— Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?

fragte der Mann.

— Wenn mir das paßt, gewiß! versetzte Michael Strogoff in einem etwas

bestimmteren Tone, als er seinem Aeußern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,

entsprach.

— Tritt heran, daß ich Dich erkenne!“

Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, daß er auf keinen

Fall eine Unklugheit begehen dürfe, wich unwillkürlich aus.

— „Mich hat Keiner nöthig zu erkennen“, erwiderte er.

Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurück.

Bei genauerer Betrachtung überzeugte er sich, daß er es mit einer Art

Zigeuner zu thun hatte, wie man sie häufig bei allen Messen und Märkten

trifft, und deren Berührung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter

erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geräumigen

Wagen, die gewöhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in

Rußland überall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen

sind.

Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich

eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thür der Bude

öffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und

eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von

mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:

„Wieder ein Spion! Laß ihn und komm zum Essen. Die ‚Papluka‘(1) wartet.“

Michael Strogoff mußte unwillkürlich lachen, als er diesen Titel hörte,

er, der vielmehr allen Spionen möglichst auswich.

In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete

der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:

„Du hast recht, Sangarre; übrigens werden wir morgen weg sein!

— Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaßen

überrascht.

— Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater

selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!“

Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurück, deren Thür von Innen

sorgfältig geschlossen wurde.

„Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,

nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart

einer andern Sprache zu bedienen.“

Als geborener Sibirier, der seine ganze frühe Jugend in der Steppe verlebt

hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwähnt, fast alle gebräuchlichen

Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner

und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekümmerte er sich blutwenig.

Welches Interesse konnte er daran haben?

Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der

Herberge zurückzukehren, um sich einige Ruhe zu gönnen. Er folgte auf

seinem Rückwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse

unzähliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte

er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden

standen auf eben dem geräumigen Platze, auf dem alljährlich die große

Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde – ein Erklärungsgrund für die

Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind

von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.

Eine Stunde später ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf

einem jener russischen Betten, welche dem Ausländer so hart vorkommen, und

erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.

Noch hatte er fünf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein

Jahrhundert dünkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen,

als mit einer Wanderung durch die Straßen wie am Tage vorher? Hatte er

sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von

der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber

nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wälzen; deshalb

stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen

Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches

er den Gürtel schnallte. Dann schloß er seinen Reisesack und warf ihn über

den Rücken. Da er nicht noch einmal nach „Stadt Konstantinopel“

zurückkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frühstücken gedachte, um

nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und

verließ das Gasthaus.

Aus übergroßer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux

der Steamer und versicherte sich, daß der „Kaukasus“ zur angegebenen

Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, daß

die junge Liefländerin, da sie ja ebenfalls über Perm reisen mußte, sich

höchst wahrscheinlich auch auf dem „Kaukasus“ einschiffen würde, in

welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mußte.

Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau

übrigens sehr ähnlich ist, erschien damals merkwürdig verödet. Selbst der

Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere

Stadt war, so belebt war dafür die untere.

Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets

bewachten Schiffbrücke über die Wolga, nach dem nämlichen Platze, wo er am

Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die

Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe

vergleichen kann, wird ein wenig außerhalb der Stadt abgehalten. Auf

weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des

Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl während der

ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den

Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhörliche Bewachung

erfordert.

Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und

langen, breiten Gängen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf-

und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Größe

und Form bildete allemal ein besonderes Quartier für je einen bestimmten

Handelszweig. Da gab es Quartiere für den Handel mit Eisenwaaren,

Quartiere für die Rauchwaaren, für Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete

Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem

sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen

in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem

Salzfleische; – es galt das als Musterkarte für die Waaren, welche die

Inhaber der Meßmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare,

fast amerikanische Reclame!

Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, über denen die früh um vier Uhr

aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen,

Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen,

Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europäern und

Asiaten, – Alles plauderte, erörterte, stritt und feilschte daselbst.

Träger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum

Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meßplatze angehäuft.

Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, türkische

Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rüstungen aus Tiflis,

Karawanenthee, europäische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus

Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Früchte,

Gemüse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums,

Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kürbisse, Wassermelonen u. s.

w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die

vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte

der Erde zusammengehäuft.

Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder

Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur

sehr zum Lärmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht

nichts nachgeben zu dürfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein

ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren über die endlosen Ebenen zu

bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Läden und

Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in

Nishny-Nowgorod ist so groß, daß der Werth der Handelstransactionen

daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark,

also 157 Mill. Gulden) beziffert.

Auf den Plätzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt

tummelten sich eine ganze Menge wandernder Künstler. Seiltänzer und

Akrobaten betäubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen

ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen

Müßiggängern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre

ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tänze producirten;

Schauspieler von auswärtigen Gesellschaften, welche die Dramen

Shakespeare’s aufführten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge,

die in hellen Haufen herzuströmte. In den langen Zwischengängen trieben

sich Bärenführer mit ihren vierbeinigen Künstlern ganz sorglos umher, und

aus den Menagerien tönten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe

Geißel oder das rothglühende Eisen des Thierbändigers in Wuth brachte;

endlich in der Mitte des großen Centralplatzes, umrahmt von einem

vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor „Seeleute der

Wolga“, die auf dem Boden saßen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und

unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen

Untersteuermanns dieses imaginären Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen

nachahmten.

