gewaltsamen Einwirkungen auf die psychischen Centren sich entwickeln.
In ersterer Beziehung sind zunächst die schweren, sowohl acuten als
chronischen Erkrankungen des Gehirns und seiner Häute, wie Meningitis,
Encephalitis, Neubildungen, insbesondere aber die senile Hirnatrophie
und die Apoplexie, sowie die Embolie zu erwähnen, ferner schwere
Allgemeinerkrankungen, z. B. Typhus, in letzterer vor Allem die
Kopfverletzungen (pag. 318), aber auch Vergiftungen, sowohl acute, z.
B. mit Kohlenoxyd, als chronische (Alkohol, Blei) und wie einzelne,
allerdings seltene Fälle lehren, auch intensive Erstickungsgefahr, z.
B. bei Strangulation (Erhängen, Fall: +Griesinger+, 3. Aufl., pag. 325).
Der +secundäre Blödsinn+ bildet das Endstadium anderweitiger
Psychosen, aus welchen er seltener unmittelbar, sondern meist
mittelst der Durchgangsformen des Wahnsinnes (Verfolgungs- sowohl als
Grössenwahnsinn) sich entwickelt.
[Sidenote: Secundäre Verrücktheit.]
Das Hauptsymptom aller Formen des erworbenen Blödsinns ist ebenso
wie beim angeborenen die Schwäche der Intelligenz, welche wieder,
wie bei letzterem, in verschiedenem Grade vorhanden sein kann. Man
pflegt auch hier die weniger hochgradigen Fälle als Schwachsinn,
die höheren als Blödsinn im engeren Sinne zu bezeichnen. Erstere
sind forensisch ungleich wichtiger als die auch für Laien leicht
als solche erkennbaren schweren Formen. Viele dieser Fälle sind
derart, dass die Schwäche der Intelligenz gar nicht als solche
auffällt und sich erst ergibt, wenn man die gegenwärtige psychische
Leistungsfähigkeit mit jener vergleicht, die früher, z. B. vor der
Verletzung oder schweren Hirnerkrankung, bestand, wobei sich ergibt,
dass das gesammte Denken langsamer und schwerer erfolgt als früher,
dass das Gedächtniss abgenommen habe, dass schon verhältnissmässig
geringe geistige Anstrengungen ermüden, sowie dass die Urtheils-
und Selbstbestimmungsfähigkeit, sowie die ganze geistige Energie
eine geringere geworden ist. Diese geistige Decadenz ist desto
auffälliger, je intelligenter und geistig lebhafter das Individuum
früher gewesen war. Von diesen niederen Graden des Schwachsinns bis
zum vollständigen Erlöschen jeder geistigen Thätigkeit gibt es eine
Menge von Abstufungen. Dabei ist es eigenthümlich, dass selbst in den
schweren Formen des erworbenen Blödsinns noch einzelne oder ganze
Reihen correcter Vorstellungen und Urtheile aus der früheren gesunden
Zeit sich erhalten können, was bei einseitiger Beurtheilung und
oberflächlicher Prüfung das Individuum, namentlich Laien gegenüber,
als ein geistig gesundes erscheinen lassen kann. Wahnvorstellungen
sind namentlich bei jenen Formen des Blödsinns nicht selten, die sich
entweder aus der Manie oder Melancholie entwickelt haben; ihr Inhalt
zeigt dann die diesen Zuständen entsprechende Färbung, ohne dass jedoch
die Stimmung und das Gebahren des Individuums derselben entsprechen
würde, so dass es sich meistens nur um eine mechanische Reproduction
der früher bestandenen Wahnvorstellungen depressiven oder exaltirten
Charakters handelt, die meist weder untereinander, noch mit den
sonstigen Vorstellungen in einem logischen Zusammenhange stehen und
mitunter als systematisirter Unsinn zu Tage gefördert werden. Derartige
Formen bilden die sogenannte +secundäre Verrücktheit+, zu welcher der
secundäre Verfolgungs- und Grössenwahn nur die Uebergänge bildet. Von
den Formen primären Blödsinns ist es insbesondere der Altersblödsinn,
bei welchem Wahnvorstellungen auftauchen, insbesondere Verfolgungswahn;
aber auch bei den übrigen können solche intercurrirend auftreten,
und es muss überhaupt festgehalten werden, dass ebenso wie bei der
angeborenen (namentlich hereditären) psychischen Degeneration auch bei
dem nachträglich defect gewordenen Gehirn eine grössere psychische
Labilität besteht als bei dem rüstigen, daher auch solche psychische
Störungen leichter auftreten können, wie wir sie bei angeboren
fehlerhafter psychischer Anlage theils als affectives und impulsives
Irrsein, theils als primäre Verrücktheit kennen gelernt haben.
