allein kamen im Jahre 1874 32 und im Jahre 1875 27 solche Fälle vor,
dagegen nur einmal, und zwar im Jahre 1875, eine Selbstvergiftung
mit Blausäure. Diese Häufigkeit ist nicht blos in der auch dem
Laien bekannten Thatsache begründet, dass das Gift ungemein rasch
und sicher den Tod herbeiführt, sondern besonders darin, dass
die Beischaffung desselben keinen Schwierigkeiten unterliegt, da
Cyankalium gegenwärtig in der Industrie häufig, so namentlich in der
Galvanoplastik und zu photographischen Zwecken, benützt wird. Die
genannten Momente sind es aber, welche zugleich die Anwendung dieses
Giftes zu verbrecherischen Zwecken ungemein erleichtern, umsomehr,
als dasselbe ohne besondere Schwierigkeiten, so in Spirituosen und
noch mehr in sauren Flüssigkeiten, heimlich beigebracht werden kann.
In der That ist die Zahl der damit verübten Giftmorde eine ziemlich
bedeutende, und zwar nicht blos einzelner Personen, sondern ganzer
Familien. Von beiden haben wir je zwei Fälle untersucht, ebenso zwei
andere, wo Verdacht auf Giftmord bestand, während wahrscheinlich nur
Selbstmord vorlag. Auch gehört hierher der pag. 653 erwähnte Fall,
wo der Mörder vor dem Erwürgen versucht hatte, seinem schlafenden
Opfer Cyankalium in den Mund zu stecken. Zufällige Vergiftungen, die
mit blausäurehaltigen Medicamenten oder Genussmitteln (Liqueuren)
wiederholt geschahen, sind mit Cyankalium verhältnissmässig selten.
Zu diesen gehört unter anderen auch der von +Tardieu+ erwähnte Fall,
einen Photographen betreffend, der, um Lapisflecke von seinen Fingern
wegzubringen, Cyankalium in Substanz benützte und, da ihm dann ein
Stückchen hinter den Nagel kam und die Haut daselbst aufschürfte,
unter Erscheinungen der Blausäurevergiftung zusammenstürzte und 8
Stunden in Lebensgefahr sich befand.
Nach +Husemann+ entsprechen 2½ Gran (18 Cgrm.) Cyankalium etwa
1 Gran (0·073 Grm.) Blausäure, müssen daher als Dosis letalis
angesehen werden. (Als Normaleinzelgabe wird von +Falck+ 0·003 bis
0·03 und als Tagesgabe 0·1 Grm. angegeben.) Das Cyankalium kommt
gewöhnlich in jenen des Kali causticum ähnlichen[458] Stangen oder
in Platten ausgegossen oder in unregelmässigen Stücken vor. Es ist
weiss oder schmutzigweiss, von krystallinischer Structur und riecht
stark nach Blausäure. Dieser Geruch rührt davon her, dass bereits
die Kohlensäure der Luft das Salz zersetzt und Blausäure frei macht.
Ebenso machen schon die schwächsten Säuren, z. B. jene des Weins,
Essig, und noch mehr die Säure des Magens die Blausäure mit grosser
Leichtigkeit frei, woraus sich die schnelle Wirkung erklärt. Der
Geschmack ist scharf alkalisch. Es ist zerfliesslich, im Wasser sehr
leicht, im schwachen Weingeist leicht löslich. Die wässerige Lösung
zersetzt sich bei Gegenwart organischer Stoffe (Staub, Kork) sehr
bald und wird braun, wobei sich Ammoniak und ameisensaures Kalium
bildet.
