MICHAEL STROGOFF.

Zweiter Theil.

Erstes Capitel.

Ein tartarisches Feldlager.

Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk

breitet sich eine große Ebene aus, auf der sich einige hohe Bäume,

vorzüglich Tannen und Cedern, erheben.

Während der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewöhnlich von

sibirischen Hirten besucht und gewährt auch den zahlreichen Heerden

derselben hinlängliche Nahrung. Jetzt hätte man wohl vergeblich nach einem

dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht daß diese fruchtbare Ebene

verlassen und öde gewesen wäre, – im Gegentheil, sie zeigte ein ganz

außergewöhnliches Leben.

Hier erhoben sich nämlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte

Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am

7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen

russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000

Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestützten,

feindlichen Heersäulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert

Soldaten davon gekommen.

Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche

Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für

den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl

gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die

räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche

Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen,

oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller

Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der

Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens

zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer

Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich

wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder

des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben.

Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last

so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel

Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?

Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die

Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an?

Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr

regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war

sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte

er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiß befand er sich

unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh

daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher,

und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück.

„Ich werde noch ankommen!“ wiederholte er sich immer wieder.

Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft

zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den

Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der

passende Zeitpunkt da wäre.

Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus

Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der

Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen

wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin

und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den

Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,

mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem

kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den

hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus

erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, „Karaoys“

genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden.

Das ganze Lager zählte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk

als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,

zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer

Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, –

die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und

Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten.

Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche

entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete

grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem

Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s

ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der

Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein

Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer

mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem „Tschakane“, d. i. eine kurz

gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet

erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in

einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem,

sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder

sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte

Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen,

Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen

nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch

tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen

Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz

zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,

einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden.

Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl

Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern

befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt

wurden.

Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels

eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des

ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen,

und endlich darunter gemischt noch Hunderte „Kalender“, eine Art

religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig

bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung

des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme

gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.

Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben

nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu

je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in

Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,

unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar

und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die

Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze

Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den

Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels „Arkan“, d. i. der

Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge

gekreuzter Racen von geringerem Werthe.

Lastthiere zählten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich

kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte

Mähne ihren Hals verhüllte, gelehrige und leichter als die Dromedare

zähmbare Thiere; ferner einhöckerige „Nars“ mit rothgelbem, gelocktem

Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten

und deren sehr geschätztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung

der Tartaren ausmacht.

Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, über diese ungeheuren

Haufen von Zelten verbreiteten in größeren Gruppen zusammen stehende

Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und

dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen

höchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle

Farben seiner Palette hätte erschöpfen müssen.

Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar’s und der

Großwürdenträger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und

schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getöse mischte sich aber

auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und

sechspfündiger Geschütze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.

Feofar lebte hier unter rein militärischer Umgebung und Lebensweise. Seine

Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner

Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Händen der Tartaren war.

Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt

werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien

endgiltig zu vertauschen hoffte.

Feofar’s Fürstenzelt überragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus

breiten Stücken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit

goldenen Fransen zusammenhielten, überragt von dichten Troddeln, welche

der Luftzug fächerartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer

weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prächtige Birken und

gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem

glänzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geöffnet der

heilige Koran, dessen Blätter aus ganz dünnen, fein gravirten

Goldplättchen bestanden. Darüber flatterte die tartarische Fahne.

Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der höchsten

Beamten von Bukhara. Da wohnten der Großstallmeister, dem das Recht

zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der

Groß-Falkenier, der „Housch-Begui“, d. i. der Siegelbewahrer des

Herrschers, der „Toptschi-Baschi“, d. i. der Oberbefehlshaber der

Artillerie, der „Khodja“ oder Vorsitzende des Großen Rathes, der von dem

Fürsten geküßt wird und sich vor ihm mit offenem Gürtel zeigen darf, der

„Scheik-ul-Islam“, der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,

der „Cazi-Askev“, der in Abwesenheit des Emirs über alle Streitfragen

zwischen Militärs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,

deren Hauptgeschäft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan

beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.

Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,

glücklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm

hätte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er

hielt sich aber zurück in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestät

der orientalischen Fürsten erhält. Man bewundert Den, der sich nicht

zeigt, und fürchtet ihn mehr.

Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzäunung eingepfercht, wo sie

mißhandelt, nur nothdürftig ernährt und allen verderblichen Einflüssen des

Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar’s entgegen harrten.

Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiß

Michael Strogoff. Er ließ sich gern führen, denn man führte ihn dahin,

wohin er selbst wollte, und das in verhältnißmäßiger Sicherheit, die er,

frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie hätte

finden können. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt hätte ihn

unzweifelhaft in die Hände der Plänkler zurück geliefert, welche die

umgebende Steppe durchschwärmten. Die östlichste, von den Schaaren der

Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht über dem zweiundachtzigsten

Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung

dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich außerhalb

des von Feinden überschwemmten Gebietes zu befinden, den Yeniseï gefahrlos

zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese

Provinz besetzte.

„Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner

Ungeduld, deren er nicht völlig Meister werden konnte, zu unterdrücken,

werde ich binnen wenigen Minuten über die Vorpostenkette hinaus sein, und

zwölf Stunden vor Feofar, zwölf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,

das genügt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!“

Was Michael Strogoff am meisten fürchtete und wohl auch fürchten mußte,

das war die Anwesenheit Iwan Ogareff’s in dem tartarischen Lager.

Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser

Instinct, daß es für ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem

Verräther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, daß durch die

Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff’s und Feofar-Khan’s die

feindliche Armee nun vollzählig wurde und mit aller Macht nach der

ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte

in ihm aber die schwersten Befürchtungen, und aufmerksam lauschte er auf

jeden schmetternden Trompetenstoß, ob dieser etwa das Eintreffen jenes

Unterbefehlshabers des Emirs verkünde.

An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter

und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurück geblieben, die Andere auf den

Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese

ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte

Nichts für sie zu thun! Würde er jene Zwei überhaupt wiedersehen?

Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu

beantworten wagte.

Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch

Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt

worden. Ihr früherer Reisegefährte wußte zwar, daß Jene in derselben dicht

mit Wachtposten besetzten Umzäunung untergebracht waren, er hatte sich

ihnen aber nicht zu nähern gesucht. Nur wenig kümmerte es ihn jedoch, was

sie über ihn bezüglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken möchten;

er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein

handeln zu können. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.

Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite

fiel, diesem die größte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,

daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,

daß er sich auf den Arm seines Rivalen stützte, dem Gefangenenzuge folgen.

Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Engländer legitimiren, das

hätte ihm aber gegenüber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstößen und

Säbelhieben antworteten, nicht im mindesten genützt. Der ehrenwerthe

Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunächst das Schicksal

aller Uebrigen, und blieb es ihm überlassen, später zu reclamiren und

Satisfaction für die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte

er aber seiner Wunde wegen nur mit der größten, schmerzlichen Anstrengung

zurück, und ohne Alcide Jolivet’s Hilfe wäre er wohl kaum im Stande

gewesen, das Lager zu erreichen.

Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche ließ,

hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote

stehenden Mittel möglichst gestärkt. Als er sich unabwendbar in jene Hürde

eingeschlossen sah, eilte er zunächst, Harry Blount’s Wunde zu

untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er

überzeugte sich, daß dessen Schulter nur von dem Sprengstück einer Kugel

gestreift worden war.

„O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder

drei kühlen Aufschlägen ist die ganze Sache vorüber.

— Aber diese nothwendigen Umschläge?... fragte Harry Blount.

— Die mache ich Ihnen selbst.

— Sie sind also ein wenig Arzt?

— Alle Franzosen sind halbe Aerzte!“

Nach dieser dreisten Versicherung zerriß Alcide Jolivet sein Taschentuch,

zupfte aus einem Stücke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem

Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen

Ziehbrunnen Wasser, wusch die glücklicher Weise nur leichte Wunde

sorgfältig aus und legte mit großer Geschicklichkeit die feuchten

Leinenstücke auf Harry Blount’s Schulter.

„Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flüssigkeit ist das

wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,

und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000

Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000

Jahre!

— Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf

ein Lager von dürren Blättern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im

Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.

— Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie hätten an meiner Stelle

dasselbe gethan.

— Ja, ich weiß nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.

— Sie Spaßvogel! Alle Engländer sind edelmüthig!

— Gewiß, aber die Franzosen ...?

— Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfältig; aber

was das wieder gut macht, ist, daß sie eben Franzosen sind. Doch sprechen

wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar

nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe.“

Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als

Verwundeter vernünftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war

das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der

Fall.

„Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, daß unsere letzten Depeschen noch

über die russische Grenze befördert worden sind?

— Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde

wird meine glückselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei

Kolyvan zu halten ist.

— Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry

Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen

richtete.

— Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine

ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hört und

unglücklich sein würde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer

störte.

— Ich mag nicht schlafen, versetzte der Engländer. — Was urtheilt Ihre

Cousine wohl über die Sachlage?

— Nun, daß es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,

was da! die moskowitische Regierung ist mächtig, sie braucht sich wegen

eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird

und kann ihr nicht verloren gehen.

— Ueberhebung hat schon die größten Reiche gestürzt! antwortete Harry

Blount, der von einer gewissen „englischen“ Eifersüchtelei wegen der

russischen Prätensionen in Centralasien nicht ganz frei war.

— O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der

Facultät untersagt! Für Schulterwunden giebt es gar nichts Gefährlicheres!

... Sie müßten denn dadurch einschlummern wollen!

— So sprechen wir davon, was uns zu thun übrig bleibt, lenkte Harry Blount

ein. Ich, Herr Jolivet, verspüre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt

Gefangener der Tartaren zu bleiben.

— Ich bei Gott auch nicht!

— Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.

— Ja, wenn’s zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel

giebt.

— Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter

erwartungsvoll an.

— Gewiß! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden

reclamiren.

— Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?

— Nein, er verstände das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan

Ogareff, seinem Untergeneral.

— Der ist ein Schurke!

— Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiß, daß er

mit dem Völkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns

zurückzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht

schwer werden.

— Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn

noch nicht bemerkt, äußerte Harry Blount.

— Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muß sich hier dem Emir

anschließen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und

offenbar erwartet ihn nur Feofar’s Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.

— Und was thun wir, wenn wir frei sind?

— Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den

Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner

überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir

stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt,

im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich

habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts!

Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert

ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,

mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen.

Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!“

Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner

Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen

bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,

gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich

zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander

geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben.

Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die

beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s

mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft

eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war,

mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der

Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es

dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als Spione

abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also

dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den

früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten

Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst

so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.

Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der

Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden

strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon

von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen.

Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal

binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen

geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem „Krut“

genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch

geweicht die gewöhnlich „Kumiß“ genannte Speise der Kirghisen darstellt.

Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.

Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit

Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden

Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern

gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,

deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger

jenen sogar ein Grab verweigerten.

Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry

Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste

bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie früher keinen

harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so

widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten

sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen,

welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.

Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan,

befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor

er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam

indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,

von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August

wirklich ein.

An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und

knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam

über der Straße von Kolyvan dahin.

Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das

Lager der Tartaren.

Zweites Capitel.

Alcide Jolivet’s Haltung.

Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zuführte. Diese

Reiter und Fußsoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche

sich der Stadt Omsk bemächtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande

gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzählt, der

Gouverneur zurückgezogen hatte, so entschloß er sich, weiter zu ziehen, um

die Operationen, welche im östlichen Sibirien geplant waren, nicht

aufzuhalten. So ließ er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurück.

Dann sammelte er seine Horden, verstärkte sich unterwegs durch die Sieger

von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar’s her.

Die Truppen Iwan Ogareff’s hielten vor den Außenposten des Lagers. Sie

erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Führer ging

offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu

dringen und in kürzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre

Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukünftigen

Operationen bestimmt schien.

Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport

russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in

Feindeshand gefallen waren. Diese Unglücklichen wurden gar nicht erst in

die Umzäunung geführt, welche ohnedies schon zu klein für alle die

erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,

ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch

Feofar-Khan bevor? Würde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie

vielleicht eine blutige Execution, das gewöhnliche Verfahren der

Tartarenhäuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniß des launischen

Emirs.

Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen

großen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche

gewöhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.

Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und

ließ wenig zu plündern hinter sich zurück. Schon hieraus ergab sich die

Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um für die

Expeditions-Colonnen den nöthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze

Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwüstet

und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich ließen die Tartaren eine

Wüste, welche die Russen gewiß nur mit größter Schwierigkeit zu

durchziehen im Stande sein konnten.

Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,

befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet

hatte. Sangarre zählte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der böse

Geist Iwan Ogareff’s, verließ ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben

sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Rußland selbst, im Gouvernement

von Nishny-Nowgorod, ihre Pläne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural

hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals

Ichim so schnell als möglich zu erreichen, während Sangarre und ihre

Gesellschaft durch den Süden der Provinz auf Omsk zu zogen.

Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.

Durch ihre Tsiganen drang sie überall ein, hörte und beobachtete Alles.

Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf

dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem

Dienst geöffnet. Uebrigens gewährte er für diese Spionendienste, deren

Vortheil ihm genügend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.

Als Sangarre früher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt

gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergaß sie,

was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als

Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verräthers beschritt, erkannte er

recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen

konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, – Sangarre führte

ihn aus; ein wahrhaft außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger

entwickelt als selbst das Gefühl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast

gedrängt, sich dem Verräther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit

den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloß. Geschmeichelt

durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr

Vagabundenleben den Empörern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien

führte. Mit der natürlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde

Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine

Wilde, würdig die Hütte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu

theilen.

Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder

anschloß, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,

welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengeführt hatte, war ihr bekannt.

Die Befürchtungen Iwan Ogareff’s wegen des Durchzugs eines Couriers des

Czaaren wußte und theilte sie. Für die gefangene Marfa Strogoff wäre sie

die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu

peinigen, um ihr ihr Geheimniß zu entreißen. Noch war aber die Stunde

nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen

wollte. Sangarre mußte warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den

Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren

geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag

und Nacht bewachte, um das Wort „Sohn“ einmal ihren Lippen entschlüpfen zu

hören, während Marfa Strogoff’s außerordentliche Kaltblütigkeit vorläufig

noch alle diese Bemühungen vereitelte.

Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der

Oberbefehlshaber der Artillerie und der Großstallmeister des Emirs,

begleitet von einer glänzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff’s vor

das Feldlager hinaus begeben.

Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die höchsten Ehrenbezeigungen

und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan’s zu folgen.

Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kühl die

Höflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen

Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, – fast

erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, – noch

russische Uniform.

Gerade als er die Zügel seines Rosses faßte, um in den Kreis des Lagers zu

reiten, drängte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, näherte sich

ihm und blieb unbeweglich stehen.

„Nichts? fragte Iwan Ogareff.

— Nichts.

— Sei geduldig.

— Nähert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen

wirst?

— Sie kommt, Sangarre.

— Wann wird das Weib sprechen sollen?

— Sobald wir in Tomsk sind.

— Und dahin kommen wir ...?

— Binnen drei Tagen.“

Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre’s großen, schwarzen Augen, dann

zog sie sich still und geschmeidig zurück.

Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem

Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fürsten.

Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem

bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze

Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner

Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln

Steinen glitzernden Degengehänge, mit dem krummen, einem Yatagan ähnlichen

Säbel, dessen Scheide mit prächtigen Gemmen eingelegt war, den

schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mütze, an der eine

Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das

fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,

eines unumschränkten Herrschers, der über Leib und Blut seiner Unterthanen

ganz nach Gutdünken verfügt, dessen persönliche Macht ohne Grenzen ist,

und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschließlich

den Namen „Emir“ beilegte.

Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Großwürdenträger auf ihren

goldbetreßten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem

reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fußboden der weiche

Sammet eines bukharischen Teppichs verhüllte.

Der Emir näherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuß; ein Zeichen,

dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuß erhob den

Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig

über den Khodja.

Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.

„Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du

wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hören.

— Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so höre, was ich zu sagen habe.“

Iwan Ogareff sprach tartarisch und drückte sich mit dem emphatischen

Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.