Was das Verhalten des Fühlens betrifft, so kann man ebenso wie beim
angeborenen Blödsinn apathische und agitirte Formen unterscheiden. Doch
kommen letztere ungleich häufiger vor, und die leichte Reizbarkeit
gehört sogar zum charakteristischen Bilde mancher Formen des
erworbenen Schwachsinns und Blödsinns, wie z. B. namentlich jenes nach
Verletzungen, sowie in vielen Fällen des Blödsinns nach Apoplexie
und des Greisenblödsinns. Weiter begegnen wir häufiger unmotivirtem
Stimmungswechsel, der bis zu intercurrirenden Melancholien oder
Aufregungszuständen mit oder ohne entsprechende Wahnvorstellungen
(Verfolgungswahn bei Greisen und Apoplektikern häufig) sich steigern
kann. Inwieferne, theils aus der Intelligenzschwäche, theils aus dem
eben besprochenen krankhaften Verhalten der Stimmung, eventuell aus
Wahnvorstellungen, Handlungen, die sonst strafbar sind, hervorgehen
können, bedarf keiner besonderen Auseinandersetzung. Eine specielle
Erwähnung verdient aber die forensisch äusserst wichtige Thatsache,
dass die erworbenen Formen des Schwachsinns sich auch als moralisches
Irrsein in der Weise kundgeben können, dass entweder nach der Genesung
von einer schweren Affection, an welcher auch das Gehirn betheiligt
war, eine gewisse moralische Insensibilität zurückbleibt, die mit
mehr oder weniger ausgesprochenem Schwachsinn verbunden ist, oder,
wie dies insbesondere beim Greisenblödsinn sich findet, das erste
Symptom bildet, welches den psychischen Schwächezustand einleitet
und lange bestehen kann, bevor noch die übrigen Erscheinungen des
letzteren eclatant zu Tage treten. Es sind dies sehr beachtenswerthe
Formen des sogenannten erworbenen moralischen Irrseins, auf welche
bereits bei Besprechung der angeborenen moralischen Idiotie (pag.
897) hingewiesen wurde, welche sich vorzugsweise durch eine sonst
unmotivirte Veränderung des Charakters ad pejus kundgeben und
insbesondere auffallen, wenn man das Gebahren des Individuums mit
dem früher bei demselben bemerkten vergleicht. Personen, die früher
die Forderungen der Sitte, der Convenienz etc. beobachteten, fangen
an, ihr Aeusseres zu vernachlässigen, die Gesetze des Anstandes zu
verletzen, sich in Wirthshäusern herumzutreiben, in geschlechtlicher
Beziehung zu excediren u. s. w. Verhältnissmässig häufig pflegt eine
solche Charakterveränderung den Greisenblödsinn einzuleiten, und es
ist insbesondere eine Reihe der von Greisen begangenen unzüchtigen
Handlungen, anrüchiger Liaisonen etc. ausser auf die Schwäche der
Intelligenz auf die pathologische Abnahme des moralischen Fühlens
zurückzuführen, nicht aber, wie man gewöhnlich glaubt, auf eine Art
Wiedererwachen des Geschlechtstriebes.
2. Complicirte Irrseinszustände.
Es gehören hierher die paralytische Geistesstörung, das epileptische
Irrsein, die Hysterie und das Irrsein der Säufer.
_a) Die paralytische Geistesstörung._
Das paralytische Irrsein oder Irrsein mit progressiver Paralyse
bildet eine gegenwärtig allgemein als specifisch anerkannte Form der
Geistesstörung. Diese Geistesstörung, deren anatomische Grundlage noch
nicht genügend aufgedeckt ist (+Meynert+, Erkrankung des Vorderhirns
mit Atrophie; +Leidesdorf+, Chronische interstitielle diffuse
Encephalitis), ist eine Krankheit der besten Jahre (meist zwischen
40-50) und betrifft vorzüglich Männer und nur ausnahmsweise Frauen.