Die Symptome, welche nach Blausäurevergiftung eintreten, sind jenen,
die wir beim Ersticken beobachten, sehr ähnlich und treten in der
Regel ebenso fulminant und mit ebenso raschem Verlaufe auf, wie dies
nach Unterbrechung der Respiration geschieht. In der Regel stürzt
das Individuum wenige Augenblicke nach dem Verschlucken des Giftes
zusammen, wird dyspnoisch und bewusstlos, bekommt heftige clonische
Krämpfe und stirbt nach wenigen Minuten. Terminale Athembewegungen und
durch einige Zeit fortdauernden Herzschlag haben wir bei Thierversuchen
fast immer beobachtet, ebenso in der Regel Würgebewegungen und häufig
Erbrechen unmittelbar nach dem Zusammenstürzen, namentlich nach
Vergiftung mit Cyankalium. Doch verlaufen Blausäure- (Cyankalium-)
Vergiftungen keineswegs immer so fulminant, es wurden vielmehr
wiederholt Fälle beobachtet, in denen nicht blos mehrere Secunden,
sondern selbst mehrere Minuten verflossen, bevor die ersten
Vergiftungserscheinungen auftraten, so dass die Betreffenden noch
im Stande waren, verschiedene Handlungen zu unternehmen, ebenso
mehrere, in welchen der Tod nicht gleich nach dem Auftreten der ersten
Vergiftungserscheinungen, sondern erst einige Zeit, z. B. erst auf dem
Transport in’s Spital oder in letzterem, erfolgte.
In einem von +Casper+ mitgetheilten Falle war eine Frau, die (höchst
wahrscheinlich bereits theilweise zersetztes) blausäurehaltiges
Bittermandelöl getrunken hatte, noch im Stande, das Fläschchen in
einen Secretär zu verschliessen; in einem anderen[459] konnte ein
Gefangener, der sich in der Nacht vor seiner Hinrichtung vergiftet
hatte, das Fläschchen mit Blausäure noch in seinem Stiefel verbergen,
und in einem dritten ein Mann, in dessen Leiche die enorme Quantität
von 7·24 Grm. Cyankalium gefunden wurde, nach vollbrachter That
noch in das Schlafzimmer seiner Frau sich begeben und von ihr
Abschied nehmen. In einem von +Taylor+ mitgetheilten Falle vermochte
sogar ein Individuum, das sogenannten Bittermandelgeist (1 Theil
Bittermandelöl, 7 Theile Alkohol) verschluckt hatte, noch in den
Hof zu gehen, Wasser zu pumpen und zwei Treppen hoch zu steigen,
worauf es erst zusammenstürzte und nach 20 Minuten starb. Eine Reihe
ähnlicher Beobachtungen haben wir in der Wiener med. Wochenschrift,
1880, Nr. 2, aus Anlass der Publication eines hier vorgekommenen
Falles von Mord durch Cyankalium veröffentlicht, in welchem u.
A. auch die Möglichkeit eines Selbstmordes herangezogen und in
dieser Richtung betont wurde, dass der abscheulich caustische
Geschmack des mit Cyankalium versetzten Liqueurs die Frau vom
unwillkürlichen Austrinken desselben abgehalten haben würde. Es
wurde jedoch erwidert, dass die Betreffende keine Ahnung von der
giftigen Beimischung hatte und unter diesen Umständen schon ungleich
schärfere und ätzendere Flüssigkeiten, z. B. Laugenessenz, getrunken
worden sind, und dass der ekelhafte Geschmack erst nach erfolgtem
Austrinken sich bemerkbar gemacht haben konnte. Durch Einathmen von
Blausäure sind nicht blos acute, sondern auch chronische Vergiftungen
vorgekommen. Bemerkenswerth ist in dieser Beziehung je ein von
+Martin+ (Friedreich’s Blätter. 1888, pag. 3) und +Mittenzweig+
(Zeitschr. f. Medicinalb. 1888, pag. 97) mitgetheilter Fall von
chronischem Siechthum nach längerer Einathmung von Blausäure.
[Sidenote: Ursache der Giftigkeit der Blausäure.]
