Einen solchen Fall, ein weibliches Individuum betreffend, in welchem

sehr auffällige anderweitige Erscheinungen einer angeborenen

fehlerhaften Organisation sich ergaben, bringt +Westphal+ (l. c.).

Derselbe betrifft ein 35jähriges Fräulein, welches schon vom 8.

Lebensjahre an sich von einzelnen Mädchen „wie magnetisch angezogen

fühlte“, diesen förmlich die Cour machte und deren Genitalien zu

betasten suchte. In der Zeit vom 18. bis 23. Jahre schlief sie

durch 5 Wochen mit einer Cousine und trieb mit dieser ihr Wesen.

Diese Zeit nennt sie die glücklichste ihres Lebens. +Sich selbst

liess sie niemals berühren.+ Später onanirte sie, besonders kurz

vor und nach Eintritt der Periode, wobei sie sich ein geliebtes

Mädchen vorstellte. Wenn sie dies zu thun unterliess, will sie

stets einen widerwärtigen Geruch und Geschmack, wie von ihren

Genitalien aufsteigend, empfunden haben. In ihren wollüstigen

Träumen erschien sie sich selbst immer in der Situation eines

Mannes. Sie gesteht ungefragt ihre Neigung zum eigenen Geschlechte,

die ihr selbst schrecklich sei. Im Jahre 1863 fasste sie eine

Leidenschaft für ein junges schönes Mädchen, welches sie wiederholt

attaquirte und gerieth, als diese solche Zumuthungen entrüstet

zurückwies, schliesslich in solche Aufregung, dass sie in eine

Irrenanstalt gebracht werden musste. -- Der Vater der Kranken

endete durch +Selbstmord+. Der Kopf der Patientin ist klein, die

Gesichtshälften etwas asymmetrisch, an der Oberlippe findet sich

die Narbe von einer operirten +Hasenscharte+, der harte und weiche

+Gaumen+ sind +vollständig gespalten+. Aeusserer Habitus weiblich.

Geschlechtstheile normal.[567] Hymen intact, lässt kaum die Spitze

des kleinen Fingers eindringen. Die Kranke lernte in der Schule

schwer, war eigensinnig, reizbar und heftig, was immer ihrem Unglück

(dem Wolfsrachen) zugeschrieben und deshalb nachgesehen wurde. In

den letzten Jahren zeigte sie periodische Anfälle von Schwermuth,

denen Aufregungszustand folgte (Folie circulaire), ausserdem häufigen

Kopfschmerz und Schwindelanfälle.

Von grösster Bedeutung ist das Vorkommen einer sogenannten conträren

Sexualempfindung beim männlichen Geschlecht, da es nahe liegt, gewisse

Fälle von Päderastie mit einer solchen Anomalie des Geschlechtstriebes

in Verbindung zu bringen. Dass es eine Menge von Motiven gibt, die

vollkommen normale Menschen zur Päderastie führen können, und dass es

daher nicht angeht, in allen solchen Individuen pathologische Naturen

zu sehen, wurde bereits a. a. O. (pag. 171) ausgeführt, dies darf

jedoch nicht abhalten, daran zu denken, dass eine Neigung zu derartiger

abnormer geschlechtlicher Befriedigung, sowie überhaupt eine auffällige

geschlechtliche Zuneigung zu Individuen desselben Geschlechtes

als Theilerscheinung einer angeborenen fehlerhaften Organisation

thatsächlich bestehen kann, und dann ganz anders beurtheilt werden

muss, als gewöhnliche Päderastie.

[Sidenote: Perversitäten des Geschlechtstriebes.]

Einen einschlägigen, mit entschiedenem angeborenen Schwachsinn,

moralischer Verkehrtheit und periodisch auftretenden

Erregungszuständen (Folie circulaire) verbundenen Fall hat +Servaes+

(Arch. f. Psych. 1876, VI, 485) mitgetheilt: Ein 25jähriger Mann,

Franz E., wurde Abends auf der Strasse verhaftet, weil er an einen

Nachtwächter unzüchtige Zumuthungen stellte, und da man Spuren von

Geistesstörungen an ihm bemerkte, in die Beobachtungsabtheilung

der Irrenanstalt gebracht. Es fand sich männlicher, mässig starker

Habitus, aschblonde Haare, spärlicher blonder Bart, gesucht

weibliche Stimme, auffallend lüsterner Blick. Der Untersuchte gibt

sich sofort als Päderast zu erkennen und vertheidigt seine Gelüste

mit unverholenem Cynismus, so dass sich deutlich der Mangel jeder

Regulirung seiner Gedanken durch ein sittliches Gefühl kundgab. Die

Mutter geistig beschränkt, bigott, Erziehung vernachlässigt. Im 9.

