Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –

Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des

Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath

abgehalten.

Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den

Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das

Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze

besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.

Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef

der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben

verschiedene nothwendige Maßregeln.

„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen

hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis

zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir

leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an

mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser

Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.

— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, daß Sie

auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.

— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen

eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die

Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth

verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den

Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören

meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie,

dieselben weiter zu verbreiten.

— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete.

Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das

Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?

— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen

ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir

mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals

Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am

Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug

aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren

in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.

— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche

Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu

folgen.

— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die

Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen

wir die Feinde zerschmettern.“

Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.

„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen.

Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke

erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.

— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der

Kaufleute.

— Sprechen Sie.

— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter

Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen

Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu

sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den

Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege

nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“

Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der

Kaufmannschaft.

„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst.

Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu

fassen.“

Er wandte sich dann an den Director der Polizei.

„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.

— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der

Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift

übergeben wurde ...

— Ausgehend von ...?

— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich

hier auf Fünfhundert beläuft.“

Die politischen Verbannten, welche sonst über die ganze Provinz verbreitet

sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem

Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die

Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften

oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der

japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der

Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und

sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.

„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.

— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes

Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.

— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen,

ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das

Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.

— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der

Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.

— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll

das sein?

— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen,

antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten

ausgezeichnet hat.

— Ist es ein Russe?

— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.

— Sein Name ...?

— Wassili Fedor.“

Der Verbannte war der Vater Nadia’s.

Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als

Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er

gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede

Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er

den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen

zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen

Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit

des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem

Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm

sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt,

doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die

Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß

sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.

Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der

Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.

„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein

muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen

Verbannten von großer Bedeutung.

— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.

— Seit zwei Jahren.

— Und seine Aufführung ...?

— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den

Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.

— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern

zuführen.“

Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer

halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster,

gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in

dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch

gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia

Fedor.

Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich

schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der

achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief

hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise

seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte,

ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.

Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli.

Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war

aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe

mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine

Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!

Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete

von diesem angesprochen zu werden.

„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung

haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch

nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben

bereit sein muß?

— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.

— Sie wünschen Dich als Anführer?

— Ja, kaiserliche Hoheit.

— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?

— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.

— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.

— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die

es noch sind?

— Sie sind es nicht mehr.“

In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten

Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.

Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten

und verließ das Gemach.

Der Letztere wendete sich an seine Officiere.

„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen

ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt

Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“

Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That

ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.

Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die

Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara

wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen

einige an den alten Pfeilern der früheren hölzernen Brücke hängen blieben.

Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar

konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt

hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines

Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also

nicht sonderlich zu fürchten.

Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und

wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein

auffallender Tumult entstand.

Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein

und ging auf den Großfürsten zu.

„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“

Dreizehntes Capitel.

Ein Courier des Czaar.

Eine unwillkürliche Bewegung führte alle Theilnehmer der Berathung nach

der halb offenen Thür zurück. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk

angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick über die

Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht hätten, mußten sie

dieselbe für unmöglich ansehen.

Der Großfürst war lebhaft auf seinen Feldjäger zugeschritten.

„Laß den Courier eintreten!“ sagte er.

An der Schwelle erschien ein Mann. Seine äußere Erscheinung zeugte von

großer Erschöpfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines

sibirischen Bauern, an der sogar einige Löcher von Kugeln sichtbar waren.

Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Mütze. Auf der Wange sah man eine

kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und

beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche

Fußbekleidung verrieth auch, daß er einen Theil seiner Reise zu Fuß

zurückgelegt haben mußte.

„Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst?“ fragte er eintretend.

Der Großfürst ging auf ihn zu.

„Du bist Courier des Czaar? fragte er.

— Ja, Hoheit.

— Und kommst ...?

— Aus Moskau.

— Und hast Moskau verlassen?

— Am 15. Juli.

— Dein Name ...?

— Michael Strogoff.“

Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen

angenommen, den er unschädlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte

ihn weder der Großfürst, noch irgend Jemand Anderes, so daß er sein

Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine

etwa angezweifelte Identität zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu

fürchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen

eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama

des feindlichen Einfalles zu krönen.

Nach der Antwort Iwan Ogareff’s gab der Großfürst seinen Officieren ein

Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurückzogen.

Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurück.

Der Großfürst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer

Aufmerksamkeit. Dann begann er:

„Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?

— Ja, Hoheit, und habe Seine Majestät den Czaaren in der Nacht vom 14. zum

15. Juli im Neuen Palais gesprochen.

— Du hast einen Brief des Czaar?

— Ja, hier ist er.“

Iwan Ogareff übergab dem Großfürsten das kaiserliche Schreiben, das er auf

das kleinste Format zusammengebrochen hatte.

„Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande übergeben worden?

— Nein, Hoheit, doch mußte ich das Couvert zerstören, um ihn vor den

Soldaten des Emirs besser verbergen zu können.