Die +Ursache+ der so eminenten +Giftigkeit+ der Blausäure ist noch
nicht aufgeklärt. Die auffallende Aehnlichkeit der Erscheinungen,
unter welchen der Tod bei Blausäurevergiftung auftritt, mit jenen
des Erstickungstodes lässt darauf schliessen, dass der Blausäure
entweder eine reizende und dann sofort lähmende Wirkung auf das
verlängerte Mark zukommt, oder dass schon Spuren derselben, wenn
sie in’s Blut gelangen, die respiratorischen Vorgänge im Organismus
erschweren oder aufheben. Letztere Vermuthung erhält eine Stütze in
der von +Schönbein+ gemachten Beobachtung, dass schon ganz geringe
Mengen von Blausäure, dem Blute zugesetzt, im Stande sind, dessen
katalysirende Wirkung auf Wasserstoffsuperoxyd aufzuheben, so
dass letzteres eine Bräunung des Blutes bewirkt, dessen spectrale
Absorptionserscheinungen verschwinden. Nach +Hoppe+-+Seyler+ und
+Preyer+ geht die Blausäure mit dem Hämoglobin des Blutes eine
chemische Verbindung ein, ähnlich wie das Kohlenoxyd, doch ist
dieser Vorgang vorläufig noch nicht sichergestellt, und selbst wenn
er es wäre, so ist es bei der ausserordentlichen Schnelligkeit, mit
welcher schon ganz geringe Mengen von Blausäure den Tod bewirken,
nicht wahrscheinlich, dass diesem Umstand die Hauptrolle bei der
Blausäurevergiftung zukomme, da die Zeit fehlt, damit das Hämoglobin
zahlreicher Blutkörperchen eine Verbindung mit der Blausäure eingehe.
Ueberdies zeigt sich die fulminante Wirkung der Blausäure auch bei
Fröschen, die bekanntlich eine Aufhebung der Function des Blutes
lange Zeit zu vertragen vermögen.[460] Mehr plausibel ist die Ansicht
+Geppert+’s, wonach die Blausäure den Geweben die Fähigkeit nimmt,
dem Blute das O. zu entziehen. Auch ergaben die Untersuchungen von
+Corin+ und +Ansiaux+ (Bull. de l’Acad. Belgique. 1893), dass sich
die Blutdruckcurven bei dieser Vergiftung analog verhalten wie bei
der Erstickung.
[Sidenote: Leichenbefund.]
Bezüglich des +Leichenbefundes+ ist zunächst die Blausäurevergiftung
als solche und die Cyankaliumvergiftung auseinanderzuhalten. Erstere
gibt in der Regel ausser dem nicht immer nachweisbaren, beim längeren
Einathmen Halskratzen verursachenden Blausäuregeruch im Magen[461] und
mitunter auch in anderen Organen und den Zeichen des Erstickungstodes
meist negative Befunde, insbesondere zeigt die Magenschleimhaut
ausser etwa stärkerer Injection und manchmal Ecchymosirung, die
auch nur als Theilerscheinung der Erstickung gedeutet werden kann,
keine Veränderungen, und dies ist auch, selbst wenn der Blausäure
eine local reizende Wirkung zugeschrieben werden könnte, bei der
grossen Schnelligkeit, mit welcher in der Regel der Tod eintritt,
wohl begreiflich. Anders ist der Befund bei Cyankaliumvergiftung. In
exquisiten Fällen derselben finden wir ausser dem charakteristischen
Geruch die Magenschleimhaut allenthalben, besonders aber im Fundus
und auf der Höhe der Falten, blutroth gefärbt, gewulstet und in dem
Grade gequollen, dass die Faltenkämme stellenweise selbst transparent
erscheinen können. Dabei sehen wir die Schleimhaut mit reichlichem,
hellroth oder hellbraunroth tingirtem, fadenziehendem Schleim
bedeckt, und wenn sonstiger Mageninhalt vorhanden ist, auch diesen
blutig gefärbt und von limpider fadenziehender Beschaffenheit. Dabei
reagirt der Mageninhalt stark alkalisch, ist seifenartig-schlüpfrig
zum Anfühlen und verbreitet einen mehr weniger auffallenden
Blausäuregeruch, der sich auch in anderen Organen, so im Gehirn
und in den Lungen, bemerkbar zu machen pflegt. Meist ist zugleich
ein Geruch nach Ammoniak bemerkbar, welches entweder schon in der
Giftsubstanz vorhanden war oder erst im Magen durch Zersetzung der
Blausäure sich bilden kann (+Lacassagne+). Die auffallende Röthung
und Wulstung der Schleimhaut entwickelt sich durch das Zusammenwirken