Jahre päderastischer Missbrauch durch einen Hauslehrer, seitdem

fortgesetzte (passive) Päderastie, die er als den köstlichsten und

erhabensten aller Genüsse schildert. Niemals Neigung zu Frauen,

deren Umgang er perhorrescirt. F. ist ein äusserst beschränkter

Mensch, seine Schulkenntnisse im hohen Grade mangelhaft.

Selbstständige geistige Arbeit unmöglich. Läppisches Wesen,

unmotivirter Stimmungswechsel, hochgradige Gemüthlosigkeit, Hang

zur Lüge. Während des Aufenthaltes in der Irrenanstalt periodische

Exaltationszustände mit nachfolgender melancholischer Depression

(Folie circulaire), während ersterer grosse sexuelle Erregung, keine

anderen Gedanken als seine päderastischen Neigungen, die er mit

grosser Redseligkeit vertheidigt.

Von hohem Interesse sind die Selbstbekenntnisse einzelner

Päderasten, wie sie bei +Casper+-+Liman+ (l. c. pag. 183 und 195)

und bei +Tardieu+ (Attent. aux moeurs. 7me édit. 1878, pag. 210)

sich finden, weil aus diesen hervorgeht, dass ganz eigenthümliche

und uns vorläufig ganz unverständliche Perversitäten im Bereiche

des Geschlechtstriebes auch ohne auffallende Störungen der

Intelligenz bestehen können, obgleich sich bei näherem Studium

dieser „Selbstbekenntnisse“ meist unschwer erkennen lässt, dass

die eigenthümliche Geschlechtsempfindung keineswegs ein isolirtes

Symptom, sondern die Theilerscheinung eines originär oder erworben

psychopathischen Zustandes und in einem der Fälle (Cajus)

zweifellosen Schwachsinns gewesen ist. Sehr beachtenswerth sind die

Worte, welche +Tardieu+ der Mittheilung der „Selbstbekenntnisse“

des betreffenden Päderasten anschliesst: „Es gibt Fälle, in welchen

es schwer fällt, bei Päderasten eine wirkliche und krankhafte

Verkehrung der moralischen Gefühle zu negiren. Wenn man sieht,

wie tief Menschen von Erziehung und Stellung sich erniedrigen und

Individuen von empörendem Schmutz aufsuchen oder zulassen, so wird

man häufig versucht, zu glauben, dass diese Menschen in ihrem Fühlen

und in ihrem Verstande irre sind, und man kann nicht leicht daran

zweifeln, wenn man Thatsachen erwägt, wie sie einer der in der

Verfolgung von Päderasten geschicktesten und energischesten Beamten,

+C. Busserolles+, berichtet. Einer dieser Unglücklichen stieg von

einer hohen Stellung herab zum untersten Grad der Erniedrigung,

lockte schmutzige Kinder von der Gasse zu sich, vor welchen er sich

niederkniete und ihnen mit der tiefsten Leidenschaft die Füsse

küsste, bevor er sie missbrauchte, und einem anderen verursachte

es den höchsten Genuss, wenn er sich von einem Individuum der

verächtlichsten Sorte -- derbe Fusstritte auf den Hintern versetzen

liess! Wie kann man solche monströse Handlungen begreifen, wenn man

sie nicht auf Irrsinn bezieht?“

Neuere Beobachtungen bestätigen diese Anschauungen, und wir

verweisen in dieser Beziehung, sowie was andere Perversitäten des

Geschlechtstriebes anbelangt, insbesondere auf die monographischen

Bearbeitungen des Gegenstandes von +B. Tarnowsky+ („Die krankhaften

Erscheinungen des Geschlechtssinnes“, Berlin 1885) und insbesondere

auf das bekannte, bereits in mehreren Auflagen erschienene

Werk von +Krafft+-+Ebing+: „Psychopathia sexualis.“ Stuttgart.

