dass während der Geburt das Leben reifer oder der Reife naher Früchte
mehr bedroht ist, als vor derselben. Nach einer genauen Statistik
starben in Genf von 280 Todtgeborenen 136 (48%) vor und 144 (52%)
während der Geburt, während nach einer minder genauen Zusammenstellung
in Belgien die Zahl der vor der Geburt gestorbenen 64, jene der während
der Geburt gestorbenen nur 36% betrug.[496] Es ist kein Zweifel, dass
ebenso wie sich die Zahl der Todtgeburten überhaupt bei unehelichen
Kindern fast 2 mal höher stellt, als bei ehelichen[497], auch die
Zahl der während der Geburt gestorbenen unehelichen Kinder ungleich
grösser sein wird als bei ehelichen Entbindungen, insbesondere aber
bei heimlich Gebärenden, da bei diesen jede sachverständige Beihilfe
entfällt, die durch ihre rechtzeitige Intervention nicht selten die
Ursache der Lebensgefahr, in welcher das Kind schwebt, zu beseitigen,
eventuell durch rasche Beendigung der Geburt das Kind zu retten vermag.
Während des Geburtsactes sind es zwei Momente, welche das Leben des
Kindes bedrohen: 1. die vorzeitige Unterbrechung der Placentarathmung
und 2. der Druck, den der Kopf des Kindes erleidet.
_1. Die vorzeitige Unterbrechung der Placentarathmung._
Normal fällt die Aufhebung der Placentarrespiration zusammen mit der
Ausstossung der Frucht, indem, sobald letztere erfolgt, der Uterus auf
das vorläufig mögliche Minimum sich zusammenzieht und dadurch die,
bereits durch die vorausgegangenen Wehen in ihrem Zusammenhang mit dem
Uterus gelockerte Placenta sich löst. Erfolgt diese Aufhebung früher
und wird das Kind nicht noch rechtzeitig geboren, so geht dasselbe
suffocatorisch zu Grunde.
[Sidenote: Compression der Nabelschnur.]
Die Vorgänge, welche während des Geburtsactes eine vorzeitige
Unterbrechung der Placentarathmung zu bewirken vermögen, sind
fast durchwegs solche, die auch bei leichten, demnach auch bei
verheimlichten Geburten vorkommen können. Es gehört hierher zunächst
die +Compression der Nabelschnur+, und zwar in erster Linie diejenige,
welche durch +Vorfall+ der letzteren bedingt wird. Bei 743 von
+Scanzoni+ zusammengestellten Nabelschnurvorfällen wurden 408mal die
Kinder todt geboren, also fast 55 von 100. Bei den von +Kleinwächter+
(Prager Vierteljahrschr. 1870, III, 84) beobachteten Fällen gestaltete
sich das Verhältniss der Todtgeborenen zu den Lebendgeborenen
sogar wie 56·62% zu 43·48%. Dass bei heimlich Gebärenden sich das
Sterblichkeitsverhältniss ungleich höher stellen wird, liegt auf der
Hand.
Weniger gefährlich sind +Umschlingungen der Nabelschnur+, obgleich
nicht zu leugnen ist, dass dieselben ebenfalls eine bis zur
vollständigen Unwegsamkeit der Nabelgefässe sich steigernde Compression
der Nabelschnur bewirken können, insbesondere dann, wenn wegen
Kürze der Nabelschnur oder mehrfacher Umschlingung, der Nabelstrang
während des Vorrückens des Kindskörpers stark gespannt und fest um
den betreffenden Kindstheil zusammengezogen wird. Nach +Hohl+ (l. c.
456) kamen in 181 Fällen von Nabelschnurumschlingung 163 lebende und
nur 18 todte Kinder zur Welt. +Mayer+ (+Casper+-+Liman+’s Handb.,
pag. 940) berichtet aus der +Nägele+’schen Klinik sogar von 685
mit Nabelschnurumschlingungen geborenen Kindern, von denen nur 18
erweislich dadurch den Tod gefunden haben. Auch +Kleinwächter+
beobachtete unter 20 Fällen nur einmal Todtgeburt. Doch wird
auch hier die Zahl der Todtgeburten bei heimlich Gebärenden sich
zweifellos weit höher stellen, zumal wenn man die Häufigkeit der
Nabelschnurumschlingungen berücksichtigt. (+Hohl+ hat unter 200
Geburten 181mal Nabelschnurumschlingungen gesehen.) Sehr leicht kann
eine tödtliche Compression der Nabelschnur bei +Beckenendlagen+ zu
Stande kommen. Bei solchen Geburten kommt natürlich die Nabelschnur,
abgesehen von dem nicht seltenen „Reiten auf der Nabelschnur“, jedesmal
in’s Gedränge, da sie zwischen Beckenring und den nachfolgenden Kopf
geräth, und es ist begreiflich, wie leicht dieser Umstand, wenn der
Kopf stecken bleibt, für das betreffende Kind fatal werden kann.
