Ursache zusammenstürzt, unter Wasser oder eine andere Flüssigkeit
geräth und erst in dieser stirbt. Alle jene Ursachen, welche in
natürlicher Weise plötzliche Bewusstlosigkeit oder plötzlichen Tod
bewirken können, wie Apoplexien, Herzlähmung, epileptischer Anfall,
Ohnmacht u. dergl., können auch eintreten, während Jemand am oder im
Wasser etc. sich befindet, und es ist insbesondere der natürliche Tod
im Bade keine Seltenheit. Gleiches kann aber auch aus gewaltsamen
Ursachen geschehen, so z. B. bei Kopfverletzungen oder wie beim
Ausräumen von Cloaken durch giftige Gase. Da bei den Betroffenen,
selbst wenn die Ursache des Zusammenstürzens für sich allein den Tod
in wenigen Augenblicken zu bewirken im Stande gewesen wäre, doch die
Agonie in der Flüssigkeit sich abspielt, insbesondere in dieser noch
Athembewegungen erfolgen, so finden sich auch bei solchen Leichen die
Zeichen des Ertrinkungstodes und es kann mitunter recht schwer sein,
die Frage zu beantworten, woran der Untersuchte zunächst gestorben
ist. Bei einer jungen, in ihrem von innen verschlossenen Badezimmer
unter Wasser todt gefundenen Frau ergab sich auffallend rothes Blut
und roth gefärbte Organe. Der Verdacht auf Kohlenoxydvergiftung wurde
durch die spectrale Untersuchung bestätigt. Das giftige Gas stammte
aus dem Heizapparat. Am 24. Januar 1881 obducirten wir einen im Eis
des Donaucanals eingefroren gefundenen alten, marastischen Mann.
Angeblich lag Selbstmord durch Ertrinken vor. Es fanden sich jedoch
massenhafte Gerinnsel im Herzen und den grossen Gefässen, woraus auf
einen protrahirten Tod geschlossen werden musste, und zwar entweder auf
natürlichen Tod durch Marasmus oder auf Erfrieren. -- Den Beobachtungen
+Naegeli+’s zufolge (Correspondenzbl. f. Schweizer Aerzte. 1880, Nr.
2) scheint die Ursache des Verunglückens Badender häufig darin zu
liegen, dass, weil sie mit vollem Magen in’s Wasser gingen, während
des Schwimmens Erbrechen und consecutive Aspiration des Erbrochenen
eintritt.
[375] +A. Paltauf+ (l. c.) weist auf diese Möglichkeit hin und wir
haben einen zweifellosen solchen Fall bei einem 19jährigen Burschen
beobachtet, bei welchem sich an beiden Oberarmen deutliche, vom
Anfassen herrührende Spuren fanden (s. auch pag. 568).
[376] Einen interessanten Fall von bei einem im Wasser Verunglückten
durch die Radschaufeln eines sich drehenden Mühlrades entstandener
Gekrös- und Darmruptur bringt +Kratter+ aus dem Grazer Institute für
Staatsarzneikunde (Friedreich’s Blätter. 1877, 1); ebenso Beispiele
von mannigfachen, insbesondere durch Dampfschiffsräder veranlassten
Beschädigungen von Wasserleichen: +Delens+, „Des fractures etc. que
l’on rencontre sur les cadavres retirés de la Seine.“ (Annal. d’hygiène
publ. 1878, pag. 433).
[377] +Hämmerle+, Gesetzsammlung. 1869, pag. 57.
[378] Die Leichen Ertrunkener tauchen desto früher auf, je günstiger
die Fäulnissbedingungen sind. Im Sommer kann dieses schon nach 2-3
Tagen, seltener schon nach einigen Stunden, geschehen, während im
Winter die Leichen wochen- und monatelang unter Wasser bleiben können.
