Vierzehntes Capitel.

Mutter und Sohn.

Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar

nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk

mehr Einwohner zählt und einen beträchtlicheren Umfang hat, in Omsk

residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Hälfte des asiatischen

Rußlands.

Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Städten, von denen die

eine ausschließlich von den Behörden eingenommen und von den zugehörigen

Beamten bewohnt ist, während die andere vorzüglich die sibirischen

Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen

Bedeutung sind, beherbergt.

Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie

wird durch eine von Bastionen verstärkte Umwallung vertheidigt; freilich

bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr

unzulänglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger

Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre

Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschließung von nur wenigen

Tagen gelingen sollte.

Die kaum 2000 Mann zählende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand

geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle

umgewandelt, die Häuser und Kirchen mit Schießscharten versehen worden,

und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,

trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die

tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf

dem Irtysch tagtäglich neuen Zuzug und wurden, – hier ein besonders

wichtiger Umstand, – von einem Officier angeführt, der zwar ein Verräther

an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und

beispielloser Kühnheit war.

Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.

Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwärts

drängte, zeichnete sich durch tiefe militärische Kenntnisse aus. In seinen

Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer

Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte

gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurück, wenn es ihm

darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,

bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich

selbst als Bettler auf, wobei ihn seine außerordentliche Geschicklichkeit

der Verstellung des äußern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich

unterstützte. Dabei befähigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den

Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besaß in ihm einen Stellvertreter,

der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.

Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff

schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des höher gelegenen

Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,

wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.

Tomsk war nämlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan’s Hände gefallen und

von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der

centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.

Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff’s.

Der Plan des erbärmlichen Verräthers ging dahin, sich dem Großfürsten

daselbst unter falschem Namen anzuschließen, sein Vertrauen zu

erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in

die Hände zu liefern.

Mit dieser Stadt und einer solchen Geißel im Besitz mußte das ganze

asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.

Wir wissen ja von früher, daß dieser Anschlag zur Kenntniß des Czaaren

gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der

hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit

auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden überschwemmte Land

unter falschem Namen zu durchreisen.

Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfüllt – würde er sie aber

auch jetzt noch ebenso zu Ende führen können?

Der Lanzenstoß, den Michael Strogoff empfing, war nicht tödtlich gewesen.

Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flußufer und

brach in dem Gebüsch daselbst kraftlos zusammen.

Als er wieder zum Bewußtsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in

der Hütte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er

zunächst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der

Gast des braven Sibiriers sein? – er vermochte sich darüber keine

Rechenschaft zu geben. Als er die Augen öffnete, bemerkte er über sich ein

bärtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lächeln

spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte

Mujik ihm zuvorkam:

„Sprich nicht, Väterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde

Dir sagen, wo Du bist, und erzählen, was sich zugetragen hat, seitdem ich

Dich in mein Häuschen schaffte.“

Der redliche Landmann erzählte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,

dessen Augenzeuge er zufällig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die

Plünderung des Tarantaß, die Ermordung der Fährleute ...

Doch darauf hörte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine

Kleidung und fühlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf

seiner Brust.

Er athmete auf, noch war er indeß nicht jeder Sorge ledig.

„Mich begleitete ein junges Mädchen, sagte er.

— Sie wurde nicht getödtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu

beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen

leuchtete. In einer Barke haben sie jene entführt, als sie den Irtysch

weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit

ihren Leidensgefährtinnen nach Tomsk schleppt!“

Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er preßte seine Hand auf’s

Herz, um dessen stürmisches Klopfen zu bewältigen.

Und doch, trotz aller Prüfungen, beherrschte nur ein Gefühl seine ganze

Seele, das Gefühl seiner heiligen Pflicht.

„Wo bin ich? fragte er.

— Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fünf Werst von Omsk entfernt,

antwortete ihm der Mujik.

— Was für eine Wunde empfing ich damals, daß sie mich so lange

besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuß?

— Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.

Nach einigen Tagen der Ruhe, Väterchen, wirst Du, denk’ ich, Deinen Weg

fortsetzen können. Du warst in’s Wasser gestürzt. Die Tartaren haben Dich

weder berührt noch geplündert; auch Deine Börse steckt noch in Deiner

Tasche.“

Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er

sich mit einer plötzlichen Anstrengung auf und fragte:

„Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?

— Seit drei Tagen.

— Drei ganze Tage verloren!

— Drei Tage, während der Du bewußtlos dalagst.

— Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?

— Du willst weiter reisen?

— Womöglich noch diesen Augenblick.

— Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Väterchen. Wo die Tartaren

vorüber zogen, da ist von solchen Dingen nichts übrig geblieben.

— So werde ich nach Omsk zu Fuß gehen müssen, um dort ein Pferd zu kaufen.

— Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande

sein, Deinen Weg fortzusetzen.

— Keine Stunde länger!

— So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, daß er vergeblich dem

festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit

geben, fügte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk

und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.

— Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,

lohne er Dir, was Du Alles für mich gethan hast!

— Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche

auf der Erde.“

Michael Strogoff trat aus der Hütte. Als er gehen wollte, übermannte ihn

ein so heftiger Schwindel, daß er ohne die hilfreiche Unterstützung des

Bauern wohl umgesunken wäre, aber bald stärkte ihn der Genuß der freien

Luft sichtlich. Jetzt fühlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf

geführten Stoßes, dessen Heftigkeit seine Pelzmütze glücklicher Weise

gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht

der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kümmern. Vor seinen Augen sah

er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen mußte!

Omsk mußte er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.

„Gott schütze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein

Recht, an Beide zu denken.“

Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der

Unterstadt an, in welche sie trotz der militärischen Besetzung derselben

unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen

Stellen zerstört, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich

die Marodeurs der Armee Feofar-Khan’s eindrängten.

Im Innern von Omsk, auf den Straßen und Plätzen, wimmelte es von

tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, daß

eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an

welche Jene wohl nur wenig gewöhnt waren. Sie liefen auch nie einzeln

umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu

sein, jeden Angriff abzuwehren.

Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten

Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten

Pfählen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausrüstung, um

beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur

einen provisorischen Halteplatz für die Tartarenreiter, welche die

reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mußten, weil dort die Städte

bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzüge also jedenfalls

ergiebiger wurden.

Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan

Ogareff trotz mehrerer stürmischer Angriffe, die immer standhaft

abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen können.

Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebäuden flatterten noch immer

die Fahnen mit den russischen Farben.

Nicht ohne einen gewiß berechtigten Stolz begrüßten Michael Strogoff’s und

seines Führers Wünsche das wehende Banner.

Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natürlich vollständig. Während er

scheinbar seinem Führer folgte, wußte er doch geschickt die lebhaftesten

Straßen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniß erkannt zu werden.

In dieser Stadt hätte nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen

rufen können; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war

entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese

vielleicht – was er von ganzem Herzen wünschte, – nach irgend einem

ruhigeren Theil der Steppe entflohen.

Zum Glück kannte der Mujik persönlich einen Postmeister, der es seiner

Annahme nach für gute Bezahlung nicht ausschlagen würde, einen Wagen und

Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die

Schwierigkeit übrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen

Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff’s Entkommen

einigermaßen erleichtern mußten.