— Warst Du Gefangener der Tartaren?

— Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es

auch, daß ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser

Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h.

also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen.“

Der Großfürst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die

Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen

Eingangsformel. An der Authenticität dieses Schreibens, wie an der

Identität des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein

wildes Antlitz auch erst einiges Mißtrauen in dem Großfürsten erweckt, so

schwand dieses doch jetzt vollständig.

Einige Augenblicke verhielt sich der Großfürst schweigend. Er durchlas

langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.

Endlich nahm er wieder das Wort.

„Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?

— Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu

müssen, um es nicht den Tartaren in die Hände fallen zu lassen, und war

für diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit möglichst

genau mittheilen zu können.

— Du weißt also, daß dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu

sterben, als die Stadt auszuliefern?

— Ich weiß es.

— Und weißt auch, daß er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche

aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekämpfen?

— Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglückt.

— Wie so?

— Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Städten Sibiriens

zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan’s nach und nach in die Hände

gefallen.

— Ohne daß es zu Gefechten gekommen wäre? Sollten unsere Kosaken nicht auf

die Tartaren getroffen sein?

— Mehrmals, kaiserliche Hoheit.

— Und sie sind zurückgeschlagen worden?

— Sie verfügten nur über ungenügende Kräfte.

— Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?

— Bei Kolyvan, Tomsk ...“

Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die

Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, übertrieb er die durch die

Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fügte hinzu:

„Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.

— Und das letzte Treffen?... fragte der Großfürst, über dessen Lippen kaum

die Worte kamen.

— Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.

— Eine Schlacht?

— Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement

Tobolsk heranzogen, stürzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden

trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.

— Du lügst, rief der Großfürst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern

suchte.

— Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich

war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwärtig und gerieth eben

da in Gefangenschaft!“

Der Großfürst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen

zu erkennen, daß er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.

„An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.

— Am 2. September.

— Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?

— Alle.

— Und Du schätzest diese ...?

— Auf 400,000 Mann.“

Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten

Uebertreibung Iwan Ogareff’s.

„Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten?

fragte der Großfürst.

— Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.

— Nun wohl, so höre, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten

noch von Westen her Unterstützung bekommen, und zählten die Barbaren

600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals übergeben!“

Das boshafte Auge Iwan Ogareff’s bedeckte sich ein wenig. Der Verräther

schien sagen zu wollen, daß der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne

Rücksicht auf Verrätherei machte.

Der Großfürst hatte bei seinem nervösen Temperament alle Mühe, bei diesen

Unglücksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab

vor den Augen Iwan Ogareff’s, die ihm wie einer schon seiner Rache

verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach

den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich über ein Geräusch

aufzuklären, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und

aneinander prallenden Eisschollen herrührte.

Eine Viertelstunde verging, ohne daß er eine weitere Frage stellte. Dann

nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle

desselben.

„Du weißt, Michael Strogoff, daß hierin von einem Verräther die Rede ist,

vor dem ich mich hüten soll?

— Ja, Hoheit.

— Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen

und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den

Tartaren zu überliefern.

— Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiß auch, daß Iwan Ogareff

geschworen hat, persönlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.

— Warum?

— Man sagt, dieser Officier sei von dem Großfürsten zu einer entehrenden

Degradation verurtheilt worden.

— Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser

Elende, der später gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der

Barbaren zu organisiren.

— Seiner Majestät dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem

darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten

gegen Ihre Person in Kenntniß zu setzen.

— Ja, der Brief enthält die nöthigen Aufschlüsse ...

— Und Seine Majestät haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir

vorzüglich eingeschärft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor

diesem Verräther zu hüten.

— Bist Du ihm begegnet?

— Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Hätte er vermuthen

können, daß ich der Träger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten

Schreibens war, das seine abscheulichen Pläne enthüllte, so würde er mir

keine Gnade gewährt haben.

— Gewiß, dann wärst Du verloren gewesen, antwortete der Großfürst. Doch

wie bist Du überhaupt entkommen?

— Dadurch, daß ich mich in den Irtysch stürzte.

— Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?

— Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher

der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die

Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so

führte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.

— Gut, Michael Strogoff, antwortete der Großfürst. Du hast bei Deiner

Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen.

Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?

— Nein, außer dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu

dürfen.

— Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen

persönlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten.

— Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer

kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ...

— So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und

soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!“

Iwan Ogareff salutirte vor dem Großfürsten militärisch, indem er nicht

vergaß, daß er Kapitän bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog

sich zurück.

Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen.

Das Vertrauen des Großfürsten hatte er schnell und im vollsten Maße

errungen. Er konnte dasselbe mißbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er

sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, würde in alle Geheimnisse der

Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollständig

in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske

abreißen. Er beschloß also ohne Zögern an’s Werk zu gehen.