Die Fettentwicklung, sowie die Menge der im Körper zur Zeit des Todes
gewesenen Luft (Lungen- und Darmluft) ist hierbei ebenfalls von
Einfluss. Enthielt der Körper keine Luft, wie z. B. bei todtgeborenen
Kindern, so bleibt derselbe verhältnissmässig länger unter Wasser, als
wenn Lungen und insbesondere der Darm Luft enthalten hatten. In manchen
Fällen können Wasserleichen unter Flösse etc. gerathen, oder durch
andere Gegenstände festgehalten werden, welche Möglichkeit ebenfalls
in Betracht gezogen werden muss. Gleiches kann eine Beschwerung der
Leiche bewirken, wie sie bei Selbstmördern, aber auch bei Beseitigung
von Leichen vorkommt. Dass selbst raffinirte derartige Vorkehrungen
das Aufsteigen der Leiche nicht absolut verhindern, beweist der im
August 1882 in Paris behandelte Fall Aubert, dessen Leiche nach
11 Tagen auftauchte, obgleich sie von den Mördern mit Bleiröhren
umwickelt, in die Seine geworfen worden war. Meistens scheint zuerst
der Oberkörper aufzutauchen, einestheils wegen der Residualluft in
den Lungen, anderseits wegen der raschen Gasentwicklung im subcutanen
Zellgewebe des Oberkörpers. In einem von +Freyer+ mitgetheilten Falle
(Virchow’s Jahrb. 1886, I, pag. 506) stand die Leiche im Wasser, was
zusammengenommen mit den übrigen Umständen des Falles den Verdacht
erregte, dass die Untersuchte erdrosselt und dann in das Wasser
gebracht worden war. In einem unserer Fälle war aber die Leiche eines
in einem See Ertrunkenen 3 Tage darnach plötzlich neben einem Schiffer,
der nach ihr gesucht hatte, aufgetaucht und stand senkrecht im Wasser.
Ob die Leiche mit dem Rücken oder mit der Vorderfläche nach oben
gekehrt im Wasser schwimmt und schliesslich auftaucht, wird vielleicht
von Zufälligkeiten abhängen. +Lacassagne+ (Virchow’s Jahrb. 1891, I,
pag. 520) behauptet, dass bei weiblichen Leichen meistens letzteres,
bei männlichen ersteres der Fall ist, da sich bei jenen meist die
Fersentheile, bei diesen meist die vorderen Partien der Beschuhung
abgewetzt finden. Auf der Wiener Naturforscherversammlung hat +Haberda+
über das Auftauchen der Wasserleichen und darüber angestellte
Beobachtungen berichtet.
[379] Mitunter werden die fester haftenden Haare an oder in der
Haut abgerissen oder abgebrochen, wodurch die Hautstelle ein wie
rasirtes Aussehen erhalten kann, ein Umstand, der bekanntlich im
Tisza-Eszlár-Fall eine Rolle spielte. Siehe unser Gutachten darüber,
sammt Abbildungen einer solchen Kopfhaut aus unserer Sammlung in der
Wiener med. Wochenschr. 1883, Nr. 25 u. ff.
[380] Das Schwurgericht Osnabrück fällte am 9. März 1878 das
Todesurtheil über eine Frau, welche den vier Wochen alten Knaben
ihrer Tochter dadurch getödtet hatte, dass sie ihm einen zugespitzten
Flaschenkork in den Rachen einpresste.
[381] Schmidt’s Jahrb. 1852, LXXIV, 242. Ebenso Versuche von
+Mattysen+, Tardieu, sowie der med.-chir. Gesellschaft in London in
+Tardieu+’s: „Sur la pendaison etc.“, pag. 292 u. ff., daselbst, sowie
in +Casper+-+Liman+’s Handb. II, 633, einschlägige Fälle.
[382] +Roth+ und +Lex+, Militärgesundheitspflege. 1875, II, 557.
[383] O. +Schultze+, „Zur Lehre vom Stoffwechsel bei Inanition“. Arch.
f. Anat. 1863, pag. 31; ebenso F. A. +Falk+, l. c. Eine fleissige
Zusammenstellung der „Veränderungen der Gewebe durch Inanition“,
insbesondere der Atrophie der Leber, enthält die Dissertation von G.
