Maximaldosis der österreichischen Pharmakopöe für Morphin. hydrochl.

pro dosi 0·03 und pro die 0·12; jene der deutschen Pharmakopöe,

sowohl für Morphin als für seine Salze 0·03 für die Einzelngabe und

0·12 pro die, ausserdem für subcutane Injectionen 0·006 bis 0·03.

Kinder reagiren ungleich empfindlicher gegen Opiate als Erwachsene.

+Tardieu+ berichtet von einem 5½jährigen Kinde, das nach Genuss

von 20 Cgrm. Opium in wenigen Stunden starb, und von einem anderen,

bei welchem schon nach ¹⁄₂₀, ja schon nach ¹⁄₉₀ Gran Opium bei

Säuglingen der Tod eintrat. Ebenso sind Fälle, in denen nach

Bruchtheilen eines Grans von Morphium bei Kindern der Tod eintrat,

in beträchtlicher Zahl bekannt (Zusammenstellungen von +Dongall+,

s. Wiener med. Wochenschr. 1878, pag. 924). Anderseits wurden

Genesungen nach 1-1·5 Grm. Morphin und nach 60 bis 192 Grm. Laudanum

beobachtet.[446] Ferner ist es eine Thatsache, dass nach successiver

Steigerung der Gabe schliesslich enorme Mengen von Morphium und

Opium vertragen werden. +Husemann+ sah in Göttingen eine Frau, der

täglich 20 Gran Morphium gegeben wurden. +Credé+ berichtet von einem

Individuum, das täglich 52 Gran Morphium nahm, und nach +L. Herrmann+

(l. c. 373) existirte bei Zürich eine Frau, welche sich täglich 1·2

Grm. Morphinsalz auf einmal einspritzte!

Die Vergiftungserscheinungen treten in der Regel erst nach einer

halben bis einer Stunde ein, manchmal aber noch später und bestehen

zunächst in Schwindel, Schwere des Kopfes, rauschartiger Aufregung,

Sinnesdelirien und grosser Empfindlichkeit gegen Licht und Schall,

manchmal auch Hautjucken (+Husemann+). Ueblichkeiten sind häufig,

ebenso Erbrechen, können jedoch fehlen. Dieses Aufregungsstadium

geht nach kurzer Dauer in das Depressionsstadium über, in dem sich

Betäubung, tiefer, in Sopor übergehender Schlaf einstellt; die Reflexe

sind erloschen, das Athmen nur langsam und später stertorös, der

Puls meist frequent (Vaguslähmung), doch schwach, die Ausscheidungen

sistirt (Blasenlähmung), die Pupillen meist hochgradig verengert, ein

Symptom, auf welches +Taylor+ und +Husemann+ (Deutsche Klinik. 1874,

Nr. 7 und 8) ein besonderes Gewicht legen, und das auch bei mehreren

unserer Fälle constatirt worden ist. In einzelnen, besonders in nicht

letal abgelaufenen Fällen wurden unscheinbare, wahrscheinlich auf

Gefässlähmung beruhende Röthungen der Haut und Hautjucken beobachtet.

(Ueber derartige und andere üble Zufälle nach Morphiuminjectionen vide

insbesondere +Schüle+, Handb. d. Geisteskh. 1878, pag. 668.) Der Tod

erfolgt unter Erscheinungen centraler Lähmung einige (5 bis 12) Stunden

nach Beginn der ersten Intoxicationserscheinungen, bei Kindern in der

Regel ungleich früher.

In einzelnen Fällen kommen die Individuen wieder zum Bewusstsein, um

jedoch nach einiger Zeit wieder in Betäubung und Sopor zu verfallen,

in welchem sie schliesslich, und zwar in der Regel erst auch mehreren

Stunden und selbst Tagen, sterben. +Taylor+ (l. c. III, 9) hat diesen

Verlauf als remittirende Form der Opiumvergiftung beschrieben.

Wir haben einen gleichen Verlauf bei einem Mädchen beobachtet,

welches 2 Gran Morphium in Chloroform genommen hatte (Wiener med.

