sehr auffällige anderweitige Erscheinungen einer angeborenen
fehlerhaften Organisation sich ergaben, bringt +Westphal+ (l. c.).
Derselbe betrifft ein 35jähriges Fräulein, welches schon vom 8.
Lebensjahre an sich von einzelnen Mädchen „wie magnetisch angezogen
fühlte“, diesen förmlich die Cour machte und deren Genitalien zu
betasten suchte. In der Zeit vom 18. bis 23. Jahre schlief sie
durch 5 Wochen mit einer Cousine und trieb mit dieser ihr Wesen.
Diese Zeit nennt sie die glücklichste ihres Lebens. +Sich selbst
liess sie niemals berühren.+ Später onanirte sie, besonders kurz
vor und nach Eintritt der Periode, wobei sie sich ein geliebtes
Mädchen vorstellte. Wenn sie dies zu thun unterliess, will sie
stets einen widerwärtigen Geruch und Geschmack, wie von ihren
Genitalien aufsteigend, empfunden haben. In ihren wollüstigen
Träumen erschien sie sich selbst immer in der Situation eines
Mannes. Sie gesteht ungefragt ihre Neigung zum eigenen Geschlechte,
die ihr selbst schrecklich sei. Im Jahre 1863 fasste sie eine
Leidenschaft für ein junges schönes Mädchen, welches sie wiederholt
attaquirte und gerieth, als diese solche Zumuthungen entrüstet
zurückwies, schliesslich in solche Aufregung, dass sie in eine
Irrenanstalt gebracht werden musste. -- Der Vater der Kranken
endete durch +Selbstmord+. Der Kopf der Patientin ist klein, die
Gesichtshälften etwas asymmetrisch, an der Oberlippe findet sich
die Narbe von einer operirten +Hasenscharte+, der harte und weiche
+Gaumen+ sind +vollständig gespalten+. Aeusserer Habitus weiblich.
Geschlechtstheile normal.[567] Hymen intact, lässt kaum die Spitze
des kleinen Fingers eindringen. Die Kranke lernte in der Schule
schwer, war eigensinnig, reizbar und heftig, was immer ihrem Unglück
(dem Wolfsrachen) zugeschrieben und deshalb nachgesehen wurde. In
den letzten Jahren zeigte sie periodische Anfälle von Schwermuth,
denen Aufregungszustand folgte (Folie circulaire), ausserdem häufigen
Kopfschmerz und Schwindelanfälle.
Von grösster Bedeutung ist das Vorkommen einer sogenannten conträren
Sexualempfindung beim männlichen Geschlecht, da es nahe liegt, gewisse
Fälle von Päderastie mit einer solchen Anomalie des Geschlechtstriebes
in Verbindung zu bringen. Dass es eine Menge von Motiven gibt, die
vollkommen normale Menschen zur Päderastie führen können, und dass es
daher nicht angeht, in allen solchen Individuen pathologische Naturen
zu sehen, wurde bereits a. a. O. (pag. 171) ausgeführt, dies darf
jedoch nicht abhalten, daran zu denken, dass eine Neigung zu derartiger
abnormer geschlechtlicher Befriedigung, sowie überhaupt eine auffällige
geschlechtliche Zuneigung zu Individuen desselben Geschlechtes
als Theilerscheinung einer angeborenen fehlerhaften Organisation
thatsächlich bestehen kann, und dann ganz anders beurtheilt werden
muss, als gewöhnliche Päderastie.
[Sidenote: Perversitäten des Geschlechtstriebes.]
Einen einschlägigen, mit entschiedenem angeborenen Schwachsinn,
moralischer Verkehrtheit und periodisch auftretenden
Erregungszuständen (Folie circulaire) verbundenen Fall hat +Servaes+
(Arch. f. Psych. 1876, VI, 485) mitgetheilt: Ein 25jähriger Mann,
Franz E., wurde Abends auf der Strasse verhaftet, weil er an einen
Nachtwächter unzüchtige Zumuthungen stellte, und da man Spuren von
Geistesstörungen an ihm bemerkte, in die Beobachtungsabtheilung
der Irrenanstalt gebracht. Es fand sich männlicher, mässig starker
Habitus, aschblonde Haare, spärlicher blonder Bart, gesucht
weibliche Stimme, auffallend lüsterner Blick. Der Untersuchte gibt
sich sofort als Päderast zu erkennen und vertheidigt seine Gelüste
mit unverholenem Cynismus, so dass sich deutlich der Mangel jeder
Regulirung seiner Gedanken durch ein sittliches Gefühl kundgab. Die
Mutter geistig beschränkt, bigott, Erziehung vernachlässigt. Im 9.