„Takhsir, die Zeit ist unnützen Worten nicht hold! Du weißt, was ich an

der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch

sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter können ihre Pferde in dem

nun tartarisch gewordenen Strome tränken. Die Kirghisenhorden erheben sich

auf den Ruf Feofar-Khan’s, und Dein ist die Hauptstraße Sibiriens vom

Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersäulen ebenso wohl

nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem

Westen, wo sie sich niederlegt.

— Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne daß ein Zug

des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.

— Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach

Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen

von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.

— Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?

— So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der

tartarischen Herrschaft unterwerfen.

— Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit

diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Rußland bezeichnete.

— Von ihnen hast Du nichts zu fürchten, weder nach Sonnenaufgang, noch

nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte

zu plötzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu

leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hände gefallen sein. Die

Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es überall

geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verächtlichen Heerhaufen des

Occidentes streiten werden.

— Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit für die Sache der Tartaren

ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.

— Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der

Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der östlichen Steppen sollen die Rosse

der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die

Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geißel zu gewinnen,

welche den Besitz eines großen Landes aufwiegt. Jetzt muß, da es der Czaar

nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Großfürst, sein Bruder, in

Deine Hände fallen.“

Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hörte man ihn so

reden, so hätte man ihn wohl für einen Abkommen jenes grausamen Stephan

Razine halten können, der das südliche Rußland im 18. Jahrhundert

verwüstete. Sich des Großfürsten zu bemächtigen, ihn ohne Mitleid in

Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er

unablässig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf übrigens gleichzeitig das

ganze östliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.

„Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.

— Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?

— Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden.“

Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui

zurück, um die Befehle des Emirs auszuführen.

Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurückzukehren,

entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen

Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wüstes Geschrei, dem

zwei oder drei Gewehrschüsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch

einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurückgewiesen

wurde?

Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und

fast gleichzeitig erschienen zwei Männer, trotz der Anstrengung der

Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.

Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der

Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Köpfe der Gefangenen

wohl schnell hätte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige

Worte fallen ließ, die dem schon über Jenen geschwungenen Säbel Halt

geboten.

Der Russe hatte schnell erkannt, daß die beiden Gefangenen Fremde waren,

und befahl, sie ihm vorzuführen.

Man ließ nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.

Seit der Ankunft Iwan Ogareff’s im Lager hatten sie schon verlangt, vor

ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.

Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen

Gewehrschüssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung

entgingen; immerhin hätten sie ohne das Dazwischentreten des

Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit dem Leben zu

büßen gehabt.

Letzterer examinirte die ihm vollständig unbekannten Gefangenen einige

Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim

beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der

brutale Reisende von damals hatte indeß den mit anwesenden Personen

keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.

Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder

und Letzterer sagte halblaut:

„Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim

sind ein und dieselbe Person!“

Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:

„Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir

einen großen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager

mißfällt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner

Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so würden sich meine Augen

doch eher verächtlich von ihm abwenden, als ihm in’s Angesicht zu sehen.“

In Alcide Jolivet’s Zügen malte sich die vollständigste und hochmüthigste

Gleichgiltigkeit.

Empfand es Iwan Ogareff, daß diese Haltung des Gefangenen etwas

Beleidigendes für ihn hatte? Jedenfalls ließ er nichts davon bemerken.

„Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber

minder als gewöhnlich rauhem Tone.

— Zwei Correspondenten englischer und französischer Journale, erwiderte

Harry Blount lakonisch.

— Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identität nachzuweisen?

— Hier sind Schriftstücke, welche uns in Rußland bei den Kanzlern Englands

und Frankreichs accreditiren.“

Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen

und las sie mit Aufmerksamkeit durch.

„Sie begehren die Erlaubniß, unseren militärischen Operationen in Sibirien

zu folgen? begann er darauf.

— Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische

Reporter.

— Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr

begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.

— Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht

kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto.“

Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurück, der seine

Worte stillschweigend zu bestätigen schien.

Iwan Ogareff lächelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand

an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.

„Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie über Iwan Ogareff, den Oberanführer der

Tartarenheere? fragte Harry Blount.

— Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lächelnd Alcide Jolivet,

daß jener Housch-Begui eine recht hübsche Geste machte, als er den Befehl

gab, uns um einen Kopf kürzer zu machen!“

Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die

Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den

Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiß nicht

in den Sinn, die Flinte in’s Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche

sie früher wohl gegen einander fühlten, hatte einer innigen Freundschaft

Platz gemacht. Durch die Umstände einander genähert, dachten sie gar nicht

daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnützen Eifersucht

waren für immer gelöscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er

seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu

erinnern; die gegenseitige Annäherung erleichterte die Zwecke der

Reportage, gewiß zum Vortheile der beiderseitigen Leser.

„Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit

anfangen?

— Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu

sehen, was dort geschieht.

— Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,

uns einem russischen Corps anzuschließen? –

— Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr

tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die

Civilisation verbreiten, und offenbar hätten die Volksstämme Centralasiens

Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu

gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann

nur eine Frage der Zeit sein.“

Das Erscheinen Iwan Ogareff’s, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre

Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine große Gefahr für

Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff

vor Augen führte, mußte dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,

den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael

Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan

hätte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mußte er doch der

Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit werden, – was der Erreichung seiner

Ziele gewiß nicht förderlich sein konnte.

Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff’s. Dagegen

durfte es als eine glückliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, daß

noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur

Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.