dreier Factoren, nämlich der reactiven Injection und Ecchymosirung
der Magenschleimhaut, der Quellung des Schleimhautgewebes durch das
Cyankalium und der Imbibition der oberen Schichten mit von Cyankalium
gelöstem Blutfarbstoff. Von diesen Factoren bildet sich nur der erste
während des Lebens und ist bedingt durch die stark alkalischen, jener
des Kali causticum wenig nachstehenden, irritirenden und selbst
ätzenden Eigenschaften des Cyankaliums, die schon in den wenigen
Augenblicken, die bei dieser Todesart gegeben sind, Injectionsröthe und
Ecchymosenbildung bewirken können. Die beiden anderen Factoren treten
erst nach dem Tode in Wirksamkeit, da zum Zustandekommen der durch sie
erzeugten Befunde, nämlich der Quellung und blutigen Imbibition der
Magenschleimhaut, die, ähnlich wie bei der Laugenvergiftung, durch die
stark alkalische Wirkung des Cyankaliums erzeugt werden, längere Zeit
erforderlich ist. Dies lässt sich auch experimentell sicherstellen,
da man bei Versuchsthieren, die man mit Cyankalium vergiftet, wenn
sie sofort nach dem Tode untersucht werden, nichts von Quellung und
blutiger Imbibition der Magenschleimhaut bemerkt, wohl aber, wenn die
Section erst nach mehreren Stunden gemacht wird, und da man ähnliche
Befunde auch erzeugen kann, wenn man in hyperämische Leichenmägen
Cyankaliumlösung bringt und diese durch einige Stunden einwirken lässt.
Aus dem Gesagten ist begreiflich, dass die blutige Imbibition und
Wulstung der Magenschleimhaut desto weniger entwickelt sein wird, je
weniger von dem Gifte genommen wurde, und wir haben wiederholt Fälle
obducirt, bei welchen eben der geringen Dosis wegen jene Befunde nur
unbedeutend entwickelt waren. Dies ist namentlich bei Giftmorden zu
beobachten, da bei diesen kaum so grosse Dosen zur Anwendung kommen,
wie sie gewöhnlich von Selbstmördern benützt zu werden pflegen. Ferner
ist es begreiflich dass die quellende und blutauflösende Wirkung, die
doch nur dem starken Alkali zukommt, dann entfallen wird, wenn durch
ein saueres Vehikel (sauren Wein, Limonade etc.), in welchem das Gift
gereicht wurde, oder durch sauren Mageninhalt das Kali gebunden und in
dieser Richtung unwirksam gemacht wurde. In solchen Fällen entzieht
sich, wenn nicht etwa der Blausäuregeruch deutlich hervortritt, auch
eine Cyankaliumvergiftung der anatomischen Diagnose und letztere kann
nur durch chemische Untersuchung gestellt werden.
Eine ähnliche Quellung und blutrothe Durchtränkung der Magenschleimhaut
kann ausser im Zwölffingerdarm, auch im Rachen und im Oesophagus, im
Kehlkopf und in der Luftröhre und selbst in den Lungen vorkommen,
dann nämlich, wenn durch Erbrechen oder vielleicht postmortal
cyankaliumhaltige Stoffe in diese Organe geriethen, beziehungsweise
aspirirt worden sind und daher dort nachträglich ihre quellende und
blutauflösende Wirkung zur Geltung bringen konnten. In manchen Fällen
sind die Kämme einzelner Schleimhautfalten des Magens schmutzig
weissgrau verfärbt und getrübt, von zäherer Consistenz, während die
Nachbarschaft in gewöhnlicher Weise blutig imbibirt und gequollen
erscheint. Diese Veränderung ist eine secundäre und entsteht an jenen
Faltenkämmen, die der quellenden und klärenden Wirkung des alkalischen
Mageninhaltes weniger ausgesetzt waren, respective aus demselben
hervorragten. Insbesondere finden sich solche Stellen dann, wenn der
Mageninhalt neutral oder nur sehr schwach alkalich oder gar schon
schwach sauer reagirt. Es handelt sich somit um eine nachträgliche
Ausfällung der früher durch das Alkali gelöst erhaltenen Eiweisskörper,
die man auch unmittelbar beobachten kann, wenn man die gequollenen und
transparenten Partien neutralisirt oder schwach ansäuert oder auch
nur auswässert. Auf dieselbe Weise sind die epithelialen Trübungen zu
erklären, die sich mitunter in den Schlingorganen finden.