Jahre päderastischer Missbrauch durch einen Hauslehrer, seitdem
fortgesetzte (passive) Päderastie, die er als den köstlichsten und
erhabensten aller Genüsse schildert. Niemals Neigung zu Frauen,
deren Umgang er perhorrescirt. F. ist ein äusserst beschränkter
Mensch, seine Schulkenntnisse im hohen Grade mangelhaft.
Selbstständige geistige Arbeit unmöglich. Läppisches Wesen,
unmotivirter Stimmungswechsel, hochgradige Gemüthlosigkeit, Hang
zur Lüge. Während des Aufenthaltes in der Irrenanstalt periodische
Exaltationszustände mit nachfolgender melancholischer Depression
(Folie circulaire), während ersterer grosse sexuelle Erregung, keine
anderen Gedanken als seine päderastischen Neigungen, die er mit
grosser Redseligkeit vertheidigt.
Von hohem Interesse sind die Selbstbekenntnisse einzelner
Päderasten, wie sie bei +Casper+-+Liman+ (l. c. pag. 183 und 195)
und bei +Tardieu+ (Attent. aux moeurs. 7me édit. 1878, pag. 210)
sich finden, weil aus diesen hervorgeht, dass ganz eigenthümliche
und uns vorläufig ganz unverständliche Perversitäten im Bereiche
des Geschlechtstriebes auch ohne auffallende Störungen der
Intelligenz bestehen können, obgleich sich bei näherem Studium
dieser „Selbstbekenntnisse“ meist unschwer erkennen lässt, dass
die eigenthümliche Geschlechtsempfindung keineswegs ein isolirtes
Symptom, sondern die Theilerscheinung eines originär oder erworben
psychopathischen Zustandes und in einem der Fälle (Cajus)
zweifellosen Schwachsinns gewesen ist. Sehr beachtenswerth sind die
Worte, welche +Tardieu+ der Mittheilung der „Selbstbekenntnisse“
des betreffenden Päderasten anschliesst: „Es gibt Fälle, in welchen
es schwer fällt, bei Päderasten eine wirkliche und krankhafte
Verkehrung der moralischen Gefühle zu negiren. Wenn man sieht,
wie tief Menschen von Erziehung und Stellung sich erniedrigen und
Individuen von empörendem Schmutz aufsuchen oder zulassen, so wird
man häufig versucht, zu glauben, dass diese Menschen in ihrem Fühlen
und in ihrem Verstande irre sind, und man kann nicht leicht daran
zweifeln, wenn man Thatsachen erwägt, wie sie einer der in der
Verfolgung von Päderasten geschicktesten und energischesten Beamten,
+C. Busserolles+, berichtet. Einer dieser Unglücklichen stieg von
einer hohen Stellung herab zum untersten Grad der Erniedrigung,
lockte schmutzige Kinder von der Gasse zu sich, vor welchen er sich
niederkniete und ihnen mit der tiefsten Leidenschaft die Füsse
küsste, bevor er sie missbrauchte, und einem anderen verursachte
es den höchsten Genuss, wenn er sich von einem Individuum der
verächtlichsten Sorte -- derbe Fusstritte auf den Hintern versetzen
liess! Wie kann man solche monströse Handlungen begreifen, wenn man
sie nicht auf Irrsinn bezieht?“
Neuere Beobachtungen bestätigen diese Anschauungen, und wir
verweisen in dieser Beziehung, sowie was andere Perversitäten des
Geschlechtstriebes anbelangt, insbesondere auf die monographischen
Bearbeitungen des Gegenstandes von +B. Tarnowsky+ („Die krankhaften
Erscheinungen des Geschlechtssinnes“, Berlin 1885) und insbesondere
auf das bekannte, bereits in mehreren Auflagen erschienene
Werk von +Krafft+-+Ebing+: „Psychopathia sexualis.“ Stuttgart.