Presse. 1877, Nr. 3-4), und erklären uns das neuerliche Auftreten

von soporösen Erscheinungen aus pneumonischen Processen, die durch

während der Betäubung und während des Darniederliegens der Reflexe

erfolgende Aspiration von erbrochenen Substanzen sich ungemein rasch

entwickeln, eine Anschauung, die in einem anderen Falle bestätigt

wurde, in welchem bei einem Manne, der über 1 Grm. Morphium pur.

genommen hatte und erst nach 8 Stunden starb, die Bronchien bis in

die feinsten Verzweigungen geronnene Milch enthielten, die man ihm

als Gegenmittel gereicht hatte. -- Bei „nervösen“ Personen kann die

Morphiumvergiftung mitunter einen ganz anormalen Verlauf nehmen

und +Pellacani+ (Virchow’s Jahrb. 1885, I, 533) hat einen solchen

beobachtet, wo nach subcutaner Injection Trismus und Opisthotonus

aufgetreten waren.

[Sidenote: Sectionsbefund nach Opiumvergiftung.]

Der +Leichenbefund+ bietet nichts Charakteristisches. Eine auffallende

Pupillenverengerung haben wir nur in wenigen unserer Fälle gefunden

und dies erklärt sich daraus, dass die anfangs in der Regel bestehende

Pupillenverengerung in den letzten Stadien der Vergiftung sich wieder

verliert. In einem Falle von Selbstmord durch Morphium war die eine

Pupille mittelweit, die andere enge. Hirn- und Lungenhyperämien sind

sehr constante Befunde und erklären sich aus der Gefässlähmung, die

das Morphium bewirkt. Wenn Opium in Substanz oder als Tinctur genommen

wurde, so kann der charakteristische Opiumgeruch im Magen sich finden,

ebenso eine auffallend safrangelbe Färbung, wenn die Vergiftung mit

Tinct. opii crocata geschah, wie wir in einem Falle beobachteten, wo

eine Unze derselben statt Aq. laxat. Viennensis gegeben worden war. In

einem anderen Falle, wo die Vergiftung mit Abkochung von Mohnköpfen

geschah, vermochten wir noch Partikel der Mohnkapseln im Mageninhalt

zu erkennen. Das Blut ist in sehr acuten Fällen flüssig, in subacuten

locker geronnen. Dauerte die Agone lange und hatten sich bereits

pneumonische Processe oder auch nur Lungenödem zu entwickeln begonnen,

so kann man massigen Fibringerinnseln im rechten Herzen und den

Pulmonalgefässen begegnen.[447]

[Sidenote: Chloroform.]

Dem Morphin in seinen Wirkungen sehr ähnlich ist das +Chloroform+.

Es sind meist medicinale Vergiftungen, die damit vorkommen.