Bekanntlich wird von den Geburtshelfern eben aus diesem Grunde rasche
Entwicklung des nachfolgenden Kopfes gefordert und zu diesem Zwecke
eine Reihe besonderer Handgriffe empfohlen. Trotzdem ist selbst in
Gebäranstalten die Zahl der Todtgeburten bei Beckenendlagen eine viel
höhere als bei Schädellagen. In der Prager Gebäranstalt betrug nach
+Kleinwächter+ das Verhältniss der in der Steisslage lebend- und
todtgeborenen Kinder 84·37 : 15·63%. Ungleich grösser ist natürlich die
Lebensgefahr für das Kind bei heimlichen Entbindungen, wo Niemand bei
der Hand ist, der den etwa steckengebliebenen Kopf sofort entwickelt,
woraus sich ergibt, dass die Erforschung der Lage, in welcher das Kind
geboren wurde, auch bei forensischen Untersuchungen wegen Verdacht
auf Kindesmord nicht übergangen werden sollte, wozu einestheils die
Erwägung des Sitzes der Geburtsgeschwulst, anderseits die Aussagen der
Mutter zu verwerthen sind.
[Sidenote: Vorzeitige Lösung der Placenta.]
Eine andere, auch bei heimlichen Geburten mögliche Ursache der
vorzeitigen Unterbrechung der fötalen Athmung ist die +vorzeitige
Lösung der Placenta+. Die Gefahr für das Kind ist desto grösser,
je vollständiger diese Lösung ist, d. h. je grösser die Fläche des
Mutterkuchens war, die ihrer respiratorischen Function vorzeitig
entzogen wurde, und je länger darauf die Ausstossung der Frucht sich
verzögert. Stärkere Blutungen, welche schon während der Geburt sich
einstellen, werden auf eine vorzeitige Lösung der Placenta den Schluss
gestatten.
Schliesslich ist nicht zu vergessen, dass durch die +Wehenthätigkeit+
selbst die Placentarrespiration in’s Gedränge gebracht wird, da bei
jeder Contraction des Uterus die Gefässe desselben verengert und
dadurch die Zufuhr sauerstoffhaltigen mütterlichen Blutes zur Placenta
verringert wird, da ferner die Placenta selbst und ihre Gefässe
eine Compression erleiden und überdies mit jeder Wehe die Lösung
des Mutterkuchens vorwärts schreitet. Unter normalen Verhältnissen
erreicht die während einer Wehe erfolgende Sauerstoffverarmung des
fötalen Blutes keinen so hohen Grad, dass dadurch der Fötus in
Erstickungsgefahr gerathen würde, wohl kann dies aber geschehen durch
längere Dauer der einzelnen Wehen (Krampfwehen) oder durch verzögerte
Ausstossung der Frucht.
Wird durch eine der erwähnten Ursachen die fötale Respiration vorzeitig
und dauernd unterbrochen, so treten, indem das sauerstoffarme Blut
die Medulla oblongata erregt, Athembewegungen (wahrscheinlich auch
Convulsionen) auf, deren Dauer und Intensität von der Entwicklung
des Körpers abhängen dürfte, worauf suffocatorische Asphyxie und,
wenn die Geburt sich nicht noch rechtzeitig beendet, der Tod erfolgt.
Jene „+vorzeitigen Athembewegungen+“[498] haben im Allgemeinen
einen analogen Effect, wie wir ihn bei der normalen extrauterinen
Athmung geschildert haben, nämlich die Aspiration des vor den
Respirationsöffnungen des Fötus befindlichen Mediums und die Entfaltung
des Lungenkreislaufes, respective die Vermehrung des Blutgehaltes der
Lungen, und die dadurch entstehenden Veränderungen sind es, welche
uns gestatten, an der Leiche mit grosser Sicherheit die Diagnose zu
stellen, dass das betreffende Kind an „fötaler Erstickung“, d. h. in
Folge vorzeitiger Unterbrechung der Placentarathmung gestorben ist.
