlerer Größe, mit großem, gutmüthigem Kopfe
und schien sehr an seinem Herrn zu hängen.
Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein.
Michael Strogoff hatte die Hände ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof’s
zu suchen.
„Meine Hand willst Du drücken, Väterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie!
Drücke sie, soviel es Dir Vergnügen macht.“
Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus
Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Paßgänger. Wenn Michael
Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia
doch weitere Körperanstrengungen erspart.
Die Erschöpfung des jungen Mädchens war auch so groß, daß es, geschaukelt
von dem gleichmäßigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast
todtenähnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof
betteten die müde Schläferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der
mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael
Strogoff’s Lidern keine Thräne drängte, so lag es daran, daß das glühende
Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.
„Es ist ein nettes Mädchen, sagte Nicolaus.
— O ja, erwiderte Michael Strogoff.
— Die Püppchen wollen immer stark sein, Väterchen, immer muthig, und im
Grunde sind sie doch nur schwach. – Kommt Ihr von weit her?
— Von sehr weit.
— Arme Leutchen, – das mußte Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen
verbrannten.
— Ja gewiß, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als hätte er
Nicolaus sehen können.
— Und Du weintest dabei nicht?
— Doch.
— O, ich hätte wohl auch geweint. Zu denken, daß man seine Lieben niemals
wiedersehen soll! Aber, sie können Euch doch sehen, darin liegt ja
wenigstens _ein_ Trost.
— Ja, vielleicht. – Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du
mich noch niemals gesehen haben?
— Dich, Väterchen? Daß ich nicht wüßte.
— Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.
— Sieh da! versetzte Nicolaus lächelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme.
Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das
will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.
— Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch
begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?
— Das trifft, bestätigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.
— Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick?
— Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeußersten auszuharren.
— Das geschah an dem Tage, da ein Engländer und ein Franzose, die Hände
voller Rubelstücke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der
Engländer die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren ließ?
— Das mag sein, Väterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.
— Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?
— Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie
zu vergessen, und das Kürzeste, gar keine Kenntniß von ihnen zu nehmen.“
Diese Antwort schloß Michael Strogoff den Mund.
Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem mäßigen Tempo weiter, das
Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt hätte. Doch Nicolaus und sein
Pferd erschienen an jenes so gewöhnt, daß weder der Eine noch das Andere
je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte
weiter, dann ruhte es während einer Stunde, – und das Tag und Nacht. An
den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in
Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiß ein. Die Kibitka war mindestens
für zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig
seine Vorräthe den beiden Gästen, die er für Bruder und Schwester hielt,
zur Verfügung.
Nach eintägiger Ruhe gewann Nadia ihre Kräfte so ziemlich wieder. Nicolaus
sorgte nach Kräften für ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch
langsam, doch regelmäßig und unter ganz leidlichen Verhältnissen von
statten. Es kam auch vor, daß Nicolaus während der Nacht, die Zügel in den
Händen, einschlief, wobei sein ungestörtes Schnarchen ein beredtes Zeugniß
für sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann hätte man beobachten können, daß
Michael Strogoff die Zügel des Pferdes zu erlangen und dieses in
schnelleren Gang zu bringen suchte, zum größten Erstaunen Sersko’s, der
das indeß schweigend geschehen ließ. Unwiderruflich verlangsamte sich
dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Paßgang, sobald Nicolaus
erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst über die
reglementmäßige Geschwindigkeit gewonnen.
So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoë,
Berikylskoë, Kuskoë, den Mariinsk-Fluß, die gleichnamige Ortschaft,
Bogostowskoë und kam endlich über den Tschula, einen unbedeutenderen
Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Straße
durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten
Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwälder, die gar kein Ende zu
nehmen schienen.
Alles war öde; die Wohnstätten der Menschen fast ausnahmslos verlassen.
Die Landleute flüchteten sich über den Yeniseï, in der Meinung, daß dieser
breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.
Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von
Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein
Zwischenfall hatte die Fahrt gestört. Seit sechs Tagen vereinigt waren
Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die nämlichen geblieben, jener
bezüglich seiner unerschütterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen
der Stunde, in der sich ihr Gefährte von ihnen trennen würde.
Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die
Augen Nicolaus’ und des jungen Mädchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide
die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wußte, ob in der Umgebung
ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Häuschen in
der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus’ Zunge stand
selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen
Anschauungsweise der Dinge hörte man ihm gern zu.
Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.
„O, recht schön, Väterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die
letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald
genug werden sich die ersten Winterfröste melden. Vielleicht beschließen
die Tartaren, während der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu
beziehen?“
Ungläubig schüttelte Michael Strogoff den Kopf.
„Du glaubst es nicht, Väterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden
bis Irkutsk vordringen?
— Ich fürchte es, erwiderte Michael Strogoff.
— Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der
ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. – Hast Du
von Iwan Ogareff gehört?
— Gewiß.
— Weißt Du, daß es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?
— Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe mühsam zu
bewahren suchte.
— Väterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empört Dich gar nicht so
sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hören. Jedes russische Herz zittert
doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.
— Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen
könntest.
— Das ist unmöglich, erklärte Nicolaus; nein, das ist nicht möglich! Wenn
ich an Iwan Ogareff denke, an das Böse, das er unserm heiligen Rußland
zugefügt hat, so übermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Händen
hätte ...
— Nun, wenn Du ihn hättest, Freund?
— Ich glaube, ich würde ihn umbringen.
— Und ich, ich weiß das gewiß“, erklärte ruhig Michael Strogoff.
Siebentes Capitel.
Die Ueberschreitung des Jeniseï.
Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk
an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen.
Wenn sie trotz aller Bemühungen Michael Strogoff’s nicht schneller vor
sich ging, kam das daher, daß Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus
ergab sich die Unmöglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen,
das unter anderen Händen nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht
hätte.
Zum Glück war von den Tartaren noch gar nichts zu spüren. Kein Plänkler
ließ sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Straße sehen. Es
erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mußte ein sehr gewichtiger
Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk
zu weiter zu marschiren.
In der That war ein solches Hinderniß eingetreten. Ein neues in aller Eile
gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseïsk auf Tomsk
gezogen, um diese Stadt womöglich wieder zu erobern. Freilich erwies es
sich der Heeresmacht Feofar-Khan’s gegenüber noch zu schwach und hatte
sich wieder zurückziehen müssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen
mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfügte Feofar-Khan
über eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch
keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So
frühzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausführbar, und
jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk
aufzubrechen.
Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff
zunächst nichts wußte, das aber hinreichend erklärt, warum der Vortrab des
Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelästigt gelassen hatte.
Kannte Michael Strogoff auch die jüngsten Ereignisse nicht, so wußte er
doch das Eine, daß er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht
daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die
Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm
entfernt.
Er rechnete übrigens darauf, daß es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von
etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen könne. Da Nicolaus
Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines
Führers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nöthig. Michael Strogoff
hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete,
seine Identität und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, –
was ihm nicht schwer fallen konnte, – gewiß gelingen, mit dessen Hilfe
Irkutsk in kürzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren
Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und
unverzüglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher
verlassen, als bis er sie den Händen ihres Vaters übergeben hätte.
Nicolaus’ Entschluß, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur „unter
der Bedingung, dort Verwendung zu finden“.
Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen
Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der
Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfügung zu stellen.
„Wie könnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient hätte?“
wiederholte er mehrfach.
Für den Fall, daß man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benöthigte,
wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer
Verbindung stehen mußte, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der
Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem
Bruder und der Schwester fort, und wo hätten diese einen sicherern Führer,
einen ergebeneren Freund finden können?
Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk.
Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier
an den Straßen in der Nähe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des
Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen
und die Profile der an dem steilen Abhange des Jeniseï erbauten Häuser ab.
Das Wasser des Flusses erglänzte in den letzten Lichtstrahlen der
Atmosphäre.
Die Kibitka hielt an.
„Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.
— Eine halbe Werst von den ersten Häusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.
— Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut
dringt zu meinen Ohren.
— Und ich sehe auch kein Licht erglänzen, keinen Rauch in die Luft
emporsteigen, fügte Nadia hinzu.
— Eine eigenthümliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Lärmen
und legt sich sehr zeitig nieder!“
In Michael Strogoff stieg eine böse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht
mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel
zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fürchtete
er, seine Hoffnung werde noch einmal getäuscht werden. Aber Nadia hatte
seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefährte
jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach
Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige
Worte fallen lassen.
„Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!“ Darauf beschränkte sich
seine ganze Antwort.
Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, mußte er in Krasnojarsk
noch ein schnelles Beförderungsmittel finden.
„Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?