Die Zeit drängte in der That. Jedenfalls mußte die Auslieferung der Stadt

vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen;

letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren

erst Herren von Irkutsk, so wären sie gewiß nur schwer wieder daraus zu

vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen würden, es später wieder

aufzugeben, so würde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund

aus zerstört und den Kopf des Großfürsten zu Feofar-Khan’s Füßen gelegt

hätten.

Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu

handeln, so beschäftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Wälle

zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glückwünschen der Officiere,

Soldaten und Bürger begrüßt. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie

ein Band, welches sie auf’s Neue mit dem Kaiserreiche verknüpfte. Iwan

Ogareff erzählte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn

niemals im Stiche ließ, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er,

ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er,

ebenso wie vor dem Großfürsten, die Erfolge der Tartaren und die Kräfte,

über welche sie verfügten, absichtlich übertrieb. Seiner Darstellung nach

waren die bevorstehenden Zuzüge, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen,

gewiß unzureichend, und es stand zu befürchten, daß eine Schlacht unter

den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen würde, wie die Treffen

bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.

Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch

um. Er ließ diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hören. Er schien

nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit

Widerwillen. Allemal aber fügte er hinzu, daß man sich bis auf den letzten

Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen müsse, bevor man

sie übergebe.

Auf jede Weise suchte er die üble Lage schlimmer darzustellen. Die

Garnison und die Bevölkerung von Irkutsk waren glücklicher Weise aber viel

zu patriotisch, um sich einschüchtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten

und Bürgern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch

kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen

gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.

Dagegen argwöhnte auch Keiner die häßliche Rolle, welche Iwan Ogareff

spielte, Keiner konnte vermuthen, daß dieser scheinbare Courier des Czaar

ein erbärmlicher Verräther war.

Ganz erklärlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk

bald in nähere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der

Stadt, zu Wassili Fedor.

Es ist dem Leser bekannt, von welch’ verzehrender Unruhe der unglückliche

Vater gequält ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres

letzten Briefes nach annehmen mußte, Rußland wirklich zu jener Zeit

verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Würde sie

dennoch versuchen, die von den Feinden überschwemmten Provinzen zu

bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft?

Wassili Fedor fand kein anderes Betäubungsmittel für seinen Schmerz, als

sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider

viel zu selten darbot.

Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm,

sagte ihm ein Vorgefühl, daß er von diesem werde Nachrichten über seine

Tochter einziehen können. Wenn er sich auch nicht verhehlte, daß diese

Hoffnung auf sehr schwachen Füßen stehe, so klammerte er sich doch gern an

sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia

vielleicht heute noch war?

Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit

ergriff, mit dem Commandanten in tägliche Berührung zu kommen. Dachte der

Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunützen?

Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt

verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia’s. Schon am Morgen

nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem

Palaste des Großfürsten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstände mit,

unter welchen seine Tochter höchst wahrscheinlich das europäische Rußland

verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen

empfinde.

Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu

Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff

daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden

Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe

aufhielten. Er war also außer Stande, Wassili Fedor die gewünschten

Nachrichten über seine Tochter mitzutheilen.

„Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa

verlassen?

— Ungefähr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.

— Ich verließ Moskau am 15. Juli.

— Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr

letzter Brief diesen Termin an.

— Sie war am 15. Juli in Moskau?

— Ja gewiß, an eben diesem Tage.

— Richtig ...“ sagte zögernd Iwan Ogareff.

Dann aber schien er seine Meinung zu ändern.

„Nein, nein, ich täusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum,

fügte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, daß ihre Tochter die

Grenze noch überschritten hat, und Sie können nun höchstens die einzige

Hoffnung hegen, daß sie sich hat zurückhalten lassen, wenn sie von dem

Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.

Wassili Fedor neigte betrübt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wußte,

daß nichts im Stande sein würde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.

Iwan Ogareff beging hier eine unnöthige Grausamkeit. Er hätte Wassili

Fedor mit einem Worte beruhigen können. Hatte Nadia auch, wie wir wissen,

die sibirische Grenze unter ganz besondern Umständen passirt, so hätte

Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und

des ergangenen Verbotes erwähnte, glauben müssen, daß sie nicht den

Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch

gezwungen, doch noch auf europäischem Gebiete befinden werde.

Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals berührt wurde,

folgte dabei nur seiner Natur, er hätte jenes Wort sprechen können ... er

sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurück.

Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.

An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, ließ der Großfürst

den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und

befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen

Palais gehört hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen

vorbereitet hatte, stets ohne Zögern. Er verheimlichte dabei absichtlich

nicht, daß die Regierung des Czaar durch den Einfall vollständig

überrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet

worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als

die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, daß in

den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der

Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.