Insbesondere ist die Zahl der Fälle, in denen, während einer

zu chirurgischen Zwecken eingeleiteten Chloroformnarcose, die

Individuen starben, eine nicht unbedeutende. Ueber einen Fall, in

welchem ein Chloroformliniment irrthümlich innerlich genommen wurde,

berichtet +Thomayer+ (Wiener med. Wochenschr. 1882, Nr. 39). Auch

als Berauschungsmittel wurde in einzelnen Fällen das Chloroform

angewandt. Selbstmord, sowohl durch Verschlucken von Chloroform als

durch Inhalation desselben, ist wiederholt und mehrmals auch von uns

beobachtet worden. In einem unserer Fälle wurde eine Frau in ihrem

Bette todt aufgefunden. Vor dem Munde hatte sie einen nach Chloroform

riechenden Schwamm, über welchen ein Stück Wachstaffet und dann ein

Tuch gelegt und letzteres im Nacken zugebunden war. Das Chloroform

war ihr angeblich von einem Arzte zu Inhalationen verschrieben

worden. Es war jedoch aus der Art der Anwendung, die unmöglich von

einem Arzte angerathen worden sein konnte, und aus den Umständen

des Falles ungleich wahrscheinlicher, dass die Betreffende sich

selbst um’s Leben gebracht hatte. Ganz zweifellos war dies bei einem

im Jahre 1851 in seinem Zimmer todt gefundenen Spitalsarzte, der

einen Chloroform enthaltenden Ballon mittelst Heftpflasterstreifen

und Kautschuk am Munde befestigt hatte und bei welchem ausserdem

beide Nasenlöcher mit Pfropfen von Charpie und darübergelegten

Heftpflasterstreifen verschlossen sich fanden. In einem 1877 von uns

obducirten Falle hatte ein 30jähriges blindes Mädchen nach einem

Familienstreite sich in sein Zimmer begeben und war 6-10 Minuten

darauf bereits röchelnd in seinem Bette gefunden worden, und es ergab

sich, dass es 35-40 Grm. Chloroform getrunken hatte. Fälle von Mord

durch Chloroform sind ungemein selten. +Casper+ (l. c. 544) erwähnt

eines solchen, in welchem ein Berliner Zahnarzt seine Frau, zwei

Kinder und dann sich selbst um’s Leben brachte.

Wie viel Chloroform, wenn verschluckt, schon hinreicht, um einen

Menschen zu tödten, lässt sich nicht genau bestimmen. Die maximale

Einzelngabe wird von +C. P. Falck+ mit 0·5-2·0, jene pro die mit 7·5

Grm. angegeben. +Taylor+ sah bei einem 4jährigen Kinde nach blos

3 Grm. und bei einer Frau nach 15 Grm. den Tod eintreten, dagegen

berichtet +Tardieu+ (l. c. 467) von einem Manne, der zwei Unzen

Chloroform verschluckt hatte und doch noch (mittelst Anwendung der

Magenpumpe) gerettet wurde, aber erst nach 14 Tagen vollkommen

genas. Nach dem Verschlucken tritt schon nach wenigen Augenblicken

ein rauschartiger Zustand ein, der bei toxischen Gaben sofort oder

in wenigen (5-10) Minuten in Narcose übergeht, die, wie in unserem

Falle, schon innerhalb der ersten Stunde zum Tode führen kann. Ein

remittirender Verlauf, wie wir ihn bei der Morphiumvergiftung erwähnt

haben, ist ebenfalls beobachtet worden (+Taylor+). Einer unserer

Fälle betraf einen an eiteriger Pericarditis erkrankten Tabiker, der

irrthümlich statt Aq. chlorof. einen Esslöffel reines Chloroform

erhalten hatte, rasch bewusstlos wurde und trotz sofortiger Hilfe in

kurzer Zeit starb. Hier musste zugegeben werden, dass das Chloroform

weniger als solches, sondern wegen des hochgradig krankhaften

Zustandes des Mannes zum Tode geführt habe.

Was die Chloroformeinathmungen betrifft, so ist es aus der

alltäglichen Erfahrung bekannt, dass, wenn correct vorgegangen

wird, Individuen stundenlang ohne Schaden in der Narcose erhalten

werden können. Andererseits sind die Fälle, in denen während der zu

chirurgischen Zwecken eingeleiteten Chloroformnarcose schon nach

wenigen Athemzügen der Tod eintrat, in beträchtlicher, allerdings

aber gegenüber der Unmasse der gelungenen Narcosen verschwindend

kleiner Zahl (nach +Richardson+ kommt 1 Todesfall auf 3500 Narcosen)

vorgekommen. Der Tod erfolgte fast in allen Fällen im Stadium der

Excitation in Folge plötzlichen Aufhörens der Respirationsbewegungen

und des Herzschlages, seltener unter Dyspnoe. Der Stillstand der

Respiration wird auf reflectorische Lähmung des Respirationscentrums

in der Medulla oblongata, der Stillstand des Herzens von Einzelnen

auf reflectorische Reizung des Vaguskerns, von Anderen auf Lähmung

der im Herzen selbst befindlichen motorischen Ganglien zurückgeführt.

In der Mehrzahl der Fälle scheinen individuelle krankhafte Zustände

(Herzkrankheiten) oder eine anormale Reaction des Individuums gegen

Chloroform die Ursache eines so unglücklichen Ausfallens der Narcose

zu sein[448], in einzelnen mag allzu plötzliche oder ungeschickte

Anwendung des Chloroforms die Schuld getragen haben, namentlich

vielleicht der Umstand, dass für genügenden Luftzutritt nicht genug

Sorge getragen wurde.