Der Mujik führte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als

Michael Strogoff plötzlich in einer engen Straße stehen blieb und sich

hinter einem Mauervorsprunge verbarg.

„Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt über dieses unerklärliche

Benehmen.

— Still, still!“ flüsterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch

den Finger auf seine Lippen legte.

Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in

dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz

vorher betreten hatten.

An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte

ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer

Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen

Rückzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmöglich gesehen

haben.

Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Straße. Weder der

Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die

Unglücklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genügenden Platz zu

machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem

rücksichtslosen Lanzenstoße beantwortet und der Weg auf diese Weise in

kürzester Zeit gesäubert.

„Wer war dieser Officier?“ fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung

vorüber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloß.

Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das

einer Leiche.

„Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der

man einen verhaltenen Haß heraushörte.

— Er!“ rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes

entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.

Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem

Relais zu Ischim geschlagen hatte.

Und gleichzeitig, so als ob ihm plötzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn

dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den

alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod

vernommen hatte.

Michael Strogoff täuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehörten

nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff

unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu

verlassen gewußt, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach

jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spießgesellen zur Ausführung

seines fluchwürdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der

ganzen übrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und

waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht

auf dem Meßplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn

Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der

ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer „Kaukasus“; er überschritt den Ural

jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte

endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.

Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und

ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen

Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, hätte

Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiß weit überholt.

Und wer weiß, wie viel Unglück in der nächsten Zeit dadurch vermieden

worden wäre!

Jedenfalls, ja, mehr als je vorher mußte Michael Strogoff Iwan Ogareff

ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der

Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenüber zu treten, so würde er ihn wieder zu

finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien

aufgeworfen hätte.

Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und

gelangten unbelästigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte

es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen.

Dagegen stellte sich die Unmöglichkeit heraus, an Stelle des Tarantaß ein

anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen,

noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines

Wagens? War er für den übrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm mußte

auch schon ein Reitpferd genügen, und ein solches war glücklicher Weise zu

beschaffen. Er bekam ein tüchtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen

offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter,

ausdauernder Reiter, den größten Nutzen versprach.

Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand

es zum Aufbruch bereit.

Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.

Da Michael Strogoff die Nacht abwarten mußte, um die Umwallung zu

passiren, sich in den Straßen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so

blieb er gleich im Posthause und ließ sich daselbst einige Stärkungsmittel

besorgen.

In dem öffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie

wir es von den russischen Bahnhöfen kennen gelernt haben, liefen die

ängstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man

sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar

nicht in Omsk, aber in Tomsk, – eines Corps, das diese Stadt den Tartaren

Feofar-Khan’s wieder entreißen sollte.

Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung

gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespräch

einzulassen.

Plötzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang

bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:

„Mein Sohn! Mein Sohn!“

Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie lächelte und sie zitterte

doch vor Freude und streckte ihm sehnsüchtig die Arme entgegen.

Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....

Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr für

seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung plötzlich zurück,

und er gewann so viel Herrschaft über sich, daß auch nicht ein Muskel

seines Gerichtes zuckte.

Zwanzig Personen füllten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht

wohl einige Spione sein, und wußte man denn nicht auch, daß Marfa

Strogoff’s Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehörte?

Michael Strogoff sprach kein Wort.

„Michael! rief seine Mutter.

— Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr

hervorstammelte als aussprach.

— Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht

mehr wieder?

— Sie täuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine

Aehnlichkeit führt Sie irre ....“

Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug’ in Auge

gegenüber.

„Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff’s Sohn?“ sagte sie.

Michael Strogoff hätte sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die

Arme schließen zu dürfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn,

sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er

bezwang sich nach Kräften, er schloß die Augen, um nicht die angsterregten

Züge in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu müssen; er zog

seine Hände zurück, um nicht unwillkürlich den zitternden Händen, die nach

ihm verlangten, zu begegnen.

„Ich weiß in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen

soll, antwortete er, einige Schritte zurückweichend.

— Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.

— Ich heiße nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus

Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!...“

Hastig verließ er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte

wiedertönten:

„Mein Sohn! Mein Sohn!“

Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte

Mutter, welche bewußtlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, für jetzt

nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob

sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es plötzlich

hell geworden. Sie, – verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, – das war

unmöglich! Ebenso unmöglich erschien es ihr aber, sich getäuscht und einen

Anderen für ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen,

den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so

wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige,

zwingende Gründe, so zu handeln. Dann unterdrückte sie allen Mutterschmerz

in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: „Sollte ich

ihn wider Willen in’s Verderben gestürzt haben?“

„Ich bin eine Thörin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen

haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja

gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch

in Jedermann zu sehen glauben.“

Kaum zehn Minuten später erschien ein Tartarenofficier im Posthause.

„Marfa Strogoff? fragte er laut.

— Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz,

daß die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.

— Komm mit mir!“ sagte der Officier.

Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und

verließ das Posthaus.

Wenige Minuten später befand sich Marfa Strogoff mitten in dem

Truppenlager des Hauptplatzes und gegenüber dem gefürchteten Iwan Ogareff,

dem alle Einzelheiten der oben erzählten Scene unverweilt berichtet worden

waren.

Iwan Ogareff muthmaßte ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte

Sibirierin selbst darüber befragen wollen.

„Dein Name? leitete er das Verhör in strengem Tone ein.

— Marfa Strogoff.

— Du hast einen Sohn?

— Ja.

— Er ist Courier des Czaaren?

— Ja.

— Wo befindet er sich?

— In Moskau.

— Du bist von ihm ohne Nachrichten?

— Ohne jede Nachricht.

— Seit wie lange?

— Seit zwei Monaten.

— Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im

Posthause Deinen Sohn nanntest?

— Ein junger Sibirier, den ich für ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff.

Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die

Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben überall zu erkennen.

— Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?

— Er war es leider nicht.

— Weißt Du, alte Frau, daß ich Dich foltern lassen kann, bis Du die

Wahrheit eingestehst?

— Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter würde meine Aussage

abzuändern vermögen.

— Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten

Male und eindringlicher Iwan Ogareff.

— Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male.

Glaubt Ihr, ich würde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn

Gott gegeben hat, verleugnen?“

Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in’s Gesicht zu

trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sie in dem jungen

Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn

zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits

that, so mußten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.

Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, daß der angebliche

Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des

Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag

haben mußte, dessen Kenntniß für ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein

konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.

Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurück und sagte:

„Diese Frau soll sofort nach Tomsk übergeführt werden!“

Und während die Soldaten Jene roh und grausam fortdrängten, murmelte er

zwischen den Zähnen:

„Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu lösen wissen, der

alten Hexe!“

Fünfzehntes Capitel.

Der Barabinen-Sumpf.

Es war Michael Strogoff’s Glück gewesen, daß er das Posthaus so schnell

als möglich verließ. Auf Iwan Ogareff’s Befehl wurden sofort alle Ausgänge

der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern

mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber

geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd

jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter

sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29.

Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese

Stadt liegt ungefähr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk,

woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen mußte, wenn er die

tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der

beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen führte, sein

Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darüber im Unklaren

sein, daß ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk

gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mußten von besonderer

Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, daß man Alles daran

setzen werde, sich seiner Person zu bemächtigen.

Was er aber nicht wußte, was er nicht wissen konnte, war, daß Marfa

Strogoff sich in Iwan Ogareff’s Gewalt befand, daß sie büßen, vielleicht

mit ihrem Leben bezahlen sollte für die Erregung ihres Mutterherzens, die

sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdrücken im

Stande gewesen war. Ein Glück für ihn, daß er davon nichts wußte! Hätte er

dieser neuen Prüfung widerstehen können?

Michael Strogoff trieb sein Roß an, er flößte ihm gleichsam dieselbe

fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von

dem Thiere, ihn so schnell als möglich nach dem nächsten Relais zu tragen,

wo er es gegen ein noch schnelleres Beförderungsmittel einzutauschen

hoffte.

Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurückgelegt und machte bei der

Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestätigung seiner

Besorgniß, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren

schon auf der Hauptstraße durch die Steppe dahin gezogen. In den Dörfern

und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen.

Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung für sich und etwas Futter für

sein Pferd erhalten.

Er mußte dieses Pferd, für das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien,

etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan

Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den größtmöglichen Zwischenraum

sehen wollte, beschloß er, möglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer

nur einstündigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder

ein.

Bisher hatten die Witterungsverhältnisse die Reise des Czaarencouriers

auffallend begünstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in erträglichen

Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten

Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Dämmerlichte

gemilderte Nacht machte die Straße leidlich gangbar. Michael Strogoff zog

übrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne

Zögern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnäckig

verfolgten, hatte er sich doch eine außerordentliche Klarheit des Geistes

bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am

Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges,

einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schöpfen zu

lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drückte

das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden

Pferden an der Oberfläche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts

Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.

O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht über diese weite sibirische

Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es wäre viel leichter

gewesen, jene sicher zu durchreisen.

Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station

Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der

Barabinen-Steppe.

Auf einem Gebiete von 300 Werst Länge konnten hier schon die natürlichen

Hindernisse allein große Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wußte

das, aber er wußte auch, daß er alle siegreich überwinden werde.

Die ausgedehnten, von Norden nach Süden zwischen dem 60. und 52.

Breitengrade liegenden Barabinen-Sümpfe bilden das große Sammelbassin

derjenigen atmosphärischen Niederschläge, welche weder durch den Obi noch

durch den Irtysch einen Abfluß finden. Der Boden dieser ungeheuren

Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlässigem Lehm, so daß das Wasser

darüber stehen bleibt und eine während der warmen Jahreszeit schwer zu

passirende Gegend darstellt.

Gerade durch diesen Landstrich führt aber die Straße nach Irkutsk, mitten

durch die zahlreichen Sümpfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefährliche

Ausdünstungen bei der heißen Sommersonne den Reisenden mindestens mit

schweren Mühseligkeiten, wenn nicht gar mit tückischer Gefahr bedrohen.

Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst flüssig war, erstarren

ließ, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglättet, die

schädlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen

die leichten Schlitten gefahrlos über die erhärtete Kruste der

Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleißig die Jäger die wildreichen

Gründe und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Füchse, deren

Felle so gesucht sind. Während des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend

kothig, brütet gefährliche Krankheiten aus und ist bei einigermaßen hohem

Wasserstande überhaupt gar nicht zu passiren.

Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht

mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich

die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschließlich ernähren. Hier

dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus,

sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gesträuch.

Der Rasen stieg hier bis fünf und sechs Fuß Höhe auf. Das feine Gras hatte

den Platz geräumt vor üppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde

Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft

gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf,

welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten,

geschmückt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben,

darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerüche sich mit den

warmen, dem Boden entsteigenden Dünsten mischten.

Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von

den die Straße begleitenden Sümpfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die

großen Stengel überragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern

unzähliger Wasservögel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in

schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, daß sich Etwas in

jenem Dickicht bewege.

Die Straße selbst war übrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in

gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie

sich um das gekrümmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer

Länge von mehreren Wersten und ebenso großer Breite schon den Namen von

Seen verdient hätten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne

stehende Gewässer nicht umgehen können; für Ueberschreitung derselben

dienten aber keine Brücken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art

Plateform mit übergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie

ein zu dünner über einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven

Straßenbrücken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Länge

aus, und man erzählt sich, daß Reisende, mindestens reisende Damen beim

Fahren über einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art

Seekrankheit bekommen hätten.

Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter

sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kühnem

Sprunge über die Lücken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an

manchen Stellen zwischen sich ließen; so schnell aber Roß und Reiter auch

dahin flogen, so konnten sie doch den belästigenden Stichen der

zweiflügeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen

Gegenden zur wahren Landplage werden.

Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren,

so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stück

feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschließt. Doch trotz

dieser Vorsichtsmaßregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe

Tüpfel im Gesicht, auf dem Hals und den Händen davon getragen zu haben,

aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphäre erscheint dort wie

erfüllt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verführt, daß

kaum eine complete Ritterrüstung zum Schutz gegen die Stacheln dieser

Zweiflügler hinreichen könne. Hier ist eine traurige Gegend, die der

Mensch den Mücken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel

streitig macht, – ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer

Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge überhaupt nicht wahrzunehmen

im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fühlt man sie desto

mehr wegen ihrer unerträglich quälenden feinen Stiche, gegen welche auch

hartgesottene sibirische Jäger niemals gleichgiltig werden.

Michael Strogoff’s Pferd sprang, von den giftigen Dipteren überfallen,

häufig auf, als würden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke

gedrückt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst für Werst

mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem

Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.

Es gehörte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch

die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbäumen und

Sprünge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht

abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen

Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu

erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als daß er

seinen Weg mit glücklicher Eile zurücklegte.

Wer würde nun glauben, daß diese in der heißen Jahreszeit so ungesunde

Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl böte?

Und doch ist es an dem. In großen Zwischenräumen tauchen da und dort

sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Männer, Frauen,

Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer

pechüberzogenen Maske bedeckt, führen ihre dürftigen Heerden zur Weide; um

die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schützen, halten sie

dieselben stets unter dem Winde in der Nähe von Feuern aus grünem Holze,

die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beißende Rauchsäulen sich

schwerfällig über die morastige Niederung ausbreiten.

Als Michael Strogoff bemerkte, daß sein Pferd auf dem Punkte stand, vor

Erschöpfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Dörfchen

halt, und rieb, seine eigene Ermüdung vergessend, die vielen Stiche des

armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm

eine tüchtige Ration Futter, und erst als er es den Umständen nach

bestmöglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine

Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kräfte etwas Brod und

Fleisch und trank einige Gläser Kwaß dazu. Nach einer, höchstens zwei

Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem

fernen Irkutsk.

Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurück gelegt und

kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich für jede

Anstrengung, in Elamsk an.