Da er übrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun

Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und

vorzüglich deren schwächste Punkte auszuspähen, um davon Nutzen ziehen zu

können, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausführung der geplanten

Verrätherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaïa

seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu überliefern

beabsichtigte.

An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne

die Kugeln der Belagerer zu fürchten, deren erste Posten noch keine Werst

weit von demselben entfernt waren; er wußte recht gut, daß ihm nichts

widerfahren könne, ja, daß man ihn sogar erkenne.

Da bemerkte er einen Schatten, der geräuschlos bis an den Fuß der Erdwerke

heranschlich.

Sangarre war es, die ihr Leben auf’s Spiel setzte, um von Iwan Ogareff

Nachricht zu erlangen.

Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an

welche die Tartaren sie bisher nicht gewöhnt hatten.

Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff’s. Der Lieutenant Feofar-Khan’s

wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben

wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk

vollkommen. Vielleicht, – wenigstens setzte er noch einige Hoffnung

hierauf, – ließ die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Für jeden

Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner

Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entblößte Thor vorzugehen, wenn

von Iwan Ogareff die Stunde für den Angriff bestimmt worden wäre.

Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die

russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff’s Beschluß war

gefaßt und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand

Sangarre’s.

Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff

Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes überliefern.

Vierzehntes Capitel.

Die Nacht vom 5. zum 6. October.

Iwan Ogareff’s Plan war mit größter Sorgfalt vorbereitet und mußte, im

Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiß

gelingen, wenn er nur dafür sorgen konnte, das Thor von Bolchaïa zur Zeit,

wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entblößt zu halten.

Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern

Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.

Ein Scheinangriff flußauf- und flußabwärts auf dem rechten Ufer der Angara

sollte an beiden Stellen mit möglichster Kraftaufwendung ausgeführt und

auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht

werden. Dabei durfte man voraussetzen, daß das Thor von Bolchaïa ziemlich

verlassen werden würde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben

weiter zurückgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie wären

an anderen Stellen verwendet worden.

Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden

sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Händen des Emirs, der Großfürst

in der Gewalt Iwan Ogareff’s sein.

Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz

ungewöhnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Häuser am

Ufer erkannte man deutlich, daß daselbst sehr umfassende Vorbereitungen

betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem

Punkte zusammen und verstärkten die Truppenmacht, welche der Emir

persönlich befehligte. Alles das gehörte zu der verabredeten Diversion und

wurde möglichst auffällig in’s Werk gesetzt.

Iwan Ogareff verhehlte auch dem Großfürsten nicht, daß von jener Seite ein

Angriff zu befürchten sei. Er glaube annehmen zu müssen, sagte er, daß von

beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem

Großfürsten, die bedrohten Punkte möglichst zu verstärken.

Alles, was man sehen konnte, bestätigte Iwan Ogareff’s Ansicht, der man

sich bald Rechnung zu tragen entschloß. Nach einem im Palais abgehaltenen

Kriegsrathe erging der Befehl, die verfügbare Hauptmacht an beiden Enden

der Stadt, wo sich deren Wälle auf den Strom stützten, zu concentriren.

Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wünschte. Er rechnete zwar bestimmt

nicht darauf, daß das Thor von Bolchaïa ganz von Mannschaften entblößt

würde, aber diese konnten doch nur in geringer Stärke daselbst verbleiben.

Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu

geben, daß der Großfürst sich genöthigt sehen sollte, alle disponiblen

Kräfte gegen dieselbe aufzubieten.

Die Verhältnisse wurden übrigens durch ein Ereigniß von ungewöhnlicher

Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff’s, ungemein erschwert,

ein Ereigniß, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner

Absichten beitragen mußte. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von

dem Thore von Bolchaïa entferntestem Punkte unternommen wurde, so hätte

jener Zwischenfall hingereicht, alle Kräfte der Vertheidiger dahin zu

concentriren, wo es Iwan Ogareff wünschte. Gleichzeitig mußte es eine

entsetzliche Katastrophe über die arme Stadt herbeiführen.

Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde

fast unbedeckt zu finden, während mehrere tausend Tartaren in Verstecken

bereit lagen, gegen dasselbe anzustürmen.

Während dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevölkerung von

Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniß gefaßt. Alle Maßnahmen zur

Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte

Punkte wurden eiligst getroffen. Der Großfürst und der General Voranzoff

visitirten die auf ergangenen Befehl verstärkten Posten. Das Elitecorps

Wassili Fedor’s hielt den nördlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der

Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am größten wäre. Mit

diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff’s getroffenen Maßregeln

wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der

Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, über die man

eben verfügte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man

erwarten, daß sie für den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff

doch mindestens einige Tage verschieben würden. Die von dem Großfürsten

erwarteten Truppen mußten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil

oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Fädchen.

An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fünf

Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf

Stunden. Zwei Stunden noch kämpfte die Dämmerung gegen das Dunkel der

Nacht. Dann hüllte sich Alles in Finsterniß, und auch auf das Erscheinen

des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu

rechnen.