Michael Strogoff’s lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Seine

Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der übrigen Gefangenen zu

erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plänklern in die Hände zu

fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in großer Anzahl

umschwärmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff’s aber und der Furcht, von

diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber

auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen

solle.

Michael Strogoff hätte sich wahrscheinlich noch für das letztere

entschieden, als ihm zu Ohren kam, daß Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der

Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.

„Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz

ausnahmsweise günstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk

überwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten

immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden über die am meisten nach Osten

vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage

Geduld und dann stehe Gott mir bei!“

In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die

Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch

die Steppe zurückzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine

Entfernung von einhundertfünfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an

nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer

aber den unglücklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwächten

Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug über die sibirische

Heerstraße bezeichnen.

Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem

Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.

Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry

Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die

wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte.

Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten

Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie

von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein

Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes

nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als

die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu

kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte

auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand

versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren.

Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes

Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu

leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine

Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur

Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden

Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen

stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten

konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten

nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der

gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die

geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen

zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb

abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf

diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen

können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie

hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich

Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen.

Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten

sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die

Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art

Hochachtung zu sichern.

Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem

Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt

gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die

Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das

Marfa Strogoff’s.

Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der

sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael

Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für

immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich

überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz

auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den

Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu

geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das

Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße

getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte

ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine

Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so

jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der

Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr

Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen

ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser

Erinnerung.

„Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es

selbst nicht mehr kann?“

Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:

„Mach es, Herr, daß ich es sein darf!“

Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß

anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes

Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den

Gott ihr nicht erst hätte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder

verlieren sollte!...

Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden

ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.

Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa

Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß

diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters

sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen

war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band

der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte?

Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer

Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose

unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und

Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen

Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der

dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir

wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für

jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu

ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit

der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht

erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder

abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge

Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel

ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia

theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den

qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer

jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den

Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf

gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem

Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.

„Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan

hast!“ sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer

langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.

Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im

Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal

über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus

leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich

allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen

Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte.

Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes

unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie

eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das

Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr

seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet

war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste

Theilnahme der alten Sibirerin.

„Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus!

Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,

von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus

Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?

— Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in

allen andern Dingen die Wahrheit sprach?“

Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere

Fragen zu stellen.

„Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir

versichert, daß er es war, sagte sie.

— Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia.

— So wäre mein Sohn auch gewesen“, murmelte Marfa Strogoff halb für sich.

Dann fuhr sie fort:

„Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn

erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut

eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie

eine Mutter?

— Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!

— Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen?

— Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held!

— Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er

im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ?

— Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.

— Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.

— Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß

mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann.

— Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und

Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,

in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff

verachtet?

— Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge

Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.“

Die alte Frau schwieg einen Augenblick.

„Er war groß? fragte sie hierauf.

— Sehr groß.

— Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.

— Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend.

— Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die

alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme.

— Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!

— Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein

Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von

seiner Mutter gesprochen?

— Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm

von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!

— Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt“,

schluchzte die alte Frau.

Dann fügte sie ruhiger hinzu:

„Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,

welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk

einmal zu sehen?

— Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.

— Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?

— Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus

Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,

gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für

ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und

Gewissenspflicht.

— Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte

Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren

Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach

vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt

Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du

hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir

angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein

Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,

Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.

— Ich verlange keine Belohnung, Mutter“, antwortete Nadia.

Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das

unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu

Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen

Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff

gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er

durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine

Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.

„O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht

verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es

wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!“

Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit

belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus

Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch

umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst

gesprochen hatte!...

Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen:

„Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für

immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und

vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott

kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei!... Hoffe

noch immer, meine Tochter! Mach’ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche

ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!“

Drittes Capitel.

Schlag für Schlag.

In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und

Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn

dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig

betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich

verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude

gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen.

Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan

gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig

mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.

Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen,

welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt.

Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs

oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge.

Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren

mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder

band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der

Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.

Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,

so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen

brachen, um nicht wieder aufzustehen.

In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den

ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den

Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten

Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter

und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die

seinige.

Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und

solch’ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle

furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die

durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger

geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so

daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst

unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der

Bewegung, ein endloser Weg zu sein!

Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des

Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach

Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige

magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen

Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch

den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor

allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte

man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem

Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï

darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die

Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des

Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr,

die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die

gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu

marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt

und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen

Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte

nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen

Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von

der Straße durfte nicht abgewichen werden.

Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher

Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre

Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher

getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.

So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin

helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei

bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen

Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte

die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn

die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz

wieder einzunehmen.

Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest

stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die

nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, „auf

Unkosten des Emirs“ bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch

den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen

berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im

Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung

gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von

diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die

Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,

wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden

bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden

Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden

Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene

Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.

Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen

Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die

Straße mit dem Laufe des Tom.

Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre

Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als

bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit

gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht

einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die

sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man

eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu

durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten

Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos

dichter Cordon von Feldwachen.

Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von

hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über

die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen

jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen,

um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen.

Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der

Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk

hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener

wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden.

Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der

Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden

Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.

Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage

vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück

gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des

tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst

ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die

Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in

Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen

gebräuchlichen Pompe empfangen wollte.

Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s

Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und

einige Ruhe genießen.

Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein

schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer

des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der

Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen

vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu

erobern.

Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte

daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst

erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen

tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen.

Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,

plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.

Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!

Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.

Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug

Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte

compromittiren können.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael

Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte

sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie

zurück und raunte ihr in’s Ohr:

„Bleib’ hier, meine Tochter!

— Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er

lebt, Mutter! Er ist es!

— Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael

Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir

darin, meine Tochter!“

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl

je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese

beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der

Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun,

wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit

der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff

hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.

Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,

seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem

herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und

die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit

konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu

sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in

Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war,

hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,

an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt

zurück ließ.

Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im

Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen

haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene,

trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s,

beobachtet wurden.

Auch die Zigeunerin befand sich nämlich am Ufer, wo sie wie immer die alte

Sibirerin ohne deren Wissen argwöhnisch überwachte. Michael Strogoff,

welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar

nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie

Nadia zurück hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen

Marfa’s sagte ihr Alles.

Es stand ihr nun außer Zweifel, daß der Sohn Marfa Strogoff’s, der Courier

des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan

Ogareff’s befinden müsse.

Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wußte, daß er da war! Sie suchte ihn

vorläufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten

in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmöglich schien.

Auch eine weitere Beobachtung Nadia’s und Marfa Strogoff’s hielt sie für

nutzlos. Offenbar würden die beiden Frauen äußerst vorsichtig sein und

Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend

compromittiren könnte.

Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu

erstatten. Sie verließ also sofort das Lager.

Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in

das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.

Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.

„Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.

— Der Sohn Marfa Strogoff’s befindet sich im Lager, antwortete das Weib.

— Als Gefangener?

— Als Gefangener!

— O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...

— Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in’s Wort, denn Du

kennst ihn ja nicht.

— Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!

— Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine

Bewegung, die mir Alles erklärte.

— Täuschest Du Dich nicht?

— Ich täusche mich nicht.

— Du weißt, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,

sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls übergebene

Cabinetsschreiben dem Großfürsten ausgehändigt, so wird dieser auf seiner

Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nähern vermögen. Jenen Brief muß

ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der

Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner

Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, täuschte Dich Deine

Beobachtung nicht?“

Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen

Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der

bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in

ihrer Ueberzeugung.

„Ich täusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.

— Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,

daß Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.

— Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,

ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man

wird seine Mutter zum Sprechen zwingen müssen.

— Morgen soll das geschehen!“ erwiderte Iwan Ogareff.

Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese küßte sie, ohne

daß diese bei den Völkerschaften des Nordens so gebräuchliche

Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwürfigkeit zeigte.

Sangarre kehrte nach dem Lager zurück. Sie spürte bald die Stelle aus, an

der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und ließ diese nun die ganze

Nacht über nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen

schliefen nicht, trotzdem daß die Erschöpfung sie fast übermannte. Eine

fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber

Gefangener gleich ihnen. Wußte das Iwan Ogareff, und wenn nicht, würde er

es noch erfahren? Nadia beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, daß

ihr todt geglaubter Gefährte noch lebe. Marfa Strogoff’s Blick reichte

weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,

so hatte sie doch Grund genug, für ihren Sohn das Schlimmste zu

befürchten.

Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und

verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie

durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und

Nadia, überhaupt ein Wort zu wechseln.

Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten

helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten

augenblicklich unter die Waffen.

Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe

tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch

finsterer, als gewöhnlich, und die strengen Züge verriethen einen

verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.

Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind

vorüber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefühl, daß jetzt eine

Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wußte, daß Marfa Strogoff die

Mutter Michael Strogoff’s, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,

sei.

Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,

und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.

Da näherte sich Sangarre wieder und sagte:

„Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!“

Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der

Officiere.

Bald darauf drängten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen

der Gefangenen. Von Peitschenschlägen getrieben oder von Lanzenschäften

gestoßen, mußten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des

Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fußsoldaten, und hinter

diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmöglich.

Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff’s begab

sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.

Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.

Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu

Nadia und sagte zu ihr mit gedämpfter Stimme:

„Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart

diese Prüfung werden möge, – kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich

hier um ihn, nicht um mich!“

Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand

auf die Schulter der alten Sibirerin.

„Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.

— Komm’ mit mir!“ erwiderte Sangarre.

Fortdrängend führte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan

Ogareff.

Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das

Aufflammen seiner Augen zu verrathen.

Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz

empor, kreuzte die Arme und wartete.

„Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.

— Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.

— Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in

Omsk um Etwas fragte?

— Nein.

— Du weißt also nicht, daß Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk

gekommen ist?

— Das weiß ich nicht.

— Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen

glaubtest, das war Dein Sohn nicht?

— Nein, das war er nicht.

— Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht

gekommen?

— Nein.

— Und wenn ich Dir ihn zeigte, würdest Du ihn wieder erkennen?

— Nein.“

Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschütterlichen Entschlusses,

nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.

Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.

„So höre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.

— Nein!

— Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Männer werden Dir vorgeführt

werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich

ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorüber gekommen sind.“

Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, daß er die unbeugsame Sibirerin trotz

aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen können. Um den

Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als

auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es für unmöglich, daß Mutter und

Sohn, wenn sie einander gegenüber ständen, sich nicht durch irgend eine

Bewegung verrathen sollten. Wäre es ihm nur allein um das kaiserliche

Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur

Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das

Schriftstück aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt

durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,

nach Irkutsk zu flüchten, so waren Iwan Ogareff’s Pläne durchkreuzt. Der

Verräther mußte sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des

Ueberbringers desselben versichern.

Nadia hatte Alles mit angehört; sie wußte nun, wer Michael Strogoff sei

und warum er die von den Feinden überfallenen Provinzen Sibiriens

unerkannt durchreisen wollte.

Auf Iwan Ogareff’s Befehl defilirten die Gefangenen Mann für Mann vor

Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsäule, und deren

Blicke die vollständigste Gleichgiltigkeit heuchelten.

Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor

seiner Mutter vorüber schritt, schloß Nadia die Augen, um es nicht mit

anzusehen.

Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand

blutete, so fest hatten sich die Nägel eingepreßt.

Iwan Ogareff war vorläufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!

Sangarre, welche neben ihm stand, äußerte nur ein Wort.

„Die Knute herbei! sagte sie.

— Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute

dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!“

Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand näherte sich ein

tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.

Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in

geflochtene Drahtstücken auslaufen. Man nimmt an, daß eine Verurtheilung

zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.

Marfa Strogoff wußte das wohl, aber sie wußte auch, daß keine Tortur sie

zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer

bringen.

Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden

geworfen. Man riß ihr das Kleid herunter und entblößte den Rücken. Nur

wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Säbel befestigt, so daß sie in

dessen Spitze fallen mußte, wenn der Schmerz sie niederbeugte.

Der Tartar stand bereit.

Er wartete eines Zeichens.

„Thu’ Deine Pflicht!“ sagte Iwan Ogareff.

Die Geißel pfiff durch die Luft ...

Aber bevor sie niederfiel hatte eine kräftige Faust sie der Hand des

Tartaren entrissen.

Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser

entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,

als die Peitsche Iwan Ogareff’s ihn selbst traf, hier, wo sie seiner

Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.

Iwan Ogareff hatte gesiegt.

„Michael Strogoff!“ rief er.

Dann trat er näher.

„Ah, sagte er höhnisch, der Mann von Ichim?

— Derselbe!“ schrie Michael Strogoff.

Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wüthend mehrmals

in’s Gesicht.

„Schlag für Schlag! rief er.

— Brav zurückerstattet!“ ließ sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,

die sich glücklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.

Ein Haufe Soldaten stürzte sich auf Michael Strogoff, um ihn

umzubringen ...

Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,

hielt sie durch eine Handbewegung zurück.

„Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man

durchsuche ihn!“

Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael

Strogoff’s gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu

vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.

Der Zuschauer, von dem der Ausruf: „Brav zurückerstattet!“ herrührte, war

kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefährte und er wohnten, da sie

sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.

„Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind

doch handfeste Männer. Sie geben doch zu, daß wir unsrem Reisegefährten

nun eine Ehrenerklärung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die

Wage! Eine schöne Revanche für die Schmach in Ichim!

— Gewiß, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser

Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse hätte er wohl

besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.

— Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!

— Glauben Sie, daß er dieser und seiner Schwester durch seinen

Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?

— Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiß auch nichts,

als daß ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt hätte. O, zum

Teufel, manchmal muß man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott hätte

Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, daß wir

stets und allezeit unerregt blieben.

— Ein hübsches Thema für eine Erzählung! meinte Harry Blount. Nun sollte

uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!...“

Nachdem er sich das Blut, das ihm über das Antlitz rann, abgewischt, hatte

Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam

durch, so als wollte er seinem Gedächtniß jedes Wort des Inhaltes

einprägen.

Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit

den übrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann übernahm er den

Befehl über die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter

betäubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in

der der Emir ihn erwartete.

Viertes Capitel.

Der siegreiche Einzug.

Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegründet, ist eine

der bedeutendsten Städte des asiatischen Rußlands. Tobolsk, das schon über

den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das über den 100. Meridian hinaus liegt,

sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.

Dennoch ist, wie schon erwähnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt

dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt

vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur

hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaïberge, d. h.

an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den

Abhängen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige

Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das

Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der

einträglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der äußere und innere

Luxus der Gebäude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit

den größten Hauptstädten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine

Stadt der Millionäre vom Schlägel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre

nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu

beherbergen, so tröstet sie sich damit, daß der erste Kaufmann der Stadt,

der Hauptconcessionär der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten

Range der Notabeln des Reiches zählt.

Früher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.

Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine große Reise. Jetzt ist das,

vorausgesetzt, daß keine wilden Feindeshorden die Straße umschwärmen,

durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der

Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit

Perm in Verbindung setzen soll.

Hält man Tomsk für eine schöne Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen

in dieser Hinsicht nur wenig überein. Frau von Bourboulon, welche auf

ihrer Reise von Shang-haï nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,

nennt es einen wenig malerischen Häuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist

es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebäuden aus Granit

und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in

sibirischen Städten findet, wenig abweichenden Straßen, mit schmutzigen

Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen

schweigsame Betrunkene umhertaumeln, „deren Trunkenheit ebenso apathisch

erscheint, wie bei allen Völkern des Nordens“.

Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte

Bewunderung. Sollte das nur daher rühren, daß er es mitten im Winter sah,

wogegen Frau von Bourboulon es nur während des Sommers besuchte? Das ist

wohl möglich und würde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,

daß man kalte Länder nur während der kalten Jahreszeit, warme nur während

der heißen wirklich kennen und beurtheilen lernt.

Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, daß Tomsk nicht nur die

schönste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der hübschesten Städte

überhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Säulengängen und Peristylen

geschmückten Häuser, die bequemen Holztrottoirs, wie überhaupt die

breiten, regelmäßigen Straßen, sammt den fünfzehn prächtigen Kirchen, die

sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,

wiederspiegeln.

Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei

einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenförmig über einen

langgestreckten, aber steil abfallenden Hügel aus.

Die hübscheste Stadt der Welt wird aber zur häßlichsten, wenn Feinde in

ihr hausen. Wer hätte sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von

wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuß hatte sie dem Anprall der tartarischen

Heersäulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der

Stadtbevölkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben

ungern empfangen, und für den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch

oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara

versetzt worden wäre.