+Kulisch+, Halle 1891.
[384] So in England im berüchtigten „Penge-Fall“ 1877 und im Process
gegen die Familie +Barms+, die der gewerbsmässigen Kindervertilgung
angeklagt war (Prager med. Wochenschr. 1879, pag. 399).
[385] Eine ausführliche Darstellung der Theorien über die Ursache der
Insolation findet sich in dem Werke von +Jakubasch+, „Sonnenstich und
Hitzschlag“. Wien 1881.
[386] Wiener med. Wochenschr. 1867, pag. 144. Siehe auch die Arbeiten
von +Fraenkel+, Deutsche med. Wochenschr. 1889, Nr. 2 und +Silbermann+,
Med. Centralbl. 1889, Nr. 29.
[387] Ueber Verbrennungen durch schlagende Wetter, ein Mal 22, das
andere Mal 14 Kohlengrubenarbeiter betreffend, berichtet K. +Franz+,
Zeitsch. d. böhm. Aerzte. 1885, pag. 212 u. s. f., ferner +Bourget+,
Virchow’s Jahresb. 1877, II, 229.
[388] Prager Vierteljahrschr. 1864, LXXXII, 114.
[389] Gröberen durchscheinenden Gefässnetzen begegnen wir auch bei
postmortalen und dann vertrockneten Hautaufschürfungen.
[390] Wiener med. Wochenschr. 1875, Nr. 19 und 20, dann 1876, Nr. 7
und 8; ferner +Blumenstok+, Ibid. 1876, Nr. 15 und 16 und Friedreich’s
Blätter. 1878, pag. 347; +Jastrowitz+, Vierteljahrschr. f. gerichtl.
Med. XXXII, pag. 1; die ausführliche Zusammenstellung der Befunde nach
Verbrennung von +Schjerning+ (Ibid. XLI und XLII) und die Arbeiten aus
unserem Institute über den Befund an den Wiener Ringtheaterleichen.
[391] Zusammenstellung der Arbeiten von +Graff+, +Günsburg+, +Bischoff+
und +Maschka+ vide in Schmidt’s Jahrb. 1853, I, 105.
[392] In +Sédillot+’s „Journ. génér. de méd.“ März 1813.
[393] Laut eines von +Anderle+ in der Sitzung der Section für
öffentliche Gesundheitspflege des Wiener med. Doctoren-Collegiums vom
7. Jänner 1885 vorgetragenen Protokolls über die „Feuerbestattung“
einer Frau dauerte die Verbrennung 1 Stunde 24 Minuten und das Gewicht
des grössten Theils aus ganz kleinen Knochenstückchen bestehenden
Rückstandes betrug 1·5 Kgrm. -- Aus Anlass des Processes +Pel+ haben
+Brouardel+ und +L’Hôte+ (Annal. d’hygiène publ. 1886, pag. 12 und 106)
sich durch den Versuch überzeugt, dass man in einem eisernen Kochherd
binnen 40 Stunden eine ganze, etwa 60 Kgrm. schwere, zerstückelte
Leiche verbrennen könne, wobei etwa 6 Kgrm. Asche zurückblieb, und
sich nach aussen kein auffälliger Geruch entwickelte. Die auf den
französischen Schlachtfeldern angestellten Versuche, Thiercadaver durch
Begiessen mit Theer und Petroleum zu verbrennen, haben entgegen den
Angaben +Créteur+’s ungünstige Resultate ergeben, da es der Metzer
Commission selbst nach fünfstündiger Bemühung und nachdem wiederholt
Theer und Petroleum aufgegossen worden war, nicht gelang, Pferdecadaver
vollständig zu verkohlen (+Roth+ und +Lex+, l. c., I, 556.