Die tiefe Dunkelheit mußte offenbar Iwan Ogareff’s Pläne begünstigen.

Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kälte auf die

bevorstehende Strenge des sibirischen Winters über und an eben diesem

Abend war sie doppelt fühlbar. Die auf der rechten Seite der Angara

aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten,

hatten deshalb kein Wachtfeuer angezündet. Sie litten von der auffälligen

Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen

schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen

Tag über sah man sie in gedrängten Massen in breitem Zuge zwischen beiden

Ufern. Dieser von dem Großfürsten und seinen Officieren beobachtete

Umstand ward für besonders glücklich angesehen. Es lag auf der Hand, daß

an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange

dieses Gewirr von Eisstücken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren

konnten weder Boote noch Flöße benutzen. Dabei brauchte man nicht zu

befürchten, daß sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander

gefrorenen Eise versuchen würden, da dieses für die Passage einer starken

Colonne offenbar zu wenig haltbar war.

Wenn diese Verhältnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz

vortheilhaft erschienen, so hätte Iwan Ogareff sie doch bedauern müssen.

Doch im Gegentheil! Der Verräther wußte ja recht gut, daß die Tartaren gar

nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und daß alle ihre

hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.

Gegen zehn Uhr Abends veränderte sich die Oberfläche des Flusses zum

größten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar.

Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes

reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in großer

Menge dahinjagten, verschwanden plötzlich stromabwärts, und nur fünf bis

sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre

Structur veränderte sich gegenüber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt

war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem größeren

Eisfelde mit glatten Rändern abgelöste Splitter.

Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veränderungen am Flusse

wahrnahmen, dieselben dem Großfürsten. Sie erklärten sich übrigens

dadurch, daß das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte

und einen festen Schutz bildete.

Man weiß, daß dem so war.

Die Passage der Angara mußte also jetzt leichter zu forciren sein, was die

Russen nun zu noch größerer Vorsicht nach dieser Seite nöthigte.

Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore

von Bolchaïa, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein

Feuerschein glühte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen

Wolken des Horizontes verschmolz.

Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine

allgemeine Bewegung des Heeres.

Etwa eine Werst stromauf- und stromabwärts von den Stellen, wo die

Erdwerke sich den Abhängen des Flußufers anschlossen, ließ sich ein

dumpfes Geräusch vernehmen, ein Beweis dafür, daß daselbst tartarische

Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.

Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.

Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und

auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere

feindliche Absichten.

Der Großfürst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer

Täuschung befangen wären, zu glauben, daß die Tartaren einen Versuch zur

Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden

Nächte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette

einzelne Flintenschüsse auf und brausten einige gröbere Geschosse durch

die Luft, – heute blieb Alles still.

Dennoch verweilten der Großfürst, der General Voranzoff und deren

Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umständen die

nöthigen Befehle zu geben und zu ertheilen.

Wir wissen, daß Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich

war dasselbe ein geräumiger Saal im Erdgeschoß, dessen Fenster nach einer

Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten über diese Terrasse

gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu

übersehen war.

In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniß.

Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff

darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm

ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger

von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das

Palais verlassen, um sein Bubenstück zu vollenden.

Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine

Beute stürzen will.

Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Großfürst, daß Michael Strogoff,

– denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, – vor ihn geführt werde. Ein

Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thür geschlossen.

Er rief ...

Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,

hütete sich aber zu antworten.

Man meldete dem Großfürsten, daß der Courier des Czaar augenblicklich im

Palais nicht anwesend sei.

Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt für die mit den Tartaren

verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt

waren.

Iwan Ogareff öffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem

nördlichen Ende der Seitenterrasse.

Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hörbar an

den Pfeilern der früheren Brücke brachen.

Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete dadurch ein

Stückchen mit Pulver imprägnirten Schwamm und warf diesen in den Fluß ...

Auf Iwan Ogareff’s Befehl waren jene Ströme Mineralöls auf die Oberfläche

der Angara geleitet worden.

Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen

dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff

verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand

zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den

vorräthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung

eines Stücks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome

ausfließen zu lassen.

Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die

Ursache, weshalb das Floß mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia

und den übrigen Flüchtlingen in einem Strome von Mineralöl schwamm. Durch

die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs

hatte sich die flüssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der

natürlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,

auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf

schwimmen mußte.

So führte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie

ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. –

Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.

In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestände, flammte die

ganze Fläche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen

den beiden Ufern wälzten sich bläuliche Feuerwogen. Darüber wirbelten

dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strömung vorhandenen

Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen

und mit Zischen und Pfeifen schoß das verdampfende Wasser in die Höhe.