Letzterer berichtet auch („Zur conträren Sexualempfindung in

klinisch-forensischer Beziehung.“ Allg. Zeitschr. f. Psych.

XXXVIII, pag. 211) über folgende Fälle: +Beobachtung 1.+ Graf Z.,

37 Jahre alt, hereditär belastet, Onanist, seit dem 13. Jahre an

Neurasthenia spinalis, in den letzten Jahren an elektromagnetischem

Verfolgungswahn leidend, fühlte sich seit dem 13. Jahre zu Männern

hingezogen, bei deren Annäherung und Berührung er bis zur Extase

wollüstig aufgeregt wird. Seit einem missglückten Beischlaf im 20.

Jahre verabscheut er geschlechtlichen Verkehr mit Weibern. Patient

ist weder unglücklich über seine verkehrte Geschlechtsempfindung,

noch vermag er sie als eine krankhafte zu erkennen. Er zeigt einen

männlichen Habitus, einen offenen, noblen Charakter und seine edle

Empfindung gibt sich auch in seinen Gedichten kund. Nur gewisse

Männer ziehen ihn an. Umarmung, Küssen genügt ihm und erzeugt

Samenergiessung. Päderastie verabscheut er. +Beobachtung 2.+ G.,

50 Jahre alt, Dr. phil., wurde von einem Soldaten angezeigt, der

sich ihm hingegeben hatte. Erblich veranlagt, cynisch, coquett, von

männlichem Habitus, Onanist seit der Kindheit. Er berichtet mit

grossem Behagen, dass er eine angeborene „conträre Sexualempfindung“

besitze! Schon mit 5 Jahren war es seine grösste Lust, sich als

Mädchen zu kleiden, einen Penis zu sehen, weshalb er um die

Anstandsorte herumlungerte. Neigung zu Weibern empfand er nie. Er

sucht seine verkehrte Geschlechtsrichtung philosophisch zu erklären.

Mit Entrüstung weist er die Zusammenwerfung der „Urninge“ mit

Päderasten zurück. Der Verkehr der ersteren sei nur gegenseitige

Onanie. G. macht den Eindruck eines originär verrückten Menschen.

+Beobachtung 3.+ Herr v. H., 30 Jahre alt, von einer neuropathischen

Mutter stammend, selbst seit der Kindheit neuropathisch mit auffällig

weiblichen Neigungen. Onanie wird geleugnet, ist aber wahrscheinlich.

Seit der Pubertät schlaffe, weibliche, träumerische Gedankenrichtung,

Neigung zu Tändeleien, kein Verständniss für ernste Angelegenheiten.

Will im 22. Jahre mit Weibern geschlechtlich verkehrt, aber

keine Befriedigung dabei gefunden haben. Dagegen empfindet er

geschlechtliche Zuneigung zu Männern. Das Aeussere erinnert

entschieden an weibliche Verhältnisse. Thorax und Becken weiblich,

Körper fettreich, zart. Genitalien zwar gut entwickelt, doch der

linke Hode im Leistencanal zurückgeblieben. Stimme hoch, spärlicher

Bartwuchs, weibliche Züge, geziertes Wesen, bringt stundenlang am

Toilettentisch zu. Neurasthenie, Mattigkeit, ziehende Schmerzen in

den Extremitäten, Proc. spinosi der Brustwirbel empfindlich. Patient

schrickt leicht zusammen und geräth bei Bewegung mit antipathischen

Leuten in Zustände eigenthümlicher Angst und Verwirrung.

Zwei analoge, wegen widernatürlicher Unzucht verurtheilte

Sträflinge betreffende Fälle werden von +L. Kirn+ („Ueber die

klinisch-forensische Bedeutung des perversen Sexualtriebes.“ Allg.