[394] Ausführliches über „Blitzschlag“ vide unseren gleichbezeichneten
Artikel in +Eulenburg+’s „Real-Encyclopädie der ges. Heilkunde“ und in
+Oesterlen+’s Arbeit über diesen Gegenstand in Maschka’s Handb. I, 795.
Auch +Eberty+: „Ueber Blitzverletzungen.“ Deutsche med. Wochenschr.
1891, Nr. 37. Mit lithographirten Abbildungen, und die Monographie von
+Vincent+: „Médecine légale des accidents de la fondre 1892. Gaz. des
hôp. Nr. 98-138.
[395] Ausser den einschlägigen Arbeiten von +Krajewski+, +Blosfeld+,
+Samson+-+Himelstiern+, +Dieberg+, +Hoeche+ und +Ogston+ siehe die
von +Pouchet+ (Med. Times. December 1865); +De Crecchio+ („Della
morte pel freddo.“ Morgagni 1866); +Beck+, Deutsche Klinik. 1868, Nr.
6-8; +Wertheim+, Wiener med. Wochenschr. 1870, Nr. 19-23; +Horwath+,
„Beiträge zur Wärme-Inanition“. Allg. Wiener med. Ztg. 1870, Nr. 38
und 41; +Colemann+ und +M’Kendwick+ (Virchow’s Jahrb. 1885, I, 239),
die Angaben von +Landois+ in seinem Lehrb. d. Physiol., pag. 413 und
+Paniénski+, Virchow’s Jahresb. 1890, I, 490.
[396] Med. Centralbl. 1873, pag. 33.
[397] Der von der Vorschrift für die gerichtliche Todtenbeschau vom 28.
Jänner 1855 im §. 105-107 vorgeschriebene Vorgang bei der Untersuchung
des Magens und Mageninhaltes und bei der Uebergabe der Leichentheile an
den Chemiker ist im Wesentlichen analog mit den sofort auszuführenden
Bestimmungen des §. 22 des preussischen Regulativs vom Jahre 1875 und
wir beschränken uns um so mehr auf diese hinzuweisen, als sie dem
gegenwärtigen Standpunkt der Toxicologie mehr angepasst sind als jene.
Auf die besonderen Bestimmungen bei Vornahme von Exhumationen werden
wir zurückkommen.
[398] Der Einfluss dieses Momentes ist insbesondere bei Digitalis und
Aconitum bekannt, und es wird behauptet, dass +Linné+ in Lappland
Aconitumkraut als Gemüse verspeist haben soll. (Virchow’s Jahrb. 1875,
I, 452.)
[399] Dass Substanzen erst durch das Vehikel zu Giften gemacht werden
können, zeigt das Amygdalin, welches für sich allein nicht giftig ist,
jedoch in Mandelmilch gebracht, durch das darin enthaltene Emulsin
schnell in Zucker, Bittermandelöl und +Blausäure+ zerfällt.
[400] Gegenüber Strychnin scheinen sich die Verhältnisse anders zu
gestalten, da nach +Falck+ in Kiel (Arch. f. d. ges. Physiologie.
XXXIV, pag. 531) bei neugeborenen Kaninchen nicht blos die
krampfmachende, sondern auch die letale Dosis eine auffallend höhere
ist als bei erwachsenen.
[401] Vide +Werber+ über Arsenikesser. Deutsche Klinik, 1870, 19;
ferner die Berichte der Grazer Naturforscherversammlung. +Binz+ und
+Schulz+, Arch. f. exper. Path. XI, 223 und +Knapp+, Med.-chir.
Rundschau. 1886, 1. Heft. Dass das „Arsenikessen“ auch vor Gericht
eine Rolle spielen kann, beweist der von +Dittrich+ (Vierteljahrschr.
f. gerichtl. Med. VIII, Suppl. pag. 212) begutachtete Fall, in welchem
ein Mann wegen Giftmord zum Tode verurtheilt, in einer neuerlichen
Verhandlung jedoch einstimmig freigesprochen wurde, weil sich durch
verlässliche Zeugen herausstellte, dass der Verstorbene Arsenik als
Genussmittel zu nehmen pflegte.
