Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder

einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden

Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte

im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,

keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe,

welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die

Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael

Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das

fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller

Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden

Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu

handeln?

Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr

begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr

aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern

auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße

gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße,

dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von

Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine

Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des

Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein

monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe

des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere

verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den

Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens

vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast

zusammen.

„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael

Strogoff den Jemschik.

— Um ein Uhr früh ... wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit

ungläubigem Kopfschütteln.

— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den

Bergen, nicht wahr?

— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.

— Hast Du Furcht?

— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest,

abzufahren.

— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.

— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein

Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.

In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es

glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher

noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,

dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff

einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm

brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten

durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder

schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht

hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte

bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor

sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.

Stutzend hielten die Pferde still.

„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter

knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.

Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.

„Schläfst Du, Schwester? fragte er.

— Nein, Bruder.

— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!

— Ich bin bereit.“

Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.

Wild tobte der Sturmwind heran.

Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die

Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine

schreckliche Gefahr.

Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche

der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen

gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er

unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.

Von den Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es

ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die

Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen,

von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,

Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu

zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines

Gespannes.

Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe.

Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe,

die Thiere zu bändigen.

Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an

der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte,

etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.

Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang

herab zu poltern.

„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.

— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während

er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht

einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,

uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.

— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für

das linke werde ich stehen!“

Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und

er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu

werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie

jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine

Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm

aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.

„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.

— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre

Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.

Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm

verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.

„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.

— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu

überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.

— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.

— Mach’ es wie ich, ziehe sie!

— Diese Windstöße werden sich wiederholen.

— Wirst Du gehorchen?

— Du willst es.

— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum

ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers

gebrauchte.

— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das

Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.

So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht

mehr seitwärts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das

nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten.

Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei

Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.

Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt

schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die

Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der

erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.

Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese

kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel

des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein

in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel

von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum

niederschüttete.

Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer

Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den

Tarantaß herabstürzte.

Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.

Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe

antreiben.

Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.

In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß

getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er

sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte ...

Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schöpfte er eine

fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße

fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte

vorwärts.

Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust

und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd

und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.

„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene

beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.

— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!

— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.

— Gott ist mit uns, Schwester!

— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte

halblaut das junge Mädchen.

Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt,

sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden

Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff

und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem

schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den

directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne

zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden

Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier

wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien

einigermaßen haltbar, während in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone

sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.

Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel

überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense

über die Hochfläche dahin.

Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in

den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der

Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die

ganze Uralkette erschüttert.

Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich

gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf;

doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch

einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig

geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man

befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.

Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff

fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung,

die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in

welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die

Fahrt wieder fortzusetzen.

Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen

herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten

Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu

verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich

gar nicht zu denken.

Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß

diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen

lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach

Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch

darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt,

jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in

dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel

setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.

„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch

gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters

läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr

muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der

Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch

nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.

— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt

aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu

ersparen.

— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich

uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein,

als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und

dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.

— Einer Pflicht!...“ murmelte Nadia.

Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen

gleichsam zu zerstäuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen

Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche

und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern

flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer

Gigantenfackel lodernd in die Höhe.

Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob

sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.

Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges

verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s

ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:

„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“

Elftes Capitel.

Reisende in Noth.

Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße

her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes

Hilferufen.

Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von

irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.

Michael Strogoff lauschte aufmerksam.

Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als

scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.

„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.

— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!... fiel rasch der Jemschik ein.

— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene

unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das

unversucht lassen?

— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!...

— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten

Geschirrführer.

— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.

— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen

nicht allein lassen ...

— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.

— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!

— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“

Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der

Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.

„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.

— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.

Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte

den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen,

so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene

Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte,

sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, daß es

dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.

Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit

verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden

immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück

gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt

und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der

sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er

sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende

Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu

widerstehen vermochte.

Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene

Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für

Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene

sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende

Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre

Worte schon ganz deutlich.

Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, –

Folgendes:

„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?

— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.

— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!

— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.

— Und das nennen sie einen Teleg!

— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt er aus und scheint’s gar nicht

zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!

— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich

werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen

lassen!“

Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich

schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz

anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher

Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:

„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!

— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der

Bürger des Vereinigten Königreichs.

— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn

Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort!

Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!...“

Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem

Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als

das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige

Stimme vernehmen:

„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht

passiren!

— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.

Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und

gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines

sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen

Geleises fest zu sitzen schien.

Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer

weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald

die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von

Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.

„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter

diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten

Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“

Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln

des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen,

als ihn Michael Strogoff unterbrach:

„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga

gemeinschaftlich befahren haben.

— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?

— Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff.

Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde,

für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?

— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide

Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile

seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig

sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs.

Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber

keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt

und über alle Maßen drollig?

— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.

— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten

Seite anzusehen.

— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg

fortzusetzen? fragte Harry Blount.

— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich

beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife

die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik,

und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...

— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit

und ...

— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben,

trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke

oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem

Höllengalop dahinfahre!“

Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor

hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.

„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath.

Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und

folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen

befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines

meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und

kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in

Jekaterinenburg an.

— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag,

der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.

— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen

Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit

meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.

— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein

College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers

Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.

— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen

Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...

— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’

kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.

— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen,

daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!

— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.

— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften

gar nicht bemerkt haben?

— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben

von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.

— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide

Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?

— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig

ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...

— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.

— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount,

tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt,

daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen

ließe.

— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den

Tarantaß nun hierher schaffen.“

Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz

zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.

Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner

rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.

„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie

ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.

— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als

was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich

Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber

gleich die Landstraßen sperren.

— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie

weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal

begegnen, und ...“

Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge,

dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu

geben:

„Ich reise nach Omsk, meine Herren.

— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich

nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber

Neuigkeiten zu erwischen giebt.

— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen

Eifer.

— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort

wohl nicht wieder!

— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht

lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu

friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich

herumschlägt.

— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell

von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern

aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges

zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?

— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer

Ueberlegung.

— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet.

Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die

Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.

— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden

wir also zusammen sein.“

Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte

sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden

absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide

Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu

machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag für ihn

übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer

Gesellschaft zurück zu legen.

„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“

Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:

„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den

Tartareneinfall?

— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als

in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die

ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen

längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen

müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.

— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.

— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet

die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten

Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.

— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr

oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr

interessirten.

— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so

in der Luft.

— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in

Sibirien sei?

— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach

Jekaterinenburg eingeschlagen habe.

— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen,

den jene Bemerkung des französischen Correspondenten aus seiner

Schweigsamkeit aufrüttelte.

— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.

— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging?

fragte Harry Blount.

— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der

Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem

„Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.

— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine

Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.

— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in

trockenem Tone.

— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich

verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“

Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich

zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte

jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht

ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die

jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle

Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in

geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.

„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.

— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte

Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“

Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch

nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff

furchtlos nach.

Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der

den Tarantaß deckte.

Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten

Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff

konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der

vorher an sein Ohr schlug.

Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte

ein zweiter Schuß.

„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war.

Nadia! Nadia!“

Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig

vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten

versprochen hatte.

Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten

den Schauplatz.

In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte

sich ihm eine enorme Masse entgegen.

Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese

Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner

gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.

Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des

furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem

nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge

Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen

nach.

Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst

nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia

schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen,

ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den

Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.

Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge

Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief,

dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte.

Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze

Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder

entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als

jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum

zweiten Male Feuer.

Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s

aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das

junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und

das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine

leblose Masse, vor ihm zusammen.

Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die

stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene

Fell eines Bären nicht zu beschädigen.

„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage,

als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.

— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.

Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.

Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine

kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein

Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.

„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann,

Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich

umzugehen.

— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.

— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir

genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“

Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.

Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in

der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael

Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich

schön aus.

„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.

Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge

Mädchen.

Nadia verneigte sich leicht.

Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:

„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe

mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen

Pärchen!“

Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in

einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte

nur seine natürliche Steifheit.

Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden

Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das

prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel

liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr

wieder in Ordnung zu bringen.

Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in

Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung

stellen wolle.

„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt

des einen ...

— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell

genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung

erhalten.

— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.

Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und

seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.

Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte

nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man

leidlich schnell vorwärts kam.

Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das

Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den

Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, daß ein heftiger

Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.

Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit

Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten

nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und

gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja

nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere

Schwierigkeit bot.

Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem

anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten

Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.

Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses

in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten

Gemüthsruhe zu erwarten schien.

Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren

lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld

einzuheimsen.

Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn

dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der

Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln

der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚_na vodku_‘ mitten

in’s Gesicht gezeichnet.

Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen

und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.

„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem

vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir

keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“

Er zog einige Kopeken aus der Tasche.

„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da,

steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld

nicht!“

Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an

dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen

wollte.

„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den

obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande,

dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener

russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings

gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?

— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.

— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das

Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?

— Und was, wenn ich bitten darf?

— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“

Alle brachen in helles Gelächter aus.

Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und

bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren,

durch folgende Bemerkung:

„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, –

wenn er ankommt mit zwei Rädern!“

Zwölftes Capitel.

Eine Herausforderung.

Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens,

denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der

östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und

bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen

Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er

betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands

verblieb.

Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer

so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der

nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.

In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des

ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der

Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen

Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast

im Ueberfluß vorhanden sind.

Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz

ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen

und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von

Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem

Lande der Kirghisen, das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen

von Turkestan ausdehnt.

Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu

gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt

verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten

Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.

Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount

natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen.

Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an;

letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht

sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter

Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.

Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr

hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften

Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden.

Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die

sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von

1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.

Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im

Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von

Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf

der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den

im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint,

je nachdem ihr Jägerinstinct sie auf die eine oder die andere Fährte

leiten würde.

Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach

Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff

unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von

Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu

vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil

fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.

„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr

angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft

zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß

ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich

wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich

werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände

fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als

das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.

— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.

— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen

Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ...

— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem

Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“

Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne

besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s

ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort

bequem einrichtete.

Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder

ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.

Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach

Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da

wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten,

in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten

Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich

kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht

einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den

entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie

beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von

sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des

westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich

unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern,

einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem

Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und

Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber

fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch

die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die

Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit

Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann

den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.

Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen

Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre

gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie

sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von

Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt

hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines

Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden

Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner

Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen,

was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit

Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!

Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr

gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen

Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze

vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr

handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war

überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.

Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen

Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung

mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen

Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes

Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte

die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine

Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin ebenso viel

Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und

seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.

Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael

Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden

Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die

Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht

auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen

Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito

gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um

seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff

empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.

So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn

in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in

lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder

sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich

Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche

übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens

nicht von besonderem Gewichte waren.

Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten

Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen

werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu

frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel

Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst

wenig bei der Unterhaltung.

Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte

Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend

fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie,

die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten

Reise gegenüber zeigte.

Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr

mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die

Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das

Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell

und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer

Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn

sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit

russischen Adlern(3)“.

Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens

wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen

Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern

plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei

Sachen auf einmal zu thun.

Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge

Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit

halbgeschlossenen Augen:

„Welche junge Liefländerin?

— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.

— Das ist seine Schwester?

— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma

außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?

— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“

antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen

wollte.

Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast

vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht

bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten

Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie

kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell

vorwärts.

Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen

Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar

keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche

Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt

ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige

verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die

Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und

Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene

Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den

Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu

entgehen.

Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig

wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch

reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den

vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die

Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme,

welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung

erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen

ausgiebigen Gebrauch.

Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden

Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends

verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über

Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch

sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in

Irkutsk anzulangen.

Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen,

erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach

Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend

nennenswerther Zufall ereignet hätte.

Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf

eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das

Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.

Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst

weiter in Tiumen an.

Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte

jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den

Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne

metallurgische Werkstätten und Glockengießereien weithin bekannt sind, bot

noch nie vorher einen so belebten Anblick.

Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach

Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze

mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.

Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in

Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der

Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten

werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz

richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens

geführt werden würden.

Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den

europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu

entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten

sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk

zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.

Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst

zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.

Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf

einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte

diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals,

und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.

Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken

Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht

wellenförmigen Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln

der Uralberge, hinter sich.

Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis

in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne

Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich

Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten.

Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die

Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise,

wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen.

Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den

feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses

weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man

geglaubt, in der Wüste zu sein.

Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch

größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten

kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar

hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die

beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer

Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.

Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am

Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein,

vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der

Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren

oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in

der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.

Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der

That nur noch dreißig Werst von Ischim.

Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden

Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da

seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen

offenbar bald einholen.

Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche;

über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich

zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte

sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline

hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach

Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.

Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie

Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais

anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes

an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der

von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.

Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.

Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.

Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er

indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone

ihm zurufen:

„Anhalten!“

Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell

überholt.

Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf

der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline

gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke

verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse

erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit

den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.

Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im

Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das

Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das

verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach

einander, wohl zu leisten vermochte.

Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als

ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.

Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am

Eingange der Stadt Ischim anlangten.

Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die

Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen

bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf

Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen

Soldaten.

Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich

frische Pferde.

Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade

drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die

andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen

Wege in den Stallungen.

Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.

Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige

Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten,

vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer

Remise des Posthofes unterbringen.

Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die

Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.

„Gut“, erwiderte er.

Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.

„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl

die Zeit des Abschieds für uns gekommen.

— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht

ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?

— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu

haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.

— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde

streitig machen könnte?

— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.

— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für

den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es

uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.

— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount hinzu, daß wir uns nach

Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.

— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin

abgehe.

— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und

Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“

Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie

ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das

Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.

Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und

erschien in demselben eine männliche Gestalt.

Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen,

der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt,

mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen

Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er

trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner

Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.

„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu

befehlen leicht heraushörte.

— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der

Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.

— Ich brauche solche aber im Augenblick.

— Es ist unmöglich.

— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den

Tarantaß gespannt sah?

— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit

einem Hinweis auf Michael Strogoff.

— So spanne man sie wieder ab!...“ sagte der Reisende in einem Tone, der

jeden Widerspruch fast abschnitt.

Michael Strogoff trat einen Schritt vor.

„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.

— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu

verlieren.

— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael

Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten

konnte.

Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch

fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen

hätte.

„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.

Dann wandte er sich an den Postmeister:

„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte

seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor

meine Berline gespannt.“

In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen

sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den

unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.

Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe

seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte,

nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde

seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen

zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte

in Frage stellen können.

Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar

bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.

„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff,

aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen

sibirischen Kaufmann passend erschien.

Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine

Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst

Dich, mir Deine Pferde abzutreten?

— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.

— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist

weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“

Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide

und legte sich zum Fechten aus.

Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.

Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.

„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und

kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.

— Du wirst Dich nicht schlagen?

— Nein.

— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.

Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche

Michael Strogoff’s Schulter.

Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen

des jungen Mannes. Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den

rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner

mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn

seine Mission gänzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige

Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!

„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den

Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber

fest in’s Auge sah.

— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.

Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.

Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den

Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick

zu.

Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten

hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie

erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ

sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine

Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich

zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:

„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural

so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth

seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir

unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen,

daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“

Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer

Peitsche, daß die mit den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das

Posthaus verließ.

Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd

in dem Wartesaale des Relais zurück.

Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen

niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte

eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die

frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.

Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe

einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich

ungestraft hingehen zu lassen.

Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in

Nishnij-Nowgorod genähert hatte.

„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.

Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine

Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.

Dreizehntes Capitel.

Die Pflicht über Alles!

Nadia hatte es durchschaut, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die

Handlungsweise Michael Strogoff’s bestimmte, daß dieser, aus welchem

Grunde wußte sie nicht, sich nicht selbst angehörte, nicht das Recht

hatte, über seine Person zu verfügen, und daß er unter diesen Umständen

sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenüber einer so

frechen, tödtlichen Beleidigung.

Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklärung zu

beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden

Morgen nicht zu beschaffen; man mußte demnach die ganze Nacht auf dem

Relais zubringen. Für Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so

nöthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewähren. Es wurde für

sie also ein Zimmer zurecht gemacht.

Gewiß wäre das junge Mädchen lieber bei ihrem Reisegefährten geblieben,

aber sie fühlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte

sich an, das für sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.

Unmöglich war es ihr aber, sich zurück zu ziehen, ohne sich von Jenem

wenigstens zu verabschieden.

„Lieber Bruder ...“, flüsterte sie noch einmal.

Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein

Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens, und schweigend verließ

sie das Zimmer.

Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er hätte unmöglich Schlaf finden

können. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen

Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.

„Für das Vaterland und für dessen Vater!“ murmelte er endlich am Schlusse

eines stillen Abendgebetes.

Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der

Mann sein möge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er käme, wohin er

ginge. Die Gesichtszüge desselben hatten sich seinem Gedächtniß so tief

eingeprägt, daß er nie zu befürchten brauchte, dieselben zu vergessen.

