Die +mikroskopischen+ Veränderungen, welche die Gewebe durch die

fortschreitende Fäulniss erleiden, sind vorzugsweise durch +F. Falk+

und +Tamassia+, sowie auch durch uns (vide „Leichenerscheinungen“,

l. c. pag. 259) verfolgt worden. Diese Beobachtungen haben ergeben,

dass schon sehr frühzeitig die Muskelfasern sowohl, als die

Drüsenepithelien sich trüben und von körnigen, stark lichtbrechenden

Massen durchsetzt erscheinen, wodurch Bilder entstehen, die mit

jenen, welche wir bei der sogenannten körnigen Degeneration oder

„trüben Schwellung“ beschrieben haben, eine grosse Aehnlichkeit

besitzen. Da letzterer eine hohe diagnostische Bedeutung bei gewissen

Vergiftungen, aber auch für viele andere, namentlich infectiöse

Erkrankungen zukommt, so ist die Thatsache, dass die Fäulniss

ähnliche Bilder erzeugt, wohl im Auge zu behalten (vide pag. 640).

[Sidenote: Fäulnissbedingungen.]

Die Zeit des Eintrittes der Fäulniss und die Schnelligkeit ihres

Verlaufes hängt von gewissen Bedingungen ab, deren Kenntniss von

grösster Wichtigkeit ist, da nur bei sorgfältiger Berücksichtigung

dieser Schlüsse aus dem Grade der Verwesung einer Leiche auf den

Zeitpunkt des eingetretenen Todes gestattet sind. Man kann äussere

und innere +Fäulnissbedingungen+ unterscheiden.

[Sidenote: Mumification.]

[Sidenote: Luft u. Wasser. Maceration.]