Zeitschr. f. Psych. XXXIX, pag. 216) mitgetheilt. Der erste Fall

betrifft einen 30jährigen Kattundrucker, ohne erbliche Anlage,

von weiblichem Aussehen, normalen Genitalien, verstrichenen

Afterfalten, eine weichliche poetische Natur. Als Kind mädchenhafte

Neigungen, Vorliebe für Romanlectüre, Demoralisirung durch Umgang

mit Fabriksarbeitern. Onanie seit dem 15. Jahre. Sah Männer immer

auffallend gern, doch wurde ihm erst im 16. Jahre der Grund zu dieser

Neigung klar, als ihn ein Herr auf’s Zimmer nahm. Seitdem wiederholt

geschlechtlicher Verkehr mit Männern, der meist nur in gegenseitiger

Onanie, selten in Päderastie bestand. Knüpfte absichtlich eine

Bekanntschaft mit einem Mädchen an, um sich von seinem räthselhaften

Triebe zu heilen, versuchte auch dreimal den Beischlaf ohne Erfolg,

wobei er Abscheu und Ekel empfand. Schriftliche Selbstbekenntnisse

liegen vor. In der Strafanstalt musterhaftes Betragen. Periodicität

in der Herrschaft seiner sexuellen Richtung liess sich nicht

feststellen, doch tritt dieselbe entschieden zeitweise mehr

hervor, sowie auch Zustände leichter Exaltation mit solchen von

Depression wechseln. -- Der zweite Fall betrifft einen 31jährigen

Naturforscher aus hochachtbarer Familie, welcher wiederholt Knaben

an sich gelockt und deren Hinterbacken, niemals aber die Genitalien

betastet hatte, wobei manchmal Samenergüsse eintraten. Päderastie

hat er niemals geübt, auch nicht Onanie. Mütterlicherseits erbliche

Veranlagung, im 6. Jahre schwere Hirnentzündung, an welche sich

in den zwei folgenden Jahren nervöse und psychische Störungen,

namentlich Gesichtsillusionen anschlossen. Auch litt er an Chorea

und im 14. Jahre an nervösen Erscheinungen: Stottern, Absterben der

Finger, Gefühl, als ob die Gegenstände seinen Auges zustrebten. Im

18. Jahre schwerer Typhus. War stets still und schüchtern, pflog

nie geschlechtlichen Umgang mit Frauen, dagegen litt er schon als

Student periodisch an lüsternem Begehren zur Betastung von Knaben,

das ihm schon damals zum Selbstmordversuch bewog. Auch nach der

Verhaftung Selbstmordversuch durch Stich in die Herzgegend, welcher

Hämatopneumothorax zur Folge hatte. Inculpat ist mittelgross,

von mässig kräftigem Körperbau, ohne Hemmungsbildungen. Schädel

symmetrisch; timides, schülerhaftes Benehmen, unsicherer Blick,

Stottern, sobald er in Verlegenheit kommt. Somit erbliche Belastung

und organischer Zwang. Trotzdem Verurtheilung.

[Sidenote: Anthropophagie und Necrophilie.]

In anderen Fällen äussert sich die Perversität des Geschlechtstriebes

darin, dass das betreffende Individuum statt im Coitus oder ausser in

diesem in Misshandlung oder Tödtung und selbst Zerfleischung seines

Opfers und sogar in Anthropophagie eine geschlechtliche Befriedigung

findet. Die Literatur enthält wahrhaft entsetzliche Beispiele dieser

Art, die fast alle Individuen betrafen, welche als originär psychisch

abnorme Menschen angesehen werden müssen und auch sonstige Zeichen

eines psychischen Degenerationszustandes darboten. Anderseits kommen

Fälle vor, in denen ein Individuum in an ihm vom Weibe, respective

Manne ausgeübten Misshandlungen (Flagellation etc.) sexuelle

Befriedigung findet. v. +Krafft+-+Ebing+, bezeichnet diese Form als

„Masochismus“.

Eine ausführliche Zusammenstellung solcher Fälle bringt insbesondere

+Krafft+-+Ebing+ („Psychopathia sexualis“), ferner +Lombroso+

(„Verzeni e Agnoletti.“ Roma 1873), ebenso +Tardieu+ (Attent. aux

moeurs, l. c. pag. 1882 u. s. f.).