Letzterer berichtet auch („Zur conträren Sexualempfindung in
klinisch-forensischer Beziehung.“ Allg. Zeitschr. f. Psych.
XXXVIII, pag. 211) über folgende Fälle: +Beobachtung 1.+ Graf Z.,
37 Jahre alt, hereditär belastet, Onanist, seit dem 13. Jahre an
Neurasthenia spinalis, in den letzten Jahren an elektromagnetischem
Verfolgungswahn leidend, fühlte sich seit dem 13. Jahre zu Männern
hingezogen, bei deren Annäherung und Berührung er bis zur Extase
wollüstig aufgeregt wird. Seit einem missglückten Beischlaf im 20.
Jahre verabscheut er geschlechtlichen Verkehr mit Weibern. Patient
ist weder unglücklich über seine verkehrte Geschlechtsempfindung,
noch vermag er sie als eine krankhafte zu erkennen. Er zeigt einen
männlichen Habitus, einen offenen, noblen Charakter und seine edle
Empfindung gibt sich auch in seinen Gedichten kund. Nur gewisse
Männer ziehen ihn an. Umarmung, Küssen genügt ihm und erzeugt
Samenergiessung. Päderastie verabscheut er. +Beobachtung 2.+ G.,
50 Jahre alt, Dr. phil., wurde von einem Soldaten angezeigt, der
sich ihm hingegeben hatte. Erblich veranlagt, cynisch, coquett, von
männlichem Habitus, Onanist seit der Kindheit. Er berichtet mit
grossem Behagen, dass er eine angeborene „conträre Sexualempfindung“
besitze! Schon mit 5 Jahren war es seine grösste Lust, sich als
Mädchen zu kleiden, einen Penis zu sehen, weshalb er um die
Anstandsorte herumlungerte. Neigung zu Weibern empfand er nie. Er
sucht seine verkehrte Geschlechtsrichtung philosophisch zu erklären.
Mit Entrüstung weist er die Zusammenwerfung der „Urninge“ mit
Päderasten zurück. Der Verkehr der ersteren sei nur gegenseitige
Onanie. G. macht den Eindruck eines originär verrückten Menschen.
+Beobachtung 3.+ Herr v. H., 30 Jahre alt, von einer neuropathischen
Mutter stammend, selbst seit der Kindheit neuropathisch mit auffällig
weiblichen Neigungen. Onanie wird geleugnet, ist aber wahrscheinlich.
Seit der Pubertät schlaffe, weibliche, träumerische Gedankenrichtung,
Neigung zu Tändeleien, kein Verständniss für ernste Angelegenheiten.
Will im 22. Jahre mit Weibern geschlechtlich verkehrt, aber
keine Befriedigung dabei gefunden haben. Dagegen empfindet er
geschlechtliche Zuneigung zu Männern. Das Aeussere erinnert
entschieden an weibliche Verhältnisse. Thorax und Becken weiblich,
Körper fettreich, zart. Genitalien zwar gut entwickelt, doch der
linke Hode im Leistencanal zurückgeblieben. Stimme hoch, spärlicher
Bartwuchs, weibliche Züge, geziertes Wesen, bringt stundenlang am
Toilettentisch zu. Neurasthenie, Mattigkeit, ziehende Schmerzen in
den Extremitäten, Proc. spinosi der Brustwirbel empfindlich. Patient
schrickt leicht zusammen und geräth bei Bewegung mit antipathischen
Leuten in Zustände eigenthümlicher Angst und Verwirrung.
Zwei analoge, wegen widernatürlicher Unzucht verurtheilte
Sträflinge betreffende Fälle werden von +L. Kirn+ („Ueber die
klinisch-forensische Bedeutung des perversen Sexualtriebes.“ Allg.