— Ich befürchte, die Bewohner der Stadt durch das Geräusch unsres Wagens
aus dem Schlafe zu stören.“
Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd
wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte
mäßig schnell die Straße hinab, die nach Krasnojarsk hinein führte.
Zehn Minuten später befand sie sich in der Hauptstraße.
Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte „das nordische
Athen“, wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so
prächtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen
Straßen. Kein Fußgänger wandelte auf den Trottoirs der schönen, in
monumentalem Style erbauten Holzhäuser. Keine elegante, nach neuester
Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke,
der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jeniseï
fortsetzte. Die große Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der
Kirchen blieben stumm, während sonst nur selten der Gesang derselben in
den russischen Städten nicht ertönt. Doch hier war Alles erstorben. Kein
lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!
Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der
telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den
Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand
und Alles, was den Tartaren hätte von Nutzen sein können, wegzuschaffen
und nach Irkutsk zu flüchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller
kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den
Schritten der Feinde eine Wüste herzustellen. Solche eines Rostopschin
würdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam
ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in
Krasnojarsk zurück.
Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straßen
der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geräusch, das in dieser
todten Stadt ertönte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, ließ
Michael Strogoff zwar äußerlich nichts merken, aber es kochte doch
manchmal auf in ihm über das unersättliche Mißgeschick, welches ihn
verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter täuschte.
„Großer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wüstenei werde ich meinen
Gehalt nimmer ehrlich verdienen können.
— Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach
Irkutsk einschlagen müssen.
— Freilich muß ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk
muß die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter,
Väterchen?
— Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.
— Du hast Recht, bestätigte Nicolaus. Wir müssen den Jeniseï passiren und
dazu sehen können.
— Sehen können!“ murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden
Gefährten.
Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehört und wendete sich an Michael
Strogoff.
„Verzeihe, Väterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist für Dich ja
gleichgiltig!
— Mache Dir keine Vorwürfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und
strich dabei mit der Hand über seine Augen. Mit Dir als Führer kann ich
auch noch etwas nützen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich
durch den Schlummer stärken. Morgen wird es ja wieder Tag.“
Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine
Ruhestätte zu finden. Das erste Haus, dessen Thüre sie öffneten, war ja
ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich
darin vor. In Ermangelung besseren Futters mußte das Pferd sich mit diesem
begnügen. Von dem noch nicht erschöpften Proviant aus der Kibitka erhielt
jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand
hängenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flämmchen einer Lampe
beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mädchen
bald ein, während Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen
wachte.
Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka
durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jeniseï.
Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluß
überschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fähren
zerstört hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzögern? Er kannte den
Jeniseï, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die
beträchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen
den Inseln in seinem Bette. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verlangt die
Ueberschreitung des Jeniseï mittels besonderer für den Transport von
Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fähren eine Zeit von drei
Stunden, und dabei erreichen diese Fährboote das rechte Ufer nur unter dem
Aufwande der größten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes
Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?
„Und ich muß doch hinüber kommen!“ sagte sich Michael Strogoff wiederholt.
Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee
des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das
Uferland etwa hundert Fuß über der Wasserfläche, so daß diese bis auf
weite Entfernung hin zu übersehen ist.
„Entdeckt Ihr eine Fähre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen,
eine Folge früher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als könne er
selbst noch sehen.
— Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so
dichter Dunst, daß man kaum das Wasser zu sehen vermag.
— Doch ich höre das Rauschen der Wellen“, setzte Michael Strogoff noch
hinzu.
Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf
einander treffenden Strömungen und Gegenströmungen herauf. Das zu dieser
Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt
dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des
Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne über den Horizont empor und ihre
ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dünste weg.
„Nun? fragte Michael Strogoff.
— Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon
durchdringt ihn allmälig das Licht des Tages.
— Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?
— Bis jetzt noch nicht.
— Etwas Geduld, Väterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da,
es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben.
Schon zeigen die hohen Hügel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die
dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehäuften Wasserdünste. O,
wie schön das ist, Du armer Blinder, und welches Unglück für Dich, dies
prächtige Schauspiel nicht genießen zu können!
— Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.
— Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.
— Sieh scharf hinaus, Freund, längs dieses Ufers und längs des anderen,
soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus
Baumrinde!“
Nicolaus und Nadia, die sich an den äußersten Birkenstämmen des steilen
Ufers anhielten, bogen sich fast bis über den Fluß hinaus. Ihr
Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jeniseï ist an
dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei
ungleich große Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit
dahin schießen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die
mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte
Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hügel des östlichen
Ufers, gekrönt mit Wäldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem
Morgenlichte flammten. Stromaufwärts und stromabwärts erstreckte sich der
Lauf des Jeniseï bis über Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schöne
Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fünfzig Werst.
Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch
an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau
einer Schiffbrücke nicht selbst von Süden hierher, so mußte ihr Zug auf
Irkutsk durch den schwer überschreitbaren Jeniseï eine nicht
unbeträchtliche Verzögerung erfahren.
„Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen
Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Häusern von
Krasnojarsk. Dort legten die Fähren an. Laß uns den Fluß hinauf ziehen,
Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden
ist.“
Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff
Michael Strogoff’s Hand und führte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine
Barke, nur ein hinreichend großes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen,
und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren
überzuführen, – und Michael Strogoff würde keinen Augenblick gezögert
haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.
Zwanzig Minuten später hatten alle drei die beschränkte Landungsstelle
erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Häuser bis an das Niveau des
Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschließender
kleiner Vorort.
Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der
Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein für drei Personen
hinreichendes Floß hätte herstellen lassen.
Michael Strogoff befragte Nadia über den Befund, und diese gab leider die
wenig trostreiche Antwort, daß ihr unter den gegebenen Verhältnissen eine
Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmöglich scheine.
„Wir kommen hinüber“, erklärte Michael Strogoff.
Die Nachsuchungen begannen auf’s Neue. Man durchstöberte die an dem
Abhange gelegenen Gebäude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der
eigentlichen Stadt. Höchstens die Thüren hätte man dort ausheben können.
Es waren übrigens nur vollkommen leere Hütten ärmerer Leute. Nicolaus sah
sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael
Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande,
der ihm jetzt hätte von Nutzen sein können.
Nicolaus und das junge Mädchen hatten sich vergeblich in den Hütten
umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie
ihre Namen rufen hörten.
Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der
Schwelle einer Hausthür.
„Kommt hierher!“ rief dieser.
Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Hüttchen ein.
„Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berührte mit der Hand
verschiedene in einer Art Speisegewölbe liegende Gegenstände.
— Das sind Schläuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles
halbes Dutzend.
— Sind sie gefüllt?
— Ja wohl, mit Kumiß, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant
zu erneuern.“
Der „Kumiß“ ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes stärkendes,
sogar berauschendes Getränk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses
Fundes zu freuen.
„Leg’ einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort
alle übrigen.
— Sogleich, Väterchen.
— Diese sollen uns den Jeniseï überschreiten helfen.
— Und das Floß?
— Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst
zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser
Schläuche halten.
— Gut ausgedacht, Väterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden
wir glücklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie,
denn die Strömung ist sehr stark.
— Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Laß uns nur erst hinüber
kommen, die Straße nach Irkutsk finden wir schon wieder.
— An’s Werk also“, sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schläuche zu
entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.
Nur ein mit Kumiß gefüllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft
aufgeblasen und sorgfältig verschlossen, sollten als schwimmende Träger
dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses über
Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka
zwischen den Rädern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floß
benutzen zu können.
Diese Arbeit war bald vollendet.
„Du wirst Dich doch nicht fürchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.
— Nein, Bruder, erwiderte das junge Mädchen.
— Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfüllung meiner
Träume, gleich in der Kutsche zu schwimmen.“
Das hier sanfter geneigte Ufer begünstigte den Stapellauf (wenn man so
sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und
bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des
Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.
Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die
Fußbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener
Schläuche, das Wasser kaum bis an die Knöchel.
Michael Strogoff führte die Zügel des Pferdes und lenkte es, nach den
Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das
Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So
lange die Kibitka sich direct mit der Strömung bewegte, ging Alles ganz
gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von
Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der
Hand, daß sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwärts von der Stadt
erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.
Die Fahrt über den Jeniseï wäre nun, trotz der sehr mangelhaften
Hilfsmittel, ohne zu große Schwierigkeit ausgeführt worden, wenn sich die
Strömung in ihren gewöhnlichen, regelrechten Verhältnissen bewegt hätte.
Unglücklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberfläche
des schäumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller
Anstrengungen Michael Strogoff’s, sie in einer andern Linie zu erhalten,
unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.
Die Gefahr war groß. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem
östlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit
ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser
Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen
Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch
den Kopf über dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt
zu werden. Auch Sersko hatte einen Stützpunkt an der Kibitka suchen
müssen.
Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fühlte sich in
einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen
konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu
wollen, um sie leichter zu vermeiden – sie konnten es nicht!
Auch Nadia schwieg. Ihre Hände klammerten sich krampfhaft an das Gerüst
des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen
desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.
Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das
Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die
Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth für ihn und galt es ihm,
nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, „wie eine Hotelwohnung für
fünf Tage“, die man wohl oder übel am sechsten Tage räumen muß? Jedenfalls
zeigte sein immer lächelndes Gesicht keine Spur einer Veränderung.
Die Kibitka verblieb also in dem reißenden Strudel und das Pferd stand am
Ende seiner Kräfte. Plötzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstücke,
die ihm hinderlich sein konnten, ab und stürzte sich in das Wasser; dann
ergriff er mit mächtigem Arme den Zügel des halb scheu gewordenen Pferdes
und riß es so mächtig fort, daß es sich bis über den anziehenden
Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die
geordnete Strömung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.
„Hurrah!“ rief Nicolaus.
Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka
den größeren Arm des Stromes überschritten und landete, freilich sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.
Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren
Thiere gern eine Stunde Ruhe gegönnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter
dem schützenden Dache prächtiger Birken quer über das ganze Eiland und
langte an dem schmäleren Arme des Jeniseï an.
Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach
den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so
schnelle, daß die Kibitka das rechte Ufer erst fünf Werst stromabwärts
erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.
Diese großen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch
nirgends überbrückt sind, bilden überall sehr fühlbare Hindernisse der
Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger
verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fähre, welche ihn und
Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig
am glücklichsten ab.
„Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die
Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
Schwierigkeiten geboten hätte.
— Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael
Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!“
Achtes Capitel.
Ein Hase, der über den Weg läuft.
Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, daß die Straße bis nach
Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurückgehaltenen Tartaren gewiß
weit überholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
fanden sie da nur eine verlassene Stadt und außerdem keinerlei Hilfsmittel
zur Ueberschreitung des Jeniseï. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
anzubringende Schiffsbrücke schlagen mußte, um sich einen Uebergang
herzustellen.
Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
Omsk fühlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
hoffen, daß sich kein neues Hinderniß zwischen ihm und seinem Ziel erheben
werde.
Die Kibitka rollte nun schräg nach Südosten und traf nach einem Wege von
etwa fünfzehn Werst wieder auf die lange Straße durch die Steppe.
Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Straße zwischen Krasnojarsk und
Irkutsk wird sogar für den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stöße
durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schützte die Reisenden vor den
Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wälder von Fichten und
Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
und Dörfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
größten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gähnte eine Wüste und,
wie wir wissen, eine künstliche Wüste auf Befehl der Regierung.
Das Wetter hielt sich schön; bei den schon kühleren Nächten aber erwärmte
sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rückten die
ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
gelegenen Gegend verkürzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns über
dem Horizont. Der Herbst währt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
sibirischen Gebietes nicht über dem 55. Grade der Breite, also etwa so
hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
asiatischen Rußlands auch auf, wenn man bedenkt, daß sie das Quecksilber
im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
ungefähr 42° unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20° für
eine ganz erträgliche hält.
Die Witterung begünstigte also die Reisenden; sie war weder stürmisch noch
regnerisch, die Hitze nur mäßig, die Nächte frisch. Nadia’s und Michael
Strogoff’s Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
Tomsk hatten sie fast alle früheren Beschwerden vergessen.
Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.
Ihm galt diese Reise für einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfüllte.
„Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwölf Stunden
des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
Zeichen gegeben werden) zu arbeiten.“
Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermögen, daß er
das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
ihm anvertraut, daß Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
verbannten Vater aufzusuchen, und daß sie große Eile hätten, dahin zu
kommen. Natürlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fünfzehn Werst genügend Ruhe
gegönnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
zurücklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kräften und schon seiner Race
nach für längere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
fehlte es ihm längs der Straße nicht, überall sproßte fettes, frisches
Gras fast im Ueberfluß. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
wohl zumuthen.
Nicolaus fügte sich diesen Gründen. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
Nichts erschien ihm rührender. Mit zufriedenem Lächeln sagte er auch zu
Nadia:
„Himmlische Güte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange öffnen. Wenn ich bis
Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
sein? Ja, nicht wahr?“
Dann schlug er sich vor die Stirn.
„Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, daß sein
armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
Schmerz doch immer!“
Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwärts und legte,
Michael Strogoff’s Rechnung nach, zehn bis zwölf Werst in der Stunde
zurück.
Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaïsk, achtzig Werst
von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaïsk.
Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
von fünfunddreißig Werst Kamsk, einen größeren Ort, den der gleichnamige
Fluß, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
Jeniseï, bespült. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
großen Platz errichtete Gruppe von hölzernen Häusern; über diese hinaus
ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
hell in der Sonne funkelte.
Die Häuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
kein Pferd in den Ställen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört.
Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er
dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
Beschäftigung zu suchen.
Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen
Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst
berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß
nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders
verzögert werden.
Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa
einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen
nicht versäumt, „ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde“. Nach
stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je
fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng
beobachtet werden.
Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.
Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines
Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend „Pogatchas“, das ist
eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem
Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die
Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.
Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine
Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
Großfürsten zu erscheinen.
Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreißig Schritt vor der
Kibitka, über den Weg.
„O weh! rief Nicolaus.
— Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
das geringste Geräusch erregt.
— Siehst Du nicht“ ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
plötzlich verdüstert hatte.
Doch er unterbrach sich.
„Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut für Dich,
Väterchen.
— Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.
— Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...
— Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.
— Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!“ antwortete Nicolaus.
Wenn ein Hase Jemand über den Weg läuft, so hält das der Volksglaube in
Rußland allgemein für das Vorzeichen eines drohenden Unglücks.
Abergläubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.
Michael Strogoff verstand recht gut das Zögern seines Gefährten, obgleich
er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezüglich des vorüberlaufenden
Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.
„O, deshalb ist nichts zu fürchten, Freund, sagte er.
— Für Dich nichts, für sie auch nicht, Väterchen, das weiß ich, erwiderte
Nicolaus, wohl aber für mich!“
Dann fuhr er fort:
„Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!“
Er trieb das Pferd wieder an.
Trotz des unglücklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
Störung.
Am nächsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.
Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
wie sie die sibirischen Jäger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
selbst das andere.
Die Kibitka befand sich nun noch fünfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
entfernt.
Während dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frühere gute Laune
wiederfinden können. Das üble Vorzeichen hatte ihn tiefer berührt, als man
hätte glauben sollen, und wenn er früher fast unaufhörlich plauderte, so
verfiel er jetzt manchmal in so düsteres Schweigen, daß Nadia Mühe hatte,
ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
abergläubischen Vorfahren die düstere hyperboräische Mythologie herrührt.
Von Jekaterinenburg aus verläuft die Straße nach Irkutsk fast stets
parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
herab nach Südosten, so daß sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
Sie hält nun die kürzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
wendet sich über den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
stellt selbst nur einen Vorwall der großen Altaïkette dar, welche man hier
schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.
Die Kibitka eilte also auf dieser Straße hin. Ja, sie eilte. Man fühlte
recht wohl, daß Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
schonen, und daß er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr für sicher, als in
den Mauern von Irkutsk. Gewiß hätten viele Russen dieselbe Empfindung
gehabt, und nicht wenige von ihnen hätten wohl gar das Pferd gewendet, um
die Stelle nicht zu überschreiten, an der ihnen ein Hase über den Weg
gelaufen war!
Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
Nadia überzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
es allerdings möglich, daß die Reihe der ihnen bevorstehenden Prüfungen
noch immer nicht abgeschlossen sei.
Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
sonderlich verändert, hier aber trugen die Wälder Spuren von Zerstörungen
durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Straße waren
verwüstet, und es lag auf der Hand, daß daselbst eine bedeutende
Truppenmacht vorüber gekommen sein mußte.
Dreißig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
stattgefundenen Zerstörung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
der Hand der Tartaren herrühren konnte.
Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
zertreten, die Wälder von der Axt des Holzhauers gefällt. Die in weiten
Zwischenräumen längs der Straße verstreuten Häuser standen nicht nur leer,
nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstört. Die
Wände verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.
Michael Strogoff’s Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
schwand ihm jeder Zweifel, daß ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
dieser Straße gehaust hatte, und doch konnten das unmöglich Soldaten des
Emirs gewesen sein, denn sie hätten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
ganz bestimmt treffen müssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstraße nach
Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
noch entgegen?
Michael Strogoff theilte seine Befürchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht überhaupt unnöthig zu
beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniß aufhielt. Dann wollte er sehen,
was sich noch thun ließe.