Bei einer geisteskranken Potatrix, die sich mit ihrem Leintuch

erdrosselt hatte, fand sich im Magen eine ½ Cm. dicke Schichte

von Petroleum über dem Mageninhalt stehend, mit welchem sich die

Untersuchte offenbar vor der Erdrosselung zu vergiften versucht

hatte. Ausser leichtem Oedem am Kehlkopfeingang und einer geringen

Röthung der Magenwand fand sich kein von der Vergiftung abzuleitender

Befund. Ueber die Erkrankung von 55 Soldaten unter cholera-ähnlichen

Erscheinungen, die einen statt mit gewöhnlichem Oel mit zwei Flaschen

aus Petroleumrückständen dargestelltem „Gewehröl“ bereiteten Salat

genossen hatten, berichtet +Reboud+ (Gaz. des hôp. 1893, 7.

Sept.).

Bei einem an Diphtheritis verstorbenen Kinde fand sich ein um den

ganzen Hals herumlaufender brandwundenähnlicher Streifen, der von

einem 14 Tage vor dem Tode applicirten Petroleumumschlag herrührte

und bei einem anderen ähnliche auf Hals und Brust sich fortsetzende

Stellen, die von herabgeflossenem Petroleum stammten, mit welchem

wegen Läusen der Kopf eingeschmiert worden war.

[Sidenote: Jodoformvergiftung.]

Seit der allgemeinen Anwendung des +Jodoforms+ in der Chirurgie sind

bereits zahlreiche Fälle von Intoxication mit demselben beobachtet

worden. +Mikulicz+ (Langenbeck’s Arch. XXVII) hat die ersten zwei

Fälle von tödtlicher Jodoformintoxication mitgetheilt. +König+

(Centralbl. f. Chirurgie. 1882, Nr. 7-17) konnte bereits 48 und

+Greussing+ (Prager med. Wochenschr. 1882, Nr. 37 u. ff.) bereits

63 Fälle von Jodoformintoxication zusammenstellen. Ueber die Menge

des Jodoforms, welche von Wunden aus schon Vergiftungserscheinungen

bewirken kann, ist nichts Positives bekannt. Es wurden solche schon

nach Dosen unter 50, ja selbst unter 10 Grm. beobachtet, während

andererseits Mengen von weit über 100 Grm. sich als unschädlich

erwiesen. Es scheint somit weniger die Menge, als gewisse, vorläufig

noch unbekannte individuelle Momente von Einfluss zu sein. Nach

+Greussing+ spielt die Lösung des Jodoforms in den Fetten der

Applicationsstelle eine wesentliche Rolle. Nach +König+ kommen in den

schweren Formen nach plötzlich eingetretener Erhöhung der Erregung

des Pulses Schlaflosigkeit, Unruhe, Delirien, Tobsucht, Melancholie

etc. vor, Erscheinungen, welche nach zuweilen wochenlangem Verlauf

zur Genesung oder durch Herz-, respective Lungenlähmung zum Tode

führen oder es treten Erscheinungen von Meningo-Encephalitis

auf. Die Autopsie ergibt parenchymatöse Degeneration von Herz,

Leber und Nieren und sonst negative Befunde. In einem Falle

traten durch Suppositorien von der unverletzten Schleimhaut aus

Vergiftungserscheinungen auf. Die Maximaldosis von Jodoform beträgt

nach der deutschen und österreichischen Pharmakopöe 0·2 pro dosi und

1·0 pro die.

Die Kohlenoxydvergiftung.

Dieselbe kann erfolgen durch Einathmen entweder von Kohlendunst oder

von Leuchtgas.

[Sidenote: Kohlendunst.]