Die psychischen Störungen gehen in der Regel den paralytischen voraus
oder beide treten gleichzeitig und allmälig auf. Sehr selten ist das
Umgekehrte.
Man kann bei dieser Geistesstörung ein Initialstadium, ein Stadium der
vollen Entwicklung und ein Ausgangsstadium unterscheiden. Letzteres
besteht immer in vollständigem Blödsinn, daher auch die ganze Krankheit
häufig als paralytischer Blödsinn bezeichnet wird.
[Sidenote: Initialstadium.]
Das +Initialstadium+ kann mehrere Jahre dauern und geht in der Regel
mit Remissionen und Exacerbationen einher, von denen erstere Monate
und selbst Jahre lang anhalten und daher Genesung vortäuschen können,
während die Erfahrung lehrt, dass wenigstens die typische paralytische
Geistesstörung (nicht etwa die ihr ähnliche, auf luetischer Grundlage
oder auf Alkoholismus beruhende) zu den unheilbaren Erkrankungen gehört
und den einmal von ihr Befallenen, trotz der langen Remissionen,
allmälig, aber sicher dem Blödsinne und dem Tode zuführt.
Das erste Symptom der Erkrankung ist eine meist mit einem kurzen
melancholischen Vorstadium beginnende, allmälig sich vollziehende
Aenderung des bisherigen Wesens, insbesondere des Charakters. Das
Individuum zeigt eine gewisse Unruhe, vermehrte Reizbarkeit, ein
geändertes Verhalten in seinen Gewohnheiten, seinem Verkehre mit
anderen und in seinen Geschäften, das mitunter nur in Kleinigkeiten
oder Einzelheiten sich kundgibt und nur bei genauerer Beobachtung und
Prüfung auffällt. Der Kranke fängt an, die Gesetze des Anstandes und
der Convenienz zu verletzen, sein Aeusseres und die Reinlichkeit zu
vernachlässigen oder Excesse in Baccho oder Venere zu begehen. Dabei
macht sich schon frühzeitig in dem Gebahren des Individuums ein Accent
des Blödsinns bemerkbar (+Meynert+), der im weiteren Verlaufe der
Krankheit immer deutlicher hervortritt. Der Kranke wird vergesslich,
macht Fehler in Rechnungen, lässt beim Schreiben einzelne Buchstaben,
selbst Worte aus, irrt sich häufig im Datum, und in den Geschäften,
Büchern etc. des Betreffenden vermisst man die gewohnte Pünktlichkeit
und begegnet Fehlern, Lücken, Unregelmässigkeiten u. s. w. Bald
machen sich die ersten Lähmungserscheinungen bemerkbar, Ungleichheit
der Pupillen, Zittern der Lippen, Zittern der hervorgestreckten
Zunge, leichte Behinderung der Sprache bis zum Stottern, erschwerte
Articulation. Später treten die ersten Lähmungserscheinungen an den
Extremitäten hinzu; zunächst an den oberen als Tremores oder atactische
Störungen, die insbesondere gegenüber feineren, eine grössere
Präcision erfordernden Bewegungen, z. B. beim Schreiben, Nähen,
Clavierspielen, sich bemerkbar machen, während an den unteren der
Beginn der Lähmung meist erst später als Unsicherheit des Ganges sich
zeigt. Sämmtliche genannte Lähmungserscheinungen können während der
Remissionen zurückgehen, um bei den Exacerbationen wieder und stärker
hervorzutreten.
Letztere tragen im Allgemeinen den Charakter maniakalischer Exaltation
an sich, doch ist die Verworrenheit und das confuse Wesen meist viel
ausgesprochener als bei der gewöhnlichen Manie. Häufig zeigen solche
Exacerbationen das Bild der Folie raisonnante, wobei bereits mehr
weniger erkennbare Grössenwahnideen zum Vorschein kommen.