[Sidenote: Sectionsbefund nach fötaler Erstickung. Vorzeitige
Athembewegungen.]
[Sidenote: Fruchtwasser. Meconium.]
Das Medium, dessen Aspiration unter solchen Umständen erfolgt, ist
das Fruchtwasser oder der sogenannte Fruchtschleim mit oder ohne
Beimengung von Blut oder Meconium. Letztere Beimengung ist häufig,
namentlich bei Kopflagen, da das Meconium, welches die Frucht während
der Erstickungsnoth entleert, sich sofort herabsenkt und dadurch zu
den Respirationsöffnungen derselben gelangt. Wahrscheinlich werden
diese Stoffe vorzugsweise erst durch die sogenannten terminalen, tiefen
Inspirationen eingeathmet, wie wir dies auch beim Erstickungstode,
mit welchem die „fötale Erstickung“ eine grosse Aehnlichkeit besitzt,
gesehen haben. Je kräftiger und tiefer diese Inspirationen gewesen
und je länger sie gedauert haben, desto mehr von den genannten
Stoffen wird aspirirt und desto tiefer dringen sie ein, so dass man
manchmal in der Lage ist, dieselben bis in die kleinsten Bronchien
zu verfolgen. In der Regel gelangen sie aber blos in die grösseren
Bronchien, da die zähe und meist dickliche Beschaffenheit der
Substanzen ein tieferes Eindringen nicht gestattet. Mitunter finden
sie sich nur in den Choanen und im Rachen, woselbst sie, namentlich
der fadenziehende Fruchtschleim, den Eingang zum Kehlkopf verlegen.
Aspirirte Fruchtwasserstoffe sind häufig schon makroskopisch als solche
zu erkennen, insbesondere durch die beigemengten Bröckchen von Vernix
caseosa und die besonders auf dunkler Unterlage mit blossem Auge zu
erkennenden Wollhaare. Ist Meconium[499] beigemengt, so erscheinen
die Stoffe mehr weniger grünlich und fallen mehr in die Augen. Doch
ist zu bemerken, dass eine derartige Färbung auch andere, auf minder
unschuldige Weise in die Luftwege gerathene Substanzen zeigen können,
z. B. Cloakenstoffe. Entscheidend ist natürlich nur die mikroskopische
Untersuchung, die daher niemals zu unterlassen ist. Man findet dann,
wenn Fruchtwasserstoffe vorliegen, die Hauptbestandtheile der käsigen
Schmiere, grosse, meist in Fetzen zusammenhängende Epidermiszellen,
Fett und Fettkrystalle (Cholesterin) und Wollhaare, welche durch
ihre Dünne und Kürze, sowie durch das Fehlen der Marksubstanz sich
charakterisiren. Ist Meconium beigemengt, so findet man ausserdem
Gallenpigment, meistens in Schollen, seltener in Form von Bilirubin-
(Cholepyrrhin-) Krystallen, ausserdem einzelne zellige Elemente
gallig imbibirt, ferner Cholesterinkrystalle in vermehrter Menge und
auch Darmepithelien. Manchmal ist Blut beigemischt, namentlich wenn
vorzeitige Placentarlösung die Ursache des fötalen Erstickungstodes
gewesen war. Eine Verwechslung dieser Stoffe mit extrauterin in die
Luftwege gerathenen Stoffen kann bei sachgemässer Untersuchung nicht
wohl vorkommen. Namentlich wird sich Abtrittsinhalt, der einige
Aehnlichkeit mit meconiumhaltigen Fruchtwässern besitzt, bei der
mikroskopischen Untersuchung leicht unterscheiden lassen, insbesondere
durch die heterogenen Bestandtheile (Reste pflanzlicher und thierischer
Nahrung, sandige und kohlige Beimengungen, Tripelphosphate etc.), aus
denen er zusammengesetzt ist.
[Sidenote: Lungen nach fötaler Erstickung. Diagnose.]
Da, wie bereits an einer anderen Stelle erwähnt wurde, der Blutgehalt
der Lungen im verkehrten Verhältnisse steht zu der Leichtigkeit, mit
welcher das aspirirte Medium die Lungen zu füllen vermag, so ist es
begreiflich, dass in Folge vorzeitiger Athembewegungen die Lungen
desto blutreicher werden, je weniger die aspirirten Substanzen ihrer
schleimigen und dicklichen Consistenz wegen einzudringen vermochten.