Die Vergiftungen durch +Kohlendunst+ kommen vorzugsweise durch

vorzeitiges Schliessen der Ofenklappe zu Stande, ebenso durch

unvorsichtiges Umgehen mit glühenden Kohlen in geschlossenen Räumen,

wie namentlich beim sogenannten Ausheizen von Neubauten oder überhaupt

beim Heizen oder sonstigen Gebahren mit offenen Kohlenbecken in

kleinen Räumen, z. B. beim Aufthauen von Wasserleitungen oder beim

Löthen in Closets. Letzteren gleich zu achten ist die Heizung mit den

sogenannten Carbonnatronöfen, welche wegen ihrer Gefährlichkeit sowohl

in Deutschland als in Oesterreich verboten worden sind. Vergiftungen

durch solche oder ähnliche, meist mit Briquets geheizte, keinen Abzug

in’s Freie besitzenden kleinen Oefen sind namentlich in Badezimmern,

aber auch in geheizten Fiakern vorgekommen, worüber +Motet+ (Annal.

d’hygiène publ. 1894, XXXI, pag. 258) berichtet. Ausserdem findet

sich CO in der Atmosphäre von Darrhäusern, Kohlenmeilern, Kalk- und

Ziegelöfen, ferner in Giessereien und Hütten, wo Metalloxyde durch

Kohle reducirt werden, und auch beim Ersticken im Rauche, z. B. bei

Bränden, spielt das Kohlenoxyd eine grosse Rolle. Ferner bildet

dasselbe einen Bestandtheil der Gruben- und Minengase. Der Kohlendunst

enthält nach +Eulenberg+ (Die Lehre von den giftigen Gasen. 1865, pag.

108) 2·54% Kohlenoxyd und 24·68% Kohlensäure nebst geringen Mengen

schweren Kohlenwasserstoffs, doch ist selbstverständlich, dass der

Kohlenoxydgehalt je nach dem Brennmaterial variiren und ein desto

grösserer sein wird, je mehr der Zutritt der atmosphärischen Luft zu

den glühenden Stoffen erschwert und die vollständige Verbrennung des

Kohlenstoffes zu Kohlensäure verhindert ist. Das Kohlenoxyd sowohl,

als der reine Kohlendunst sind vollkommen geruchlos, es können

daher reichliche Mengen davon in einem Raume angesammelt sein, ohne

dass dies durch den Geruch zu merken ist. In vielen Fällen verräth

sich allerdings die Anwesenheit von Kohlendunst durch gleichzeitige

Beimischung von Rauch oder brenzlichen Stoffen.

Die Quelle des Kohlendunstes muss nicht immer in demselben Raume sich

finden, in welchem die Vergiftung geschah, derselbe kann vielmehr auch

von anderwärts eingedrungen sein, so z. B. aus einer Nachbarwohnung

oder indem er aus tiefer gelegenen Localitäten in höhere gestiegen

war.[450] Auch ist es möglich, dass, obgleich die Klappe eines Ofens

nicht geschlossen war, doch die Verbrennungsgase in das Zimmer

gedrungen sein konnten, weil entweder der Heizapparat schadhaft oder

unzweckmässig construirt war, oder die Rauchröhren durch Russ etc.

verlegt oder der genügende Abzug der Verbrennungsgase anderweitig,

z. B. durch heftigen Wind, behindert war. Unglücksfälle letzterer

Art, aber auch die früher genannten, können namentlich leicht bei der

Heizung mit Coaks sich ereignen, weil dieses Brennmaterial besonders

reich an Kohlenstoff ist und zur vollständigen Verbrennung sehr

gut ziehender Oefen bedarf, und weil die Rauchentwicklung dabei im

Allgemeinen geringer ist als bei Steinkohlenfeuerung und deshalb

weniger auffällt oder beachtet wird. Die Behauptung, dass die glühenden

Wände eiserner Oefen CO durchlassen oder entwickeln, ist durch Versuche

insoferne widerlegt worden, als sich ergab, dass die aus unmittelbarer

Nähe glühender Oefen durch Blut durchgesaugte Luft keine wesentlichen

Veränderungen in diesem bewirkt.