Gleichzeitig knatterte am südlichen und nördlichen Ende der Stadt das

Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara öffneten ihren groben

Mund. Mehrere Tausend Tartaren stürzten sich stürmend auf die Erdwerke.

Die hölzernen Gebäude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen

Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.

„Endlich!“ sagte Iwan Ogareff für sich.

Er konnte sich mit vollem Rechte Glück wünschen. Sein Angriffsplan ging

fürchterlich in Erfüllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen plötzlich

zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.

Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevölkerung noch kräftige

Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem

Feuer zerstörten Häusern, um wenigstens die übrige Stadt zu retten.

Das Thor von Bolchaïa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann

sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des

Verräthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwählt, um die letzten

Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwälzen und eher durch den

politischen Haß jener Mannschaften erklären zu können.

Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell

erleuchteten Zimmer zurück. Dann machte er sich bereit, auszugehen.

Doch kaum öffnete er die Thür, als sich ein Weib mit durchnäßter Kleidung

und wild herab hängendem Haar in das Zimmer stürzte.

„Sangarre!“ rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes

weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.

Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.

In dem Augenblicke, als das junge Mädchen auf der Eisscholle, dem letzten

Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf

ausstieß, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich

mit ihr in das Wasser gestürzt, um unter demselben einen Schutz gegen die

Flammen zu finden. Wie erwähnt befand sich die Scholle, welche sie trug,

nur etwa noch dreißig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.

Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,

daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.

Endlich winkte Michael Strogoff sein heißersehntes Ziel. Er war in

Irkutsk!

„Zum Palaste des Gouverneurs!“ rief er Nadia zu.

Kaum zehn Minuten später erreichten Beide den Eingang des Palais, um

dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschädlich emporzüngelte.

Weiterhin standen die Häuser am Ufer alle in Flammen.

Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt überall

offene Gebäude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz

ihrer triefenden Kleidung, Niemand.

In dem großen Parterresaale drängte sich eine Anzahl Officiere, um sich

Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszuführen. Hier wurden

Michael Strogoff und Nadia durch das Stoßen und Drängen der erregten Menge

von einander getrennt.

Rathlos durchirrte Nadia die Säle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach

ihrem Begleiter und verlangte, vor den Großfürsten geführt zu werden.

Da öffnete sich vor ihr die Thür zu einem vom Feuerscheine hell

erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den

sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenüber Demjenigen, dessen

ruchlose Hand in der nächsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.

„Iwan Ogareff!“ rief sie entsetzt.

Der Elende zitterte, als er seinen Namen hörte. Sein ganzer Plan mußte ja

scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines übrig: das

lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen

kannte.

Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mädchens,

das sich durch eine Mauer im Rücken zu decken suchte, blitzte schon ein

Messer, um sich zu vertheidigen.

„Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewußtsein, daß dieser

verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.

— Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verräther.

— Iwan Ogareff!“ rief das unerschrockene Mädchen zum dritten Male mit

einer Stimme, deren Stärke ihr tödtlicher Haß nur verdoppelte.

In wahnsinniger Wuth riß Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Gürtel,

sprang auf Nadia zu und drängte sie nach einer Ecke des Raumes.

Jetzt wäre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den

Schurken von ihr wegriß und zur Erde schleuderte.

„Michael!“ rief Nadia.

Es war Michael Strogoff.

Die Ausrufe Nadia’s hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem

Zimmer Iwan Ogareff’s gelangt und durch die halb offen gebliebene Thür

eingetreten.

„Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff

stellend.

— Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verräther ist

bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ...“

Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes

Spiel zu haben wähnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.

Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern

seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.

Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, daß er ja

einen Degen habe. Er riß diesen aus der Scheide und stellte sich wieder

zum Angriff bereit.

Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur

mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut für ihn.

Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen

Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thür, um nach Hilfe zu rufen.

„Schließe die Thür, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, laß die

Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken

nicht mehr zu fürchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte

ihn!“

Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.

Er suchte das Geräusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems

dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tödtlich treffen, bevor

er seine Annäherung gewahr würde. Der Schuft dachte nicht daran, sich

ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,

einfach ermorden.

Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese

fürchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff’s

unerschütterliche Ruhe schien auch über sie gekommen zu sein. Als Waffe

besaß Michael Strogoff nur sein sibirisches Jägermesser, und seinen mit

dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade

des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit über Jenen? Wie

konnte er, ohne daß ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des

Feindes zu begegnen?

Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese

übermenschliche Ruhe erdrückte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu

Rathe zog, sagte er sich wieder, daß ja der Vortheil ganz auf seiner Seite

sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er

suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte

sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurück?

Endlich sprang er auf und führte einen heftigen Stoß gegen Michael

Strogoff’s Brust.

Eine geschickte und unerklärliche Bewegung des Messers Michael Strogoff’s

lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltblütig schien

er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.