Zu den +äusseren+, besonders wichtigen, gehören zunächst

gewisse Luft-, Wasser- und Wärmeverhältnisse. Der Zutritt der

+atmosphärischen Luft+ ist zur Unterhaltung der Fäulniss unbedingt

nothwendig, weil sie einestheils den nöthigen Sauerstoff, anderseits

die Fäulnissfermente (Bakterienkeime) zuführt. Je freier derselbe

gestattet ist, desto rascher geht unter sonst gleichen Verhältnissen

die Zersetzung vor sich. Eine Ausnahme machen scharfe oder trockene

Luftströmungen, die gerade das Gegentheil, nämlich Eintrocknen oder

die sogenannte +Mumification+ der Leiche, bewirken können, welche

dann zunächst die am meisten exponirten und zugleich am wenigsten

fleischigen Theile ergreift. So fanden wir bei einem Manne, der

sich in einem luftigen Keller erhängt hatte und erst nach 20 Tagen

gefunden wurde, den Kopf sammt dem Gesicht, die Hände und die

nackten Füsse mumificirt, den sonstigen Körper verhältnissmässig

frisch. Am raschesten beginnt und verläuft daher die Fäulniss,

wenn die Leiche frei an der Luft liegen blieb, weniger rasch unter

Wasser und bei vergrabenen Leichen; im letzteren Falle desto

langsamer, je weniger der betreffende Boden die Luft durchlässt

und je reichlicher die über der Leiche lagernde Schicht desselben

ist. Dass sowohl bei freiliegenden als bei beerdigten Leichen auch

die Kleidung und andere Hüllen die Fäulniss, wegen Erschwerung des

Zutrittes der Luft, der Fäulnisskeime, der Fliegenmaden und anderer

die Zerstörung befördernder Organismen verlangsamt, und zwar desto

mehr, je dichter die Hülle ist, davon haben die Erfahrungen auf

den französischen Schlachtfeldern Belege geliefert. Nach +Créteur+

sollen Gummimäntel am meisten verzögernd gewirkt haben. Dass schon

die gewöhnlichen Holzsärge einen verzögernden Einfluss auf die

Fäulniss ausüben, wurde wiederholt constatirt; noch mehr macht

sich derselbe unseren Erfahrungen zufolge bei den immer mehr in

Anwendung kommenden Metallsärgen bemerkbar, da wir bei Exhumationen

noch nach mehreren, in einem Falle noch nach 10 Jahren (!) die

Leiche in stinkender Fäulniss und von Fäulnissjauche umgeben,

vorfanden, ein Umstand, der unserer Ansicht nach die Anwendung von

Metallsärgen bei gewöhnlichen Beerdigungen unstatthaft erscheinen

lässt. Ein gewisser Grad von +Feuchtigkeit+ ist zur Unterhaltung

der Fäulniss unbedingt nothwendig. Da der menschliche Körper etwa

85 (nach +Voit+ nur 63) Procent Wasser enthält, so genügt anfangs

die eigene Körperfeuchtigkeit, um die Fäulniss einzuleiten und zu

unterhalten. Geht aber, wie gewöhnlich, ein Theil der Fäulnissjauche

durch Transsudation und Verdunstung verloren, wie an trockenen,

luftigen Orten, oder wird diese von der Unterlage aufgesaugt, wie im

trockenen, porösen Boden, so kommt bald ein Zeitpunkt, wo die eigene

Feuchtigkeit der Leiche zur Unterhaltung der Fäulniss nicht mehr

ausreicht. Es kommt dann zur Eintrocknung und langsamen Vermoderung

der noch übrigen Theile. Eine Reihe der sogenannten natürlichen

+Mumien+ verdankt diesem Gange der Dinge ihre Entstehung. Eine

gewisse Menge von aussen kommender Feuchtigkeit ist daher für den

vollständigen Verlauf der Fäulniss in der Regel nothwendig, und je

grösser sie ist, desto flotter gestaltet sich die letztere. Ausser

der chemischen kommt hierbei auch die auflockernde macerirende

Wirkung des Wassers in Betracht. Bleibt die Leiche unter Wasser, so

wird der Eintritt und Verlauf der Fäulniss desto mehr verzögert,

je frischer das Wasser ist, daher im strömenden Wasser mehr als im

stehenden und in kühler Jahreszeit mehr als in der wärmeren. Auch

bleibt die Leiche von Fliegenmaden und anderen nur in der Luft

lebenden Organismen geschützt, was ebenfalls zu ihrer Conservirung

beiträgt. Dafür verfällt die Leiche der sogenannten +Maceration+,

worunter man theils die Auswässerung, theils gewisse, durch die

lockernde und Imbibitionswirkung des Wassers bewirkte Veränderungen

versteht. Der reinsten, das heisst mit Fäulniss nicht combinirten

Form der Maceration begegnen wir bei während der Schwangerschaft

abgestorbenen und bei uneröffneten Eihäuten im Uterus oder in

der Bauchhöhle zurückgebliebenen Früchten. Dieselbe wird, wie

bereits oben (pag. 778) beschrieben wurde, durch Imbibitions- und

Transsudationsvorgänge eingeleitet, wozu frühzeitig eine Lockerung

des Zusammenhanges der Epidermis, beziehungsweise Abhebung

derselben durch Transsudat hinzutritt. Im weiteren Verlauf kommt

es zu fortschreitender Entblutung und Entwässerung der Frucht mit

consecutiver Auslaugung und Volumsverminderung derselben, während

die Organe nicht blos in ihren groben, sondern selbst in feineren

Eigenschaften jahrelang sich erhalten können und nur das Fett sich

in Fettsäuren umwandelt. Solche Früchte werden fälschlich als in

lipoider Umwandlung begriffen bezeichnet und können im weiteren

Verlaufe, durch Resorption der flüssigen Theile und hinzutretender

Abscheidung von Kalksalzen, zu sogenannten Lithopädien werden. Der

Vorgang bei unter Wasser liegenden Leichen ist im Allgemeinen ein

ähnlicher, wird jedoch einestheils durch die wenn auch langsam

vorwärtsschreitende Fäulniss, anderntheils durch den Einfluss des

beständigen Contactes mit Wasser, insbesondere durch die mit der

Dauer des Contactes zunehmende, bleichende und lockernde, sowie auch

bei strömendem Wasser durch die mechanisch trennende Wirkung des

letzteren modificirt, durch welche Einflüsse ein allmäliger Zerfall

der Leiche eingeleitet wird.