Die grösste Zahl der Kohlendunstvergiftungen kommt zufällig zu

Stande. Selbstmord ist bei uns so gut wie unbekannt, kommt dagegen

in Frankreich häufig vor und nimmt an Häufigkeit beständig zu. Nach

+Quetelet+ kamen in den Jahren 1838 bis 1844 1886 solcher Selbstmorde

vor. Im Jahre 1871 allein 215. Morde durch Kohlendunst gehören zu den

grössten Seltenheiten. Ein Fall, in welchem eine Frau sich und ihrem

6jährigen Kinde durch Kohlendunst das Leben nehmen wollte, findet sich

in +Casper+-+Liman+’s Handbuch (l. c. 587).

[Sidenote: Leuchtgasvergiftung.]

Die Giftigkeit des +Leuchtgases+ ist vorzugsweise, wenn auch nicht

ausschliesslich, durch dessen Gehalt an Kohlenoxyd bedingt. Letzterer

wechselt jedoch je nach der Bereitungsart und den dazu benützten

Materialien. Nach +Wagner+ fanden sich in 100 Raumtheilen des

Heidelberger Steinkohlengases 5·56-5·73, des Bonner 4·66, in jenem

von Chemnitz 4·45-5·02 und des Londoner Gases 6·8-7·5 Raumtheile

Kohlenoxyd, während vier Analysen von gereinigtem Holzgas einen

Kohlenoxydgehalt von 22·30-40·28% ergaben.

Auch die Leuchtgasvergiftungen sind fast ausschliesslich zufällige

Vergiftungen. Doch sind auch Selbstmorde nicht selten. Wir haben

deren bereits eine ansehnliche Zahl untersucht. Der eine betraf einen

Lampenanzünder des Opernhauses; dieser hatte sich eines Abends in

die sogenannte „Batteriekammer“ eingesperrt, hatte den Hahn eines

Gasometers geöffnet und von diesem einen Schlauch in ein grosses,

fassartiges Gefäss, eine sogenannte „Trommel“, die zur Bereitung des

Drumond’schen Lichtes benützt wurde, geleitet, war dann in diese

gekrochen und hatte den Deckel geschlossen. Hier wurde er dann am

nächsten Tage todt aufgefunden. In 4 Fällen hatten die Betreffenden

die Gashähne aufgedreht (3mal in einem kleinen Laden, 1mal am Abort)

und in 3 weiteren das Gas unmittelbar aus dem Schlauche einer

Gaslampe eingeathmet, der bei dem einen Selbstmörder um den Hals

geschlungen und am Ende mit einem maskenartigen Recipienten versehen

war, der mittelst eines Gummibandes am Gesichte festgehalten wurde.

Ueber durch absichtlich herbeigeführte Leuchtgasausströmung bewirkte

Morde ist uns vorläufig nichts bekannt, begreiflicherweise liegen

aber solche keineswegs ausserhalb des Bereiches der Möglichkeit.

Im Jahre 1893 kam in Wien ein simulirtes Raubmordattentat durch

Leuchtgas vor, indem ein junger Bursche, nachdem er in der Nacht

die Casse seines Vaters eröffnet und beraubt hatte, die Gashähne

aufdrehte und als man auf sein Stöhnen erwachte, die Sache als ein

durch Hausleute herbeigeführtes Attentat hinstellen wollte. In der

That fiel der Verdacht auf eine Magd, die auch mehrere Tage in

Untersuchungshaft blieb, bis die Wahrheit herauskam.

Die zufälligen Leuchtgasvergiftungen geschehen selten dadurch,

dass Gashähne aufgedreht wurden oder offen geblieben waren,

sondern am häufigsten durch das Ausströmen des Gases aus Lücken

der Leitungsröhren, meist aus Undichten, die durch Lockerung

der Verbindungsstellen zweier Röhren oder durch Bruch eines

hohlgelegenen oder grossem Drucke von oben ausgesetzt gewesenen

Rohres entstanden waren. In einem von +Taylor+ beobachteten Falle

war die Gasausströmung aus einer kleinen Oeffnung erfolgt, die durch

das Einschlagen eines Nagels in den Fussboden und durch diesen in

ein unter den Dielen verlaufendes Gasrohr entstand. Einen ähnlichen

Fall aus Cöln, wo durch einen in die Wand eingeschlagenen Nagel eine

Gasröhre getroffen und dadurch eine Leuchtgasvergiftung einer Magd

veranlasst wurde, berichtet +Eulenberg+ („Giftige Gase“, pag. 186).