[Sidenote: Blut nach Blausäure- und Cyankaliumvergiftung.]
Das Blut zeigt sowohl bei der Blausäure als bei der
Cyankaliumvergiftung die Eigenschaften des gewöhnlichen
Erstickungsblutes, ist nämlich dunkelflüssig. Doch haben wir bereits
wiederholt bei Cyankaliumvergiftung eine auffallend hellrothe Farbe des
Blutes gefunden, so dass der Sectionsbefund eine grosse Aehnlichkeit
mit jenem hatte, den wir nach Kohlenoxydvergiftung beobachten
können. Derartige Fälle sind auch von Anderen beobachtet worden.
Die Ursache dieser Erscheinung ist vorläufig unbekannt, namentlich
ist es noch nicht sichergestellt, ob derselben eine Verbindung der
Blausäure mit dem Hämoglobin (Hämatin) zu Grunde liegt oder ob, wie
+Hoppe+-+Seyler+ und mit ihm +Gäthgens+ annimmt (Med.-chem. Unters.
1866 bis 1871, pag. 140, 258, 325 u. s. f.), die hellrothe Farbe
des Blutes davon herrührt, dass nach Aufnahme von Blausäure in das
Blut das Hämoglobin des letzteren seinen lose gebundenen Sauerstoff
viel schwerer hergibt als im normalen Zustande. Wir haben bisher
die hellrothe Farbe des Blutes, respective der Todtenflecke nur
bei Cyankaliumvergiftungen beobachtet und meinen, dass vielleicht
diese Färbung von der Hyperalkalescenz des Blutes herrührt, die
namentlich leicht und schnell durch das Ammoniak bewirkt werden kann,
welches jedes, insbesondere aber älteres, Cyankalium enthält. Dafür
scheint uns auch die bekannte Thatsache zu sprechen, dass Spuren
von Ammoniak Blutlösungen sofort hellroth färben und trüb gewesene
gleichzeitig aufhellen (vgl. pag. 435). Die spectrale Untersuchung des
Leichenblutes ergibt keine Abweichungen vom Normalen. Dagegen zeigt
der blutige Mageninhalt häufig das Spectrum des Hämatins, d. h. ein
dunkles schlecht contourirtes Band oder auch nur eine Schattirung in
Grün, welche sich nach Zusatz von Schwefelammonium sofort in zwei
Absorptionsstreifen im Gelbgrün auflöst, von denen namentlich der dem
Roth nähere sehr dunkel und scharf ausgeprägt erscheint -- Spectrum
des reducirten Hämatins. Dieses spectrale Verhalten des Magenblutes
ist keineswegs für die Cyankaliumvergiftung charakteristisch, ergibt
sich vielmehr auch häufig bei anderen Vergiftungen mit Säuren
oder Alkalien und auch bei anderen Todesarten, bei denen sich ein
blutiger Mageninhalt findet, da das betreffende Blut schon durch die
Magensäure theilweise oder vollständig zu Hämatin zersetzt wird.