In dem Falle, in welchem die betreffenden Substanzen nur in den
Kehlkopf eindrangen, oder noch mehr dann, wenn trotz vorzeitiger
Athembewegungen gar kein Medium aspirirt werden konnte (z. B. weil
die Respirationsöffnungen durch die Wände der Geburtswege oder durch
Eihäute verlegt, oder weil die Luftröhre durch starke Streckung des
Halses [Gesichtslage], oder feste Umschlingung desselben durch die
Nabelschnur undurchgängig war), muss natürlich die Blutüberfüllung
in den Lungen den höchsten Grad erreichen, da unter solchen Umständen
die Aufgabe, den Brustraum auszufüllen, dem Blute allein zufällt.
Daher kommt es, dass die Lungen der während des Geburtsactes
suffocatorisch gestorbenen Früchte dunkel von Farbe, schwer und etwas
vergrössert erscheinen, und am Durchschnitt viel Blut entleeren,
eine Thatsache, die am besten beweist, wie wenig von der angeführten
+Ploucquet+’schen Lungenblutprobe zu halten ist.
Von anderen Erscheinungen, die sich bei während der Geburt in Folge
vorzeitiger Unterbrechung der fötalen Athmung gestorbenen Kindern
finden, erwähnen wir insbesondere die Ecchymosen in den Lungen und
am Herzen, die zu den fast constanten Sectionsbefunden gehören und
deren reiche Entwicklung sich einestheils aus der hochgradigen
Blutstauung in den Brustorganen, anderseits aus der grossen Zartheit
der kindlichen Gefässe erklärt, in Folge welcher diese, sowohl bei
der ungeborenen, als bei der neugeborenen Frucht weniger leicht eine
Steigerung des Blutdruckes auszuhalten vermögen, als dies später der
Fall ist. Cyanose des Gesichtes, Injection und selbst Ecchymosirung der
Conjunctiva sind ebenfalls häufige Befunde. +Nobiling+ (Bayr. Aerztl.
Intell.-Bl. 1884, Nr. 38), hat auch an anderen Stellen, insbesondere
auch im peribulbären Fettgewebe und in der Retina, häufig Ecchymosen
gefunden. Dass bei dieser Todesart Fruchtwasserbestandtheile, eventuell
Meconium, auch in den Magen und in die Paukenhöhlen gelangen können,
wurde bereits erwähnt. Häufig erscheint die Nabelschnur solcher Kinder
gallig imbibirt, ein Befund, dessen schon +Zittmann+ (+Mende+, I,
200), als den todtgeborenen Kindern eigenthümlich zukommend, erwähnt.
Diese Verfärbung rührt vom entleerten Meconium her, kommt, wie wir
uns durch Versuche überzeugt haben, sehr bald zu Stande und ist daher
diagnostisch verwerthbar. Doch kann sie sich selbstverständlich auch
bilden, wenn das bereits geborene Kind in meconiumhaltiges Fruchtwasser
oder gallige Stoffe enthaltenden Abtrittsinhalt zu liegen kam.
Finden sich die genannten Erscheinungen, dabei luftleere Lungen und
ein luftleerer Verdauungstractus, und fehlen zugleich alle Spuren
einer Maceration, so kann man mit grösster Wahrscheinlichkeit sich
dahin aussprechen, dass das untersuchte Kind schon während der Geburt
an „fötaler Erstickung“ gestorben ist. Mit voller Bestimmtheit die
Todtgeburt zu erklären, geht nicht an, da das Kind auch nur scheintodt
zur Welt gekommen sein konnte.
Es liegt der Einwurf nahe, dass ein ähnlicher Befund, wie der
beschriebene, auch durch extrauterine Erstickung in Fruchtwässern zu
Stande kommen kann. In dieser Beziehung muss bemerkt werden, dass
ein Ertrinken des bereits geborenen Kindes in Fruchtwässern zwar
nicht unmöglich ist, dass jedoch an einen solchen Vorgang nur bei
einem besonderen Verlaufe der Geburt gedacht werden könnte, so z. B.
wenn dieselbe über einem schon Fruchtwässer enthaltenden Gefässe
geschah, oder wenn in ein solches gleichzeitig mit dem Kinde auch die
Fruchtwässer hineinstürzten, dass jedoch auch in einem solchen Falle
meist Gelegenheit geboten ist, dass das Kind durch die extrauterinen
Athembewegungen, die es macht, auch Luft in seine Lungen bekommen
kann.