[402] +L. Herrmann+, Lehrb. d. exper. Toxicologie. 1874, pag. 94.
[403] Bemerkenswerth ist, dass auch schwere entzündliche oder
infectiöse Erkrankungen latent verlaufen und nachdem die Krankheit
bereits einige Zeit gedauert hatte, zum unerwarteten, selbst
plötzlichen Tode führen können. Vom Typhus ist dies längst bekannt,
unseren Erfahrungen zufolge gibt es aber ebenso wie einen Typhus
ambulatorius auch eine Pneumonia, eine Peritonitis und selbst eine
Meningitis ambulatoria, da uns vorgerücktere Stadien aller dieser
Erkrankungen bei Individuen vorkamen, die plötzlich -- einzelne davon
mitten in ihrer Arbeit -- gestorben waren, ohne bis dahin besonders
auffällige Erscheinungen gezeigt zu haben. Am häufigsten scheint die
Pneumonie einen solchen latenten Verlauf zu nehmen. In den hierher
gehörigen Fällen von Meningitis handelte es sich stets um Meningitis
cerebrospinalis und in einem derselben war der kräftige, junge Mann,
als er sich zur Arbeit begeben wollte, auf der Strasse zusammengestürzt
und in einigen Augenblicken gestorben. Auch +Lesser+ erwähnt im 1.
Heft seines Atlas der gerichtl. Med. einer Person, die plötzlich beim
Waschfass gestorben war und wo sich als Todesursache Peritonitis nach
Ulcus perforans ergab. Dass auch schwere chronische lebenswichtige
Organe betreffende Processe latent verlaufen können, zeigt u. A. ein
während der Vorstellung plötzlich gestorbener Circus-Clown (!), bei
dessen Section ein colossaler Hirntuberkel als Todesursache gefunden
wurde.
[404] +Langerhans+, Deutsche med. Wochenschr. 1893, Nr. 48. +Ungar+,
Tagblatt der Wiener Naturforscherversammlung, pag. 299 u. +Wachholz+,
ebenda.
[405] Vertretung von Kalksalzen der Knochen durch isomorphe Blei- und
Barytsalze und die Vertretung von phosphorsauren Salzen durch isomorphe
arsensaure. Lud. +Herrmann+, l. c. 44.
[406] Ueber die Schicksale dieser im Organismus sind die Acten
keineswegs geschlossen. So wird von +Boyer+ (Virchow’s Jahrb. 1881, I,
562) unter Berufung auf +Vulpian+ eine Zersetzung des Strychnins im
Blute als wahrscheinlich angenommen, von +J. Kratter+ („Untersuchungen
über die Ausscheidung von Strychnin durch den Harn.“ Wiener med.
Wochenschr. 1882, Nr. 8 u. ff.), sowie von +Ipsen+ („Untersuchungen
über das Verhalten des Strychnins im Organismus.“ Vierteljahrschrift
f. gerichtl. Med. 1892, IV, pag. 15) in Abrede gestellt. +Morphin+
wird nach +Landsberg+ (Pflüger’s Arch. XXIII und +Eliassow+, Diss.,
Königsberg 1882) bei kleinen Gaben im Organismus völlig zersetzt und
nur bei grösseren lässt sich unzersetztes Morphin im Harn nachweisen.
Auch +Donath+ (Wiener med. Presse. 1886, pag. 587) hat Gleiches
gefunden. Neuere Untersuchungen über den Gegenstand von +Pellacani+ s.
Virchow’s Jahresb. 1892, I.