[Sidenote: Fettwachsbildung.]

Hier ist der Ort, der sogenannten +Fettwachsbildung+ oder

Saponification von Leichen zu erwähnen. Seitdem zuerst +Fourcroy+

aus Anlass der Ueberlegung des Friedhofes „des Innocents“ in Paris

auf solche Befunde aufmerksam gemacht hatte, wurde die Fettwachs-

(Leichenfett- Adipocire-) Bildung als ein Umwandlungsprocess

sämmtlicher Weichtheile, namentlich der Muskeln, aufgefasst,

indem man annahm, dass unter gewissen Bedingungen, zu welchen

insbesondere das Liegen der Leiche im Wasser oder im feuchten Boden

und ungenügender Luftzutritt gerechnet wird, die Weichtheile, statt

der colliquativen Fäulniss zu verfallen, in Fett sich umwandeln,

welches später verseift. An dieser Anschauung hält auch noch

+Kratter+ (Oesterr. ärztl. Vereins-Ztg. 1879, Nr. 11, Zeitschr.

f. Biologie. 1880, XVI und „Berichte des X. internationalen

medicinischen Congresses in Berlin“) fest.[524] Wir haben jedoch mit

Rücksicht auf unsere Beobachtungen schon 1879 („Bemerkungen über

das sogenannte Fettwachs.“ Wiener med. Wochenschr. Nr. 5-7) die

Ansicht ausgesprochen, dass in vielen und vielleicht den meisten

Fällen die als Fettwachs angesprochenen Massen nicht aus einer

postmortalen Verfettung der Weichtheile hervorgegangen sind, sondern

nur das subcutane und anderweitige Fett darstellen, welches nach der

Colliquation der übrigen Weichtheile, besonders der Muskeln (deren

Scheiden in einzelnen unserer Fälle noch ausgezeichnet erkennbar

waren), zurückblieb, nachdem es sich in Fettsäuren verwandelt hatte.

Weitere uns vorgekommene Fälle, von denen mehrere in unserem Museum

aufgestellt sind, haben diese Anschauung bestätigt und wir haben

darüber am X. internationalen Congress berichtet (Wiener med. Presse.

1890, Nr. 37). Ebenso gelangten +E. Ludwig+ (Artikel „Leichenfett“ in

Eulenburg’s Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Wien 1881) auf

Grund chemischer Untersuchung, +H. Reinhard+ („Beobachtungen über die

Zersetzungsvorgänge in den Grüften und Gräbern auf den Friedhöfen.“

11. Jahresbericht über das Medicinalwesen in Sachsen auf das Jahr

1880, pag. 148, insbesondere Absatz „Fettwachsbildung“, pag. 165),

+Ermann+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1882, XXXVII, pag. 51

und 1884, XL, pag. 29) und +Reubold+ (Sitzungsber. d. Würzburger

physiol.-med. Gesellsch. 1885) auf Grund positiver Beobachtungen

theils an beerdigten, theils an aus dem Wasser gezogenen Leichen zu

gleichen Resultaten. Zweifellos gibt es verschiedene Zwischenstufen

der sogenannten Fettwachsbildung. In den ausgeprägten Formen, d. h.

nach mehrmonatlichem Liegen in Wasser, sieht der Körper wie

versteinert aus und man findet bei näherer Untersuchung, dass das

Skelet kürassartig von einer kalk- oder stearinartigen, meist

grauweissen, an der Oberfläche grobkörnigen Masse umgeben ist, welche

im frischen Zustande einen stark fäculenten, im getrockneten mehr

ranzigen Geruch verbreitet, über Wasser schwimmt, beim Erhitzen

schmilzt und bei der mikroskopischen Untersuchung vorzugsweise aus

kugeligen, von radiär angeordneten, nadelförmigen Fettsäurekrystallen

gebildeten Körnern bestehend sich erweist. Derartige Leichen wurden

wegen der mitunter merkwürdig erhaltenen Körperformen, sowie

wegen der festen Consistenz und des kalkartigen Aussehens der

Fettwachsmassen schon wiederholt für „verkalkte“ Leichen gehalten

und können noch nach Jahren Abdrücke von Kleidern, Riemen und selbst

von Strangfurchen erkennen lassen (+Ganner+, Wiener med. Ztg.