In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu

Ehren sollte ein Fest mit Gesängen, Tänzen und Schaugepränge abgehalten

werden, dessen Ende wie gewöhnlich in eine lärmende, wilde Orgie auslief.

Der für diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen

ausgewählte Platz nahm eine geräumige Ebene auf einem Theile des Hügels

ein, der sich etwa hundert Fuß hoch über den Tom erhebt. Den Rahmen dieser

Fläche bildeten einerseits die langen eleganten Häuserreihen, die vielen

Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen

des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Wälder, oder in

der Nähe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.

An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse

provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen

Palastes – wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,

halb tartarischen Baudenkmäler, – in bizarrstem Style errichtet. Ueber

diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den

höchsten Zweigen der Bäume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu

Hunderten gezähmte Störche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt

waren.

Jene Terrasse blieb reservirt für den Hofstaat des Emirs, für die

verbündeten Khans, die Großwürdenträger des Reiches und für die Harems

eines jeden der turkomanischen Fürsten.

Unter den Sultaninnen, zum größten Theile übrigens nur auf den Märkten von

Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht

unverhüllt, während Andere fast vollständig unter einem dichten Schleier

verborgen waren. Alle erschienen in der prächtigsten Kleidung. Reizende

Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rückseite aufgeschlagen, eine

eigenthümliche Faltenordnung zeigten, ließen ihre entblößten Arme sehen,

deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden

erschienen, und ihre kleinen Hände, an denen die Fingernägel mit dem Safte

der „Henneh“ gefärbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,

welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Fäden des Spinnengewebes, zum

Theil aus wundervoll weichem „Aladja“ (ein schmalgestreifter, herrlicher

Baumwollstoff) bestanden, ließ sich jenes vornehme Rascheln hören, das den

Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe

erglänzten brocatne kurze Röckchen über den seidenen Beinkleidern, welche

letztere ein wenig oberhalb der feinen, graziös geschweiften und mit

echten Perlen geschmückten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos

erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die

unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schönen Augen, die

prächtigen Zähne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die

tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und

die mit Bleiglätte gefärbten Lider hervorgehoben wurden.

Am Fuße der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die

Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekrümmten Säbeln an der Seite,

einem Dolch im Gürtel und der zehn Fuß langen Lanze in der Hand. Einige

dieser Tartaren trugen weiße Stäbe, Andere ungeheure Hellebarden mit

mächtigen Troddeln aus Gold- und Silberfäden.

Ringsumher, bis zu den äußersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen

Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, drängte sich eine

wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewürfelt aus allen Eingeborenen

Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen

Schaffellmützen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem „Arkaluk“, einer

besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten

sich Turkomanen in ihrem Nationalcostüm, langen Beinkleidern von

schreiender Farbe, Westen und Mänteln aus Kameelhaar, rothen entweder

konisch oder auch oben erweiterten Mützen, hohen juchtenen Stiefeln,

Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Nähe

ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von

Natur üppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu

verlängern pflegen, mit unter der „Tjuba“ offnem, blauem, purpurnem oder

grünem Hemd, die Beine in farbige Bänder eingeschnürt, die sich bis herab

über den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, – so als ob

sich alle Völkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des

Emirs erhoben hätten, – an der Stirn und den Schläfen rasirte Mandschus

mit geflochtenem Haar, langen Ueberröcken, einem Gürtel, der die Taille

über einem seidnen Hemd umschloß, mit ovalen kirschrothen Atlasmützen mit

gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen

aus der Mandschurei, coquett mit künstlichen Blumen coiffirt, welche

reizende Häubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen

Haaren trugen. Außer diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,

Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste

Geladenen mischten.

Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen

nicht hatte fliehen können, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, daß

Feofar-Khan noch, zum würdigen Schluß dieser Siegesfestlichkeit, einen

Befehl zum Plündern ergehen lassen könne.

Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet

von lustigen Fanfaren, Tamtamschlägen, von Kanonen- und Gewehrsalven.

Feofar ritt sein Lieblingsroß, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten

funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten

die Khans von Khokhand und Kunduz, die Großwürdenträger des Khanates und

als Gefolge ein zahlreicher Stab.

Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar’s die Terrasse,

gewissermaßen die Königin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der

bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Königin oder Sklavin,

jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswürdiger

Schönheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich

nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhülltem

Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die

blendendweißen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten

Schleier bedeckt waren, der sich rückwärts an eine Art mit den

werthvollsten Gemmen geschmückte Haube anschloß. Unter der Tunica von

blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der „Zir-djameh“ von

Seidengaze herab und über den Gürtel faltete sich der „Pirahn“, eine Art

Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu graziös

ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln

an den Füßen glänzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,

goldenen Tomans an Silberschnüren, Kränze von Türkisen, Achate, Smaragde,

Opale und Saphire, daß ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt

erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenprächtig an ihrem Halse,

den Armen, den Händen, am Gürtel und an den Füßen blitzten, wären mit

Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem

Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, hätte man glauben können,

daß sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten

elektrischen Bogen verbunden seien.

Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen

Staatsbeamten und militärischen Würdenträger des Gefolges. Alle nahmen

Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse

erhob. Vor dem Zelte lag wie gewöhnlich der geöffnete Koran auf dem

heiligen Tische.

Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) · 第 8 / 15 题