Der von +Lombroso+ begutachtete Verzeni hatte in verschiedenen

Zwischenräumen vier Frauen nahezu erwürgt, ferner ein 14jähriges

Mädchen erstickt, die Leiche in ein Feld geschleppt, Gedärme

und Genitalien herausgerissen, die Schenkel zerbissen und das

Blut ausgesaugt und sogar ein Stück der rechten Wade, nachdem er

es ausgesaugt, mitgenommen, um es zu Hause zu rösten; endlich

eine 28jährige Frau in ähnlicher Weise überfallen, getödtet und

verstümmelt. Verzeni war 22 Jahre alt, hatte einen asymmetrischen

Schädel, enorm entwickelte Kieferknochen und schielte. Zwei

Onkel sind Cretins, ein dritter Mikrocephal. Der Vater leidet an

Hypochondria pellagrosa, ein Vetter an Hirncongestionen, ein anderer

ist Gewohnheitsdieb. In der Untersuchungshaft zeigte V. gewöhnliche

Intelligenz, war verschlossenen Wesens, cynisch und der Masturbation

ergeben. Er gestand nach längerem Leugnen sämmtliche Thaten.

Stuprirt habe er die Frauen nie, doch habe ihn schon das blosse

Würgen unbeschreiblich aufgeregt und Erection und Samenergiessung

verursacht, und das wollüstige Gefühl sei ein weit höheres gewesen,

als wenn er onanirte. Es sei ihm gleich gewesen, ob die Frauen

jung oder alt, schön oder hässlich waren. Gewöhnlich sei schon bei

dem Würgen die Ejaculation eingetreten und dann habe er die Frauen

am Leben gelassen, in den übrigen Fällen habe ihr Eintritt sich

verzögert und dann habe er seine Opfer zu Tode gewürgt.

In einem analogen Falle hatte ein 24jähriger Winzer (+Leger+) ein

12jähriges Mädchen genothzüchtigt, die Geschlechtstheile verstümmelt,

das Herz herausgerissen und verzehrt; in einem anderen, von +Maschka+

begutachteten, ein 55jähriger Mann ein altes Weib erwürgt, ihr die

Brüste und Genitalien abgeschnitten und zu Hause mit Knödeln und

Brühe gegessen. Beide diese Monstra waren von Haus aus verschlossene,

finstere und offenbar erblich belastete Individuen.

Aehnliche Verstümmelungen sind mit päderastischem Missbrauch auch

an Knaben vorgekommen (vide den schrecklichen Fall +Zastrow+,

+Casper+-+Liman+’s Handb. I, pag. 204, und den ebenso grässlichen,

von +Tardieu+ in den Attent. aux moeurs, pag. 272, mitgetheilten,

der einen 3½jährigen Knaben betraf), und +Lombroso+ (L’uomo

delinquente, pag. 200) berichtet sogar von einem gewissen

Artusio, der einen Knaben durch eine -- Bauchwunde geschlechtlich

missbrauchte, die er ihm zugefügt hatte!

Hierher gehört endlich auch der von +Tardieu+ (Étude sur la

folie. 1872, pag. 112, und Attent. aux moeurs. 1878, pag. 114)

publicirte Fall des Sergeanten +Bertrand+, der eine entschieden

originär und hereditär psychopathologische Natur und seit seinem 8.

Lebensjahre Onanist, anfangs Thiere tödtete und während er ihnen die

Gedärme ausriss, sich durch Masturbation befriedigte, später auf

verschiedenen Friedhöfen Frankreichs eine grosse Zahl von weiblichen

Leichen ausgrub und diese entweder geschlechtlich missbrauchte oder

mit ihnen ebenso verfuhr, wie er es früher mit Thierleichen gethan

hatte!

Es unterliegt keinem Zweifel, dass auch manche Fälle von Sodomie

auf ähnliche psychopathologische Zustände, insbesondere auf eine

eigenthümliche Verkehrung des Geschlechtstriebes zu beziehen sind und

wahrscheinlich auch jene merkwürdigen Fälle, in denen der Anblick von

sterbenden oder in Schmerzen sich windenden Thieren mit wollüstigen

Empfindungen sich verband. Viel Aufsehen erregte im Jahre 1878 in

Wien der Process Steiner-Ballogh (Erwürgung einer Prostituirten)

auch dadurch, dass mehrere Prostituirte übereinstimmend eines Mannes

erwähnten, den sie als „Hendelmann“ bezeichneten, weil derselbe sich

vor den geschlechtlichen Acten durch Martern und Tödten von Hühnern,

Tauben, Gänsen und anderen Vögeln aufzuregen pflegte. Diese Thatsache

steht nicht vereinzelt da, denn auch +Lombroso+ (L’uomo delinquente,

pag. 201) berichtet von 2 Individuen, die Ejaculationen bekamen,

wenn sie Hühner und Tauben erdrosselten oder schlachteten, und von

einem Dritten, einem ausgezeichneten Dichter, der beim Anblick des

Zerlegens eines geschlachteten Kalbes und selbst beim Erblicken des

aufgehängtes blutigen Fleisches in geschlechtliche Aufregung gerieth.