[407] Solche Verfärbungen sind nicht mit unschuldigen von Nahrungs- und
Genussmitteln herrührenden zu verwechseln. So können grüne ausser von
Galle von grünem Gemüse, rothe und violette von Weinbeeren, Rothkraut,
Hollunderbeeren, rothen Rüben u. dergl. stammen. In dem gewöhnlich in
saurer Gährung begriffenen Inhalte des Coecum und Colon ascendens, wo
die Nahrungsstoffe auch länger verweilen, lösen sich die betreffenden
Farbstoffe besonders intensiv und färben dann durch Imbibition die
betreffenden Darmschlingen und das anstossende Peritoneum mitunter ganz
auffallend wein- oder anilinroth, wegen welcher Färbung in einem uns
mitgetheilten Falle von den Obducenten an eine Anilinvergiftung gedacht
und deshalb die chemische Untersuchung eingeleitet worden war.
[408] Die anatomischen Veränderungen des Verdauungscanales durch
Aetzgifte. Virchow’s Archiv. LXXXIII, pag. 193.
[409] Grosse Mengen wässerigen Mageninhaltes können bei schwacher
Concentration des genommenen Aetzgiftes dasselbe so verdünnen, dass
wohl Verätzung der Schleimhaut des Oesophagus, aber nicht mehr die
des Magens erfolgt, so dass letztere entweder ganz intact bleibt oder
nur irritative Veränderungen zeigt. Gleiches kann geschehen, wenn
das Gift chemisch durch den Mageninhalt gebunden oder neutralisirt
wird. Auch kann es unter solchen Umständen geschehen, dass die obere
concentrirtere und noch ätzungsfähige Schichte des Mageninhaltes
durch schnell eintretende Contraction des Magens noch in den Dünndarm
gelangt, so dass im letzteren noch Verätzungen gefunden werden können,
obgleich die Magenschleimhaut verhältnissmässig wenig beschädigt ist.
In der That bewahren wir in unserer Sammlung den Magen eines 53jährigen
Mannes, der 9 Wochen vor dem Tode Salzgeist (Salzsäure) irrthümlich
statt Rum getrunken hatte, in welchem Falle die Schleimhaut des Magens
mehrere longitudinale, schmale, in Form eines 3-10 Mm. breiten,
fast continuirlichen Streifens entlang der +kleinen+ Curvatur, von
der Cardia bis zum Pylorus ziehende und dort mit einer Ausbreitung
endigende, in Verheilung begriffene Substanzverluste zeigt, während
im übrigen Magen mit Ausnahme einiger unbedeutender Narben an der
Hinterwand des Fundus normale, im Duodenum aber wieder mit Narben
durchzogene Schleimhaut sich findet.
[410] Letztere können ausser durch Inanition auch durch Perforation zum
Tode führen, welche allerdings auch durch forcirte Sondirung, aber auch
ganz unabhängig von dieser durch Geschwürs- oder Divertikelbildung,
durch entzündliche Erweichung und durch periösophageale Abscesse zu
Stande kommen kann. Solche Vorgänge können längere Zeit latent bestehen
und es kann ihr Durchbruch zufällig mit einer Sondirung zusammenfallen
oder die Perforation mit der Sonde dadurch wesentlich begünstigt
werden. Bei Beurtheilung angeblich in dieser Richtung begangener
„Kunstfehler“ ist daher besondere Vorsicht angezeigt. Eine einschlägige
Beobachtung von +Schuberg+ wurde in Friedreich’s Bl. 1888. pag. 199 und
mehrere andere von uns mitgetheilt: Zeitschr. f. Medicinalbeamte. 1888,
pag. 353.
[411] Vide u. +A. Kossel+, „Zur Kenntniss der Arsenwirkungen“. Arch. f.
exp. Path. 1876, V, pag. 135, und +Fränkel+, „Ueber den Einfluss der
verminderten Sauerstoffzufuhr zu den Geweben auf den Eiweisszerfall
im Organismus.“ Med. Centralbl. 1875, pag. 739, und Virchow’s Archiv,
1876, LXVIII.
[412] Auch die acute Fettdegeneration bei Neugeborenen und Wöchnerinnen
ist zu beachten. Vide +Buhl+, Klinik der Geburtskunde. 1861, I, pag.