Michael Strogoff ließ den Postmeister rufen.

Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann

etwas über die Achsel an und erwartete dessen Begehren.

„Du bist selbst aus diesem Lande?

— Ja.

— Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?

— Nein.

— Du hast ihn nie vorher gesehen?

— Niemals.

— Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?

— Ein großer Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiß!“

Wie ein Dolchstoß traf Michael Strogoff’s Blick den Sibirier bis in’s

Herz, aber der Postmeister rührte die Augenlider nicht.

„Du unterstehst Dich, über mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.

— Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die

auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.

— Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?

— Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,

Dir das sagen zu können.“

Michael Strogoff näherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden

wuchtigen Hände auf die Schultern.

Dann sagte er mit besonders gemäßigter Stimme:

„Geh’ Deines Weges, guter Freund! – Geh’, ich könnte Dich umbringen!“

Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht mißverstanden. „So sehe ich Dich

lieber“, sagte er noch halblaut.

Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wartesaal.

Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantaß Morgens acht Uhr mit drei

muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,

und Ischim, für Beide eine Stadt mit so betrübender Erinnerung, verschwand

bald hinter einer Biegung der Straße.

Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages

berührte, konnte er sich überzeugen, daß die Berline ihm immerfort auf dem

Wege nach Irkutsk vorausfuhr und daß der Reisende, der es offenbar ebenso

eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.

Gegen vier Uhr Abends mußte, fünfundsiebzig Werst weiter, bei der Station

Abatskaja, der Ischimfluß, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,

überschritten werden.

Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene über den Tobol. Die

Strömung des Ischim ist nämlich gerade an dieser Stelle eine besonders

heftige. Während des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflüsse,

welche der Frost mit mehrere Fuß dickem Eise belegt, leicht zu passiren;

ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weißen Decke, welche sich

über die ganze Hälfte des größten Erdtheils lagert; im Sommer können sie

dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt über den Ischim hin, – zwei

Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung

brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende

Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.

Diese lauteten etwa folgendermaßen:

Einzelne Plänkler von Feofar-Khan’s Truppen waren schon an beiden Ufern

des unteren Ischim, in den südlichen Landstrichen des Gouvernements

Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von

einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der

Grenze des Gebietes der großen Kirghisenhorde, – ein Treffen, das für die

auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen

sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rückzug, der gleichzeitig

eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansässigen Bauern zur

Folge hatte. Man erzählte sich von haarsträubenden Frevelthaten der

Eindringlinge, von Plünderungen, Diebstählen, Brandstiftungen und

Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegführung der Tartaren. Von allen

Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan’s zu entfliehen. Bei

dieser Entvölkerung der Flecken und Dörfer fürchtete Michael Strogoff vor

Allem, daß es ihm an den nöthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen

könne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mögliche Weise.

Jenseits dieser Stadt schien es eher möglich, den tartarischen Plänklern,

die längs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie

Straße nach Irkutsk zu erreichen.

Der Tarantaß überschritt den Fluß übrigens gerade am Ende der Stelle,

welche man in der Militärsprache als „die Ischimsperre“ bezeichnet, eine

Reihe von hölzernen Thürmen und Fortificationsanlagen, die sich von der

südlichen Grenze Sibiriens in einer Länge von 400 Werst (= 427 Kilometer)

nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhäuser u. s. w. von

Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen

Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die

moskowitische Regierung diese Horden aber für vollständig unterworfen

hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nützen,

obschon sie gerade jetzt hätten recht vortheilhaft vertheidigt werden

können. Der größte Theil dieser Blockhäuser lag in Asche, und einige

Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,

bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annäherung der tartarischen

Vorhut.

Sobald die Fähre den Tarantaß nebst Bespannung an das rechte Flußufer

befördert hatte, ward der Weg durch die Steppe in möglichster

Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.

Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmäßig verschleiert. Wiederholt

fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu

löschen und den Weg eher zu bessern.

Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trübem

Schweigen, ohne daß er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,

Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast möglichst

zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage über des jungen Mädchens Lippen

kam. Wie gern hätte sie den Pferden des Tarantaß Flügel verliehen! Ein

unbekanntes Etwas rief ihr zu, daß ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,

in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie

jetzt noch von diesem Ziele!