Daselbst mußte er seinem Pferde eine Nacht Ruhe gönnen. Das muthige Thier

hätte jetzt die Reise unmöglich fortzusetzen vermocht.

In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres

Beförderungsmittel. Aus den nämlichen Gründen, wie in den andern kleinen

Städten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.

Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen

waren, erwies sich fast ganz entvölkert, denn es konnte von Süden her sehr

leicht überfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschützt

werden. Auf höheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das

Regierungsgebäude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner

nach dem nördlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe,

ausgewandert.

Michael Strogoff mußte sich also darauf beschränken, in Elamsk die Nacht

zuzubringen und seinem Pferde zwölf Stunden Ruhe zu gönnen. Er erinnerte

sich der ihm in Moskau an’s Herz gelegten Instructionen, Sibirien

unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als möglich Irkutsk zu

erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg

seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf’s Spiel zu setzen, – in

Anbetracht dieser Umstände hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm

noch verbliebene Beförderungsmittel, das Reitpferd, vernünftig zu schonen.

Am folgenden Tage verließ Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das

Erscheinen tartarischer Plänkler, auf der Straße durch die

Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte

wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Straße lief zwar ganz eben

hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen,

wodurch der Weg sehr verlängert wurde. Uebrigens verboten es die

Bodenverhältnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer

durch diese Tümpel und Teiche zu versuchen.

Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen

Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoë, und um zwei Uhr

hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoë, zum

ersten Male wieder an.

Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher über Gebühr

angestrengtes Roß hätte auch keinen Schritt mehr vorwärts thun können.

Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest

des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am nächsten

Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter

Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Städtchen Kamsk.

Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken

Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem

unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe

ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines

bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden

Sümpfe in üppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese

Bodenmeliorationen noch nicht völlig jene Fieber zu besiegen, welche den

Aufenthalt in dieser Stadt während des Herbstes noch einigermaßen

gefährden. Immerhin flüchten sich hierher die wenigen Bewohner der

Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den übrigen

Theilen der Provinz vertreiben.

Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte

Kamsk doch noch nicht entvölkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte

ihres für größere Truppenmassen so schwer zugänglichen Landes

verhältnißmäßig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch

immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht würden.

Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wünschte, keinerlei

neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls hätte sich der Gouverneur vielmehr

an ihn gewendet, wäre ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen

Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner

besonders günstigen Lage der übrigen sibirischen Welt in der That nicht

anzugehören und gänzlich außerhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die

jene erschütterten.

Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff möglichst wenig oder gar nicht. Ihm

genügte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wünschte überhaupt gar

nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit

verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie für die Zukunft. So hielt

er sich denn ganz zurückgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen

Straßen des Städtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er

abgestiegen war, überhaupt nicht verlassen.

In Kamsk hätte Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd,

welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres

Beförderungsmittel ersetzen können. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er

sich aber, daß das Einhandeln eines Tarantaß doch die Aufmerksamkeit mehr,

als ihm lieb war, auf ihn lenken mußte, und da er die von den Tartaren

besetzte Linie noch nicht überschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit

dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen

Verdacht zu erwecken.

Um übrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese

Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen

sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung

abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer

hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen.

Später, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte

Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere

Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.

Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser

Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde

Thier schon gewöhnt; er wußte, was er von ihm verlangen konnte. Als er es

in Omsk erkaufte, hatte er eine glückliche Hand gehabt, und dankbar pries

er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter

führte. Doch nicht nur Michael Strogoff fühlte eine gewisse Anhänglichkeit

seinem Pferde gegenüber, auch dieses schien sich allgemach an die

Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewöhnen, und wenn ihm nur je

einige Stunden Ruhe gegönnt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis

über die überfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.

Während dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich

Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Städtchens,

einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gäste.

Von Ermüdung übermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher

nieder, als bis er wußte, daß es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem

vermochte er nur einen häufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele

Erinnerungen, zu viele Sorgen für die Zukunft regten sich in ihm. Die

Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen,

jungen Gefährtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen

in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.

Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausführung ein Eid

ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, ließ ihn

immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke

einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen

Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von

einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, – dann

bemächtigte sich Michael Strogoff’s fast unbesiegbares Verlangen, sofort

wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die

Strecke zu überfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu

sein, um alle Hindernisse überwinden zu können, ein Orkan, um mit der

Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde über der Erde dahin zu rasen

und endlich vor den Großfürsten zu treten und ihm zuzurufen: „Kaiserliche

Hoheit, von Seiner Majestät dem Czaaren!“

Am andern Morgen um sechs Uhr früh ritt Michael Strogoff wieder mit der

Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis

Ubinsk zurückzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz

die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben

mehr trocken legte, so daß der Erdboden manchmal einen Fuß hoch unter

Wasser stand. Dann war die Straße nur schwierig zu erkennen, aber er legte

diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall

zurück.

In Ubinsk angelangt ließ Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht über

rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende

Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoë durchmessen. Er brach also mit der

Morgenröthe auf, aber leider gestaltete sich die Straße durch diesen Theil

der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.

Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich nämlich die reichlichen

Regenniederschläge der letztvergangenen Wochen wie in einer

undurchlässigen Schüssel in der verhältnißmäßig engen Bodensenkung

angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Sümpfen, Teichen und Seen hing

fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, – übrigens einer von

solcher Größe, daß er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz

verdient hätte, – den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name),

mußte Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst längs seines Ufers

unter den größten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige

Verzögerungen veranlaßte, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu

vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan,

sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter

Verhältnissen noch vorwärts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten hätten.

Abends gegen neun Uhr in Ikulskoë angekommen, verweilte Michael Strogoff

daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen

Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natürlich gänzlich.

Dieser Theil der Provinz war durch seine natürliche Lage, mitten in der

Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges

Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von

den Schrecken des Einfalls noch gänzlich verschont geblieben.

Bald mußten sich nun auch die natürlichen Schwierigkeiten des Weges

vermindern, denn im Fall er keine Verzögerung erlitt, hoffte Michael

Strogoff am nächsten Tage über die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Später

bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn

noch von Kolywan trennten, zurückgelegt hatte.

Von diesem etwas bedeutenderen Städtchen aus rechnete man bis Tomsk nur

noch die gleiche Entfernung. Dann mußte er eine weitere Entscheidung

treffen, die höchst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von

Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.

Wenn sich aber diese kleinen Städtchen, wie Ikulskoë, Karguinsk u. a., in

Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der

tartarischen Streitkräfte unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte,

noch einer glücklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befürchtung nahe,

daß Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an

Stelle der natürlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren

von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er

keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Straße nach Irkutsk

abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich

Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entblößen. Dort fand sich nämlich

keine weitere Straße, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf

man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Hütten ärmlicher Leute, bei

denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das

Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!

Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verließ Michael Strogoff, nachdem

er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte

Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth

durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen

Landes.

Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des

Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5.

August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.

Fünfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.

Sechzehntes Capitel.

Eine letzte Anstrengung.

Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich östlich an

die Barabinen-Steppe anschließen, ein unliebsames Zusammentreffen zu

fürchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, daß die

Tartaren hier vorüber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch

die zuerst auf die Türken angewendeten Worte: „Auf dem Boden, den der

Türke betrat, wächst kein Grashalm wieder!“

Bei seinem Zuge durch diese Gegend mußte Michael Strogoff also die größte

Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten

ihm, daß hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Rührten

diese Feuersbrünste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze

Armee des Emir schon nach den äußersten Grenzen der Provinz? Befand sich

Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseïsk? Michael Strogoff

wußte hierüber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten

erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so

menschenleer geworden sein, daß er keinen einzigen Sibirier mehr fände, um

von ihm Auskunft zu erlangen?

Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Straße etwa zwei Werst weiter.

Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht

verlassenes Haus, aber alle, alle fand er öde und leer.

Eine einzelne Hütte, welche er zwischen einer Gruppe Bäume entdeckte,

rauchte noch. Als er sich näherte, fand er wenige Schritte von den

Trümmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine

noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter

der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf

diese Scene der Verwüstung geheftet. Ein zarter Säugling von wenigen

Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine

und Zerstörung!

Michael Strogoff ging auf den Greis zu.

„Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.

— Rede, erwiderte der alte Mann.

— Sind die Tartaren hier vorüber gekommen?

— Gewiß, sonst stände mein Haus nicht in Flammen.

— Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?

— Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder

verwüstet!

— Commandirt von dem Emir?...

— Von ihm, denn das Wasser des Obi färbte sich roth.

— Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?

— Gewiß.

— Weißt Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemächtigt haben?

— Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.

— Ich danke, Freund. – Kann ich Etwas für Dich und die Deinen thun?

— Nichts.

— Auf Wiedersehen!

— Leb’ wohl!“

Nachdem Michael Strogoff noch fünfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor

dem unglücklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu

danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick

unterbrochenen Weg fort.

Er wußte nun Eines: daß er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu

passiren. Eher schien es möglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren

noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu

thun, als sich zu stärken und mit dem Nöthigsten für eine sehr lange

Tagereise zu versehen. Dann mußte er die Straße nach Irkutsk verlassen, um

nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, – einen anderen Ausweg sah

er nicht vor sich.

Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht

einen Augenblick zögern. Er zögerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd

zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an

das linke Ufer des Stromes führte und bis zu dem noch eine Strecke von 40

Werst zurückzulegen war. Würde er eine Fähre finden, um dort überzusetzen,

oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstört, weggeschleppt haben

und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu überschreiten? Die Zukunft

mußte diese Fragen bald beantworten.

Was sein nun auf’s Aeußerste erschöpftes Pferd betraf, so wollte es

Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und höchst

anstrengenden Tagereise, in Kolywan womöglich gegen ein anderes

vertauschen. Er fühlte wohl, daß das arme Thier binnen Kurzem unter ihm

zusammenbrechen mußte. Kolywan bildete also für ihn gleichsam einen neuen

Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr

veränderten Verhältnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch

die von den Eindringlingen besetzten Gebiete führte, mußten die

Schwierigkeiten offenbar große sein; nach glücklicher Umgehung von Tomsk

aber konnte er die Straße nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz

Jeniseïsk den Verwüstungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte

er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.

Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht

hüllte tiefe Finsterniß die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit

Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterließ in der Atmosphäre eine

vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hörte man auf der

verlassenen Straße, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter

es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniß bedurfte es der

äußersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer

begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.

Michael Strogoff trabte also möglichst schnell, aber immer mit größter

Aufmerksamkeit weiter. Er verließ sich dabei nicht allein auf die große

Schärfe seiner Augen, die auch die Finsterniß durchdrangen, sondern

daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spürsinn er

kannte.

Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich über die genaue

Richtung der Straße zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes

Geräusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf

der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rückwärts

hörte er die regelmäßigen Hufschläge von Pferden.

Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester

Aufmerksamkeit.

„Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Straße von

Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geräusch

nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?“

Michael Strogoff lauschte noch immer.

„Ja, ja, sprach er halblaut für sich, sie nähern sich in scharfem Trabe!

Vor Ablauf von zehn Minuten müssen sie hier sein. Mein Pferd wird

schwerlich mit ihnen Schritt halten können. Sind es Russen, so würde ich

mich ihnen anschließen. Sind es Tartaren, so muß ich ihnen entweichen.

Aber wie? Wo könnt’ ich mich verbergen in dieser Steppe?“

Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte

eine bei der herrschenden Finsterniß kaum erkennbare dunklere Masse etwa

hundert Schritt vor sich zur Linken der Straße.

„Da ist ein kleines Gehölz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe

ich zwar Gefahr, den Reitern in die Hände zu fallen, wenn sie es

durchsuchen sollten. Indeß, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen

sie schon!“

Wenige Minuten später erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zügel

führend, ein kleines Gehölz von Lärchenbäumen, das einen Zugang von der

Straße aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von

Bäumen zwischen den Löchern und Tümpeln hin, welche aus Stechginster und

Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbäumen trennten. Zu beiden Seiten

war das Terrain also völlig ungangbar und die Reiterschaar mußte

zweifellos an dem kleinen Gehölz vorüber kommen, da sie offenbar der

Hauptstraße nach Irkutsk folgte.

Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Lärchenbäume hinein, bis er

sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der

den Hain im Halbkreise begrenzte.

Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, daß Michael Strogoff nicht im

Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehölz nicht ganz

peinlich durchsucht wurde. Er führte sein Pferd also bis an jenes Wasser,

band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand

des Dickichts, um bestimmen zu können, wie er sich zu verhalten habe.

Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Lärchen Platz genommen, als ihm

ein Lichtschein in’s Auge fiel, aus dem da und dort einige glänzende

Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.

„Wie? Fackeln!“ murmelte er.

Schnell wich er wieder weiter zurück und schlüpfte wie ein Wilder

geräuschlos in das Gebüsch, wo es am dichtesten war.

Bei ihrer Annäherung an das Gehölz nahmen die Pferde einen langsameren

Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Straße, um sie in allen

Einzelheiten genau kennen zu lernen?

Michael Strogoff mußte das befürchten und begab sich wenigstens bis nach

dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurück, entschlossen, sich im

Nothfalle auch hinein zu stürzen.

Als die Reiterschaar bei dem Gehölz ankam, machte sie Halt. Die Männer

stiegen ab. Es mochten gegen fünfzig sein. Mehrere derselben trugen

Fackeln, welche die Straße in weitem Umkreise beleuchteten.

An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Glücke, daß

es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehölz zu

durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden

einige Ruhe zu gönnen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu

lassen.

Die abgezäumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier

den Boden bedeckte. Die Reiter selbst ließen sich längs der Straße nieder

und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.

Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltblütigkeit bewahrt. Er

schlich wieder näher, erst um Etwas zu sehen, dann um womöglich einige

Worte zu vernehmen.

Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus

usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren

Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese

wohlgebauten, alle über mittelgroßen Männer mit rohem, wildem

Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen „Talpak“, eine Art Mütze aus

schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere

Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden

des Mittelalters zu sehen gewöhnt ist. Ihren Rock aus mit grobem

Baumwollenstoffe gefüttertem Kattun umschloß ein Ledergürtel mit rother

Stickerei. Als Vertheidigungswaffe führten sie einen Schild, als

Angriffswaffen einen krummen Säbel, ein langes Dolchmesser und ein am

Sattelknopfe hängendes Steinschloßgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein

Filzmantel in grellen Farben.

Die in voller Freiheit am Saume des Gehölzes grasenden Pferde waren von

usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln,

die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Lärchen verbreiteten, konnte

man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der

turkomanischen Race, aber ungemein kräftig und ausdauernd, sind diese doch

als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen

Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.

Die Abtheilung selbst führte ein „Pendja-Baschi“, d. h. ein Befehlshaber

über fünfzig Mann, dem noch ein „Deh-Baschi“, ein Anführer von einer Rotte

zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und

Waffenröcke; außerdem bildeten kleine, am Sattelknopfe hängende Trompeten

ihre verschiedene Gradauszeichnung.

Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermüdeten

Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den „Beng“ (d. i. ein

Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des „Haschich“, von dem die Asiaten einen

so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am

Rande des Gehölzes so auf und ab, daß Michael Strogoff ihre Unterhaltung

hören und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen

Sprache bedienten.

Schon die ersten Worte ihres Gesprächs erregten die Aufmerksamkeit Michael

Strogoff’s im höchsten Grade.

Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.

„Jener Courier kann einen so großen Vorsprung vor uns unmöglich haben,

sagte der Pendja-Baschi, und außerdem konnte er bestimmt keinen andern Weg

einschlagen, als die Straße durch die Barabinen-Steppe.

— Wer weiß, ob er Omsk überhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi.

Vielleicht hält er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt

versteckt.

— Wahrlich, das wäre nur zu wünschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff

nicht zu fürchten, daß die Depeschen, deren Träger der Courier doch ohne

Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!

— Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der

Deh-Baschi fort. Als solchen muß ihm wohl die Provinz bekannt sein und er

konnte recht wohl von der Landstraße nach Irkutsk abweichen in der

Rechnung, sie erst später wieder aufzusuchen.

— Dann wären wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir

haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls

verlassen und sind bei der größten Schnelligkeit der Pferde dem kürzesten

Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurück geblieben oder wir vor ihm in

Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk

nicht zu erreichen vermögen.

— Eine derbe Frau übrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine

Mutter ist!“ bemerkte der Deh-Baschi.

Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff’s Herz, als wollte es springen.

„Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen,

daß dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht.

Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht täuschen lassen, denn er sprach

es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum

Geständniß der Wahrheit zu bringen wissen.“

So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das für Michael Strogoff. Er

war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung

ausgesendete Reiterabtheilung mußte ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu

befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der

Tartaren, und der grausame Ogareff rühmte sich, er werde sie zum Sprechen

zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.

Michael Strogoff wußte recht gut, daß die energische Sibirierin Nichts

aussagen und daß ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...

Michael Strogoff glaubte zwar, daß er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen

im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehaßt habe, und doch drang ihm auf’s

Neue ein bitteres Gefühl des Hasses in’s Herz. Der Schurke, der sein

Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!

Das Gespräch der beiden Officiere dauerte noch länger fort, und Michael

Strogoff glaubte zu verstehen, daß in der Umgebung von Kolywan ein

Zusammenstoß zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und

den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von

2000 Mann näherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten

zufolge, in Eilmärschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestätigte, so

mußte jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan

aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehörte die

Straße nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.

Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen

Aeußerungen des Pendja-Baschi, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und

Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.

Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor

zu kommen und auf der Straße nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und

seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht mußte er aber

vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.

Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluß auszuführen.

Die Rast konnte unmöglich lange währen, und dem Pendja-Baschi durfte es

kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu gönnen, obwohl

ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische

verwechselten Pferde gewiß in demselben Maße und aus denselben Gründen

erschöpft sein mußten, wie das Reitpferd Michael Strogoff’s.

Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr

Morgens. Er mußte sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenröthe zu

weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehölz wieder zu verlassen

und die Straße zu gewinnen; doch trotz der Begünstigung durch die dunkle

Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im höchsten Grade

unsicher.

Um Nichts vom blinden Zufall abhängig zu machen, nahm sich Michael

Strogoff Zeit zu überlegen und erwog sorgsam die Aussichten für und wider,

um einen Entschluß zu fassen, der ihm noch die besten bot.

Aus den örtlichen Verhältnissen ergab sich Folgendes: An der der Straße

entgegen gesetzten Seite des Gehölzes vermochte er nicht zu entweichen,

denn um die Bogenlinie der Lärchenbäume, deren Sehne eben die Landstraße

darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige

Wasserarm. Große Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur

Unmöglichkeit. Unter der schäumenden Wasserfläche befand sich offenbar

eine steile Vertiefung, in der der Fuß keinen Stützpunkt finden würde.

Außerdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten

Gebüschen für eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er

einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiß mit Aufwendung

aller Mittel und Kräfte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den

tartarischen Reitern gefangen.

Es gab für ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen,

die große Landstraße. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hölzchens

hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken,

wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der

Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer

des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines

Bootes zu überfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln

sollte, zu durchschwimmen, – das war es, was Michael Strogoff versuchen

und wagen mußte.

Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es

handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes,

vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zögern, er ging an’s

Werk.

Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder

einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter

gingen auf der Straße, an dem Saume des Wäldchens hin und her. Die Andern

lagen noch am Fuße der Bäume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich

nach und nach wieder zusammen.

Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu

bemächtigen, aber er sagte sich doch, daß diese nicht minder erschöpft

sein müßten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem

Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so

vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt

von hohem Haidekraute, glücklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst

drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hölzchens ein.

Auf dem Boden hinkriechend, näherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,

das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise

freundlich zu und brachte es geräuschlos wieder auf die Füße.

Eben jetzt verlöschten zu Michael Strogoff’s Glück die völlig

niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln

der Lärchenbäume, die dichteste Finsterniß.

Nachdem Michael Strogoff das Gebiß wieder eingelegt, den Sattelgurt

festgeschnallt und die Riemen der Steigbügel geprüft hatte, begann er sein

Pferd langsam am Zügel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente

Thier, so als verstände es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,

ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.

Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Köpfe und wandten

sich dem Rande des Gehölzes zu.

In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem

ersten tartarischen Reiter, der sich nähern würde, den Kopf zu

zerschmettern. Glücklicher Weise hörte er aber keinen Weckruf und konnte

den rechts auslaufenden Winkel des Wäldchens, da wo dieser an die Straße

herantrat, erreichen.

Um womöglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich

erst so spät als möglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,

nachdem er über eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit

des Gehölzes befand, hinter sich haben würde.

Zum Unglück aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand

überschritt, das Roß eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.

Sein Reiter lief ihm nach, es zurück zu führen, als er aber beim ersten

schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er

laut:

„Achtung!“

Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stürzte

hervor auf die Straße.

Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop

davon zu jagen.

Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer

Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.