Collisionen mit der Polizei und dem Strafgesetz sind in diesem Stadium
der Erkrankung häufig. Insbesondere führt die erhöhte Reizbarkeit, die
durch Alkoholmissbrauch bei Intoleranz gegen Alkoholica noch gesteigert
wird, und der gesteigerte Geschlechtstrieb zu denselben. Misshandlungen
und Körperverletzungen Anderer, Injurien, Majestätsbeleidigungen,
Widersetzlichkeiten gegen behördliche Organe, öffentliches Aergerniss
erregende Unsittlichkeiten und geschlechtliche Excesse anderer Art
kommen auf diese Weise zu Stande. Die Unruhe führt zur Vagabondage, die
bereits bestehende Verworrenheit und Vergesslichkeit zu Aneignungen
fremden Eigenthums, die als Diebstähle, sowie zu Fehlern in Rechnungen,
in Geschäftsbüchern, die als absichtliche Fälschungen genommen werden
können. Auch die zufälligen Brandlegungen, welche aus dieser Quelle
stammen, können den Betreffenden als absichtliche imputirt werden.
[Sidenote: Volle Entwicklung.]
Das +Stadium der vollen Entwicklung+ ist charakterisirt durch
meist exorbitanten Grössenwahn, hochgradige Verworrenheit mit
maniakischer Aufregung und ausgesprochene Lähmungserscheinungen. Die
Unruhe wird auffallend und die Kranken treiben sich auf den Strassen,
in Wirthshäusern, Spaziergängen etc. herum, verfallen aus einer
Unternehmung in die andere, machen zahlreiche zwecklose Besuche und
entfalten überhaupt eine immer auffälligere äusserlich unmotivirte
Lebhaftigkeit. Die Verworrenheit und Gedächtnissschwäche wird immer
hochgradiger, und immer auffälligere für den Kranken und seine Umgebung
gefährliche Handlungen, insbesondere Aneignungen fremden Eigenthumes,
Brandlegungen etc. gehen daraus hervor. Die Rücksichten des Anstandes
werden ganz bei Seite gesetzt, und ein solcher Kranker ist ebenso im
Stande, mitten in feiner Gesellschaft über den Tisch zu spucken, als
auf der Strasse seine Genitalien zur Schau zu stellen, zu onaniren
u. s. w.
Dabei besteht aufdringliches, rechthaberisches Wesen, grosse
Redseligkeit, mit Ueberstürzung oder Incohärenz des Vorgebrachten,
insbesondere aber Grössenwahn, der ausser durch das Gebahren im
Allgemeinen, durch immer exorbitanter sich gestaltende und eben dadurch
den zunehmenden Schwachsinn documentirende Wahnideen sich kundgibt.
Der Kranke fühlt sich als Ausbund an Kraft oder Gesundheit, ist enorm
reich und lässt seinen Reichthum von Millionen zu Milliarden steigen,
besitzt die kostbarsten Sachen, ist ein Mann von höchster Bedeutung,
heiratet in die höchsten Familien, jene der regierenden Häuser nicht
ausgenommen, ist in geschlechtlicher Beziehung, in Alcoholicis ganz
enorm leistungsfähig u. s. w., während in Wahrheit die körperliche
und geistige, sowie die gesellschaftliche Decadenz immer krasser zum
Vorschein kommt und im grellen Widerspruche steht zu dem Gebahren und
den Aeusserungen des armen Irren. Derartige Kranke entfalten nicht
selten auch im Schreiben eine ungewöhnliche Rührigkeit, sie verfassen
Eingaben, Projecte etc., deren Inhalt von Grössenwahnideen strotzt,
und unterzeichnen sie mit eingebildeter Titulation. Solche Schriften
sind ungemein werthvoll für die Diagnose, weil aus ihnen oder ihrem
Inhalte nicht blos die krankhafte Vorstellungsthätigkeit leichter
zu erkennen ist, sondern auch, weil die Schrift als solche, durch
ihre Schleuderhaftigkeit, Incorrectheit, durch die Auslassung von
Buchstaben, Worten und selbst Sätzen die geistige Verworrenheit und
Ideenflucht ebenso documentirt, wie die zittrigen, schliesslich in
Gekritzel ausartenden Schriftzüge, die zunehmende Lähmung. Letztere
ist nun auffallend und gibt sich insbesondere durch schwankenden,
taumelnden Gang, Zittern der Hände und der vorgestreckten Zunge, sowie
durch auffallende Sprachstörungen (Stottern) kund.
Auch in diesem Stadium kommt es zu mitunter wochen- und selbst
monatelangen Remissionen, die aber insoferne keine ganz vollständigen
sind, als meist nur die Aufregung und das Delirium sich legt, während
die geistige Schwäche und die Lähmungserscheinungen in mehr weniger
erkennbarer Weise zurückbleiben. Diese Thatsache ist von grosser
forensischer Wichtigkeit, weil es nahe liegt, dass eine solche
Remission desto mehr für ein vollständiges Lucidum intervallum
angesehen und eine darin begangene Handlung als vollkommen imputabel
betrachtet werden könnte, je intensiver die psychischen Symptome
zurückgegangen sind.