[Sidenote: Leichenbefund nach Chloroformvergiftung.]

Die +Befunde an der Leiche+ sind in den Fällen, in welchen der Tod

durch Inhalation von Chloroform erfolgte, in der Regel ganz negativ.

Im Allgemeinen finden sich die Zeichen des acuten Erstickungstodes.

Von Chloroformgeruch ist meist nichts zu bemerken. Doch lässt sich

Chloroform mitunter noch chemisch nachweisen, wie dies aus dem Blute

der oben erwähnten Frau gelang, die sich durch Vorbinden eines mit

Chloroform getränkten Schwammes getödtet hatte. Wurde Chloroform

geschluckt, so kann sich dieses noch im Magen durch den Geruch

kundgeben. Bei dem blinden Mädchen, das etwa 40 Grm. Chloroform

getrunken hatte, fanden wir fast die ganze Menge noch im Magen, als

eine schwere, durch Galle grün gefärbte Schichte im Magengrunde.

In diesem Falle war das Epithel des Rachens, des Kehlkopfeinganges

und des Oesophagus missfärbig, theils abgängig, theils erweicht

und leicht abstreifbar. Die Schleimhaut des Magengrundes an einer

zweihandflächengrossen Stelle in einen mürben, grauen, bis in die

tieferen Schichten der Schleimhaut dringenden Schorf verwandelt, die

übrige Schleimhaut getrübt ohne Ecchymosen mit einer dicken Lage zu

einer grauen Sulze geronnenen Schleims belegt, ebenso die Schleimhaut

des Duodenums. Eine Verätzung der betreffenden Schleimhäute war

hier unverkennbar und dieselbe ist auch bei der grossen Menge des

geschluckten Chloroforms und bei dem Umstande, dass letzteres schon

auf den Lippen heftig brennt, begreiflich. Auch haben wir gefunden,

dass die Oberfläche von Organen durch Chloroform thatsächlich getrübt

und grau verfärbt wird, womit sich die Angaben, dass Chloroform die

Eiweisskörper nicht wesentlich verändert, nicht im Einklang befinden.

Ob das Chloroform im vorliegenden Falle vielleicht salzsäurehaltig

gewesen war, liess sich nicht eruiren, doch kann nicht angenommen

werden, dass so grosse Mengen von Salzsäure darin gewesen wären,

dass von diesen allein die Aetzwirkung ausgegangen ist. Auch +Mygge+

(Virchow’s Jahrb. 1881, I, 424) fand bei einem Potator, der 40 Grm.

Chloroform verschluckt hatte und nach 5 Tagen an Pneumonie starb,

ausgebreitete Ulcerationen im Magen und im Jejunum; ebenso +Reuss+

(ibid. 1880, I, 456) bei einer Frau, die 27 Stunden, nachdem sie 50

bis 60 Grm. Chloroform in selbstmörderischer Absicht verschluckt

hatte, gestorben war.

Das Blut ist in jenen Fällen, in denen der Tod plötzlich erfolgt,

dunkelflüssig, wenn aber demselben eine längere Agonie vorausging,

im Herzen und den grossen Gefässen locker geronnen, zeigt aber sonst

kein von der Norm abweichendes Verhalten. Die Fäulniss scheint nach

Chloroformvergiftung rasch einzutreten und davon rührt auch die

Schlaffheit des Herzens her, sowie die Gasblasen im Blute, die von

älteren Beobachtern als pathognomonisch für die Chloroformvergiftung

angegeben wurden.

[Sidenote: Tödtliche Nachwirkung von Chloroform und Bromäthyl.]