In ihr stieg auch der Gedanke auf, daß bei einer Besetzung von Omsk durch

die Tartaren Michael Strogoff’s alte Mutter, welche ja in dieser Stadt

wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf’s

schmerzlichste beunruhigen mußten, und daß hierin wohl ein hinreichender

Erklärungsgrund zu finden sei für seine Ungeduld, möglichst schnell bei

ihr einzutreffen.

Nadia hielt es also für gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm

zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so

ernsthaften Ereignisse befand.

„Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine

Nachricht erhalten? fragte sie.

— Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei

Monaten, dieser enthielt jedoch nur günstige Nachrichten. Marfa ist eine

energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters

bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiß sich

auch in mißliche Umstände zu schicken.

— Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mädchen. Da

Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa’s Tochter!“

Michael Strogoff antwortete nicht sofort.

„Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen können? fügte sie hinzu.

— Das ist wohl möglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe

sogar, daß es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die

alte Marfa ist von Haß gegen die Tartaren erfüllt. Sie kennt die Steppe,

sie hat keine Furcht, und ich wünschte, sie hätte ihren Stab ergriffen und

wäre längs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es

keinen Ort, der ihr unbekannt wäre. Wie oft hat sie das ganze Land an der

Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als

Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzügen durch die sibirische

Wüstenei! Gewiß, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glücklich

verlassen haben.

— Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?

— Jedenfalls ... auf der Rückreise.

— Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wäre, wirst Du ein Stündchen opfern,

sie zu umarmen?

— Ich werde nicht erst zu ihr gehen.

— Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?

— Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mühsam

hob und der wohl einsah, daß er die Fragen des jungen Mädchens noch weiter

zu beantworten nicht im Stande sei.

— Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen könnten Dich, wenn Deine

Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?

— Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gründen meiner

Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veränderten

Stimme, daß das junge Mädchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der

Ursachen, die mich meinen Zorn überwinden ließen gegenüber jenem Elenden,

dessen ...“

Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.

„Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.

Ich weiß nur Eines, oder vielmehr ich weiß es nicht, aber ich fühle es,

daß jetzt nur ein Gefühl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefühl einer

noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter

bindet!“

Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespräch,

welches zu der gegenwärtigen eigenthümlichen Lage Michael Strogoff’s

irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniß, gewiß ein wichtiges,

vor. Sie achtete es aufrichtig.

Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantaß um drei Uhr früh bei dem

Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am

Ischim gegen 120 Werst zurückgelegt hatte.

Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indeß erhob hier zum ersten Male der

Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, daß

Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und daß Reisende, Pferde

und Wagen für jenes Raubgesindel eine erwünschte Beute sein würden.

Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender

Münze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fällen wollte er von seinem

Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen

übermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen

Russen lenkte sich dadurch, daß er von der Befolgung der in jenem

enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine

Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden

suchte. Sollten die ausgesprochenen Befürchtungen des Jemschiks vielleicht

nur daher rühren, daß der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des

Reisenden gründete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer

zu befürchten?

Endlich fuhr der Tarantaß ab und bewegte sich mit einer solchen

Schnelligkeit weiter, daß er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoë, in

einer Entfernung von 80 Werst, glücklich erreichte. Eine Stunde später

befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20

Werst entfernt.

Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen

Hauptarterien, die ihre Wässer nach dem Norden Asiens hinabrollen.

Entsprungen in den Altaïbergen, wendet er sich schräg von Südosten nach

Nordwesten und mündet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den

Obi ein.

Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Ströme der

sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein

ungewöhnlich hoher, so daß die heftige, fast reißende Strömung die

Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste

Schwimmer hätte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst

eine Fähre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt über den Irtysch, bot jetzt

einige Gefahren.

Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael

Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide

entschlossen waren, all’ und jedem Hinderniß ohne Besinnen zu trotzen.

Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den

Vorschlag, erst allein über den Fluß zu gehen, indem er sich auf der mit

dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fähre einschiffen wollte, denn

er fürchtete, daß das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fähre

einigermaßen in Frage stellen könne. Nachdem er Pferde und Wagen am

jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurückkehren, um Nadia abzuholen.

Nadia verweigerte diese Rücksichtnahme, welche eine volle Stunde

Zeitverlust veranlaßt hätte, und sie wollte um ihrer persönlichen

Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzögerung sein.

Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand

jetzt theilweise unter Wasser und die Fähre konnte in Folge dessen nicht

so nahe anlegen.

Nach halbstündiger Anstrengung brachte der Fährmann den Tarantaß und die

drei Pferde glücklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und

der Jemschik schifften sich ein, und man stieß nun vom Ufer.

Während der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der

sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete

hier eine Art Wirbel, welchen die Fähre leicht überwand. Die beiden

Schiffer stießen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr

geschickt bedienten, vorwärts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes

näherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so daß von den Stangen

kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter

stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuß aus dem

Wasser, was die Arbeit der Leute natürlich nicht wenig erschwerte.

Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fähre Platz

genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzögerung zu

erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsführer.

„Achtung!“ rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.

Diesen Zuruf veranlaßte eine unerwartete Wendung der Fähre, welche mit

großer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strömung des

Flusses ergriffen und von dieser stromabwärts mit fortgerissen. Es

handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die

Fähre wieder in schräge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu

bringen. Die Bootsführer ließen nichts unversucht, und es gelang ihnen,

wenn auch mit einiger Mühe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu

verändern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.

Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, daß das Fährboot fünf bis sechs

Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen würde, was ja

nicht von zu großer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glücklich

das Land erreichten.

Die beiden Bootsführer, kräftige Männer, welche noch das Versprechen eines

reichlichen Fährgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten

Zweifel in das glückliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.

Dabei ließen sie freilich einen Zwischenfall außer Acht, den sie unmöglich

voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick hätten eben

gegen diesen etwas auszurichten vermocht.

Die Fähre befand sich inmitten der Strömung, etwa in gleicher Entfernung

von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der

Stunde mit jener thalabwärts, als Michael Strogoff sich erhob und mit

gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwärts richtete.

Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer

Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch

der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerüstet waren.

Auf Michael Strogoff’s Stirn bildeten sich plötzlich einige Falten und ein

leiser Schrei kam unwillkürlich über seine Lippen.

„Was giebt es?“ fragte das junge Mädchen.

Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der

Bootsführer mit erschrockener Stimme:

„Die Tartaren! Die Tartaren!“

Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in

größter Schnelligkeit hinab und mußten binnen wenigen Minuten die Fähre

erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug

entweichen zu können.

Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fährleute verzweifelt auf und

verließen ihre Bootshaken.

„Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fünfzig Rubel sind

euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels

erreichen!“

Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmüthigen Fährleute so

weit, daß sie mit dem Aufgebot aller Kräfte die scharfe Strömung zu

durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmöglichkeit,

vor Ankunft der Tartaren zu landen.

Würden diese nun vorüberfahren, ohne die Fähre und ihre Insassen zu

belästigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen

Barbaren Alles zu fürchten.

„Hab’ keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor

auf Alles!

— Ich bin es, antwortete Nadia.

— Selbst Dich in den Fluß zu stürzen, wenn ich es verlangte?

— Auf Dein erstes Wort.

— Vertraue mir, Nadia.

— Ich vertraue Dir stets.“

Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert

Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche

offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.

Die Fähre befand sich jetzt noch zwei Schiffslängen weit vom Ufer. Die

Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang

ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit übermenschlicher

Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantaß noch auszuschiffen und im Galop

davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht

berittenen Tartaren zu entgehen.

Aber alle Mühe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!

„_Sarin na kitschu!_“ riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.

Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf

das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.

Und da weder er selbst noch die Bootsführer diesem Befehle gehorchten,

knatterte eine kräftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tödtlich

getroffen wurden.

Da – in diesem Augenblick, – folgte auch ein heftiger Stoß: die Barken

waren an der Langseite der Fähre angelangt.

„Komm, Nadia!“ rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr über Bord zu

stürzen.

Eben wollte das junge Mädchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von

einem Lanzenstoße getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riß ihn mit weg;

einen Augenblick noch kämpften seine Arme über den Fluthen, dann

verschwand er unter den wirbelnden Wellen.

Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,

sich Michael Strogoff nachzustürzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und

in eines der Boote gefangen gesetzt.

Einen Augenblick nachher fielen die Bootsführer, von Lanzenstichen

durchbohrt, und die Fähre trieb steuerlos weiter, während die Tartaren den

Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.

Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) · 第 5 / 15 题