Ueberaus wichtig ist die Thatsache, dass von einer solchen Undichte

das Gas nicht unmittelbar nach aussen ausströmen muss, sondern dass

es unter der Erde weite Strecken durchdringen und schliesslich

an Orten nach aussen gelangen und seine deletäre Wirkung äussern

kann, die mitunter in bedeutender Entfernung von jenem Orte liegen,

wo die Undichte in der Leitung geschah. So lehrt die Erfahrung,

dass bei den meisten in Wohn-, besonders Schlafräumen erfolgten

Leuchtgasvergiftungen die Gasausströmung von Rohrbrüchen und anderen

Undichten ausgegangen war, die in der auf der Gasse unterirdisch

verlaufenden Leitung zu Stande gekommen waren. Es zeigt sich dann

in der Regel, dass das Gas wegen des dichten Strassenpflasters

oder wegen geringer Durchlässigkeit der über der Leitung gelegenen

Erdschichten, oder weil der Boden gefroren war, nicht ohneweiters

nach aufwärts entweichen konnte und deshalb in den seitwärts

gelegenen Erdschichten sich einen anderen Ausweg gesucht hatte.

Wenn man dazu bedenkt, dass das Gas, besonders zur Nachtzeit, unter

ziemlich starkem Drucke ausströmt, und dass durch geheizte Wohnräume

auch eine Aspiration des Gases erfolgen kann[451], so werden uns

solche Fälle verständlich, und es wird auch begreiflich, warum die

meisten Leuchtgasvergiftungen im Winter geschehen.

[Sidenote: Leuchtgasgeruch.]

Bekanntlich verrathen sich sehr kleine Mengen von Leuchtgas durch

den eigenthümlichen Geruch. Trotzdem geschieht es nicht selten, dass

dieser Geruch, wenn er nicht besonders intensiv ist, nicht beachtet

wird. In einem von +Pettenkofer+ mitgetheilten Falle wurde ein

junger Mann am Typhus behandelt, während die betreffenden Symptome

durch in den Schlafraum entweichendes Leuchtgas veranlasst worden

waren. In einem anderen, von +Wallisch+ (Deutsche Klinik. 1868, 128)

publicirten Falle wurde der Tod von einer Kopfverletzung abgeleitet,

obgleich eine Vergiftung durch Leuchtgas vorlag. In dieser Beziehung

hat unseres Wissens zuerst +Wesche+ (Schmidt’s Jahrb. December 1880)

darauf aufmerksam gemacht, dass Leuchtgas beim Durchdringen von

Erdschichten seinen charakteristischen Geruch verliert. Mit Rücksicht

auf diese Angabe haben +Biefel+ und +Poleck+ („Ueber Kohlendunst-

und Leuchtgasvergiftung.“ Zeitschr. f. Biologie. 1880) entsprechende

Versuche angestellt und gefunden, dass in Folge des Durchströmens

durch eine 3·35 Meter starke Erdschichte circa 75 Procent der

schweren Kohlenwasserstoffe und mit ihnen die im Gase befindlichen

riechenden Theerbestandtheile zurückbehalten werden.

Uebergang von CO aus Gasheizapparaten in die Luft von Wohnräumen

wurde von +Vlemingkx+ u. A. aus Anlass des Falles +Peltzer+

constatirt (Virchow’s Jahrb. 1884, I, 461), wo in einem Zimmer

der Gasofen durch volle 7 Tage fortgebrannt hatte und dadurch das

in einem Lavoir befindliche, mit Wasser verdünnte Blut CO-hältig

geworden war. Versuche in demselben Raume und mit demselben Ofen

ergaben, dass das Blut schon nach 3 Tagen die spectrale CO-Reaction

ergab. Im Jahre 1885 kam in Wien ein Fall vor, wo der CO-Tod eines

Kutschers von einem Gasofen hergeleitet wurde. Hier war jedoch die

Vergiftung wahrscheinlich durch „Zurückschlagen“ und Erlöschen der

Gasflammen des Ofens und einfache Leuchtgasausströmung erfolgt.