[Sidenote: Endstadium.]
Das +Endstadium+ ist charakterisirt durch ausgesprochenen Blödsinn
bis zum vollständigen Erlöschen jeder psychischen Thätigkeit und
hochgradige Lähmung bis zur vollständigen Unfähigkeit zu jeglicher
Bewegung. Eine forensische Bedeutung kommt diesem Stadium kaum zu,
da die Krankheit schon in den letzten Uebergangsformen zu diesem
auch von Laien erkannt wird, die enorme Bewusstseinsstörung, der
Mangel der Orientirungsfähigkeit, die grosse Unreinlichkeit etc.
immer mehr auffällt und die Unterbringung solcher Individuen in
Versorgungsanstalten etc. veranlasst und weil in den allerletzten
Stadien der Kranke sich ganz passiv verhält und zu jeder Handlung
unfähig ist.
_b) Epileptisches Irrsein._
Das in Begleitung von Epilepsie auftretende Irrsein bildet eine der
forensisch wichtigsten Irrseinsformen, deren nähere Kenntniss wir
vorzugsweise neueren Studien verdanken.[574] Diesen zufolge muss man
ein habituelles Irrsein der Epileptiker von demjenigen unterscheiden,
welches transitorisch in Begleitung eines epileptischen Anfalles oder
vicariirend statt diesem auftreten kann.
[Sidenote: Epileptische Degeneration.]
Unter +habituellem Irrsein der Epileptiker+ oder, wie +Krafft+-+Ebing+
sich ausdrückt, unter +epileptischer Degeneration+ versteht man die
allgemeine und dauernde Anomalie des psychischen Verhaltens der mit
Epilepsie behafteten Personen. Es wäre irrig, zu meinen, dass bei allen
Epileptikern solche Anomalien bestehen müssen, im Gegentheil lehrt die
Erfahrung, dass es manche Epileptiker gibt, die ausserhalb der Anfälle
kein vom gewöhnlichen abweichendes psychisches Verhalten zeigen, und
man weiss, dass sogar geistig sehr hoch stehende Personen Epileptiker
gewesen sind.
Trotzdem kann als das Häufigere angesehen werden, dass Epileptiker auch
ausserhalb der Anfälle in ihrem psychischen Verhalten mehr weniger
ausgesprochene Abweichungen vom Normalen zeigen. Diese Abweichungen
betreffen im Allgemeinen weniger die Intelligenz, als vielmehr die
Gefühls- und Willenssphäre, und können sich in einzelnen Fällen als
erhöhte Reizbarkeit, misstrauisches, mürrisches, oder im Gegentheil
exaltirtes Wesen, in anderen als habituelle oder intercurrirende
melancholische Verstimmung mit Neigung zum Selbstmord, ferner als
Hypochondrie oder Hysterie äussern, während bei einer weiteren
Kategorie solcher Individuen sich die psychische Degeneration in
der Form einer gewissen moralischen Verkehrtheit als „moralisches
Irrsein“ mit triebartigen Impulsen kundgeben kann. Mit derartigen
Charaktereigenthümlichkeiten, aber auch ohne diese, bestehen häufig
intellectuelle Schwächezustände und nicht selten leiden Epileptiker an
ausgesprochenem Blödsinn, wobei zu bemerken ist, dass der epileptische
Schwachsinn und Blödsinn ungleich häufiger die Form des agitirten
bietet, als des apathischen, weshalb auch solche Individuen ungleich
gefährlicher sind als gewöhnliche Blödsinnige. Wird noch hinzugefügt,
dass bei den Epileptikern häufig eine gewisse Intoleranz gegen
Alcoholica besteht, insoferne als entweder schon geringe Quantitäten
Rauschzustände veranlassen oder letztere abnorm sich gestalten, so
haben wir allen Grund, bei der Beurtheilung des Geisteszustandes von
Epileptikern auch ausserhalb der Anfallszeit vorsichtig zu sein.
[Sidenote: Transitorisches Irrsein.]