_2. Die Compression des Kopfes._
Indem der kindliche Kopf durch den Beckencanal durchgepresst wird,
erleidet er eine Compression, die sowohl zu einer vorübergehenden
Verkleinerung des Kindesschädels als zu einer Formveränderung desselben
führt. Diese Veränderung, welche in der Geburtshilfe als Configuration
oder Modellirung des Schädels bezeichnet wird, geschieht vorzugsweise
dadurch, dass das Hinterhauptbein und die Stirnbeine unter die
Scheitelbeine und diese übereinander sich schieben, wobei sich die
Kopfhaut mehr weniger faltet und der Mentooccipitaldurchmesser sich
verlängert. Auch eine Abplattung der dem Promontorium anliegenden
Stelle des Kopfes findet statt. Das Schädelvolumen wird hierbei absolut
verkleinert, indem Cerebrospinalflüssigkeit verdrängt wird.[500]
Für die gleichzeitig stattfindende Compression des Gehirns spricht
die Verlangsamung des Fötalpulses während jeder Wehe, welche zwar
von +Schwartz+ von der durch die Wehe veranlassten Störung des
Placentargasaustausches abgeleitet wurde, neueren Anschauungen und
insbesondere den Experimenten von +Leyden+[501] zufolge aber auf
Hirndruck bezogen werden muss.
[Sidenote: Kopfgeschwulst.]
Der Druck, den der Kindskopf während der Geburt erleidet, bewirkt,
selbst wenn er die Grenzen des normalen nicht überschreitet, gewisse
Veränderungen, denen eine gerichtsärztliche Bedeutung zukommt. Es
gehört hierher die Kopfgeschwulst und die Ecchymosenbildung in den
weichen Schädeldecken.
Das +Caput succedaneum+ präsentirt sich als eine teigige,
mehr weniger sich vorwölbende Geschwulst über jenem Theil des
Schädels, welcher vorgelegen hatte, daher in der Regel über der
kleinen Fontanelle oder über der hinteren und inneren Partie
eines Scheitelbeines, der beim Einschneiden eine sulzige, seröse
Infiltration des Zellgewebes der Schädeldecken entspricht, in welcher
häufig kleinere oder grössere Extravasate eingebettet sind. Die
Kopfgeschwulst gestattet nicht blos einen Schluss darauf, dass das
Kind in einer Kopflage geboren wurde, sondern auch auf die Dauer des
Geburtsactes, insoferne als der Mangel der Kopfgeschwulst auf einen
raschen Verlauf der Entbindung hinweist. Je kleiner der Schädel des
Kindes und je weiter das Becken, desto weniger ist die Kopfgeschwulst
entwickelt. Daher fand +Elsässer+ bei 340 in der Hinterhauptslage
geborenen frühzeitigen Kindern nur 74mal eine Kopfgeschwulst, bei
3789 zeitigen aber 1502mal. Bei Beckenendlagen ist die Schwellung
und seröse, mitunter auch hämorrhagische Infiltration des Scrotums,
beziehungsweise der Labien oder des Gesässes eine analoge
Erscheinung, die von +Elsässer+ unter 130 Fällen 46mal constatirt
wurde. Doch müssen wir bemerken, dass sich Oedeme des Scrotums
verhältnissmässig häufig auch bei Kindern finden, die in der Kopflage
geboren worden sind. Auch an anderen vorgelagerten Körperpartien
entstehen analoge Veränderungen, die mitunter irrige Deutungen
veranlassen können. So obducirten wir ein 8monatliches Kind, dessen
linker Arm in der Ellenbogengegend blauroth geschwollen und theils
serös, theils hämorrhagisch infiltrirt war. Dieses Befundes und der
abnormen Beweglichkeit des Gelenkes wegen war die Sache für eine
Fractur gehalten worden. Das Gesicht war stark cyanotisch, rechts am
Kopfe ein starker Vorkopf und nach aussen am linken Scheitelhöcker
eine bohnengrosse Hautvertrocknung mit thalergrosser Suffusion.