Zeitschr. f. Psych. XXXIX, pag. 216) mitgetheilt. Der erste Fall
betrifft einen 30jährigen Kattundrucker, ohne erbliche Anlage,
von weiblichem Aussehen, normalen Genitalien, verstrichenen
Afterfalten, eine weichliche poetische Natur. Als Kind mädchenhafte
Neigungen, Vorliebe für Romanlectüre, Demoralisirung durch Umgang
mit Fabriksarbeitern. Onanie seit dem 15. Jahre. Sah Männer immer
auffallend gern, doch wurde ihm erst im 16. Jahre der Grund zu dieser
Neigung klar, als ihn ein Herr auf’s Zimmer nahm. Seitdem wiederholt
geschlechtlicher Verkehr mit Männern, der meist nur in gegenseitiger
Onanie, selten in Päderastie bestand. Knüpfte absichtlich eine
Bekanntschaft mit einem Mädchen an, um sich von seinem räthselhaften
Triebe zu heilen, versuchte auch dreimal den Beischlaf ohne Erfolg,
wobei er Abscheu und Ekel empfand. Schriftliche Selbstbekenntnisse
liegen vor. In der Strafanstalt musterhaftes Betragen. Periodicität
in der Herrschaft seiner sexuellen Richtung liess sich nicht
feststellen, doch tritt dieselbe entschieden zeitweise mehr
hervor, sowie auch Zustände leichter Exaltation mit solchen von
Depression wechseln. -- Der zweite Fall betrifft einen 31jährigen
Naturforscher aus hochachtbarer Familie, welcher wiederholt Knaben
an sich gelockt und deren Hinterbacken, niemals aber die Genitalien
betastet hatte, wobei manchmal Samenergüsse eintraten. Päderastie
hat er niemals geübt, auch nicht Onanie. Mütterlicherseits erbliche
Veranlagung, im 6. Jahre schwere Hirnentzündung, an welche sich
in den zwei folgenden Jahren nervöse und psychische Störungen,
namentlich Gesichtsillusionen anschlossen. Auch litt er an Chorea
und im 14. Jahre an nervösen Erscheinungen: Stottern, Absterben der
Finger, Gefühl, als ob die Gegenstände seinen Auges zustrebten. Im
18. Jahre schwerer Typhus. War stets still und schüchtern, pflog
nie geschlechtlichen Umgang mit Frauen, dagegen litt er schon als
Student periodisch an lüsternem Begehren zur Betastung von Knaben,
das ihm schon damals zum Selbstmordversuch bewog. Auch nach der
Verhaftung Selbstmordversuch durch Stich in die Herzgegend, welcher
Hämatopneumothorax zur Folge hatte. Inculpat ist mittelgross,
von mässig kräftigem Körperbau, ohne Hemmungsbildungen. Schädel
symmetrisch; timides, schülerhaftes Benehmen, unsicherer Blick,
Stottern, sobald er in Verlegenheit kommt. Somit erbliche Belastung
und organischer Zwang. Trotzdem Verurtheilung.
[Sidenote: Anthropophagie und Necrophilie.]
In anderen Fällen äussert sich die Perversität des Geschlechtstriebes
darin, dass das betreffende Individuum statt im Coitus oder ausser in
diesem in Misshandlung oder Tödtung und selbst Zerfleischung seines
Opfers und sogar in Anthropophagie eine geschlechtliche Befriedigung
findet. Die Literatur enthält wahrhaft entsetzliche Beispiele dieser
Art, die fast alle Individuen betrafen, welche als originär psychisch
abnorme Menschen angesehen werden müssen und auch sonstige Zeichen
eines psychischen Degenerationszustandes darboten. Anderseits kommen
Fälle vor, in denen ein Individuum in an ihm vom Weibe, respective
Manne ausgeübten Misshandlungen (Flagellation etc.) sexuelle
Befriedigung findet. v. +Krafft+-+Ebing+, bezeichnet diese Form als
„Masochismus“.
Eine ausführliche Zusammenstellung solcher Fälle bringt insbesondere
+Krafft+-+Ebing+ („Psychopathia sexualis“), ferner +Lombroso+
(„Verzeni e Agnoletti.“ Roma 1873), ebenso +Tardieu+ (Attent. aux
moeurs, l. c. pag. 1882 u. s. f.).