Da, welch’ eigenthümliche und reizende Sitte! Ueber den Köpfen dieses

Menschenknäuels flogen ganze Wolken von Vögeln aus den Käfigen, in denen

man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod

sehr beliebten Gebrauche öffneten die Kerkermeister der Vögel gegen einige

von gutmüthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die

Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher

hinaus.

Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch während der sechs

Wochen, so lange die berühmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewöhnlich dauert.

Nach dieser geräuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lärm wie durch

einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder,

die untere versinkt zu ihrer gewöhnlichen Eintönigkeit, und von all’

diesem ungeheuren Zusammenfluß von Kaufleuten, welcher aus aller Herren

Ländern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkäufer zurück,

der irgend etwas ausböte, noch auch nur ein einziger Einkäufer, der irgend

etwas zu erhandeln suchte.

Es verdient wohl bemerkt zu werden, daß England und Frankreich bei der

dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende

Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, – durch die

Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.

Die beiden Correspondenten hatten sich nämlich zunächst hier eingefunden,

um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrücke zu sammeln, und nutzten auch die

wenigen freien Stunden nach besten Kräften aus, denn sie wollten ebenfalls

mit dem Dampfer „Kaukasus“ weiter reisen.

Sie begegneten sich gerade auf dem Meßplatze, ohne sonderlich darüber zu

erstaunen, denn der nämliche Instinct mußte sie ja auf ein und dieselbe

Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern

beschränkten sich auf eine gegenseitige, etwas kühle Begrüßung.

Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, daß hier

Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes

Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein

Notizbuch um einige für die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende

Anmerkungen.

Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode

umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel übernachten

müssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und

überlegte sich schon einen geharnischten Artikel über die Stadt, in der

die Hôteliers die Reisenden von der Thür wiesen, welche doch bereit waren,

sich „moralisch und physisch mißhandeln zu lassen.“

Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der

andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der

gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indeß hätte es ein

feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt,

daß er an seinem Zaume nagte.

Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straßen der Stadt,

um immer wieder nach dem Meßplatze zurückzukehren. Als er sich da so durch

die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten

asiatischen Ländern eine offenkundige Unruhe. Die Geschäfte lahmten

sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltänzer und

Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie

ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die

Händler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien

einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.

Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente.

In Rußland erblickt man den Soldaten überall. Die Mitglieder des Heeres

mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die

Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit

bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der

Schulter für Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000

Fremdlingen sorgen.

Heute fehlte es auf dem Meßplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an

anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein plötzliches

Ausrücken in ihren Kasernen consignirt.

Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezüglich

der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjäger und

Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der

Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewöhnliche Bewegung, welche man

sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklären konnte. Die Stafetten

jagten einander auf den Straßen der Provinz, sowohl in der Richtung von

Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg

wechselten die Telegramme unaufhörlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern

der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende

Vorsichtsmaßregeln. Man durfte nicht vergessen, daß die Stadt im 14.

Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden

war, welche Feofar-Khan’s Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.

Eine andere hohe Person, den Polizeipräfecten, drückte die Last der

Geschäfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er

selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu

nehmen, die Ausführung aller Reglements zu überwachen, kamen nicht dazu,

die Hände in den Schooß zu legen. Die Tag und Nacht geöffneten Räume des

Polizeiamtes waren unaufhörlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt,

wie von Fremden aus Europa und Asien.

Michael Strogoff befand sich gerade auf dem großen Mittelplatze, als sich

das Gerücht verbreitete, der Polizeipräfect sei soeben durch Estafette zum

Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene

Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.

Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des

Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge

einer allgemeinen Ahnung, daß eine eingreifende, ganz unerwartete und

außergewöhnliche Maßnahme in Aussicht stehe.

Michael Strogoff lauschte auf das Gerücht, um im Nothfall davon Nutzen zu

ziehen.

„Man will die Messe schließen! rief der Eine.

— Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrücken erhalten!

meinte ein Anderer.

— Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!

— Da kommt der Polizeipräfect!“ scholl es von allen Seiten.

Ein wüstes Geschrei hatte sich plötzlich erhoben, legte sich dann allmälig

und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fühlte, daß jetzt eine

wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.

Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Troß Beamter, den

Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken

begleitete ihn und brach ihm durch rücksichtslos ausgetheilte und geduldig

hingenommene Rippenstöße Bahn durch die Menge.

Der Polizeipräfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo

Jedermann sehen konnte, daß er ein Papier in der Hand hielt.

Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:

_Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._

„1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle,

das Land verlassen.

„2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden

das Land zu verlassen.“

Sechstes Capitel.

Bruder und Schwester.

In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm

eingreifen; die Umstände rechtfertigten sie gewiß vollkommen.

„Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen“ – wenn sich Iwan

Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mußte er verhindert oder es ihm

mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder

anzuschließen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber

entzogen wurde.

„Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das

Land zu verlassen“; damit schaffte man sich gründlich alle jenen Händler

aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit

den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe

hier zusammengehäuft hatte. So viele Köpfe, so viele Spione; ohne Zweifel

erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.

Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschläge, welche

auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar

empfindlicher als jede andere getroffen wurde.

Einheimische, deren Geschäftsangelegenheiten sie vielleicht über die

sibirische Grenze gerufen hätten, konnten das Land also nicht verlassen,

mindestens für den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der

Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes

Privatinteresse mußte dem öffentlichen Wohle weichen.

Auch der zweite Artikel der Verordnung ließ keinen Zweifel übrig. Er bezog

sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese

hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und

des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Für die Seiltänzer und derlei

Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurückzulegen hatten,

erschien der Befehl als ein wahres Unglück.

Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhörten Maßregeln ein Murmeln der

Entrüstung, die Kosaken und Polizisten wußten dasselbe aber bald zum

Schweigen zu bringen.

Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrüstung dieses

ungeheuren Lagers nennen könnte. Die vor und über den Buden ausgespannten

Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stücke; Tänze

und Gesänge hörten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen;

die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde

der wandelnden Wohnungen kamen aus den Ställen wieder an die Deichseln.

Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben

die Säumigen an und zögerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst

abzureißen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin

befanden. Offenbar mußte unter dem Einflusse dieser Maßregeln der Meßplatz

von Nishny-Nowgorod bald vollständig geräumt sein, und dem geräuschvollen

Leben das Schweigen der Wüste folgen.

Und – um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere

Erschwerung bei dieser Verordnung – allen jenen Nomaden, welche der

Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens

verboten, und diese mußten sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres, nach

Persien, der Türkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und

der Berge, welche gewissermaßen eine Verlängerung dieses Flusses längs der

russischen Grenze darstellten, hätten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie

hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den

Fuß auf freien Boden setzen konnten.

Eben als der Polizeipräfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael

Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemächtigte, sonderbar

erregt.

„Ein ungewöhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen

dieser Verordnung bezüglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer

Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten

Worten! ‚Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir

wollen‘, hatte der Alte gesagt. Aber ‚der Vater‘, das ist der Kaiser! Man

bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute

die gegen sie ergriffenen Maßregeln voraussehen, so als hätten sie

dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir

verdächtige Leute, denen gegenüber die Verordnung des Generalgouverneurs

weit mehr nützlich als schädlich sein wird.“

Diese ganz zeitgemäße Reflexion wurde aber in Michael Strogoff’s Geist

durch eine andere Gedankenreihe, welche sich plötzlich ihm aufdrängte,

bald unterbrochen. Er vergaß die Tsiganen, ihre verdächtigen Aeußerungen,

die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafür

trat das Bild und das Schicksal der jungen Liefländerin lebhaft vor sein

Auge.

„Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht

überschreiten können!“

In der That, das junge Mädchen aus Riga war ja Liefländerin, also Russin

und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen

neuesten Maßregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmöglich noch

Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich

verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk

zu begeben, jetzt mußte es ihr unmöglich werden, dasselbe zu erreichen.

Dieser Gedankengang beschäftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte

sich zuerst so ganz oben hin, daß er, ohne bezüglich der wichtigen ihm

anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein könnte,

dem guten Kinde einigermaßen behilflich zu sein, und er freute sich fast

über diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persönlich entgegen

ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen,

daß dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde

kannte, für jenes junge Mädchen doch ungleich furchtbarer werden mußten.

Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie

Jene; auch sie würde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen müssen,

wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie höchst wahrscheinlich,

nur die für eine Reise unter gewöhnlichen Umständen berechneten

Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhältnissen

auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefährlicher, sondern

auch weit kostspieliger machten?

„Nun gut, schloß er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm

einschlägt, ist es ja fast unmöglich, daß ich ihr nicht begegnen sollte.

Dann werde ich über sie wachen können, ohne daß sie es weiß, und da sie es

nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen,

wird sie mir keine Ursache zur Verzögerung werden.“

Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis

jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen

Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke, der

die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ.

„Ja, sagte er sich, ich könnte ihrer vielleicht doch noch mehr nöthig

haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnützlich sein

und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen.

Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, könnte man

weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen

jenes junge Mädchen, so müßte ich ja in aller Augen weit mehr als der

Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie

muß mich also begleiten, ich muß sie wiederfinden! Unmöglich kann sie sich

seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu

verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!“

Michael Strogoff verließ den großen Platz, wo der durch die Ausführung

jener Verordnung erzeugte Tumult eben den höchsten Grad erreicht hatte.

Die Einsprüche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der

Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen

Getöse. Hier konnte sich die Gesuchte unmöglich aufhalten.

Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen.

Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu

suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wünschte.