Quetschungserscheinungen an der Sichel und am Promontorium. Offenbar
war der Arm vorgelegen und die Geburt eine schwere, was auch durch
die weiteren Erhebungen bestätigt wurde.
[Sidenote: Extra- und intracranielle Blutungen.]
+Ecchymosen+ in den Schädeldecken gehören zu den ganz gewöhnlichen
Befunden, auch nach leichten Entbindungen. In der Regel sind es
linsen- bis bohnengrosse Sugillationen, die entweder im Zellgewebe
unter der Galea oder noch häufiger zwischen Pericranium und
Knochen sitzen, namentlich in der Nähe der Nähte. Nicht selten
kommen grössere Sugillationen vor und wir haben wiederholt auch
nach leichten Entbindungen solche gesehen, die sich über grosse
Strecken der Schädeloberfläche verbreiteten. Sie entstehen weniger
durch directen Druck als durch Zerrung der Gefässe in Folge der
Verschiebung, die die Theile bei der Modellirung des Schädels
erleiden.[502] Ihre Bedeutung liegt einestheils darin, dass
ihr Befund beweist, dass das Kind unter der Geburt noch lebte,
andererseits darin, dass solche durch den Geburtsdruck entstandene
Suffusionen für Effecte einer Gewalt angesehen werden könnten, die
erst nach der Geburt den Kopf des Kindes getroffen hatte. Zeigen
weder die Kopfhaut, noch die Schädelknochen Spuren von Verletzung,
dann wird man nicht berechtigt sein, Suffusionen der Schädeldecken,
selbst wenn sie über grössere Strecken sich ausbreiten, von
extrauterin stattgehabten Gewalteinwirkungen herzuleiten. Das
+Cephalhämatom+ ist unserer Ansicht nach nur eine Blutaustretung
zwischen Pericranium und Knochen, die nicht immer aus letzterem
stammt, sich ursprünglich von einer gewöhnlichen Suffusion nicht
unterscheidet, sondern erst später durch ihren eigenthümlichen
Verlauf, welcher vielleicht nur von Zufälligkeiten veranlasst wird.
[Sidenote: Blutungen durch d. Geburtsdruck.]
Ueberschreitet die Compression des Kindskopfes während des
Geburtsactes ihre normale Grenze, dann können schwerere Erscheinungen
eintreten. Zunächst kann die durch den Hirndruck veranlasste
Hemmung der Herzbewegung einen solchen Grad erreichen, dass dadurch
der respiratorische Gasaustausch erschwert und Sauerstoffverarmung
des Blutes herbeigeführt wird. In diesem Falle kommt es ebenfalls
zu vorzeitigen Athembewegungen, wie wir sie nach Unterbrechung
des Placentarverkehres eintreten sahen. Ferner können durch allzu
starke Uebereinanderschiebung der Schädeldeckknochen intermeningeale
Extravasate entstehen, am häufigsten durch Zerreissung der zu den
Sinus ziehenden Piagefässe, aber auch der Sinus selbst. +Kundrat+
(Wiener klin. Wochenschr. 1890, Nr. 46) erklärt sich die Entstehung
solcher Extravasate durch Compression des Sinus falciformis und
consecutive Stauung des Blutes in den zuführenden Venen. Bei schweren
Geburten sind solche Befunde häufig, werden aber auch bei leichten
nicht gar selten beobachtet, und es scheint, dass sie insbesondere
bei stürmischen Entbindungen, bei welchen die Configuration des
Schädels nicht allmälig, sondern plötzlich sich vollzieht, leichter
entstehen können. Solche Extravasate bewirken dauernden Hirndruck
und können auch durch Verlangsamung der Herzpulsationen vorzeitige
Athembewegungen auslösen; doch lehrt die Erfahrung, dass Kinder solche
während des Geburtsactes erlittene Extravasate verhältnissmässig
leichter ertragen als später, insbesondere dieselben tagelang überleben
können. Ausheilungen sind offenbar häufig, da man Residuen derselben,
insbesondere rostfarbigen Auflagerungen an der Innenfläche der Dura
bei den Sectionen von Säuglingen öfter begegnet. Die insbesondere bei
unreifen Früchten häufigen Blutungen in die Ventrikel aus zerrissenen
Gefässen des Plexus chorioideus stammen offenbar von derselben Ursache,
obgleich auch suffocatorische Stauung sie bewirken kann.
[Sidenote: Beschädigungen d. Schädelknochen.]