Jetzt saß Michael Strogoff schon auf dem Pferde.

Da krachte ein Schuß und eine Kugel durchlöcherte den Mantel des Couriers.

Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide

Sporen, erreichte mit einem kühnen Sprunge vom Waldrande aus die Straße

und jagte mit verhängtem Zügel in der Richtung nach dem Obi davon.

Die usbeckischen Pferde waren abgezäumt worden, er mußte also vor den

Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen können; freilich

beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hörte er, kaum

zwei Minuten nachdem er das Hölzchen verlassen, die schnellen Tritte

mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach näher kamen.

Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren

Umkreise alle Gegenstände hervor.

Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, daß ein Reiter ihn

besonders schnell einzuholen drohte.

Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzüglich berittene Officier sprengte der

ganzen Abtheilung voraus und mußte den Flüchtling bald erreichen.

Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den

Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust

getroffen sank der Officier vom Pferde.

Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fuße nach, und ohne sich wegen

ihres gefallenen Führers aufzuhalten, sausten sie unter wildem

Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrückt, weiter,

und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael

Strogoff.

Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer außerhalb der

Tragweite ihrer Schießwaffen zu halten, aber er bemerkte leider, daß die

Kräfte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fürchtete mit Recht, daß

dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniß stieße, stürzen würde, um nicht

wieder aufzustehen.

Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch

nicht über dem Horizonte stand.

In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlängelte sich eine durch Bäume

begrenzte hellere Linie hin.

Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von

Südwesten nach Nordosten dahinfloß und als dessen Thalbett man füglich die

ganze umgebende Steppe ansehen mußte.

Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne daß

eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals mußte auch er gegen Reiter, die ihm

zu gefährlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal

rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet

in den Sand.

Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael

Strogoff’s ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode

erschöpft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flußufer zu

treiben.

Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fünfzig Schritte hinter

ihm.

Auf dem vollständig verlassenen Obi erblickte er weder eine Fähre, noch

ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen über den Strom hätten dienen können.

„Jetzt Muth, mein wackres Roß! rief Michael Strogoff. Vorwärts! Jetzt

gilt’s die letzte Anstrengung!“

Er stürzte sich in den Fluß, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst

betragen mochte.

Gegen die rasche Strömung war nur schwer anzukämpfen. Michael Strogoff’s

Pferd konnte nirgends Fuß fassen. Ohne jeden Stützpunkt mußte es die

brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder

von Muth gehörte für Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu

trotzen.

Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich

ebenfalls in denselben nachzustürzen.

In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte

sorgfältig auf den Flüchtling, der sich schon in der Mitte der Strömung

befand. Der Schuß krachte, und tödtlich in der Flanke getroffen versank

das Pferd Michael Strogoff’s unter seinem Reiter.

Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbügeln, eben als sein

treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er

unter fortwährendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der

Oberfläche Athem schöpfend trotz des nachgesendeten Kugelregens glücklich

an das rechte Flußufer und verschwand hinter den Gebüschen, die sich längs

des Obirandes hinzogen.

Siebenzehntes Capitel.

Bibelsprüche und Liederverse.

Michael Strogoff befand sich einigermaßen in Sicherheit; immerhin war

seine Lage noch eine schreckliche.

Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den

Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise

fortsetzen können?

Er war zu Fuß, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empörung verwüsteten,

durch die Plänkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine

große Strecke von dem Ziele, das er erreichen mußte, entfernt.

„Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle

Einwände der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.

Der Herr schützt das heilige Rußland!“

Michael Strogoff befand sich jetzt außerhalb des Bereichs der usbeckischen

Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluß weiter zu verfolgen,

und mußten auch annehmen, daß er ertrunken sei, da sie ihn nach dem

letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder

auftauchen sahen.

Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers

hinschlüpfend eine höhere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit großer

Mühe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurückgebliebener

Schlamm seinen Weg sehr schlüpfrig machte.

Als er festen Grund und Boden unter sich fühlte, hielt Michael Strogoff an

und überlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darüber

einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu

vermeiden. Dennoch mußte er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais

zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.

Mit diesen wollte er sich außerhalb der besetzten Wege halten und die

Straße nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.

Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so

daß er nach dem Südosten der Provinzen am Baïkalsee herabgelangen konnte.

Zunächst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.

Zwei Werst vor ihm längs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in

pittoresken Stufen auf einem leichten Landrücken. Einige Kirchen mit

byzantinischen, grün und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am

grauen Himmelsgrunde ab.

Das war Kolywan, wohin die niederen und höheren Beamten aus Kamsk und

anderen Städten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der

Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,

die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Händen der

Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen

hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der

Mitte aber frei liegen lassen.

Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand

darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des

Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und wäre es auch um

den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach

Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr

Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen

vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevölkerung auf der

Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen

vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseïsk zurückgezogen.

Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als

entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.

Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die

Luftschichten erschütterte, und dazu ein trockenes Knattern, über dessen

Natur er sich nicht täuschen konnte.

„Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er für sich. Das

kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O

gebe der Himmel, daß ich vor ihnen in Kolywan ankomme!“

Michael Strogoff täuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen

deutlicher, und weiter rückwärts, links von Kolywan, lagerten sich weiße

Dämpfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf

abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.

Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den

Ausgang der Schlacht abzuwarten.

Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fürchten und

beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.

Inzwischen wurde der Kanonendonner stärker und näherte sich merklich. Es

war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich

unterscheidbarer Donnerschläge. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde

entführte Dampf in die Luft, und man erkannte, daß die Kämpfer im Süden

offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der

Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die

Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu

entreißen? Das ließ sich für jetzt unmöglich erkennen und setzte Michael

Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.

Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl

mitten aus den Häusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche

unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.

Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff mußte es wohl glauben;

in diesem Falle kämpften die Russen und Tartaren also in den Straßen der

Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht

Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, daß es ihm

gelingen werde, aus Kolywan ebenso glücklich zu entfliehen, wie vorher aus

Omsk?

Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen

Augenblick still.

Erschien es nicht besser, sich zu Fuß nach Süden oder Osten, bis zu irgend

einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,

durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?

Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael

Strogoff, indem er das Ufer des Obi verließ, nach der rechten Seite von

Kolywan.

Gerade jetzt krachten die Geschütze lauter als je. Bald züngelten Flammen

an der rechten Seite der Stadt in die Höhe; die Feuersbrunst ergriff ein

ganzes Stadtviertel von Kolywan.

Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und

suchte den Schutz einiger Bäume zu erlangen, welche da und dort verstreut

standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten

Stromufer erschien.

Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr

fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es wäre ihm schwer

geworden, ihnen zu entgehen.

Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebüsch ein isolirtes

Häuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.

Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich

daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, nöthigenfalls sich anzueignen,

womit er seine Kräfte wieder herstellen könnte, denn er war nun wirklich

erschöpft von Hunger und Strapazen.

Er stürzte also auf dieses höchstens eine halbe Werst entfernte Häuschen

zu. Näher gekommen sah er erst, daß dieses Gebäude ein Telegraphenbureau

war. Zwei Drähte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter

Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.