Die schon von +Casper+, +Langenbeck+ u. A. hervorgehobene Möglichkeit

einer längeren, insbesondere auch tödtlichen Nachwirkung von

Chloroforminhalationen und nach Ablauf der Narcose ist von +Ungar+

(Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1887, XLVII, Heft 1) und

+Strassmann+ (Virchow’s Arch. 1889, Bd. 115) experimentell an

Hunden geprüft und bestätigt worden. Die Ursache derselben sind

parenchymatöse Degenerationen, insbesondere der Leber und des

Herzens. Auch +Ostertag+ (Virchow’s Arch. CXVIII), sowie +Thiem+

und +Fischer+ (Deutsche Med.-Ztg. 1889, Nr. 96) haben solche

Beobachtungen mitgetheilt und +Kast+ und +Mester+ (Zeitschr. f.

klin. Med. XVIII, 469) experimentell andauernde Steigerung des

Eiweisszerfalles nachgewiesen und die an 100 Chloroformirten

vorgenommenen Untersuchungen von +Friedländer+ (Vierteljahrschr. f.

gerichtl. Med. 1894, VIII, Suppl. 94) haben ergeben, dass unter 60

Fällen, deren Harn vor der Narcose vollständig normal war, 36 nach

der Narcose eine kurze Zeit andauernde Albuminurie nachwiesen, von

47 Fällen aber, die früher bereits Eiweiss im Harn zeigten, nach der

Narcose 22 keine Veränderung, 9 eine leichte Steigerung und 7 eine

Verminderung des Eiweisses ergaben. -- Drei Fälle von tödtlicher

Nachwirkung der +Bromäthylnarcose+ wurden, wie +Mittenzweig+

(Zeitschr. f. Medicinalb. 1890, pag. 40) vorläufig mittheilt, kurz

hintereinander in Berlin beobachtet. Die Narcose war nicht tief,

die Dosis nicht allzugross (ca. 20 Grm.). Die Patienten erwachten

ohne erhebliche Beschwerden, fühlten sich erst zu Hause schwach und

unwohl, wurden schwindlich, schliesslich bewusstlos und starben nach

circa 30 Stunden. In einem von +Kollmar+ (Therapeut. Monatsh. 1889,

11) berichteten Falle war irrthümlich statt Aethylum bromatum das

ausserordentlich giftige Aethylenum bromatum angewendet worden. Ueber

eine grosse Zahl von Bromäthylnarcosen berichten +Gleich+ (Wiener

klin. Wochenschrift, 1891, Nr. 53) und +R. v. Baracz+ (ibidem 1892,

Nr. 26) in günstigster Weise; schon wenige Monate darauf war aber

+Gleich+ in der Lage, einen Todesfall mitzutheilen, der während

einer solchen Narcose bei einem an Anthrax operirten Kranken vorkam

und bei dem die von uns vorgenommene Obduction Bromäthylgeruch und

parenchymatöse Degeneration des Herzens ergab (ibidem 1892, Nr.

11). Wir sind der Meinung, dass in den meisten Fällen von Tod in

der Narcose derselbe nicht in Folge einer specifischen Wirkung des

Narcoticums, sondern nur in Folge des durch die Narcose gesetzten

Eingriffes in toto, wozu auch die Aufregung und Angst des Patienten

gehört, eintritt und dass dieser Eingriff nur eine der vielen

Gelegenheitsursachen bildet, welche bei zur Herzlähmung disponirten

Individuen zu dieser führt. Deshalb wird es wahrscheinlich nie eine

Form der Narcose, respective ein Narcoticum geben, welches als ein

unter allen Umständen harmloses wird bezeichnet werden können.

Thatsächlich gibt es fast kein Inhalationsanästheticum, bei welchem

nicht derartige Unglücksfälle vorgekommen wären und auch bei dem

neuesten, dem +Pental+, sind solche bereits vorgekommen.

[Sidenote: Vergiftung durch Chloralhydrat.]

Das jetzt so häufig zur Anwendung gelangende +Chloralhydrat+

(Maximaldose nach +Falck+ 4·0 pro dosi und 8·0 pro die) hat bereits

wiederholt zu (medicinalen) Vergiftungen Veranlassung gegeben[449];

auch wir hatten Gelegenheit, eine Geisteskranke zu obduciren, welche,

nachdem sie etwa 5 Grm. auf einmal verschluckt hatte, soporös wurde

und in einigen Stunden starb. Der Chloralgeruch war im Magen deutlich

und das Chloral wurde auch chemisch nachgewiesen. (Destillation des

Mageninhaltes mit Kalilauge gab Chloroform). Die Magenschleimhaut war

etwas stärker injicirt, namentlich im Fundus, zeigte jedoch weiter

keine Veränderungen. Sonstiger Befund negativ.