Der von +Lombroso+ begutachtete Verzeni hatte in verschiedenen
Zwischenräumen vier Frauen nahezu erwürgt, ferner ein 14jähriges
Mädchen erstickt, die Leiche in ein Feld geschleppt, Gedärme
und Genitalien herausgerissen, die Schenkel zerbissen und das
Blut ausgesaugt und sogar ein Stück der rechten Wade, nachdem er
es ausgesaugt, mitgenommen, um es zu Hause zu rösten; endlich
eine 28jährige Frau in ähnlicher Weise überfallen, getödtet und
verstümmelt. Verzeni war 22 Jahre alt, hatte einen asymmetrischen
Schädel, enorm entwickelte Kieferknochen und schielte. Zwei
Onkel sind Cretins, ein dritter Mikrocephal. Der Vater leidet an
Hypochondria pellagrosa, ein Vetter an Hirncongestionen, ein anderer
ist Gewohnheitsdieb. In der Untersuchungshaft zeigte V. gewöhnliche
Intelligenz, war verschlossenen Wesens, cynisch und der Masturbation
ergeben. Er gestand nach längerem Leugnen sämmtliche Thaten.
Stuprirt habe er die Frauen nie, doch habe ihn schon das blosse
Würgen unbeschreiblich aufgeregt und Erection und Samenergiessung
verursacht, und das wollüstige Gefühl sei ein weit höheres gewesen,
als wenn er onanirte. Es sei ihm gleich gewesen, ob die Frauen
jung oder alt, schön oder hässlich waren. Gewöhnlich sei schon bei
dem Würgen die Ejaculation eingetreten und dann habe er die Frauen
am Leben gelassen, in den übrigen Fällen habe ihr Eintritt sich
verzögert und dann habe er seine Opfer zu Tode gewürgt.
In einem analogen Falle hatte ein 24jähriger Winzer (+Leger+) ein
12jähriges Mädchen genothzüchtigt, die Geschlechtstheile verstümmelt,
das Herz herausgerissen und verzehrt; in einem anderen, von +Maschka+
begutachteten, ein 55jähriger Mann ein altes Weib erwürgt, ihr die
Brüste und Genitalien abgeschnitten und zu Hause mit Knödeln und
Brühe gegessen. Beide diese Monstra waren von Haus aus verschlossene,
finstere und offenbar erblich belastete Individuen.
Aehnliche Verstümmelungen sind mit päderastischem Missbrauch auch
an Knaben vorgekommen (vide den schrecklichen Fall +Zastrow+,
+Casper+-+Liman+’s Handb. I, pag. 204, und den ebenso grässlichen,
von +Tardieu+ in den Attent. aux moeurs, pag. 272, mitgetheilten,
der einen 3½jährigen Knaben betraf), und +Lombroso+ (L’uomo
delinquente, pag. 200) berichtet sogar von einem gewissen
Artusio, der einen Knaben durch eine -- Bauchwunde geschlechtlich
missbrauchte, die er ihm zugefügt hatte!
Hierher gehört endlich auch der von +Tardieu+ (Étude sur la
folie. 1872, pag. 112, und Attent. aux moeurs. 1878, pag. 114)
publicirte Fall des Sergeanten +Bertrand+, der eine entschieden
originär und hereditär psychopathologische Natur und seit seinem 8.
Lebensjahre Onanist, anfangs Thiere tödtete und während er ihnen die
Gedärme ausriss, sich durch Masturbation befriedigte, später auf
verschiedenen Friedhöfen Frankreichs eine grosse Zahl von weiblichen
Leichen ausgrub und diese entweder geschlechtlich missbrauchte oder
mit ihnen ebenso verfuhr, wie er es früher mit Thierleichen gethan
hatte!
Es unterliegt keinem Zweifel, dass auch manche Fälle von Sodomie
auf ähnliche psychopathologische Zustände, insbesondere auf eine
eigenthümliche Verkehrung des Geschlechtstriebes zu beziehen sind und
wahrscheinlich auch jene merkwürdigen Fälle, in denen der Anblick von
sterbenden oder in Schmerzen sich windenden Thieren mit wollüstigen
Empfindungen sich verband. Viel Aufsehen erregte im Jahre 1878 in
Wien der Process Steiner-Ballogh (Erwürgung einer Prostituirten)
auch dadurch, dass mehrere Prostituirte übereinstimmend eines Mannes
erwähnten, den sie als „Hendelmann“ bezeichneten, weil derselbe sich
vor den geschlechtlichen Acten durch Martern und Tödten von Hühnern,
Tauben, Gänsen und anderen Vögeln aufzuregen pflegte. Diese Thatsache
steht nicht vereinzelt da, denn auch +Lombroso+ (L’uomo delinquente,
pag. 201) berichtet von 2 Individuen, die Ejaculationen bekamen,
wenn sie Hühner und Tauben erdrosselten oder schlachteten, und von
einem Dritten, einem ausgezeichneten Dichter, der beim Anblick des
Zerlegens eines geschlachteten Kalbes und selbst beim Erblicken des
aufgehängtes blutigen Fleisches in geschlechtliche Aufregung gerieth.