Aus Iwan Ogareff’s Stirn perlte ein eiskalter Schweiß. Er trat erst einen

Schritt zurück und drang dann auf’s Neue vor. Aber der Todesstreich

mißlang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten

Messers drängte den nutzlosen Degen zur Seite.

Rasend vor Wuth und Schrecken gegenüber dieser lebenden Bildsäule heftete

der Verräther seinen Blick auf die weit geöffneten Augen des Geblendeten.

Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen

und doch unmöglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art

entsetzlicher Zauberkraft.

Plötzlich stieß Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es

unerwartet klar.

„Er sieht, rief er, er kann sehen!...“

Und wie ein Raubthier scheu seine Höhle zu gewinnen sucht, wich er in den

Hintergrund des Saales zurück.

Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan

Ogareff zu und sagte:

„Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich

elenden Verräther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein

Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir

noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genügt mir gegen

Deinen Degen!

— Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gütiger, gerechter Gott, ist

das möglich?“

Iwan Ogareff fühlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten

Muth zusammen und stürzte sich mit dem Degen auf seinen unerschütterlichen

Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael

Strogoff’s, geführt von der geübten Hand des sibirischen Jägers, sprengte

die Klinge in Stücke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos

zu Boden.

In diesem Augenblick wurde die Zimmerthür von außen aufgestoßen. Begleitet

von einigen Officieren erschien der Großfürst auf der Schwelle.

Letzterer trat vor. Auf dem Fußboden erkannte er die Leiche Desjenigen,

den er für den Courier des Czaar gehalten hatte.

Mit drohender Stimme fragte er.

„Wer hat diesen Mann getödtet?

— Ich that es“, antwortete Michael Strogoff.

Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schläfe.

„Dein Name? fragte der Großfürst.

— Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber

zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Füßen liegt.

— Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier

des Czaar.

— Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!

— Iwan Ogareff? rief der Großfürst.

— Ja, Iwan, der Verräther seines Vaterlandes.

— Aber Du, wer bist Du denn?

— Ich bin Michael Strogoff.“

Fünfzehntes Capitel.

Schluß.

Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals

gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische

Ursache hatte die Wirkung der glühenden Säbelklinge vereitelt, die der

Scharfrichter Iwan Ogareff’s damals vor seinen Augen vorbeiführte.

Der Leser erinnert sich, daß bei Vollziehung des grausamen Urtheils die

alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.

Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,

wenn er weiß, daß es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen

ihm die Thränen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurück zu drängen

suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung

auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thränen

gebildete Dampfschicht zwischen der glühenden Klinge und den Augäpfeln

befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschädlich zu machen. Es ist

das derselbe Vorgang, als wenn ein Gießer nach Anfeuchtung seiner Hand mit

Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flüssigen Eisens führt.

Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus

erwachsen könne, wenn er sein Geheimniß gegen irgend Jemand offenbarte.

Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande

bezüglich der Durchführung seiner Aufgabe ziehen könne. Nur daß er für

blind galt, schien seine persönliche Freiheit einigermaßen sicher zu

stellen. Er mußte also blind scheinen, er mußte es für Alle sein, selbst

für Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der

Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluß stand fest. Er

mußte selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu

geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf’s Spiel setzte.

Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es

damals auf dem Platze vor Tomsk in’s Ohr geflüstert, als er in der

Dunkelheit über jene gebeugt sie mit seinen heißen Küssen bedeckte.

Man entsinnt sich auch, daß, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das

kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff’s geblendete Augen hielt,

dieser dasselbe lesen konnte, und natürlich Alles gelesen hatte, was die

verruchten Pläne des Verräthers enthüllte. Hieraus erklärt sich auch sein

verdoppeltes Drängen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner

Mission wenigstens mündlich zu entledigen. Er wußte, daß die Stadt

verrathen werden solle, daß des Großfürsten Leben in der ernstesten Gefahr

schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens

ruhte also in seiner Hand.

Mit wenigen Worten wurden dem Großfürsten alle die früheren Vorkommnisse

mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wärme den Antheil hervorhob, der

Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebührte.

„Wer ist das junge Mädchen? fragte der Großfürst.

— Die Tochter Wassili Fedor’s, eines Verbannten.

— Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Großfürst fort, ist

nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine

Verbannten mehr!“

Nadia fiel, überwältigt von der Freude, der sie leichter erlag als den

harten Schlägen des Schicksals, dem Großfürsten zu Füßen, der sie jedoch

mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.

Eine Stunde später lag Nadia in den Armen ihres Vaters.

Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch

schlugen ihre Herzen im Uebermaß des Glückes.

Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gänzlich fehl. Wassili Fedor

hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstürmenden niedergemacht, die

vor dem Thore von Bolchaïa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,

erschienen, während Jener mit instinctivem Vorgefühl darauf drang, hier

zur Vertheidigung zurück zu bleiben.