Von den neuen Schlafmitteln ist das +Sulfonal+ zu erwähnen, welches

bis zur Maximaldose von 5 Grm. gegeben wird und ähnliche Wirkungen

wie Chloral erzeugt. Schwere Betäubungen wurden schon nach „mässigen“

Dosen von 1-3 Grm. beobachtet. Nach grösseren Dosen oder nach

längerem Gebrauch wird der Harn bluthältig (Hämatoporphyrin).

[Sidenote: Vergiftung durch Alkohol.]

+Alkohol+ coagulirt im concentrirten Zustande Eiweiss und entzieht

den Geweben Wasser, wirkt daher ätzend. Einen Fall von absichtlicher

Vergiftung zweier Kinder mit 30gradigem Spiritus hat +Maschka+

(Prager med. Wochenschr. 1864, 46) veröffentlicht. Wir selbst haben

einen Tischler obducirt, der in selbstmörderischer Absicht etwa

1 Seidel in starkem Alkohol aufgelösten Schellack (sog. Politur)

ausgetrunken, und eine 80jährige Frau, die sich mit Arnicatinctur

vergiftet hatte, ferner einen Branntweinschänker, der 1 Liter Alkohol

in selbstmörderischer Absicht genommen und unmittelbar darauf sich

von der Dampftramway überfahren liess. Im Magen fand sich reichlicher

Alkohol und die Schleimhaut daselbst und in den Schlingorganen war

weissgrau verätzt.

Aber auch mit gewöhnlichen alkoholischen Getränken sind letale

Vergiftungen vorgekommen. So bei Kindern. Nach +Taylor+

starb ein 7jähriger Knabe nach dem Genusse von 3-4 Unzen Gin

(Wacholderbranntwein). Bei Erwachsenen ist der Tod im schweren

Rausche nichts Seltenes. Meistens sind es Individuen, die an

chronischem Alkoholismus leiden, die schliesslich ihren letzten

Rausch mit dem Tode bezahlen, wobei bemerkt werden muss, dass bei

Säufern die Intoleranz gegen Alkoholica in dem Grade zunimmt,

als die Erscheinungen der Alkoholdyscrasie sich entwickeln, so

dass schliesslich verhältnissmässig geringe Mengen von Alkohol

genügen, um den Tod durch Lähmung herbeizuführen. Manchmal sind es

jedoch auch gesunde Individuen, die übermässig genossenem Alkohol

unterliegen. Namentlich sind wiederholt Fälle beobachtet worden,

in denen unsinnige Trinkwetten zum Tode führten. In solchen Fällen

tritt das Depressionsstadium des Rausches meist plötzlich ein.

Die Individuen stürzen bewusstlos zusammen, athmen dyspnoisch,

das Gesicht wird cyanotisch und schliesslich erfolgt der Tod, in

der Regel unter Convulsionen. Die Section ergibt Befunde wie beim

Erstickungstod und Alkoholgeruch nicht blos im Magen, sondern auch in

entfernteren Organen, z. B. in den Lungen und im Gehirn. Als seltener

Befund, der wohl nur bei Combination von acuter mit chronischer

Alkoholvergiftung vorkommt, werden von +Mitscherlich+ das Auftreten

von brandblasenartigen Efflorescenzen an den peripheren Körpertheilen

und von +Heinrich+ der Befund von Ecchymosen im Zellgewebe und in

den Muskeln angegeben. Wir haben bei einem 20jährigen tuberculösen

Burschen, der, nachdem er im betrunkenen Zustande noch ⁵⁄₄ Liter Rum

getrunken hatte, sterbend und cyanotisch auf der Strasse gefunden

worden war, ausser Hyperämie des Gehirns und der Lungen starken

Geruch nach Rum daselbst und im Magen, nussgrosse brandblasenartige

Abhebungen der Epidermis mit gerötheter Umgebung am rechten Fussrist

gefunden. Ob dieselben nicht etwa schon vor der Vergiftung bestanden

als sogenannte abgedrückte Stellen, konnte nicht erhoben werden.