296. +Hecker+, Monatsschr. f. Geburtskunde. 1867, pag. 321 und Arch. f.
Gynäk. 1876. X, 537.
[413] Es empfiehlt sich, eine ganze Niere und etwa ein Drittel der
Leber zu nehmen, was wir ausdrücklich bemerken, weil in einem hierher
zur chemischen Untersuchung gelangten Falle von beiden Organen nur ein
nussgrosses Stückchen eingeschickt worden war.
[414] +Gorup+-+Besanez+ fand in der Leiche einer Frau, welche
Spiegelarbeiterin gewesen, aber bereits über ein Jahr vor ihrem Tode
den Dienst verlassen hatte, noch deutliche Spuren von Quecksilber.
Schmidt’s Jahrb. 1850, II, 144.
[415] Auch vor der Beerdigung können auf und in die Leiche Giftstoffe
hineingelangen, so durch „Balsamirung“, dann aber auch durch
Desinfection der Leiche mit Carbolsäure, Sublimat u. dergl.; diese
Stoffe können dabei auch in die Schling- und Respirationswege und von
da durch nachträgliche Imbibition tiefer hineingelangen.
[416] Handbuch der gerichtl. Chemie. 1869, pag. 144 u. s. f. Ferner
„Ueber die Verbreitung des Arseniks in der Natur“. Vierteljahrschr. f.
gerichtl. Med. N. F., 1870, XIII, 169.
[417] Bekanntlich wurde zur „Einbalsamirung“ (Conservirung) der
Leichen häufig Arsenik verwendet. Ein solcher Vorgang macht nicht
blos die Erkennung einer stattgehabten Arsenikvergiftung bei der
betreffenden Leiche unmöglich, sondern kann auch Arsenik in die
Friedhofserde bringen. So berichtet +Edling+ (Monatsblatt für öffentl.
Gesundheitspflege und med. Statistik. Beilage zur Deutschen Klinik.
1874, Nr. 3), dass in Stockholm ein ganz enormer Consum von Arsenik
zur Conservirung von Leichen stattfinde, dass im Jahre 1872 allein
etwa 110 so conservirte Leichen begraben wurden, und dass, da für jede
Leiche durchschnittlich 278 Grm. Arsenik gebraucht werden, jährlich
etwa 63 Pfund Arsenik in die Friedhofserde gelangen! Seit 1876 ist
dieser Vorgang verboten. -- Die Thatsache, dass auch durch die Leichen
Vergifteter mineralische Gifte der Friedhofserde zugeführt werden,
ist insbesondere bei den Friedhöfen grösserer Städte und solchen mit
bereits wiederholtem Turnus nicht ausser Acht zu lassen.
[418] Vierteljahrschrift f. gerichtl. Med. 1872, XVI, 328.
[419] „Vergiftung mit Atropin durch Kaninchenfleisch.“ Med. Centralbl.
1865, 832.
[420] Diese Reaction ist bereits von Joh. Andreas +Scherer+ angegeben
worden: Abhandl. der böhm. Ges. der Wissensch. auf das Jahr 1876, pag.
254-271 und Wiener med. Jahrb. 1832, II, pag. 353.
[421] Med. Centralbl. 1875, pag. 176 und Friedreich’s Bl. 1876, pag.
166.
[422] Med. Centralbl. 1876, pag. 228.
[423] Das Leuchten von aufbewahrten Nahrungsmitteln im Dunkeln wird
mitunter durch Mikroorganismen veranlasst (+Forster+ und +Tilanus+,
1888). Wir haben dasselbe unlängst an noch ziemlich frischen
Kalbsknochen beobachtet.
[424] In einem unserer Fälle hatte ein 3jähriges Mädchen seinem in der
Wiege liegenden Brüderchen Laugenessenz zu trinken gegeben, welche
unter dem Bette stand, ebenso in einem zweiten ein 4jähriges Mädchen
ihrer 1½ Jahre alten Schwester Scheidewasser, welches zum Putzen
einer Uhrkette gekauft worden war.