Gleichzeitig mit der Zurückweisung der Tartaren gelang es den Belagerten

auch, die Feuersbrunst zu bewältigen. Die Naphtha auf der Oberfläche der

Angara war bald verbrannt, und die auf die Häuser längs des Flusses

concentrirten Flammen verschonten die übrigen Theile der Stadt.

Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan’s, unter

Zurücklassung einer großen Anzahl auf den Wällen umherliegender Todter, in

ihr Lager zurück.

Zu den Gefallenen gehörte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich

vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.

Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.

Iwan Ogareff’s Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des

ganzen Kriegszuges, und er allein besaß durch seine unausgesetzten

Agitationen Einfluß genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu

dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rußlands zu verleiten.

Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts

der noch andauernden Einschließung, stets gleichmäßig wachsam und

kampfbereit.

Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von

Geschützen auf den umgebenden Höhen der Stadt.

Es war der Gruß der Hilfsarmee, die unter der Führung des Generals

Kisselef heranrückte und dem Großfürsten ihr Eintreffen anmeldete.

Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,

unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu müssen, und hoben

daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.

Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.

Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael

Strogoff’s in die Stadt eingezogen, – die unzertrennlichen Collegen Harry

Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, über den Eisschutz das

rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den übrigen Flüchtlingen zu

entkommen, bevor die brennende Angara das Floß ergriffen hatte. In Alcide

Jolivet’s Notizbuch fand sich hierüber die lakonische Bemerkung:

„Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!“

Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund

wieder zu treffen, vorzüglich als sie erfuhren, daß ihr muthiger Gefährte

nicht blind sei. Harry Blount fühlte sich veranlaßt, als eigene

Beobachtung zu notiren:

„Rothglühendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilität des

Sehnerven zu zerstören. Das Verfahren bedarf der Modification.“

Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie

an’s Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach

London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte über den

Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den

untergeordnetsten Punkten widersprachen.

Der ganze Feldzug verlief übrigens höchst unglücklich für den Emir und

seine Verbündeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen

den russischen Koloß gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich

werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,

welche in rascher Folge alle eroberten Städte wieder in ihre Gewalt

brachten. Dazu trat der Winter mit ungewöhnlicher Strenge auf, so daß von

den durch die Kälte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die

Steppen der Tartarei wieder erreichte.

Die Straße von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den

Großfürsten drängte es, nach Moskau zurückzukehren, doch er verschob seine

Abreise, um einer rührenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage

nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.

Michael Strogoff befand sich an Nadia’s Seite und sagte zu ihr in

Gegenwart ihres Vaters:

„Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga

nach Irkutsk einen andern Kummer zurückgelassen, als die Trauer um Deine

Mutter?

— Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.

— Kein Stückchen Deines Herzens ist dort zurück geblieben?

— Keines, Bruder.

— Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als daß es Gottes Absicht war, uns

nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prüfungen, sondern wohl

für immer zusammen zu führen.“

Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff’s Arme.

Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.

„Mein Vater! sagte er leicht erröthend.

— Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude

sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!“

Die Vermählungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war

nur einfach hinsichtlich des äußeren Pompes, aber erhebend durch die

ungeheure Theilnahme der ganzen Bevölkerung, welche ihrer tiefen

Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren

Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.

Selbstverständlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei

dieser Hochzeit, über die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.

„Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte

Alcide Jolivet seinen Collegen.

— Pah, erwiderte Harry Blount, hätte ich freilich eine Cousine so wie

Sie ...

— Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide

Jolivet.

— Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von

Schwierigkeiten zwischen London und Peking. – Hätten Sie keine Lust

zuzusehen, was dort vorgeht?

— Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen

diesen Vorschlag machen!“

Stehenden Fußes brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem

Himmlischen Reiche.

Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und

Nadia, natürlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rückreise nach

Europa. Diese Schmerzensstraße auf dem Herweg wurde zum Glückspfade für

den Rückweg. Sie eilten in größter Schnelligkeit dahin auf einem jener

prächtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug über Sibiriens eisbedeckte

Steppen fliegen.

Nur am Ufer der Dinka gönnten sie sich einen einzigen Rasttag.

Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus

begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein

letztes Gebet an der Ruhestätte des ergebenen, heldenmüthigen Freundes,

den Beide niemals vergessen konnten.

In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Häuschen der Strogoff’s.

Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal

ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn

erkennen und ihrem mütterlichen Stolze genug thun.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff

nach Europa weiter. Wassili Fedor ließ sich in Petersburg nieder, und

weder sein Sohn noch seine Tochter verließen ihn jemals, außer wenn sie

der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.

Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in

seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen

Georg aushändigte.

Michael Strogoff gelangte später zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die

Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die

seiner männlich überwundenen Prüfungen und Leiden.

Ende des Courier des Czaar.

Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) · 第 11 / 15 题