Von Neuem überschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen

Ufer, wo die Menschenmenge minder beträchtlich war. Er durchforschte, man

konnte sagen, Straße für Straße, die obere und die untere Stadt. Er trat

in die Kirchen, jener natürliche Zufluchtsort aller Weinenden und

Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Liefländerin.

„Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen

haben. Ich muß weiter suchen!“

So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne

auszuruhen, er empfand keine Ermüdung, er gehorchte einem ihn ganz

beherrschenden Gefühle, das ihm keine Zeit ließ, lange nachzudenken. Alles

vergeblich!

Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen vielleicht noch ohne alle Kenntniß

war von der ergangenen Verordnung, – zwar ein unwahrscheinlicher Umstand,

denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von

Allen gehört zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mußte an

Allem, was Sibirien betraf, wie hätten ihr die Maßnahmen des Gouverneurs

entgehen können, Maßnahmen, welche ihr so direct angingen?

Kannte sie dieselben indessen nicht, so mußte sie ja in wenig Stunden nach

dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre

Weiterreise hindern werde. Unbedingt mußte Michael Strogoff sie noch

vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu

entgehen.

Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle

Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.

Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, – was unter

anderen Verhältnissen ganz unnöthig gewesen wäre, seinen Podaroshna im

Bureau der Polizei zu präsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar

nicht treffen, da dieser Fall für ihn vorhergesehen war; aber er wollte

sich überzeugen, daß seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.

Der Courier mußte deshalb nach der andern Seite des Flusses zurückkehren,

nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipräfecten zur Zeit

befanden.

Dort war ein großer Zusammenfluß von Menschen, denn wenn die Ausländer

auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte

ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitäten vor der Abreise. Ohne dem

hätte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte

Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen

können, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem

Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die

Erlaubniß zur Abreise erst zu beschaffen.

Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern,

Bänkelsängern, Zigeunern und Tsiganen, außer diesen aber von Kaufleuten

aus Persien, der Türkei, Turkestan und China buchstäblich vollgepfropft.

Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener

bald mangeln mußten, so daß Säumige leicht in die Lage kommen konnten, die

festgesetzte Frist zu überschreiten und in Folge dessen sich einer

brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.

Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kräftigen Ellenbogen, durch den

Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der

Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stück Arbeit. Indessen

ein Wort, das er einem Inspector in’s Ohr flüsterte, und einige

rechtzeitig in dessen Hand gedrückte Rubel besaßen die Macht, ihm den

Durchgang zu erzwingen.

Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent

bei einem Oberbeamten an.

Michael Strogoff mußte also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in

seinen Bewegungen sein.

Inzwischen sah er sich von ungefähr etwas um. Und was erblickte er?

Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mädchen, ein

Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen

konnte, da sich nur das Profil desselben von der weißgetünchten Mauer

abhob.

Michael Strogoff täuschte sich nicht; er hatte die junge Liefländerin

wieder erkannt.

Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei

gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum

versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene

Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle früher

ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloß alle Wege nach

Sibirien.

Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben,

näherte sich dem jungen Mädchen.

Diese sah ihn einen Moment an, und über ihr Gesicht flog ein leichter

Schimmer, als sie den Reisegefährten wieder erkannte. Sie erhob sich fast

instinctmäßig und wollte, so wie ein Schiffbrüchiger sich an jedes

Trümmerstück klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ...

In diesem Augenblick berührte der Agent Michael Strogoff’s Schulter.

„Der Polizeipräfect erwartet Sie, sagte er.

— Gut“, erwiderte Michael Strogoff.

Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen

Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn

selbst oder auch sie hätte compromittiren können, zu beruhigen, folgte er

dem Agenten durch die gedrängten Massen.

Als die junge Liefländerin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige

Unterstützung erwartet hätte, sank sie auf die Bank zurück.

Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines

Agenten wieder im Saale erschien.

In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien

öffnete.

Er ging auf die junge Liefländerin zu, streckte ihr die Hand entgegen und

sagte:

„Schwester ...!“

Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine plötzliche Eingebung ihr

nicht erlaubte, zu zaudern.

„Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt,

unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?

— Ich folge Dir, Bruder“, antwortete das junge Mädchen und legte ihre Hand

in die Michael Strogoff’s.

Sofort verließen Beide das Gebäude des Polizeiamtes.

Siebentes Capitel.

Auf der Wolga stromabwärts.

Kurz vor zwölf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze

an der Wolga eine große Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht

nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche

hatten abreisen wollen. Die Kessel des „Kaukasus“ besaßen schon

hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kräuselten sich nur leichte

Rauchwirbel, während aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der

weiße Dampf brodelte.

Selbstverständlich überwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und

schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als

ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.

Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu

unterstützen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nöthig und

Alles verlief ohne offenen Widerstand.

Rechtzeitig ertönte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelöst, die

mächtigen Räder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen

Schaufeln, und schnell glitt der „Kaukasus“ zwischen den beiden

Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.

Michael Strogoff und die junge Liefländerin hatten sich mit eingeschifft

und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, daß

der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann

berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter

dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und

Schwester.

Still saßen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlaß des

Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.

Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mädchen gesprochen, keine

Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, daß sie reden würde, wenn es ihr

passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen,

in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten

Beschützers gefangen zurückgeblieben wäre. Sie sprach zwar nicht, aber

ihre Augen dankten ihm.

Die Wolga, die Rha der Alten, wird für den bedeutendsten Strom ganz

Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als

4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei

Nishny-Nowgorod durch die Einmündung der Oka, eines schnell fließenden

Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.

Man hat die Gesammtheit der Kanäle und Wasserläufe Rußlands mit einem

riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des

Czaarenreiches verästeln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes

darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mündungen in

dem Küstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer

Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im größten Theile ihres Laufes

schiffbar.

Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod

legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt

und Kasan sehr schnell zurück. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der

Strömung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde

zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmündung der Kama, so vertauschen

sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwärts

fahren müssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mächtigen

Maschine konnte der „Kaukasus“ nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde

zurücklegen. Bei nur einstündigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von

Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in

Anspruch.

Der Steamer besaß übrigens sehr bequeme Einrichtungen für die Passagiere,

welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen

Klassen befördert wurden. – Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster

Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige

zurück zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.

Heut war der „Kaukasus“ von Passagieren aller Art überfüllt. Eine große

Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es für gerathen erachtet haben,

Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der für die erste

Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in

langen Gewändern und einer Mitra ähnlichen Kopfbedeckungen, – Juden, mit

ihren hohen, konischen Mützen, – reichen Chinesen in Landestracht, mit

sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und

Rückseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitärmeligen

Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, –

Türken mit dem nationalen Turban, – Indier mit viereckiger Mütze, einem

einfachen Stricke als Gürtel, von denen einige Stämme, vorzüglich aber die

Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, – endlich

Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und über der Brust reichverzierten

Kleidern. Diese Kaufleute alle mußten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck

ihr umfängliches Gepäck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiß theuer

zu stehen kam, da sie vorschriftsmäßig nur zwanzig Pfund Freigepäck

mitführen durften.

Im Vordertheile des „Kaukasus“ befanden sich noch weit zahlreichere

Passagiere, nicht allein Ausländer, sondern auch Russen, denen die

Verordnung nach den Heimatsstädten der Provinz zurückzukehren nicht

verbot.

Dort saßen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mützen auf dem Kopfe,

bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze;

Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln,

das Hemd von röthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegürtet, und

mit flacher Kappe oder Filzmütze. Einige Frauen in geblümten

Baumwollkleidern trugen Schürzen mit möglichst lebhaften Farben und

grellroth gemusterte Tücher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die

Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine

langdauernde Rückfahrt nicht sonderlich zu belästigen schien. Jedenfalls

war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des

Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich

übrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.

Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der „Kaukasus“ indessen

zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch

Remorqueure stromaufwärts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren

nach Nishny-Nowgorod beförderten. Dann schwammen Holzflöße daher, so lang

wie die unmeßbaren Sargassobündel im Atlantischen Ocean, und bis zum

Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen.

Uebrigens sehr unnütze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach

ihrem Anfang plötzlich geschlossen worden war.

Die von dem Wellenschlage des Dampfers überspülten Ufer der Wolga zeigten

sich mit großen Entenschwärmen besetzt, welche mit betäubendem Geschnatter

aufflogen. Darüber hinaus weideten auf den dürren, von Birken, Weiden und

Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kühe, Heerden von Schafen mit

bräunlichem Fell und ganze Haufen von weißen und schwarzen Schweinen und

Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder dürftigem Korn bestandene

Felder dehnten sich bis über kleine Landerhebungen aus, welche indeß

nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einförmigen

Landstrichen hätte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder

suchte, gewiß nichts zu thun gefunden.

Zwei Stunden nach der Abfahrt des „Kaukasus“ wandte sich die junge

Liefländerin an Michael Strogoff und fragte:

„Du gehst nach Irkutsk, Bruder?

— Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nämlichen

Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.

— Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Küste der Ostsee

verließ, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.

— Ich frage nach Nichts, Schwester.

— Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mädchen, auf deren Lippen

ein schmerzliches Lächeln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts

verheimlichen. Heute könnte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die

Verzweiflung haben meine Kräfte verzehrt.

— Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.

— Ja ... ja ... und morgen ...

— So komm ...!“

Er brach den Satz ab, so als hätte er ihn mit dem ihm noch unbekannten

Namen seiner Begleiterin schließen wollen.

„Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.

— Komm, Nadia, und verfüge über Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle

Umstände.“

Er geleitete das junge Mädchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des

Hintertheils.

Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurück und mischte sich, begierig zu

hören, doch ohne sich an den Gesprächen zu betheiligen, unter die Gruppen

der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte,

was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wäre. Sollte

er zufällig selbst gefragt und zu einer Antwort genöthigt werden, so

wollte er sich für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der

„Kaukasus“ nur nach der Grenze zurücktrug, denn Niemand sollte vermuthen,

daß ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.

Die Ausländer auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den

Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen

Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter

sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem

Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin,

daß sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurück.

Möglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem

„Kaukasus“ geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten,

denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer

noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder

flüsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, daß daraus im

Zusammenhange nichts zu entnehmen war.

Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder

schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar – denn man kannte ihn ja nicht,

– so traf sein Ohr dafür der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt

zu sein schien, ob sie gehört wurde oder nicht.

Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente,

und sein mehr zugeknöpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart,

welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.

„Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich

bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod

wieder sah?

— Gewiß, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.

— Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, daß Sie mir so

unmittelbar, so auf den Fersen folgen würden.

— Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.

— Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren

gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und

vorläufig könnten wir übereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.

— Ich werde es doch thun!

— Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin

können wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Später werden wir noch

Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.

— Feinde!

— Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine

Klarheit des Ausdrucks, welche mich höchst angenehm berührt. Bei Ihnen

weiß Einer doch, woran er ist.

— Nun, was ist daran so schlimm?

— O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, daß auch ich mir die Freiheit nehme,

unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.

— Nach Belieben.

— Sie gehen nach Perm ... wie ich?

— Wie Sie.

— Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem

besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.

— Wahrscheinlich.

— Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten

des überfallenen Gebietes sein.

— So ist es.

— Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: ‚Jeder für

sich und Gott mit ...‘

— Gott mit mir!

— Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schön! Da wir indeß noch acht neutrale

Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten

regnen dürfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.

— Zu Feinden!

— Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin können wir aber in

Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren!

Ich verspreche Ihnen überdies, Alles für mich zu behalten, was ich etwa

sehe ...

— Und ich Alles, was ich etwa höre.

— Abgemacht?

— Abgemacht!

— Ihre Hand darauf?

— Hier ist sie!“

Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fünf weit offene Finger,

schüttelte kräftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch

hinhielt.

„Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den

Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine

zu telegraphiren.

— Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13

gesendet.

— Bravo, Herr Blount!

— Zu gütig, Herr Jolivet!

— Bis ich mich revanchire!

— Dürfte Ihnen schwer fallen!

— Man versucht eben Alles!“

Bei diesen Worten grüßte der französische Correspondent vertraulich den

englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.

Diese beiden Neuigkeitsjäger, welche ja weder Russen, noch Fremde von

asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs

nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben

Stunde verließen, so geschah das, weil der nämliche Instinct sie vorwärts

trieb. Ganz natürlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit

und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache

Reisegefährten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage „bis

zum Aufgang der Jagd“ vor sich. Dann hieß es: Dran und drauf! Jetzt hatte

Jolivet die ersten Zwischenvorschläge gemacht und der Brite sie, wenn auch

so kühl als möglich, angenommen.

Jedenfalls saßen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur

Schwatzhaftigkeit, der Engländer immer verschlossen, an derselben Tafel

und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten

Cliquot, offenbar den Abkömmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.

Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hörte,

sprach er für sich:

„Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der

Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese

drei Schritt vom Leibe zu halten.“

Die junge Liefländerin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer

Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam

heran, ohne daß sie wieder auf Deck erschienen wäre.

Mit der langen Dämmerung gewann die Atmosphäre eine wohlthuende Frische,

an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in

vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die

Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Bänke gestreckt, athmeten sie

behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte.

Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten

zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem

Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die

Wolga stromauf und stromab befuhren.

Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr

doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das

Schweigen wurde nur durch das regelmäßige Klatschen der Schaufelräder

unterbrochen.

Eine eigenthümliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch

meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch

über den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der für die

Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.

Dort schlief Alles nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf Ballen und

Gepäckstücken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen

der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grüne und

eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe

Strahlen auf die Wand des Dampfers.

Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher

liegenden Schläfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei

ihrer Gewöhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon

genügte, die aber doch Jeden schlecht empfangen hätten, der sie vorzeitig

durch einen Fußtritt erweckte.

Michael Strogoff hütete sich also wohl, an Jemand zu stoßen. Bei seiner

Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als

sich durch eine längere Promenade des Schlafes zu erwehren.

Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem

Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hörte. Er hielt

an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit

allerhand Shawls und Decken verhüllt dasaß, die er aber bei der Dunkelheit

nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig,

wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige

röthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten

durch die Gruppe oder als erglänzten Tausende von Metallflitterchen in dem

ungewissen Lichte.

Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher

vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem

Meßplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.

Unwillkürlich drängte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des

Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit

einander redenden Fahrgäste eigentlich sehen konnte. Er mußte sich demnach

begnügen, zu horchen.

Die anfänglich gewechselten Worte besaßen, – wenigstens für ihn, – keine

besondere Bedeutung, doch genügten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der

Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod

gehört hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht

unmöglich, daß jene Tsiganen, von deren Gespräch er einige Brocken

aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord

des „Kaukasus“ Passage genommen hätten.

Wie gut es war, daß er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer

Mundart gewechselten Worten:

„Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.

— Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spät oder

auch gar nicht ankommen!“

Michael Strogoff fühlte, wie diese ihn persönlich so nahe angehende

Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann

und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen

vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemühungen.

Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck

gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hände gestützt, nieder. Man hätte

meinen sollen, er schliefe.

Er schlief aber weder, noch dachte er überhaupt daran. Er überlegte sich

vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniß, was er gehört hatte.

„Wer in aller Welt weiß von meiner Abreise und wer hat ein Interesse

daran, sie zu kennen?“

Achtes Capitel.

Die Kama stromaufwärts.

Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an

dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.

Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des

Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines

griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser

Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken,

Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den

asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.

Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine

ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der

Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie

sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem

Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen

Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe

ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen.

Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich

halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in

Gruppen bei einander.

Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der

Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere,

die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das

Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes

Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene

Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.

Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das

man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte

behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.

An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte

die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf

dem Schiffe allein lassen können.

Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie

sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und

mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff

beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er

entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug,

als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines

Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.

Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft,

daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen.

Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein

schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“ verlassen zu

haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.

Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so

erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die

Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse

urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen

zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere

Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.

Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael

Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod

figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die

ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer

Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter

von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig

den Flitterstaat darunter verhüllten.

Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,

erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.

Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem

Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.

„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber

unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem

Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig

gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“

Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, daß der ihn besonders

angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann

und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen

dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt

worden seien.

Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des

Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu

kehren.

Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen

Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er

sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke

Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen

Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem

breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel.

Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur

deutlich zu erkennen.

Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig

Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und

üppigem Haar in stolzer Haltung.

Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle

zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind

im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche

mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht

entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.

Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich

hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:

Am braunen Hals die Koralle blinkt,

Die goldene Nadel im Haar;

Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,

Zum Lande der ...

Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht

mehr.

Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer

Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge

ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.

Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der

Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.

„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich

als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘

titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch

deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen ...“

Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu

folgen, aber er bezwang sich noch.

„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten

Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito

aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze

gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß

wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber

dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen

sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,

bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“

Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge

verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt

als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt

das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die

Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den

über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große

Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit

Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.

Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael

Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges

über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie

Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag

sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern,

der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem

Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so

zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach

Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.

Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“,

rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht

Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der

Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden

Augenblick abfahren.

Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon

eingenommen.

Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der

eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.

Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?

Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide

Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die

Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder

bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte

er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände

seines Collegen, nieder.

„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte

Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube

ähnelte.

— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt

und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff

chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken,

nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau

ist’s eine tüchtige Strecke.

— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich

dabei zusammenzogen.

— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem

liebenswürdigsten Lächeln.

— Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?

— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von

Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.

— Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...

— Mit reinem Feuereifer!

— Sie haben also gehört ...

— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete

Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor

Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über

Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der

Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“

Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,

während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben

mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische

Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!

Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach

dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.

Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und

erschien auf dem Verdeck.

Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.

„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile

des Schiffes gelangt waren.

Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.

Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier

verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um den

immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu

durchpflügen.

An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren

verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer

denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,

und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.

Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich

bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf

dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit

mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer

Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen

des Himmels zu verschmelzen schien.

Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck

auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr

Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren

Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn

sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont

durchbohren.

Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie

sich zu ihm hinwendete:

„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?

— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.

— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.

Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es

den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen

des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten

Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger

Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,

der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und

Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren

beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte

sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner

Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis,

Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas

Thee.

Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,

nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und

Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.

Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle

Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu

werden:

„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor

kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt

nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.

— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es

als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in

die Arme ihres Vaters zu führen.

— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.

Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen

Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden

kein Hinderniß im Wege stehen werde.

Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses

einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem

Vater zu gelangen!

„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu

gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod

ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du

mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen

können.

— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du

Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?

— Es war meine Pflicht, Bruder.

— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte

Land kaum zu passiren ist?

— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt,

erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese

Neuigkeiten.

— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?

— Es war meine Pflicht.“

Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens.

Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.

Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein

geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im

Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen

Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen

und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne

Verzug über die Grenze.

Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und

seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße

Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.

Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte

dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben

können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem

Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben

können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch

schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des

Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist

dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald

zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb

Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser

weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.

Sie that, was sie konnte!... Gott würde das Uebrige thun!

Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht

brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die

Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem

Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das

Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.

Neuntes Capitel.

Tag und Nacht im Tarantaß.

Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in

Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.

Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der

umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis

nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie

Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag

allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig

aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.

Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel

an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit

allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien

dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht

angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches an der asiatischen

Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs

versorgt zu sehen.

In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen

meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits

kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im

Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen

Steppenwüsten wagt.

Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und

durfte dasselbe nur erfüllen.

Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich

schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse

hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael

Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel

verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen

haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu

wechseln, wobei er durch splendide „_na vodku_“ (Trinkgelder) den Eifer

der Postillone anzuspornen hoffen durfte.

Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft

beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge

dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam

also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen.

Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb

Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn

die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen

würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem

Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.

An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen

Tarantaß oder einen Teleg?

Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg

aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles

stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der

einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke

hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles

Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer

Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es

längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den

Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden

die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert.

Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und

während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der

Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber

man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.

Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen

müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.

Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten

Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem

Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;

aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten

Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen

Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor

dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche

herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande

und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß

ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits

weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.

Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß

aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen

zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe

nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff

auch hier treu zu bleiben.

Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem

Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe

Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte

sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.

„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine

bequemere Fahrgelegenheit gesucht.

— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß

aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.

— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische

Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.

— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das

junge Mädchen. Wenn Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so

verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“

Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei

Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere

ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt,

klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen

angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel

mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen

war, d. i. der russische „_duga_“; die beiden andern waren einfach mittels

Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. Von Zaum und Gebiß keine

weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.

Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck

mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen

mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede

Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das

sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die

Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur

für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch

nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.

Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des

Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen

Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen

langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen

Hut, rothen Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit

dem kaiserlichen Abzeichen.

Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden

des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel

hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine

nicht mißzudeutende Bewegung.

„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er

verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.

— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon

recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das

Trinkgeld!“

Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der

Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten

Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei

Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch

vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.

Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu

fliegen, wie der König der Vögel.

Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein.

Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht

wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu

können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen

Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde

übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag

verließ der Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog

in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.

Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem

Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst

verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört,

wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter

Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart

als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der

Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen

Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,

wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der

Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die

ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz

nutzlos gewesen, aber „_na pravo_“, rechts, oder „_na levo_“, links,

diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr

Wirkung, als Zügel und Zaum.

Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!

„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen

Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur

Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“

Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso

vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen

schienen.

„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge

Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt

verdammt sein!“

Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche

mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in

Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte

zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.

Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung

gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn.

Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder

tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben,

die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief

Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie

beklagte sich nicht.

Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin

gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur

ankommen! verfolgt, begann sie:

„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich

mich geirrt?

— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg

werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.

— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?

— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und

Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach

Irkutsk eilen.

— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen

Tag und Nacht fahren.

— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so

können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.

— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?

— Schon mehrere Male.

— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?

— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer

gelitten haben.

— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.

— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese

Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen

Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner

Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis überziehen, meine

Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener

Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt

mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es,

wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein

Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein

Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar

weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth

suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das

harte Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden,

Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren

Leichname der wehende Schnee begrub!

— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.

— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei

seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben.

Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten

hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche,

unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste

verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!

— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge

Liefländerin.

— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.

— Und was thatest Du in Omsk?

— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.

— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm

die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich

Nichts hätte zurückhalten können?

— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott

würde Dir geholfen haben!“

Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden

Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren

Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können.

Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder

dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den

Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl

auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar

Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre

Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn

auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.

Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden

auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais

ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne

sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu

machen.

Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen

Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und

Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus

jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen

einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen

und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie

wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und

giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den

„Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die

Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der

ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst

sendet“.

Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem

unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie

viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.

„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.

— Es ist eine Berline?

— Nein, ein Teleg.

— Wie viel Reisende?

— Zwei.

— Sie haben es eilig?

— Es sind Adler!

— Laßt schleunigst anspannen.“

Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang

aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.

Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die

drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein

Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein

warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den

Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael

Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten,

fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger

Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße

des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb

zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der

die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.

Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks,

weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den

Relais verloren, keine Stunde unterwegs.

Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die

ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die

Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch

in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen

hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst

während der folgenden Nacht stattfinden.

Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge

dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer

gewitterschwüler.

Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten

in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß

unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der

Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden

Donner aufmerksam machte, fragte er nur:

„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?

— Ja.

— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?

— Ungefähr eine Stunde.

— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in

Jekaterinenburg sind.“

Zehntes Capitel.

Ein Unwetter in den Uralbergen.

Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200

Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,

der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus

russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den

betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit

dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie

den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.

Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von

Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße

einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach

Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der

leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten

centralasiatischen Handels dient.

Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der

Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein

Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu

werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur

durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.

Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich

versorgt war. Die Wagendecke, die ein schärferer Windstoß leicht hätte

wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser

gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus

übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die

Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die

in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden.

Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes,

deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit

einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.

Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den

Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.

Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte

sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei

Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem

Regen und Sturme schützen mußten.

An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen

angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht

gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung

des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so

dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa

entgegenkommenden Wagen.

Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und

gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.

„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.

— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.

Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten

Vorberge des Urals hinan.

Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,

trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht

dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu

drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie

auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das

doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom

Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art

phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von

sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der

Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den

Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren

Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen,

dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.

Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten

die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,

durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu

laufen in einen Abgrund zu stürzen.

Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr

bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist

daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter

über das Gebirge schüttet, schmelzen vollständig bei der Sonnenwärme des

Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die

Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer

Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So

begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig

und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen

in gut fahrbarem Zustande.

Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet

Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und

man sich in diesem Gewühle befindet.

Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen

bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für

ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier

während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.

Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das

Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete

scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit

phantastischen Schattenbildern belebte.

Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während

ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel

und die Erde musterte.

Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen

rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur

nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken,

aus irgend welchem Grunde gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das

Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des

Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben

und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des

Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte

Funken sprühten.

Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) · 第 4 / 15 题