1887, Nr. 8 und +Kratter+, Virchow’s Jahrb. 1887, I, pag. 511). Je

stärker das Fett zur Zeit des Todes entwickelt war, desto leichter

bilden sich compacte, die Form der Körpertheile conservirende

Adipociremassen, doch scheint auch die Natur des Fettes, insbesondere

der Gehalt desselben an Fettsäuren, von Einfluss zu sein. Namentlich

bildet sich leicht Fettwachs bei Kindern und Potatoren. Schöne

Präparate haben wir aus Säufer- und aus Phosphorlebern erhalten.

Den sehr eingehenden Untersuchungen zufolge, welche der leider so

früh verstorbene +Zillner+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med.

1885, XLII, 1) in unserem Institute ausführte, spielt bei der

Adipocirebildung ein Vorgang eine wichtige Rolle, welchen er als

„Wanderung des Fettes während des Verwesungsprocesses“ bezeichnet,

welcher darin besteht, dass in den späteren Stadien der Maceration

die bei gewöhnlicher Temperatur flüssigen Neutralfette in ähnlicher

Weise sich imbibiren und transsudiren, wie dieses in früheren

Stadien die Blutflüssigkeiten thun, woher es kommt, dass sich dann

Fett in Räumen findet, die früher leer oder von anderen Körpern

(Muskeln) eingenommen waren.[525] Diese sowohl, als die in ihrer

Heimat zurückgebliebenen Fette zersetzen sich zu Glycerin und freien

Fettsäuren, von denen die bei gewöhnlicher Temperatur flüssige

Oelsäure sammt dem Glycerin verschwindet und nur die höheren

Fettsäuren in Krystallform zurückbleiben, welche sich theilweise mit

Kalk und Magnesia zu einer Seife verbinden, wodurch, sowie durch

Niederschläge aus dem Wasser, der Adipocirepanzer an Festigkeit

gewinnt. +Zillner+ wies ferner nach, dass die „mammelonirte“

Beschaffenheit der Oberfläche typischer Adipocireleichen davon

herrührt, dass die Cutis wegfault und die körnige subcutane erstarrte

Fettschichte nun blossliegt.

[Sidenote: Einfluss der Wärme.]

Eine weitere, für den Eintritt und Verlauf der Fäulniss wichtige

Bedingung ist ein gewisser Grad von +Wärme+ des umgebenden Mediums.

Wärme, namentlich feuchtwarme Luft, ist besonders fördernd für

Fäulnissprocesse, und es ist bekannt, wie sich gewisse Jahreszeiten

in dieser Beziehung geltend machen. Ebenso tritt in geheizten

Localen, aber auch in Düngerhaufen, Abtrittsgruben u. dergl. die

Fäulniss ungemein rasch auf. Warme trockene Luft und noch mehr

höhere Hitzegrade bewirken dagegen Eintrocknung und Mumification.

Dass Gefrierkälte den Eintritt der Fäulniss verhindert oder die

bereits eingetretene sistirt, ist bekannt.

[Sidenote: Organismen in faulenden Leichen. Zerstörung d. Leichen durch

Thiere.]

[Sidenote: Schimmelpilze. Innere Fäulnissbedingungen.]

Eine wichtige und offenbar die wesentlichste Rolle bei der fauligen

Zerstörung von Leichen spielen +thierische+ und +pflanzliche

Organismen+. Constante Begleiter der stinkenden Fäulniss sind die

Bacterien, und es ist bekannt, dass diese als die septische Processe

einleitenden Fermente anzusehen sind.[526] Ihr Vorkommen gehört

mit zum Begriffe der Fäulniss und diese Thatsache wird jedenfalls

gegenüber den jetzt so häufig genannten mycotischen Processen wohl

zu beachten sein. Fliegenmaden können sich im Sommer schon in den

ersten 12 Stunden finden, namentlich in den Augen- und Mundwinkeln.