Noch wichtiger sind die +transitorischen Geistesstörungen, die mit den
einzelnen epileptischen Anfällen+ in Beziehung stehen. Es muss hier
zunächst vorausgeschickt werden, dass der epileptische Einzelninsult
sich keineswegs immer unter dem bekannten Bilde der classischen
Epilepsie präsentirt, sondern auch unter der Form unvollständiger
(epileptiformer oder epileptoider) Anfälle auftreten kann, so
insbesondere in der Form periodisch wiederkehrender Schwindelanfälle
(Vertigo) mit vorübergehender Verworrenheit, ohne Convulsionen oder nur
unbedeutenden motorischen Störungen, oder in der Form von periodischen
Ohnmachtsanfällen, Congestionen, Präcordialangst u. dergl. Die Anfälle
letzterer Art, welche man auch als abortive oder larvirte Epilepsie zu
bezeichnen pflegt, haben insoferne eine besondere Wichtigkeit, weil sie
leicht verkannt und selbst übersehen werden können, und weil gerade
in Begleitung solcher Anfälle verhältnissmässig häufiger specifische
Geistesstörungen vorzukommen pflegen, als bei den ausgesprochenen
epileptischen Insulten. Auch ist zu bemerken, dass derartige
epileptoide Formen häufig bei Individuen vorkommen, welche in ihrer
Jugend an gewöhnlicher Epilepsie gelitten haben.
Eine transitorische Geistesstörung kann nun auftreten, entweder vor dem
betreffenden Anfall oder nach demselben, oder endlich vicariirend statt
diesem.
+Vor dem Anfall+ ist sie verhältnissmässig selten, hat dann die
Bedeutung einer Aura, wiederholt sich in ganz typischer Weise vor jedem
folgenden (+Krafft+-+Ebing+) und besteht entweder in Hallucinationen,
meist schreckhaften Charakters, oder in Angstgefühlen, melancholischer
Depression, grosser Reizbarkeit, oder in Umnebelung des Bewusstseins,
rauschartiger Verwirrtheit.
[Sidenote: Epileptoide Zustände. Präepileptisches Irrsein.]
+Mendel+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. XLII, 292)
berichtet ausführlich über präepileptische psychische Störungen.
Verhältnissmässig häufig sind Hallucinationen des Gesichtes
(Lichterscheinungen: ein Kranker sah eine Frau im rothen Mantel
auf sich zulaufen, welche ihm einen Schlag auf den Kopf versetzte,
worauf er umfiel) und des Gehöres, seltener die der anderen Sinne.
In anderen Fällen traten unter Trübung, nicht aber Aufhebung des
Bewusstseins triebartige, den Zwangsvorstellungen analoge Ideen
auf, so bei einem 16jährigen Burschen der Trieb, sich Frauenkleider
anzuziehen. Er holte sich dann vom Boden die Kleider der Dienstboten
und wurde wiederholt mit diesen angethan im epileptischen Anfall auf
der Treppe getroffen.
Bei einem anderen Kranken trat, in der Regel schon mehrere Tage vor
dem Anfalle, die Vorstellung auf, er müsse Jemanden umbringen, und er
selbst bat, man möge entfernt von ihm bleiben. In einem dritten Falle
kam einem epileptischen Alkoholiker in der Bodenkammer die Idee,
Feuer anzulegen, seine Frau, mit der er in Unfrieden lebte, werde so
seiner am besten los. Er holte Spähne, zündete sie an und ging dann
in die Werkstatt, sah dort wild um sich, rollte die Augen und sein
Gesicht war grauschwarz. Als man ihn auf sein Aussehen aufmerksam
machte, verlangte er einen Spiegel, wollte dann am hellen Tage, weil
er nichts sehe, Petroleum auf die Lampe giessen, holte Streichhölzer
hervor, indem er sagte: „Jetzt stecke ich die Bude an“, und verfiel
dann vor den Augen seiner Mitgesellen in einen epileptischen Anfall.
Als dieser nach 5 Minuten vorüber, geht er in seine Wohnung und
verlangt Mittagessen. Nun ertönt Feuerlärm, und jetzt kommt ihm der
Gedanke, dass er Feuer gelegt habe. Er läuft in die brennende Etage,
rettet, was er kann und stellt sich dann dem Gerichte. Mit dem
Ertönen des Feuerlärmes ist erst der epileptische Anfall, der in der
Bodenkammer mit präepileptischem Irrsein begann, vorüber.