Der Genuss von +denaturirtem Branntwein+ scheint, wie schon

+Strassmann+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1888, XLIX, pag.

332) erwähnt, häufiger vorzukommen als gewöhnlich gedacht wird.

Wir haben einen Schusterlehrling secirt, der nach reichlichem

Branntweingenuss sterbend zusammengestürzt war. Mageninhalt,

Lungen und Gehirn rochen nach denaturirtem Spiritus, auch

wurde Methylalkohol chemisch nachgewiesen. Weiter secirten wir

eine Frau, die sich mit in denaturirtem Branntwein gelösten

Laugenstein vergiftet hatte und kurz darauf todt gefunden wurde.

Es ergaben sich der Laugenessenz entsprechende Befunde und der

charakteristische Geruch nach Methylalkohol und Pyridinbasen, mit

welchen der Branntwein denaturirt wird. Da diese Substanzen zu den

Cerebrospinalgiften gehören (+Kobert+, Intoxicationen, pag. 623), so

musste in beiden Fällen erklärt werden, dass diese zum Eintritt des

Todes beigetragen haben konnten.

[Sidenote: Vergiftung durch Benzin und Petroleum.]

Eine berauschende und vasoparalytische Wirkung kommt auch gewissen

Kohlenwasserstoffen zu. Von diesen sind insbesondere das +Benzin+

und die leicht destillirbaren Bestandtheile des +Petroleums+, die

sogenannten Petroleumäther (Kerosolen, Ligroin etc.), zu nennen,

deren anästhesirende Wirkung ausser Zweifel steht.

Bei einem zweijährigen Knaben, welcher einen Schluck Benzin

gemacht hatte und nach 10 Minuten gestorben war, fand +Falck+

(Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. III, 199) Benzingeruch in der

Bauchhöhle, sonst nichts Abnormes.

+Kelynack+ (Med. Centralbl. 1894, pag. 288) sah nach der zufälligen

Einnahme von 30 Grm. Benzin Bewusstlosigkeit, Cyanose und Tod nach 12

Stunden eintreten und constatirte bei der Obduction unerträglichen

Anilingeruch, Ecchymosen in der Darm- und Bronchialschleimhaut, sonst

nichts Abnormes.

Das gewöhnliche Petroleum ist nicht giftig und verursacht

höchstens Ueblichkeiten, da nur von den erwähnten giftigen,

zugleich flüchtigeren und leicht entzündbaren Bestandtheilen

durch Destillation befreites Petroleum in den Handel gebracht

werden darf. (Min.-V. v. 17. Juni 1865, R. G. Bl. Nr. 40.) Wenn

daher +Reihlen+ (Bayerisches Intellig.-Bl. 1885, Nr. 35) bei

einer Dienstmagd, die 150 Grm. Petroleum in selbstmörderischer

Absicht genommen hatte, mehrstündige Bewusstlosigkeit eintreten

sah, so dürfte es sich um Petroleum gehandelt haben, welches noch

reichlich leichte Kohlenwasserstoffe enthielt. +Lewin+ („Ueber

allgemeine und Hautvergiftung durch Petroleum.“ Virchow’s Arch.

1888, CXVII, pag. 35) findet, dass verschluckte Petroleumpräparate

nur in grösserer Menge Krankheitserscheinungen hervorrufen, die

dann rasch vorübergehen. Thierversuche ergaben, dass insbesondere

jene Petroleumantheile, die über 250° C. sieden, und die an ihnen

reichen schlechten Petroleumsorten die Schleimhäute in Entzündung zu

versetzen vermögen. -- Ein von uns 1879 obducirter, in Folge einer

Oesophagusstenose verstorbener Knabe soll dieselbe durch drei Monate

vor dem Tode geschehenes Trinken von Petroleum acquirirt haben.

Bei der Aufnahme in’s Spital soll noch deutlicher Petroleumgeruch

zu bemerken gewesen sein. Der Fall ist jedoch nicht genügend

klargestellt worden.

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 80 / 132 段