Ihr zerstörender Einfluss ist bekannt. Die ganz frische Leiche eines

6 Wochen alten, gut genährten Kindes, welche wir am 12. Juli offen

im Secirsaale liegen liessen, war bereits am 15. mit winzigen Maden

besetzt, wimmelte am 18. von diesen und war am 22. von ihnen bis auf

Haut, Sehnen und Knochen aufgezehrt. Durch weitere Versuche haben wir

uns überzeugt, dass die Maden der Schmeissfliege schon am nächsten

Tage nach der Deponirung der Eier auskriechen, ungemein rasch

wachsen, schon am 8. Tage sich zu verpuppen beginnen, worauf nach

weiteren 10 Tagen die Fliegen aus der Puppe auskriechen. Ausserdem

helfen in der warmen Jahreszeit Raub- und Aaskäfer und deren Larven,

sowie Ameisen an der Luft liegende Leichen zu zerstören.[527]

+Krahmer+, +Dommes+ und +Locherer+ berichten von Leichen Erwachsener,

die im Hochsommer, im freien Felde liegend, binnen 4-8 Wochen

angeblich von Ameisen (unserer Meinung nach wohl zunächst durch

Fliegenmaden) skelettirt worden waren. Dass Leichen von Ratten benagt

und die von Kindern sogar grösstentheils aufgezehrt werden, kommt

namentlich bei in oder nahe bei Düngerhaufen und Ställen oder in

Abtritten liegenden Leichen ungemein häufig vor. Auch Raubthiere und

Schweine können Leichen beschädigen, aufzehren und verschleppen.

Begrabene Leichen werden ebenfalls von Fliegenmaden durchwühlt, die,

wenn die Leiche nicht etwa nur oberflächlich verscharrt war, aus

Eiern stammen, die, als die Leiche noch an der Luft lag, deponirt

wurden. In zu einem schmierkäseähnlichen Brei verfaulten Weichtheilen

exhumirter Leichen haben wir bis jetzt jedesmal massenhaft winzige,

lebhaft sich bewegende Nematoden angetroffen, der Gattung Pelodera

angehörig. Diese Nematoden leben nach +Schneider+ in feuchter Erde

und suchen in diese gelangende faulende Substanzen auf, die sie

verzehren. Bei Wasserleichen kommen, so lange sie unter Wasser

liegen, nur Wasserkäfer, Wasserratten und Krebse in Betracht. Fische

sollen faules Fleisch verschmähen. Sobald jedoch die Leiche über

Wasser kommt, etabliren sich, besonders im Sommer, sofort zahlreiche

Maden und befördern die Zerstörung (vide auch pag. 817). Weisse und

gelbe Schimmelpilze finden sich bei nach längerer Zeit exhumirten

Leichen häufig. Aber auch in feuchter Luft liegen gebliebene Leichen

schimmeln, so z. B. die in Kellern aufbewahrten, die nach einiger

Zeit mit einem dichten Rasen von Schimmelpilzen bewachsen sein

können. Letztere hat +Heim+ (Annal. d’hygiène publ. 1893, XXX,

pag. 97) näher bestimmt. Diese Pilze hinterlassen in abgestorbenem

Zustande schwärzliche Flecke, welche der Haut und den Wäschestücken

ein wie getigertes Aussehen geben können. Ueber die Algenbildung auf

Wasserleichen wurde bereits oben gesprochen.

Was die +inneren+ oder +individuellen+ Fäulnissbedingungen betrifft,

so kann zunächst als Regel gelten, dass die Fäulniss desto rascher

die betreffende Leiche zerstört, je geringer die Masse des Körpers

gewesen ist, daher die von Kindern früher als die von Erwachsenen.

Auch die grössere Zartheit und der grössere Wassergehalt der Gewebe

macht, dass erstere früher der Fäulniss unterliegen als letztere.