[Sidenote: Giftigkeit des CO. Verlauf der CO-Vergiftung.]

Zufolge zahlreicher Versuche an Thieren, die namentlich von +Eulenberg+

und +Pokrowsky+ (Virchow’s Archiv. XXX) angestellt wurden, genügen

schon ½-1% Kohlenoxyd, der Respirationsluft beigemengt, um den Tod

zu bewirken, ebenso schon 10% Kohlendunst und 5% Leuchtgas. Nach den

bisherigen Erfahrungen scheinen auch beim Menschen ebenso geringe

Mengen zum letalen Ausgang zu genügen.[452] Die giftige Wirkung des

Kohlenoxyds und daher auch der dasselbe enthaltenden Gasgemenge

beruht darauf, dass dasselbe an Stelle des Sauerstoffes mit dem

Hämoglobin des Blutes sich verbindet und dadurch dessen Fähigkeit,

den respiratorischen Gasaustausch zu vermitteln, beeinträchtigt oder

vollständig aufhebt. Diese Verbindung ist eine festere, als die des

Sauerstoffes mit dem Hämoglobin, obgleich man durch längeres Schütteln

mit atmosphärischer Luft das Kohlenoxyd theils auszutreiben, theils

in Kohlensäure zu verwandeln vermag. Das Kohlenoxyd tödtet demnach

durch Erstickung, indem es die Sauerstoffathmung unmöglich macht.

Die Erscheinungen, welche während des Lebens eintreten, sind daher

im Allgemeinen diejenigen, die wir auch bei anderen Erstickungen

beobachten können, und sie treten desto schneller auf, je grössere

Mengen von Kohlenoxydgas die betreffende Respirationsluft enthielt,

und zwar auch dann, wenn noch genügende Mengen von Sauerstoff in

letzterer vorhanden waren. Ist der Kohlenoxydgehalt der Luft kein

grosser, so kann es längere Zeit dauern, bevor so viel CO in’s Blut

aufgenommen wird, dass sich Athemnoth bemerkbar macht, und der Verlauf

der Vergiftung ist ein anderer, als in acuten Fällen. Es tritt

zuerst Kopfschmerz, Schwindel, Mattigkeit, Unvermögen, sich aufrecht

zu erhalten, Betäubung und hierauf Bewusstlosigkeit ein. Erbrechen

wird in der Regel und schon frühzeitig beobachtet. Der anfänglichen

Athembeklemmung folgt röchelndes angestrengtes Athmen, welches desto

länger währt, je allmäliger die Vergiftung erfolgt. In diesem Falle

kann der Tod auch ohne Convulsionen eintreten (+Pokrowsky+). Da in der

Regel die Einathmung des giftigen Gases während des Schlafes erfolgt,

so kommen die Individuen entweder gar nicht wieder zum Bewusstsein,

oder sie erwachen in bereits betäubtem Zustande, in welchem sie

allerdings sich zu erheben und weiter zu taumeln, aber nicht mehr

sich zu retten vermögen. Es geschieht häufig, dass von mehreren

Personen, die in einem und demselben Raume und durch gleich lange Zeit

der Einwirkung von Kohlendunst oder Leuchtgas ausgesetzt waren, die

einen todt, andere nur betäubt gefunden werden. Manchmal sind dabei

individuelle Verhältnisse im Spiel und es scheint mit Rücksicht auf

wiederholt vorgekommene Fälle, dass namentlich Kinder eine grössere

Resistenz zeigen; häufiger erklärt sich das Verhalten daraus, dass

die Geretteten in der Nähe der Thüre oder des Fensters gelegen waren

oder an einer Stelle, die von der Quelle, aus welcher das giftige Gas

ausströmte, weiter entfernt gewesen war. Diese Fälle gewinnen dadurch

an Wichtigkeit, weil es, wie +Zenker+, +Rokitansky+ und auch +Skrzecka+

mitgetheilt haben, vorgekommen ist, dass der Ueberlebende in Verdacht

kam, seinen oder seine todt aufgefundenen Zimmergenossen umgebracht zu

haben.