[425] Eine zufällige Vergiftung von Mutter und Kind durch mit einem
Klysma beigebrachte Schwefelsäure theilt +Deutsch+ mit (Schmidt’s
Jahrb. 1849, LXIII, 174). Wir haben einen gleichen Fall bei einem
Kinde beobachtet, und einer, der eine gelähmte Frau betraf, welcher
möglicherweise das Schwefelsäure-Klysma nicht irrthümlich, sondern
absichtlich gesetzt worden war, findet sich in der älteren Literatur.
[426] Auch die unvorsichtige Darreichung von Gegenmitteln kann
Erstickung bewirken, da wir mehrmals Kehlkopf- und Luftröhre bis tief
in die Bronchien mit einem Brei von Magnesia usta ausgefüllt fanden,
welche allzu hastig und nur unvollständig mit Wasser verrührt gegeben
worden war.
[427] In einem sehr acuten Falle, wo offenbar grosse Mengen der
Säure genommen worden waren (die Abends noch gesunde Frau war früh
todt in ihrem Bette gefunden worden und vom Magen waren nur Fetzen
vorhanden), waren die Todtenflecke auffallend hellroth, so dass anfangs
an Kohlenoxydvergiftung gedacht wurde und das Blut himbeergeléeartig,
welche Farbe das Blut auch im Reagensglase erhält, wenn es mit
concentrirter SO₃ versetzt wird.
[428] Diese kann Salpetersäurevergiftung vortäuschen, wie ein von
+Wunschheim+ publicirter Fall zeigt (Virchow’s Jahresb. 1891, pag. 520).
[429] Auch forensisch bemerkenswerth ist das Absterben von Fingern und
Zehen nach unvorsichtiger äusserer Anwendung von Carbolsäure. Nach
+Freyer+ (Zeitschr. f. Medicinalb. 1891) kann dieses auch schon nach
2-3procentigen Lösungen erfolgen.
[430] +Stokvis+ in Amsterdam (Arch. f. exp. Path. XXI, 169) negirt
diese Reduction und Methämoglobinbildung, letztere erfolge vielmehr
erst am abgestorbenen Blute und sei nur ein postmortales Phänomen.
Die giftigen Eigenschaften des Kali chloricum beruhen nach ihm theils
auf der Kaliwirkung (Kalisalpeter bewirkt in einer Dosis von 25 Grm.,
Kaliumsulfat in einer solchen von 37·5 Grm. den Tod unter ähnlichen
Erscheinungen wie Kaliumchlorat in einer Menge von 30 Grm.), theils sei
sie keine andere wie die der Salze überhaupt, auch des gewöhnlichen
Kochsalzes, von welchem 8-10 Grm. auf ein Kilo Thier tödtlich wirken.
Durch neuere Untersuchungen von +Marchand+ u. A. (siehe diese
zusammengestellt in Virchow’s Jahrb. 1888, I, 389) ist jedoch die
vitale Bildung des Methämoglobins ausser Zweifel gesetzt. +Mittenzweig+
(Zeitschrift f. Medicinalb. 1888, pag. 265) konnte in einem Falle auch
das Auftreten kernhaltiger rother Blutkörperchen constatiren.
[431] Von den 63 Selbstmorden durch Gift, welche im Jahre 1874 in
Wien vorkamen, wurden 32 durch Cyankalium, 11 durch Schwefelsäure, 6
durch Laugenessenz, 7 durch Phosphor, 5 durch Morphium und nur 2 durch
Arsenik bewerkstelligt; und von den 1875 vorgekommenen (57) 1mal durch
Blausäure, 7mal durch Cyankalium, 3mal durch Morphium, 2mal durch
Strychnin, 6mal durch Schwefelsäure, 1mal durch Ammoniak, 11mal durch
Kalilauge und 6mal durch Phosphor. Eine Arsenikvergiftung kam nicht
vor, dagegen zweimal im Jahre 1876.