+Kobert+ (Dorpater Ber. 1888. pag. 442) leitet die hellrothe Farbe
des Blutes von der Bildung von Cyanwasserstoffhämoglobin her, welches
ein dem des reducirten Hämoglobins ähnliches Spectrum gibt. Ausserdem
empfiehlt er („Ueber Cyanmethämoglobin und den Nachweis von Blausäure.“
1892) eine, seiner Angabe nach charakteristische Reaction, die auf
Cyanmethämoglobinbildung beruht. Gibt man nämlich zu einer verdünnten
Lösung gewöhnlichen Blutes einige Tropfen von Ferridcyankalium (rothen
Blutlaugensalz) hinzu, so ändert sich die rothe Blutfarbe sofort
in’s Braune und im Spectrum erscheinen der Methämoglobinstreif, fügt
man jedoch eine Spur Blausäure oder Cyankalium hinzu, oder macht man
die Reaction mit blausäurehältigem Blute, so wird die Lösung schön
roth und gibt ein breites Band in Grün, welches nach Zusatz von
Schwefelammonium in 2 sich auflöst. Die Untersuchungen von +Becker+,
+Szigeti+, +Richter+ und +Wachholz+ bestätigen dieses Verhalten von
Methämoglobinlösungen zu Cyan, finden jedoch, dass die so entstehende
Röthung der Lösung nicht durch Bildung von Cyanmethämoglobin, sondern
von Cyanhämatin bedingt sei.
[Sidenote: Nitrobenzol.]
Der Blausäurevergiftung, was den Geruch anbelangt, ähnlich ist
jene mit +Nitrobenzol+. Dieses, auch unter dem Namen Mirbanöl oder
falsches Bittermandelöl bekannt, kommt gegenwärtig häufig statt
des echten Bittermandelöls in der Parfümerie, aber auch in der
Conditorei, Liqueurfabrication etc. in Anwendung. Es ist eine
ölige, gelbliche Flüssigkeit von auffallendem Geruch nach bitteren
Mandeln. Ueber die letale Dosis ist wenig bekannt. Doch haben in
einem von +Bahrdt+ (Arch. f. Heilk. 1871, pag. 320) mitgetheilten
Falle schon 20 Tropfen den Tod eines 19jährigen Mannes herbeigeführt.
Aus den bisher beobachteten Fällen von Nitrobenzolvergiftung
(Literatur v. in +Filehne+’s „Ueber die Giftwirkungen des
Nitrobenzols“. Archiv f. experim. Path. IX, 329) ergibt sich, dass
die Vergiftungserscheinungen manchmal erst nach 1-2 Stunden auftreten
können und dass schon in dieser Periode eine eigenthümliche graublaue
Hautverfärbung sich einstellt, die von Einzelnen (+Letheby+) von
einer Reduction des Nitrobenzols zu Anilin hergeleitet wird,
während Andere (+Filehne+) sie aus der behinderten Oxydation und
braunen Verfärbung des Blutes durch Nitrobenzol erklären. Hierauf
folgt in der Regel Leibschmerz und Erbrechen, Zusammenstürzen und
Bewusstlosigkeit, Zuckungen, Dilatation der Pupillen, Tod unter
Sopor. In einzelnen Fällen wurde vorübergehende Besserung, namentlich
Wiederkehr des Bewusstseins, beobachtet (+Bahrdt+). Bei der Section
wurde dunkelbraunes, flüssiges Blut gefunden (diese Farbe bot
im +Bahrdt+’schen Falle schon das aus der Ader gelassene Blut),
braune Verfärbung der Musculatur, Injection und Ecchymosirung der
Magenschleimhaut und ein auffallender Bittermandelgeruch im Magen
und in den übrigen Organen. Dieser Geruch ist intensiver und hält
sich auch in der Leiche ungleich länger als der nach Blausäure. In
einem von uns obducirten Falle von Nitrobenzolvergiftung (2jähriges
Kind, welches von vergossenem Mirbanöl genascht hatte; erste Symptome
nach 2 Stunden, Tod nach 9 Stunden) war der Geruch in den Lungen
und im Magen auffallend und das Blut bräunlich. Sonst fand sich
nichts Auffälliges. In einem zweiten Falle (Tod nach 3 Stunden)
ergab sich derselbe Befund. Der Mann hatte gemeinschaftlich mit drei
anderen Personen aus einer gefundenen, mit „Rum“ bezeichneten, aber
Nitrobenzol enthaltenden Flasche getrunken. Seine Gefährten zeigten
schwere Vergiftungssymptome, kamen aber mit dem Leben davon. Eine
Vergiftung mit anilinhaltigem Nitrobenzol, bei welcher, trotzdem
circa 16·0 genommen wurden, der Tod nicht eintrat, beschreibt
+Litten+ (Berliner klin. Wochenschr. 1881, pag. 23). Die Haut war
blau bis graublau gefärbt, ebenso die Schleimhäute, namentlich der
Conjunctiven. Dieser Befund bestand durch 3 Tage, während welcher
Zeit die Exspirationsluft und der Harn Bittermandelgeruch zeigten.