Lehrreich ist in dieser Beziehung ein von +Brouardel+, +Descoust+ und

+Ogier+ (Annal. d’hygiène publ. 1894, XXXI, pag. 376) mitgetheilter

Fall. Im Jahre 1887 wurden Passanten von einer Frau aus dem Fenster

einer Kellerwohnung angerufen, welche angab, dass ihr Mann im Sterben

liege. Man fand den Mann todt und die Leiche eines zweiten Mannes

an der Eingangsthür. Die Frau schien betrunken zu sein. Bei der

Obduction wurde die Schleimhaut des Magens und der Gedärme auffallend

geröthet gefunden und daraus, obgleich die chemische Untersuchung

negativ ausfiel, auf eine Vergiftung durch ein irritatives Gift

geschlossen. Der Verdacht fiel auf die erwähnte Frau, welche zu

lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt wurde. Erst nachdem im

Laufe der Jahre mehrere analoge Todes-, respective Erkrankungsfälle

in dieser Wohnung vorkamen, wurde herausgebracht, dass dieselben

durch Emanationen eines anstossenden Kalkofens hervorgebracht wurden

und es wurde durch die Untersuchung festgestellt, dass auch die

ersten Fälle auf zufälliger Kohlengasvergiftung beruhten und dass

daher die Frau, welche seit mehreren Jahren im Kerker schmachtete,

unschuldig verurtheilt worden war. Ebenso berichtet +Landgraf+

(Friedreich’s Blätter. 1894, pag. 172) über einen Fall, in welchem

in einer Stube eine Frau todt und ihr Mann in einem verwirrten

Zustand gefunden wurde, der anfänglich angab, seine Frau erschlagen

zu haben, während sich an dieser keine Verletzungen ergaben und

sich herausstellte, dass offenbar eine Kohlendunstvergiftung vorlag

und die Angabe des Mannes theils durch seine Verwirrung, theils

durch Suggestivfragen, die zu dieser Zeit an ihn gestellt wurden,

veranlasst worden war.

[Sidenote: Sectionsbefund.]

[Sidenote: Verhalten kohlenoxydhältigen Blutes.]

Die +Befunde an der Leiche+ sind in den meisten Fällen von

Kohlenoxydvergiftung sehr charakteristisch und werden durch die

eigenthümliche Veränderung bedingt, welche das Blut in Folge der

Aufnahme von Kohlenoxyd erleidet. Da nämlich das Kohlenoxydhämoglobin

eine hellrothe Farbe besitzt und diese auch nach dem Tode sich erhält,

so fallen die Leichen der im Kohlenoxydgas Umgekommenen in der Regel

durch die hellrothe Farbe der Todtenflecke, noch mehr aber durch die

hellrothe Farbe des Blutes und der inneren Organe auf, umsomehr,

als wir an einer anderen Stelle gehört haben, dass als die normale

Farbe des Leichenblutes die venöse, dunkle angesehen werden muss. Die

Organe zeigen schon oberflächlich eine hellrothe Farbe, die an den

membranösen Organen sogar in’s Rosenrothe geht, wie wir an der Dura,

an den serösen Häuten und unter diesen besonders am Peritoneum, sowie

an den Schleimhäuten bemerken können. Beim Einschneiden entleert sich

flüssiges, in dickeren Schichten kirschsaftähnliches, in dünneren

hellrothes Blut. Letzteres fällt besonders dort durch seine Farbe auf,

wo es auf weissem Grunde hervortritt, wie z. B. an Durchschnitten des

Gehirnes, auf welchen die hervortretenden Blutpunkte fast zinnoberroth

erscheinen.