Bei Neugeborenen kann der Umstand, dass die Gedärme noch keinen

fäculenten Inhalt führen, eine verhältnissmässige Verzögerung

des Eintrittes der Fäulniss bedingen. Weiter ist, ausser dem

Ernährungszustand, besonders die Todesart von Einfluss. Vor Allem

sind es die an septischen Processen Verstorbenen, die ungemein rasch

der Fäulniss anheimfallen und die man, namentlich im Sommer, schon

nach 12-24 Stunden in einem Grade grünfaul finden kann, zu welchem

sonst mehrere Tage erforderlich sind. Frühzeitigen Eintritt und

raschen Verlauf der Fäulniss sehen wir ferner bei Erstickten, und der

reichliche Blutgehalt der Organe, sowie die flüssige Beschaffenheit

des Blutes ist hiervon die Ursache. Gleiches beobachten wir bei

Vergiftungen, die in letzter Linie durch Erstickung tödten oder

nach welchen das Blut aus anderen Gründen flüssig bleibt, wie z. B.

nach Phosphorvergiftung. Eine merkwürdige Verzögerung der Fäulniss

will man nach Vergiftungen mit Carbolsäure, Alkohol, Arsenik und

Sublimat beobachtet haben, ebenso nach Vergiftung mit Schwefelsäure.

Dieselbe könnte wohl nur dann stattfinden, wenn grössere Mengen

dieser antiseptischen Stoffe im Körper zurückblieben, und kann

sich dann wohl local, z. B. im Magen, nicht leicht aber am ganzen

Körper bemerkbar machen. Die rapide Fäulniss nach Insolation

und Blitzschlag ist weniger in der Todesart als in den Umständen

begründet, unter welchen sie sich ereignet. Hohe Beachtung verdient

die schon von +Casper+ hervorgehobene Thatsache, dass erheblich

verletzte oder verstümmelte Leichen sehr schnell faulen, und sie

ist begreiflich, wenn man bedenkt, dass die inneren Organe ihrer

Gewebsbeschaffenheit und ihres Blutgehaltes wegen rasch der Fäulniss

unterliegen, und dass bei Verletzungen der Schutz entfällt, den sonst

die intacte Haut gegenüber der Fäulniss für einige Zeit gewährt.

Die Fäulniss ergreift dann zunächst die blossgelegten Theile und

schreitet von da aus rasch vorwärts. Ist aber die Haut unverletzt

geblieben, so ist es wieder die gequetschte Beschaffenheit der

verletzten Organe selbst, besonders die Durchtränkung derselben und

der Nachbargewebe mit extravasirtem Blut, welche bewirken, dass an

solchen Stellen frühzeitig Fäulnisserscheinungen auftreten und von

hier aus rasch sich verbreiten. Von dieser Thatsache kann man sich

schon bei oberflächlichen Sugillationen überzeugen.

[Sidenote: Resistenz der einzelnen Organe gegen Fäulniss.]

[Sidenote: Gehirn und Knochen.]

Die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Organe gegen Fäulniss ist

keineswegs eine gleiche, vielmehr lehrt die Erfahrung, dass manche

sehr lange sich erhalten, während andere verhältnissmässig viel

früher unterliegen. Blutgehalt des betreffenden Organs, Festigkeit

seines Gewebes und erleichterter oder erschwerter Luftzutritt ist

in dieser Beziehung von Einfluss, Blut fault ungemein schnell und

zuerst. Je blutreicher daher ein Organ, desto früher wird es von

der Fäulniss ergriffen, und eben deshalb sehen wir die Fäulniss in

der Regel von Hypostasen aus beginnen. Je fester die +Structur+

eines Organs, desto widerstandsfähiger ist dasselbe gegen den

Fäulnissprocess. Das lockere subcutane und intermusculäre Zellgewebe

fault sehr rasch und wird auch frühzeitig von Fäulnissgasen

durchsetzt. Fascien und Sehnen dagegen erhalten sich ausser den

Knochen am längsten. Eine grosse Widerstandsfähigkeit zeigt auch

die Haut und die Arterienstämme, insbesondere die Aorta. Auch der

Uterus widersteht ungemein lange und kann mitunter noch gut erhalten

gefunden werden, nachdem sämmtliche Weichtheile unkenntlich geworden

sind. Bei einer wegen Verdacht auf Fruchtabtreibung nach einem

Jahre exhumirten Frau konnten wir den dem 2. Schwangerschaftsmonat

entsprechenden Uterus und ein Stück des Chorion deutlich erkennen.