Wohl hätte man voraussetzen können, daß dieses Bureau unter den jetzigen

Verhältnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael

Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich

dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plänkler

durchirrten.

Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thür des Hauses zu und stieß

sie schnell und heftig auf.

Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die

Telegraphenleitungen zusammenliefen.

Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um

das Geringste kümmerte, was in der Außenwelt vorging. Treu auf seinem

Posten ausharrend, wartete er, daß das Publicum seine Dienste in Anspruch

nehme.

Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschöpfung

gebrochener Stimme:

„Was wissen Sie Neues?

— Ei nichts, erwiderte der Beamte lächelnd.

— Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?

— Man sagt es.

— Aber wer ist Sieger?

— Das weiß ich selbst nicht.“

So viel Gemütlichkeit unter so schrecklichen Verhältnissen, so viel

Indifferenz erschien doch kaum glaublich. „Und der Draht ist noch nicht

zerschnitten? fragte Michael Strogoff.

— Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstört, sie

functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.

— Für die Regierung?

— Für die Regierung, wenn sie es für nöthig erachtet, für das Publicum,

wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,

mein Herr?“

Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, daß

er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod

und Wasser zu erbitten, als die Thür des Hauses wieder hastig aufgerissen

wurde.

Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von

Tartaren überfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,

daß nur zwei einzelne Männer in den Raum eintraten, die tartarischen

Soldaten nicht im Geringsten ähnelten.

Mit einem leicht erklärlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in

diesen zwei Männern zwei Persönlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im

Entferntesten dachte und die er überhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt

hatte.

Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,

jetzt keine Reisegefährten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie

ihre Thätigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.

Ischim verließen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael

Strogoff’s Weiterreise, und wenn sie auf derselben Straße Kolywan vor ihm

erreichten, ja, ihn selbst unterwegs überholten, so kam das daher, daß

Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebüßt hatte.

Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und

tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem

Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Straßen der Stadt hinein

fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre

rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die

erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.

Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte

von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hören.

Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen

abnehmen zu können, ob er sich nach Kolywan hinein wagen dürfe oder nicht.

Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den

Platz am Schalter eingenommen, während Alcide Jolivet ganz gegen seine

Gewohnheit ungeduldig mit den Füßen stampfte.

„Jedes Wort kostet zehn Kopeken“, sagte der Beamte, die Depesche entgegen

nehmend.

Harry Blount stapelte auf einer Zähltafel eine kleine Säule Rubel auf, die

sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.

„Schön, schön“, sagte der Beamte.

Und mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit der Welt begann er

folgende Depesche abzutelegraphiren:

_„Daily-Telegraph, London._

_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_„Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ...“_

Da die Worte laut vorgelesen wurden, hörte Michael Strogoff auch Alles,

was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.

_„Die russischen Truppen mit großen Verlusten zurückgedrängt. Tartaren an

demselben Tage in Kolywan eingezogen ...“_

Diese Worte beendigten die Depesche.

„Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine

im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.

Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser

dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die

er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten

zu können. Er machte also seinem Gefährten nicht Platz.

„Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.

— Ich bin noch nicht zu Ende“, antwortete einfach Harry Blount.

Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten übergab,

welcher sie mit stets gleichmäßig ruhiger Stimme durchlas:

_„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!...“_

Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount

telegraphirte, um die Zeit auszufüllen und seinem Collegen gegenüber den

einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem

Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafür auch die

allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!

Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet’s. Unter allen

anderen Verhältnissen hätte er zwar begriffen, daß dieses Verfahren ein

gesetzlich vollkommen begründetes war, jetzt suchte er aber den Beamten

womöglich zu nöthigen, daß er seiner Depesche vor der Fortsetzung der

seines Collegen den Vorzug gebe.

„Der Herr ist in seinem Recht“, bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er

auf Harry Blount wies und ihm liebenswürdig zulächelte.

Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der

heiligen Schrift zu telegraphiren.

Während der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig

an’s Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan

vorging, um seine Berichte zu vervollständigen.

Einige Augenblicke später nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und

fügte seinem Telegramm hinzu:

_„Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem

rechten Flußufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wüste und leer und es

war finster auf der Tiefe ...“_

In Alcide Jolivet stieg eine höllische Lust auf, den ehrenwerthen

Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwürgen.

Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der nämlichen

Ruhe die Antwort gab:

„Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort

kostet zehn Kopeken.“

Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry

Blount brachte.

_„Russische Flüchtlinge drängen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es

werde Licht und es ward Licht!...“_

Alcide Jolivet wollte buchstäblich vor Wuth bersten.

Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurückgekehrt, zog aber

seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem

Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die

Länge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet

hatte, nahm Alcide Jolivet geräuschlos am Schalter Platz und übergab, nach

Deponirung einiger recht anständiger Rubelrollen, seine Depesche dem

Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:

_„Madeleine Jolivet,_

_„10, Faubourg Montmartre (Paris)._

_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._

_„Flüchtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige

Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ...“_

Und als Harry Blount nach dem Schalter zurückkehrte, vernahm er nur, wie

Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone

vervollständigte:

_„Es ist ein kleines Männchen,_

_Gekleidet ganz in Grau,_

_In Paris!...“_

Da er es für unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu

mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Béranger’s an

Stelle der Bibelverse.

„Oha! platzte Harry Blount heraus.

— Ja ja, so geht’s“, erwiderte lachend Alcide Jolivet.

Inzwischen gestalteten sich die Verhältnisse in den Umgebungen Kolywans

immer bedrohlicher. Die Schlacht wälzte sich näher heran, der

Geschützdonner krachte immer entsetzlicher.

Da erzitterte plötzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.

Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke

erfüllte den ganzen Raum.

Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:

_„Bausbäckig, wie ein Apfel,_

_Doch ohn’ ein’n Heller Geld ...“_

Dann hielt er inne, stürzte auf die Granate zu, erfaßte sie noch vor der

Explosion derselben mit beiden Händen, warf sie zum Fenster hinaus und

trat wieder an den Schalter – Alles das Werk eines Augenblicks.

Fünf Secunden später zersprang die Granate vor dem Hause in tausend

Stücke.

Alcide Jolivet ließ sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht

stören und fügte dem völlig ruhig und kaltblütig hinzu:

_„Eine sechspfündige Granate schlug soeben durch die Mauer des

Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ...“_

Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, daß die Russen aus Kolywan

vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die

südliche Steppe zu wagen.

Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein

Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.

An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.

Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufügen.

_„Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von

einer Kugel getroffen ...“_

Da unterbrach ihn der kaltblütige Beamte und sagte mit seiner

unerschütterlichen Ruhe:

„Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen.“

Den Schalter schließend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, bürstete ihn

sorgfältig mit dem Ellbogen und verließ, immer lächelnd, das Haus durch

eine kleine Nebenthür, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.

Das Gebäude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so

daß weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rückzug zu

bewerkstelligen vermochten.

Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem

auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Mühe, letzteren auf die

Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spät!

Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,

als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die

Hände der Tartaren!

Ende des ersten Bandes.

Collection Verne. Band 23.

*Der Courier des Czaar.*

(Michael Strogoff.)

Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) · 第 6 / 15 题