[Sidenote: Exhibitionisten.]

Mit den angeführten sind die bei originär psychopathischen

Individuen möglichen perversen Aeusserungen des Geschlechtstriebes

noch keineswegs erschöpft. Auch noch andere Erscheinungsformen

kommen vor. In einem von +Arndt+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl.

Med. N. F. XVII, pag. 49) beschriebenen Falle hatte ein 32jähriger

Student wiederholt jungen Mädchen auf offener Strasse seine

heraushängenden Genitalien gezeigt, indem er die Schösse seines

Rockes auseinanderschlug. In einzelnen Fällen hatte er die Mädchen

verfolgt, sich an sie herangedrängt und ohne ein Wort zu sprechen

-- sie mit seinem Urine beschmutzt. Mutter und Vater des jungen

Mannes sind nervös, ein Bruder leidet an Epilepsie. Der Untersuchte

selbst war seit der frühesten Jugend nervös und der Onanie ergeben,

litt häufig an Ohnmachten und kataleptischen Zuständen, klagte

während der Beobachtung über zeitweise melancholische Verstimmung,

selbstquälerische Gedanken und perverse Antriebe, zu denen er

selbst kein Motiv finden könne. -- Analoge Unzuchtsacte scheinen in

grossen Städten keine sehr seltene Erscheinung zu sein. +Laségue+

nennt solche Individuen „Exhibitionisten“ und hat sie (Union

médicale. 1877, Mai) ebenso wie +Langier+ (Annal. d’hyg. publ.

1878, Nr. 106, pag. 164) zum Gegenstande eigener Abhandlungen

gemacht.[568] Es wäre ein grosser Irrthum, alle derartigen Fälle

auf psychopathische, insbesondere aber auf originär psychopathische

Zustände zu beziehen, aber ein ebenso grosser Fehler, in solchen

Acten nur den Ausdruck wohlbewusster unlauterer Absichten zu

erblicken; es zeigen vielmehr gerade die „Exhibitionisten“, wie ein

und dieselbe Handlung einmal als Symptom einer originär fehlerhaften

psychopathischen Anlage, ein andermal als Symptom einer erworbenen

Psychose (maniakische Exaltation, paralytisches Irrsein, erworbene

psychische Schwächezustände) vorkommen[569], und ein drittesmal

einen im vollkommen zurechnungsfähigen Zustande begangenen Act

darstellen kann, dass somit nicht die Handlung für sich allein, so

auffällig sie sein mag, den Schluss auf geistige Störung begründet,

sondern nur die Erwägung ihrer psychischen Genese. So sind auch

jene hier und da beobachteten Fälle der „Zopfabschneider“[570],

„Mädchenstecher“ u. dergl. aufzufassen. In vielen dieser Fälle

mag es sich blos um muthwillige oder boshafte Streiche gehandelt

haben, wie +Casper+-+Liman+ (l. c. I, 766) meinen, in einzelnen aber

lag zweifellos eine geistige Störung, insbesondere ein originär

psychopathischer Zustand der betreffenden Handlung zu Grunde, wie

z. B. bei dem von +Roser+ (Annal. der Staatsarzneikunde. 1842, VI.

Jahrg.; Schmidt’s Jahrb. 1843, XXXVII, pag. 94) mitgetheilten Fall

des Innsbrucker „Mädchenstechers“, der zu verschiedenen Zeiten 7

Mädchen mit einem Messer in die Schamgegend gestochen hatte, weil,

wie es im Gutachten heisst: „sein periodisch (sic!) bis zur Wuth

gesteigerter Geschlechtstrieb darin eine unnatürliche Befriedigung

fand“. Es war dies ein von Haus aus anormales Individuum, das, seit

dem 10. Jahre der Onanie ergeben, wiederholt unsittliche Acte mit

unreifen Mädchen begangen und sogar Sodomie getrieben hatte.

[Sidenote: Impulsives Irrsein.]

[Sidenote: Monomanien.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 106 / 132 段