Wie sich der +Luftgehalt+ der Organe bezüglich der Fäulniss geltend

macht, ist namentlich am Magen und den Gedärmen ersichtlich;

doch ist nicht zu übersehen, dass die dort enthaltene Luft schon

ursprünglich den Charakter von Fäulnissgasen besitzt. Vom Fett fault

nur das Zwischengewebe. Das eigentliche Fett fault nicht, sondern

verwandelt sich in Fettsäuren (wird ranzig), welche, wenn sie in

compacten Massen vorkommen, die oben erwähnte Adipocire (Leichenfett,

Leichenwachs) darstellen, die den weiteren Zersetzungsvorgängen

jahrelang zu widerstehen vermag. Auch die an Leichen zehrenden

kleinen Organismen scheinen lieber die stickstoffhaltigen Organe als

das Fett aufzusuchen, und wir haben bei den oben (pag. 586) erwähnten

Versuchen mit unter Wasser liegenden Leichen Neugeborener bemerkt,

dass die mit Vernix caseosa bedeckten Stellen vom Algenrasenansatz

freigeblieben sind.[528] In ähnlicher Weise scheint sich das

Gehirn zu verhalten, was sich aus seinem grossen Gehalt an Fett,

Cholesterin und fettähnlichen Körpern (Lecithin, Cerebrin) erklärt.

Wir haben deutlich als solche erkennbare Hirnreste bei einem durch

Zertrümmerung des Schädels ermordeten und nach 2 Jahren in Gartenerde

verscharrt gefundenen Manne gesehen, in einem anderen Falle noch

nach 4 Jahren und bei Gelegenheit der Exhumationen auf einem alten

Cholerafriedhofe als schwarze bröcklige, stellenweise aber noch

schmierige Masse noch nach 50 Jahren! Zahlreiche Beobachtungen

über das Erhaltensein des Gehirns bei nach 10 und mehr Jahren

exhumirten Leichen bringen +Moser+, +Schwandler+ und +Kirn+ (vide

unsere „Leichenerscheinungen“, l. c.) und neuere +Reinhardt+ (l. c.

pag. 160 und 164), sowie, Wasserleichen betreffend, +Ermann+ in

seiner oben citirten Arbeit: „Zur Kenntniss der Fettwachsbildung.“

Bei Leichen Erwachsener genügen durchschnittlich 2-3 Jahre Liegens

in der Erde, um die Weichtheile verschwinden zu machen. Die Bänder

und Knorpel halten sich länger und werden erst nach 5 und mehr

Jahren vollkommen zerstört. Die weiteren Veränderungen in den

Knochen gehen nur äusserst langsam vor sich und ihre Entfettung und

Austrocknung beansprucht noch viele (durchschnittlich 10) Jahre.

Noch später werden die Knochen morsch und brüchig, können sich

aber unter günstigen Umständen durch Jahrzehnte und Jahrhunderte

erhalten. Wichtig ist, zu wissen, dass auch uralte und selbst aus

geologischen Zeiten stammende Knochen noch Knochenknorpel enthalten.

600 Jahre alte Menschenknochen, die +Orfila+ untersuchte, gaben noch

27% Gallerte und beinahe 10% Fett. Auch +Kornfeld+ (Wiener med.

Wochenschr. 1886, Nr. 43) fand bei etwa 100jährigen ausgegrabenen

Knochen nur geringe Unterschiede in ihrer Zusammensetzung im

Vergleich mit frischen Menschenknochen.

[Sidenote: Todeszeitbestimmung bei faulen Leichen.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 97 / 132 段