[Sidenote: Exhibitionisten.]
Mit den angeführten sind die bei originär psychopathischen
Individuen möglichen perversen Aeusserungen des Geschlechtstriebes
noch keineswegs erschöpft. Auch noch andere Erscheinungsformen
kommen vor. In einem von +Arndt+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl.
Med. N. F. XVII, pag. 49) beschriebenen Falle hatte ein 32jähriger
Student wiederholt jungen Mädchen auf offener Strasse seine
heraushängenden Genitalien gezeigt, indem er die Schösse seines
Rockes auseinanderschlug. In einzelnen Fällen hatte er die Mädchen
verfolgt, sich an sie herangedrängt und ohne ein Wort zu sprechen
-- sie mit seinem Urine beschmutzt. Mutter und Vater des jungen
Mannes sind nervös, ein Bruder leidet an Epilepsie. Der Untersuchte
selbst war seit der frühesten Jugend nervös und der Onanie ergeben,
litt häufig an Ohnmachten und kataleptischen Zuständen, klagte
während der Beobachtung über zeitweise melancholische Verstimmung,
selbstquälerische Gedanken und perverse Antriebe, zu denen er
selbst kein Motiv finden könne. -- Analoge Unzuchtsacte scheinen in
grossen Städten keine sehr seltene Erscheinung zu sein. +Laségue+
nennt solche Individuen „Exhibitionisten“ und hat sie (Union
médicale. 1877, Mai) ebenso wie +Langier+ (Annal. d’hyg. publ.
1878, Nr. 106, pag. 164) zum Gegenstande eigener Abhandlungen
gemacht.[568] Es wäre ein grosser Irrthum, alle derartigen Fälle
auf psychopathische, insbesondere aber auf originär psychopathische
Zustände zu beziehen, aber ein ebenso grosser Fehler, in solchen
Acten nur den Ausdruck wohlbewusster unlauterer Absichten zu
erblicken; es zeigen vielmehr gerade die „Exhibitionisten“, wie ein
und dieselbe Handlung einmal als Symptom einer originär fehlerhaften
psychopathischen Anlage, ein andermal als Symptom einer erworbenen
Psychose (maniakische Exaltation, paralytisches Irrsein, erworbene
psychische Schwächezustände) vorkommen[569], und ein drittesmal
einen im vollkommen zurechnungsfähigen Zustande begangenen Act
darstellen kann, dass somit nicht die Handlung für sich allein, so
auffällig sie sein mag, den Schluss auf geistige Störung begründet,
sondern nur die Erwägung ihrer psychischen Genese. So sind auch
jene hier und da beobachteten Fälle der „Zopfabschneider“[570],
„Mädchenstecher“ u. dergl. aufzufassen. In vielen dieser Fälle
mag es sich blos um muthwillige oder boshafte Streiche gehandelt
haben, wie +Casper+-+Liman+ (l. c. I, 766) meinen, in einzelnen aber
lag zweifellos eine geistige Störung, insbesondere ein originär
psychopathischer Zustand der betreffenden Handlung zu Grunde, wie
z. B. bei dem von +Roser+ (Annal. der Staatsarzneikunde. 1842, VI.
Jahrg.; Schmidt’s Jahrb. 1843, XXXVII, pag. 94) mitgetheilten Fall
des Innsbrucker „Mädchenstechers“, der zu verschiedenen Zeiten 7
Mädchen mit einem Messer in die Schamgegend gestochen hatte, weil,
wie es im Gutachten heisst: „sein periodisch (sic!) bis zur Wuth
gesteigerter Geschlechtstrieb darin eine unnatürliche Befriedigung
fand“. Es war dies ein von Haus aus anormales Individuum, das, seit
dem 10. Jahre der Onanie ergeben, wiederholt unsittliche Acte mit
unreifen Mädchen begangen und sogar Sodomie getrieben hatte.
[Sidenote: Impulsives Irrsein.]
[Sidenote: Monomanien.]