Das spectrale Verhalten dieses in seiner Farbe so veränderten

Blutes ist ebenfalls ein anderes als das des normalen, und dies ist

besonders charakteristisch und daher diagnostisch wichtig. Bringt man

nämlich das mit Wasser entsprechend verdünnte Kohlenoxydblut vor den

Spectralapparat, so bemerkt man allerdings Absorptionserscheinungen,

die von jenen des normalen Blutes sich nicht wesentlich unterscheiden.

Während jedoch bei letzterem, wie bekannt, die zwei dem Oxyhämoglobin

zukommenden Absorptionsbänder im Gelbgrün nach Zusatz reducirender

Mittel (Schwefelammonium) zu einem einzigen Bande verschmelzen,

welches dem reducirten Hämoglobin entspricht, bleiben, wenn

Kohlenoxydhämoglobin vorliegt, die zwei Absorptionsbänder unverändert.

Kohlenoxydhaltiges Blut zeigt ferner, wie +Hoppe+-+Seyler+ zuerst

angab, beim Behandeln mit Natronlauge ein anderes Verhalten als

gewöhnliches Blut. Gibt man nämlich einige Tropfen gewöhnlichen Blutes

auf eine Porzellanschale und fügt dazu das gleiche oder das doppelte

Volum von concentrirter Natronlauge, so erhält man eine missfärbige

Masse, die in dünner Schicht schmutzig-braungrün erscheint. Stellt

man jedoch dieselbe Probe -- die sogenannte Natronprobe -- mit

Kohlenoxydblut an, so erhält man eine rothe, wie geronnene Masse,

welche auch in dünner Schichte eine zinnoberrothe Farbe zeigt. Auch

nach Zusatz von Schwefelwasserstoffwasser behält, wie +Salkowski+

angab, Kohlenoxydblut seine hellrothe Farbe, während gewöhnliches Blut

sich dunkelgrün färbt. Versetzt man CO-hältiges Blut mit der Lösung

eines Kupfersalzes, so entsteht nach +Zaleski+ (Virchow’s Jahrb. 1885,

I, 112) eine ziegelrothe, dicke, flockige Masse, während gewöhnliches

Blut chocoladebraun wird. Die Farbenunterschiede halten sich bei den

letztgenannten zwei Proben, besonders bei der Schwefelwasserstoffprobe,

in offenen Röhren tagelang, in zugeschmolzenen durch mehrere Wochen.

Nach +Kunkel+ und +Wetzel+ (Würzburger Sitzungsber. 1888, 28.

April und XXIII, Nr. 3) geben verschiedene Substanzen, insbesondere

Tannin und Ferrocyankalium, nach +Rubner+ (1890) auch Bleizucker

rothe Fällungen, während die vom gewöhnlichen Blut braun sind. Nach

+Katayama+ (Virchow’s Archiv. CXIV, pag. 53) erhält kohlenoxydhältiges

Blut nach Zusatz von orangefarbenem Schwefelammonium und Essigsäure

eine schön hellrothe, gewöhnliches Blut aber eine grünliche oder

röthlich-graue Farbe. +Szigeti+ (Wiener klin. Wochenschr. 1893, Nr. 17)

empfiehlt aus dem mit Alkalien und Schwefelammonium versetzten Blut

das CO durch Erwärmen auszutreiben und in eine Hämochromogenlösung zu

leiten, die sich nun in CO-Hämoglobin verwandelt. +Landois+ (Deutsche

med. Wochenschr. 1893, Nr. 44) versetzt drei Theile des Blutes mit 100

Theilen Aq. dest., gibt einige Tropfen verdünnter Kalilauge und dann

wässerige Pyrogallollösung hinzu und schüttelt +einmal+ um. Beim Stehen

wird normales Blut schnell missfärbig-braun, CO-Blut bleibt roth.

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 81 / 132 段