Aehnliche Fälle haben +Mehrer+ (Wiener med. Presse. 1885, Nr. 1) und
+Müller+ (Med. Centralbl. 1887, pag. 301) beobachtet. In letzterem
war der Obductionsbefund ähnlich wie nach Vergiftung mit chlorsaurem
Kali. Auch fanden sich die Methämoglobininfarcte in den Nieren.
[Sidenote: Nitroglycerinvergiftung.]
Die bereits wiederholt vorgekommenen Vergiftungen mit +Nitroglycerin+
veranlassen uns auch dessen zu erwähnen. Sie geschehen theils mit
flüssigem Nitroglycerin, welches eine klare, ölige, hellgelbe,
süss und gewürzhaft schmeckende Substanz darstellt, oder mit
dem gegenwärtig als Sprengmittel so verbreiteten +Dynamit+ und
+Dualin+. Ersteres ist Nitroglycerin mit ein Viertel seines
Gewichtes Infusorienerde (Kieselguhr) gemischt, letzteres ein durch
Tränkung von Sägespänen mit Nitroglycerin erzeugtes Präparat. Die
Mehrzahl der Vergiftungen geschah zufällig (vgl. Zusammenstellung
der Literatur bis 1868 von +Husemann+ in Virchow’s Jahrb.; weitere
Fälle ibidem, 1870, I, pag. 352 und 436; +Bruel+, „Rech. exp. sur
les effets toxiques de la nitroglycérine et la dynamite“. Paris
1876; +Eulenberg+, Gewerbehygiene. 482), doch sind auch Morde
und Mordversuche vorgekommen. Einen solchen Fall hat +Husemann+
(Deutsche Klinik. 1867, Nr. 18) mitgetheilt, ein zweiter mit Dynamit
unternommener findet sich in Maschka’s Gutachten, 1873, IV, 257, und
einen dritten (Doppelmord durch Vergiftung mit Dynamit) hat +Wolff+
publicirt (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. XXVIII, 1). Die Dosis
toxica letalis ist noch unbestimmt. Es wird angegeben, dass schon
⅒-⅕ Gran reinen Nitroglycerins Vergiftungserscheinungen bewirken
können. Ein tödtlicher Ausgang wurde nach dem Genusse von 1 Unze
und ein anderer (+Holst+) nach 2 Mundvoll Sprengöl beobachtet. Doch
ist es zweifellos, dass schon viel geringere Mengen letalen Ausgang
herbeiführen können, da schon 2-3 Tropfen im Stande sind, einen Hund
zu tödten. Die Erscheinungen, welche während des Lebens beobachtet
wurden, waren Kopfschmerz, Leibschmerzen, Erbrechen und Diarrhöe,
Geruch des Erbrochenen nach Nitroglycerin, starke Beschleunigung des
Athmens, Frostanfälle, Schwindel, schlafartiger Zustand, Lähmung.
In dem Falle von +Holst+ starb der Mann 6½ Stunden nach Beginn
der ersten Vergiftungserscheinungen, im +Wolff+’schen Fall die Frau
3, der Mann 4 Tage nach der Ingestion. Die Section ergab in diesen
Fällen Injection und Ecchymosirung der Magenschleimhaut, sonst einen
negativen Befund. Bei Vergiftungen mit Dynamit oder Dualin wäre nach
dem charakteristischen Kieselguhr oder nach Sägespänen zu forschen.
Ersteren in den gereichten Speisen nachzuweisen, war in dem von
+Maschka+ mitgetheilten Falle gelungen.
Strychninvergiftung.